Janusz Korczak Communication - Center
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Das Salonkind

    Seine erste moralische Entscheidung traf er im Alter von fünf Jahren.

    Henryk Goldszmit spähte in den Hof hinunter, der das vornehme Warschauer Bürgerhaus wie eine Festung umgab, und vertraute seiner Großmutter mütterlicherseits, dem einzigen Menschen, der ihn verstand, seinen "kühnen Plan" an, "die Welt zu verändern". Er würde das Geld abschaffen, aber wie das zu tun sei und was danach kommen sollte, war ihm schleierhaft. Das Problem war wirklich äußerst schwierig, aber das Ziel war eindeutig: die Dinge so einzurichten, daß es keine schmutzigen oder hungrigen Kinder wie den Sohn des Hausmeisters mehr gäbe oder wie die Bande im Hof, mit der er nicht spielen durfte.

    "Großmutter setzte mir Rosinen in den Kopf und sagte: >Du Philosoph<."

    Er wußte nie genau, wann er geboren wurde - am 22. Juli 1878 oder 1879 -, weil sein Vater Jozef Goldszmit, ein bekannter Warschauer Anwalt, seine Geburt erst sehr spät gemeldet hatte.

    "Später hatte ich deswegen Schwierigkeiten", schrieb er. "Mutter nannte das eine strafbare Nachlässigkeit . . ."

    Vielleicht zeigten sich bereits damals bei Jozef die ersten Anzeichen seiner späteren Geisteskrankheit, oder sein Hinauszögern war einfach Absicht gewesen. Warschau gehörte damals zum russischen Reich. Das Königreich Polen, auch Kongreß-Polen genannt, stand nämlich seit dem Wiener Kongreß von 1815 in Personalunion mit Rußland und sah sich intensiven Russifizierungsbemühungen ausgesetzt. Daher fälschten viele Eltern die Altersangaben ihrer Söhne in der Hoffnung, deren Einzug in die Armee des Zaren verzögern oder vielleicht sogar verhindern zu können. Wenn er seinen ersten (und einzigen) Sohn auch offiziell nicht anmeldete, so sandte Jozef doch Geburtsanzeigen an Freunde daheim und im Ausland. Er war außerordentlich stolz auf die Segenswünsche des Oberrabbiners von Paris: "Ihr Sohn wird ein großer Mann Israels sein." Korczak behielt diesen Brief sