Janusz Korczak Communication - Center
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Janusz Korczak - wer war das?

    "Das Leben großer Männer ist wie eine Legende - schwer, aber schön", schrieb Korczak einmal - ein Satz, der sicher für sein eigenes Leben gilt.

    Seine Legende begann am 5. oder 6. August 1942, als die Nazis angefangen hatten, das Warschauer Ghetto zu liquidieren, jedoch sein Einsatz für vernachlässigte Kinder war bereits längst vor dem Krieg legendär gewesen. Als die Deutschen die Evakuierung seines berühmten Waisenhauses befahlen, sammelte Korczak seine zweihundert Kinder und führte sie schließlich mit ruhiger Würde auf diesen letzten Marsch durch die Straßen des Ghettos zu jenem Zug, der sie "in die neuen Ostgebiete" bringen sollte - nach Treblinka. Er war als Henryk Goldszmit geboren worden, und er starb als Henryk Goldszmit. Der Name, der in die Geschichte eingehen sollte, war sein Pseudonym.

    Es war Janusz Korczak, der in Polen das progressive, auf bestimmten Rechtsnormen basierende Waisenhaus gründete, die erste nationale Kinderzeitung herausgab, Lehrer in dem ausbildete, was man heute Moralerziehung nennt, und als Gutachter an den Jugendgerichten die Rechte der Kinder verteidigte. Seine Werke Wie man ein Kind lieben soll und Das Recht des Kindes auf Achtung vermittelten Eltern und Lehrern neue Einsichten in die Psychologie des Kindes. Generationen von Kindern sind mit seinen Büchern aufgewachsen, besonders mit dem klassischen König Hänschen I, das von den Abenteuern und Leiden eines Kinderkönigs erzählt, der versucht, seinen Untertanen Reformen zu bringen. Dieses Buch war in Polen genauso beliebt wie Der Struwwelpeter oder Grimms Märchen im t deutschsprachigen Raum. 11n den dreißiger Jahren verbreitete er in seinem eigenen Rundfunkprogramm, den "Radioplaudereien des alten Doktors", seine Weisheiten für den Alltag und seinen trockenen Humor. Die täuschend schlichte Sprache dieser Plaudereien gab dem Zuhörer das Gefühl, ein guter Mensch zu sein.

    Am Ende hatte Korczak, der vor dem Krieg ein jüdisches wie auch ein katholisches Waisenhaus geleitet hatte, alle Hilfsangebote nicht-jüdischer Freunde und Kollegen zu seiner persönlichen Rettung zurückweisen. "Man läßt ein krankes Kind nachts nicht allein, und man läßt Kinder in diesen Zeiten nicht allein", sagte er.

    Es war im Sommer 1978, als ich zum ersten Mal von Janusz Korczak hörte. Freunde, die Polen während des Krieges verlassen hatten, besuchten mich in meinem Haus in Cape Cod. In ihrer Begleitung war eine Theaterdirektorin, die gerade aus Warschau kam. Als sie von einer Vorführung ihrer Truppe in Janusz Korczaks Waisenhaus im Warschauer Ghetto erzählte, unterbrach ich sie und fragte, wer Korczak war. Ich weiß nicht, was sie mehr schockierte, meine Ahnungslosigkeit oder meine Aussprache seines Namens, jedenfalls brachte sie mir erst einmal bei, diesen Namen richtig zu sagen, bevor sie meine Fragen beantwortete.

    Als wir an jenem Nachmittag in Cape Cod Über ihn sprachen, entstand das Bild eines Mannes, der Utopist und zugleich Pragmatiker war und der die Welt durch die Erziehung der Kinder verbessern wollte. Außerdem sah ich ihn in gleicher Reihe mit Schriftstellern wie Lewis Carroll (Autor von Alice in Wonderland) und James Barrie (Autor von Peter Pan), die sich bei denen am wohlsten fühlten, für die sie ihre Geschichten erfanden, nämlich bei den Kindern. Mit einem Unterschied: Korczaks Kinder tollten nicht mit ihren Nannies über die gepflegten Rasenflächen von Kensington Gardens, sondern lungerten in den dunklen Slums von Warschau herum. Er richtete Waisenhäuser für sie ein und verbrachte tatsächlich sein Leben mit ihnen, denn in den Kindern sah er die Rettung der Welt.

    Anders als Rousseau, den er für naiv hielt, glorifizierte Korczak die Kinder nicht. Aber er war überzeugt, daß in jedem von ihnen ein moralischer Funke glühte, der die der menschlichen Natur innewohnende Finsternis überwinden könnte. Und damit dieser Funke nicht erlosch, mußte man die Kinder lieben, sich

    um sie kümmern und ihnen die Möglichkeit geben, an Wahrheit und Gerechtigkeit glauben zu können. Als aus dieser Finsternis die Nazis mit ihren Hakenkreuzen, ihren glänzenden Stiefeln und den Lederpeitschen hervortraten, war Korczak bereit, seine jüdischen Kinder vor der Ungerechtigkeit der Erwachsenenwelt zu schützen, wie er es immer getan hatte. Er ging mit ihnen ins Ghetto, obwohl ihm von arischer Seite des besetzten Warschau Unterschlupf angeboten worden war, und verbrachte etwas mehr als die letzten beiden Jahre seines Lebens damit, seine und andere Kinder vor Hunger und Krankheit zu schützen.

    Die Theaterdirektorin berichtete, wie sie gemeinsam mit anderen hinter geschlossenen Fensterläden im Warschauer Ghetto mit ansah, wie Korczak mit erhobenem Haupt in kerzengerader Haltung an jenem letzten Tag mit seiner kleinen Schar vorbeimarschierte. Damals schien es ihr, als ob dieser Mann, der sich so verhalten hatte, als sei er von Gott zur Rettung der Kinder berufen, gescheitert sei. So wie seine Märchenfigur König Hänschen bei dem Versuch gescheitert war, eine bessere Welt zu schaffen. Und doch, indem er seinen Prinzipien treu geblieben war und die Kinder nicht verließ, als sie ihn am meisten brauchten, hatte er seinen eigenen, persönlichen Sieg errungen.

    Korczak schrieb über das Leben wie über einen merkwürdigen Traum, und damals, als ich mehr und mehr über ihn erfuhr, schien mein eigenes Leben einem solchen Traum zu gleichen. Bis 1978 hatte ich weder persönlich noch beruflich mit dem Holocaust zu tun gehabt, aber im Herbst jenes Jahres fuhr ich mit meiner dreizehnjährigen Tochter nach München, wo mein Mann mit seiner Untersuchung der Psychologie der Naziärzte begonnen hatte. Es dauerte nicht lange, und unsere Wohnung quoll über von Büchern über das Dritte Reich, und ich vertiefte mich in diese schreckliche Bibliothek.

    Sich ausgerechnet in Deutschland mit Holocaust-Literatur zu befassen, war wie das Hinabstürzen in einen Abgrund. Ich meinte, gleichzeitig auf zwei verschiedenen Zeitebenen zu leben, wobei die Vergangenheit oftmals wirklicher schien als die Gegenwart. Mitten in der Nacht wachte ich auf, und der Rauch aus den Schloten der nahegelegenen Brauerei war für mich der Rauch aus den Krematorien; die Straßenbahnen wurden zu Viehwaggons, und ein bayerischer Trachtenumzug verwandelte sich in eine SS-Parade im Stechschritt. Als assimilierte amerikanische Jüdin, die sich nie mit ihrer jüdischen Identität beschäftigt hatte, wurde mir plötzlich vor Augen geführt, was es hieß, im Europa des Dritten Reiches Jude zu sein - und nicht nur dann, sondern während der gesamten europäischen Geschichte überhaupt.

    In Berichten über das mörderische Verhalten der Naziärzte fand ich häufig Hinweise auf Janusz Korczaks letzten Marsch mit den Kindern. Ich wollte mehr über diesen Mann wissen diesen guten Arzt -, der es vorgezogen hatte zu sterben, statt die Grundsätze, nach denen er gelebt hatte, aufzugeben. Was hatte ihm die Kraft gegeben, diese Prinzipien in einer aus allen Fugen geratenen Welt aufrechtzuerhalten ?

    Aber noch etwas anderes zog mich zu Janusz Korczak. Ich identifizierte mich mit ihm als Schriftsteller - ich selbst habe Geschichten für Kinder geschrieben, habe als Journalistin im Fernen Osten gearbeitet, über die kriegsverletzten, elternlosen und verlorenen Kinder von Hiroshima, Korea und Vietnam berichtet. Viele meiner Bücher handeln vom Recht aller Kinder, ihre Herkunft zu kennen und in einer Welt aufzuwachsen, die von keinem Krieg bedroht ist.

    Aber möglicherweise hätte ich mich doch nicht näher mit Korczak befaßt, wären mein Mann und ich nicht in Paris bei einem Autounfall verletzt worden, von dem wir uns dann im Sinai erholten. Auf dem Rückweg kamen wir durch Jerusalem, und ich hörte, daß einige der Kinder, die in Korczaks Waisenhaus aufgewachsen waren, und einige Erzieher, die er ausgebildet hatte, in Israel lebten. Und in jener Stadt der verwunschenen Träume traf ich plötzlich die Entscheidung, mit meiner Tochter einige Monate zu bleiben und mit diesen Menschen zu sprechen.

    Ich mietete ein kleines Haus an der alten Stadtmauer und befragte mit Hilfe eines Dolmetschers die Korczakianer, wie sie sich nennen. Sie waren zwischen fünfzig und achtzig Jahre alt, und jeder von ihnen hatte irgendwann einmal nach der Gründung im Jahre 1912 als Kind oder als Erzieher in Korczaks jüdischem Waisenhaus gewohnt. Viele lebten noch, weil sie als Zionisten in den dreißiger Jahren nach Palästina ausgewandert waren; einige hatten Ghetto und Konzentrationslager überstanden oder den Krieg im fernen Sibirien verbracht. Andere waren 1967 nach dem Sechstagekrieg nach Israel gekommen, als mit der Welle der "antizionistischen Reinigung" die letzten Juden Polen verließen.

    "Ich will nicht über den Toten reden, sondern über den Korczak, der gelebt hat", sagten sie mir zuerst, weil es sie störte, daß die Nachwelt mehr über sein Sterben als über sein Leben wußte. Sie hatten nicht den Märtyrer gekannt und geliebt, sondern den lebendigen, fehlbaren Vater und Lehrer.

    Ich hörte ihnen zu und konnte Korczak als bescheidenen, disziplinierten Mann sehen, der Probleme, die andere überwältigt hätten, mit einer ironischen Bemerkung abtat. Ich reiste in den Kibbuz und in jene Städte, die er während seiner beiden kurzen Aufenthalte in den dreißiger Jahren besucht hatte, und versuchte, mich in den Korczak von damals hineinzuversetzen. Obwohl kein Zionist, war Korczak wie viele andere akkulturierte jüdische Schriftsteller im Vorkriegseuropa gezwungen gewesen, den Schlägen der Geschichte einen Schritt voraus zu sein. Als das Aufkommen des extremen Nationalismus in Polen ihn über die Zukunft seiner Arbeit verzweifeln ließ, kam er nach Palästina, blieb aber äußerst ambivalent, ob er sich dort niederlassen sollte oder nicht. Da er überzeugt war, daß man, wenn man kein Verräter sein wollte, "bis zum letzten Moment auf seinem Posten ausharren muß", war er am l. September 1939, als die Invasion der Nazis ihm die Entscheidung aus der Hand nahm, immer noch in Warschau.

    Wer war Janusz Korczaks Auf meinem Schreibtisch stehen die beiden bekanntesten Photos von ihm. Das eine, das ihn als Buben zeigt, nahm er als Titelblatt für sein Buch König Hänschen I., damit seine Leser sahen, daß auch er einmal klein und verletzbar gewesen war, so wie sie. Das andere zeigt den Mann mit angespannten, traurigen Augen, sein kahler Schädel verliert sich im Konturenlosen, weil ein ungeduldiges Waisenkind das Negativ herausgerissen hatte, bevor es fertig entwickelt war.

    Dies sind die beiden Janusz Korczaks - der junge utopische König Hänschen, der davon träumte, den Kindern eine bessere Welt zu bescheren, und der skeptische alte Doktor, der wußte, daß man den Traum immer verfehlt.

    "Es wird schwierig sein, Korczak den Amerikanern näherzubringen" , hatten mir die Korczakianer in Israel gesagt. Das gleiche hörte ich von ihnen in Polen - aber aus anderen Gründen. "Er war sehr polnisch", sagte mir Igor Newerly, früher Korczaks Sekretär und heute ein bekannter Schriftsteller. "Und obwohl er zur polnischen Intelligenzija seiner Zeit gehörte, war er allein - ein Mann mit eigener Lebensart und individualistischen Überzeugungen. Er war humorvoll und warmherzig, aber auch einsam und traurig. Er war alles, und das müssen Sie begreiflich machen." Und um das zu tun, so wurde mir bald klar, mußte man Korczak als Polen und als Juden sehen; und beides zu sein - um mit dem Schriftsteller Tadeusz Konwicki zu sprechen - ist schwieriger, als nur Pole oder nur Jude zu sein. Das Problem zeigt sich bereits im Sprachgebrauch: Ein polnischer Katholik ist ein Pole, ein polnischer Jude hingegen ein Jude.

    Korczak wollte im Polen der Vorkriegszeit als Pole und als Jude leben und sah sich deshalb einiger Kritik ausgesetzt. Für viele Juden galt er als Abtrünniger, der seine Schriften auf Polnisch statt Jiddisch oder Hebräisch verfaßte, während keine noch so tiefgehende Akkulturation die politisch rechts orientierten Polen vergessen ließ, daß er Jude war. Für die radikalen Sozialisten und Kommunisten der Zwischenkriegszeit galt er, der politisch nicht aktiv war, als Konservativer, diese wiederum sahen in ihm, der mit sozialistischen Ideen sympathisierte, einen Radikalen. Und dann gab es noch jene, die seine Sache zwar unterstützten und sein Loblied sangen, ihn aber doch für einen Exzentriker hielten, denn unverheiratet und ungesellig wie er war, hatte er keinerlei Geduld für aufgeblasene und selbstherrliche Erwachsene, aber sehr viel Verständnis und Nachsicht für boshafte Kinder.

    Ich sprach mit den Leuten in Warschau und überlegte, wie ich dieses Buch über Korczak schreiben sollte. Wenn jemand seine Biographie nicht geschrieben haben möchte, verbrennt er seine Unterlagen; das hatte für Korczak schon die Geschichte besorgt. Das Warschauer Ghetto, in dem er sich von Ende 1940 bis zum Sommer 1942 aufhielt, wurde ein Jahr später beim Ghettoaufstand von den Deutschen zerstört. Korczaks Notizbücher, in denen er seine Gedanken in seiner winzigen, genauen Schrift niedergeschrieben hatte, verbrannten. Seine Briefe und Memorabilia, seine Aufzeichnungen über das Schlafverhalten der Kinder, die Tabellen über Größe und Gewicht, dreißig Jahre lang gesammelt als Grundlagen für ein Buch über die Entwicklung von Kindern, seine literarische und wissenschaftliche Bibliothek in deutscher, französischer, russischer und polnischer Sprache, die Entwürfe für zukünftige Veröffentlichungen - alles verbrannte. Verwandte und Freunde seiner Kindheit, die über Korczaks Jugend, seine Eltern und seine Schwester hätten berichten können, starben in den Lagern.

    Nach Janusz Korczak zu forschen, so wie ich es tat, hieß, einen Mann, den es nicht mehr gab, an einem Platz zu suchen, der verschwunden war. Seine so vielfältige Welt war untergegangen. Warschau, mit seinen Cafés, eleganten Restaurants und Theatern einst das Paris des Ostens genannt, wurde 1944 während des polnischen Aufstandes von den Deutschen dem Erdboden gleichgemacht. Wiederaufgebaut nach dem Krieg (mit dem barocken Kulturpalast, einem unerwünschten Geschenk der Sowjetunion, als dominierendem Gebäude), tönt die Stadt heute von wirtschaftlicher und politischer Unzufriedenheit.

    In den Jahren von 1979 bis 1986 fuhr ich viermal nach Polen und zweimal nach Israel. Die Korczakianer bemühten sich immer wieder, mir zu helfen und in ihrem Gedächtnis nach noch einem weiteren Detail ihrer Erfahrungen mit Korczak zu graben. In den spärlichen Archiven in Warschau und Israel fand ich einige Bücher über ihn von Leuten, die auf die eine oder andere Weise mit ihm zu tun gehabt hatten. Es gab Exemplare sämtlicher vierundzwanzig von ihm publizierten Bücher - viele von ihnen autobiographisch gefärbt - sowie die über tausend Artikel, die er in seinem Leben in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hatte. Außer den ungefähr siebzig Briefen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, die von ihren Empfängern in Palästina aufbewahrt worden waren, existiert von Korczaks privaten Papieren nur noch das Tagebuch, das er in den letzten, verzweifelten Monaten seines Lebens schrieb. Nach seinem Tod aus dem Ghetto herausgeschmuggelt, wurde es in eine Wand seines katholischen Waisenhauses im Warschauer Vorort Bielany eingemauert und nach dem Krieg wieder hervorgeholt.

    Obwohl Korczak ein Jahr vor dem Warschauer Ghettoaufstand starb, kamen im April l983 viele seiner jüdischen Waisenkinder und Erzieher, die den Krieg überlebt hatten, aus der ganzen Welt nach Warschau, um ihn anläßlich des vierzigsten Jahrestages des Aufstandes zu ehren. Sie waren nur mit Überwindung gekommen, einigen widerstrebte die Verhängung des Kriegsrechts und das Verbot der Gewerkschaft Solidarität im Jahre 1981, die meisten jedoch hatten Angst vor der Erinnerung und der Konfrontation mit der Zerstörung jener Welt, die sie einst gekannt hatten.

    Es ist diese verlorene Welt des Janusz Korczak und der 350 000 Warschauer Juden, der man begegnet, wenn man das ehemalige jüdische Viertel besucht. Die Nazis hatten die Mauer darum herum errichten lassen, um es zum Ghetto zu machen, dann hatten sie es niedergebrannt, und noch viele Jahre nach dem Krieg nannten die Polen diese Schuttwüste "wilder Westen". Nach und nach sind auf Schutt und Asche neue Gebäude entstanden. Und das Mahnmal des Warschauer Ghettoaufstandes steht mitten in dieser unheimlichen Landschaft und erinnert an die ungeheuerlichen Grausamkeiten, die hier verübt wurden.

    Die Internationale Janusz-Korczak-Gesellschaft in Warschau hatte ihre Mitglieder zur Enthüllung der Büste eingeladen, die jetzt in der Mitte des Vorhofs zum ehemaligen jüdischen Waisenhaus steht. Dem alten Doktor wäre die Ironie nicht entgangen, daß es in dem vierstöckigen weißen Gebäude, das im Krieg völlig ausgebrannt und in den fünfziger Jahren wiederaufgebaut worden war, die Mansarde nicht mehr gab, die ihm als Arbeitszimmer gedient hatte. Das Dach wird nicht mehr von dem sanften Bogen seines dreigeteilten Fensters unterbrochen, durch das er die Kinder im Hof beobachtet und die Spatzen gefüttert hatte, die ihm Gesellschaft leisteten. Als die Enthüllungsfeier vorüber war, wanderten die Korczakianer durch das Waisenhaus - auf der Suche wonach? Nach sich selbst als Kind oder Erzieher? Nach dem " alten Doktor" ? Nach Stefa Wilczynska, die dreißig Jahre lang seine Kodirektorin gewesen war?

    Die polnischen Kinder, die jetzt dort lebten, bewegten sich wie Phantome durch die Gänge und machten Platz für die alten Phantome, die zurückgekehrt waren. Sie baten uns in den großen Saal - der auch zu Korczaks Zeiten als Speisesaal und Schulaufgabenzimmer gedient hatte -, um uns zwei kurze Theaterstücke vorzuführen, die sie für uns einstudiert hatten: einen lustigen Sketch, der auf einer Szene aus König Hänschen I. basierte, und eine Darstellung von Korczaks Marsch mit den jüdischen Kindern zu dem Waggon, der sie nach Treblinka brachte. Die polnischen Kinder wurden zu den unglückseligen jüdischen Kindern, von denen man ihnen soviel erzählt hatte: Langsam gingen sie mit Korczak ihrem unbekannten Ziel entgegen, kletterten in einen imaginären Viehwaggon, bildeten dort einen Kreis um ihn, bewegten sich mit dem Schlingern des Zuges, während er ihnen eine letzte Geschichte erzählte, in der das Gute das Böse besiegt.

    In dem Charterbus, der uns in unsere Quartiere zurückbrachte, saß ich neben Michal (Misha) Wroblewski, einem Lehrer, der unter den überlebenden der letzte gewesen war, der Korczak lebend gesehen hatte. Auf der anderen Seite der Ghettomauer hatte er durch Korczaks Vermittlung eine Arbeit gefunden, und als er an jenem späten Nachmittag ins Ghetto-Waisenhaus zurückkehrte, war niemand mehr da.

    Misha schwieg eine Weile, dann beugte er sich zu mir: "Wissen Sie, jeder macht so viel aus Korczaks letztem Entschluß, mit den Kindern den Zug zu besteigen. Aber sein ganzes Leben bestand aus moralischen Entschlüssen: der Entschluß, Kinderarzt zu werden, der Entschluß, eine medizinische und literarische Karriere aufzugeben, um sich armen Waisenkindern zu widmen, und der Entschluß, mit den jüdischen Waisen ins Ghetto zu gehen. Dieser letzte Entschluß, mit den Kindern nach Treblinka zu gehen, gehörte einfach zu seiner Natur. Er war so. Er würde gar nicht verstehen, warum wir heute soviel Aufhebens davon machen."

    Als ich dann in New York und Cape Cod an diesem Buch arbeitete, wurde Janusz Korczak für mich zu einem Mann, der ohne Angst über das ging, was die Chassidim die schmale Brücke des Lebens nennen, und der bei jeder Station die moralischen Entscheidungen traf, die sein Handeln bestimmen würden.

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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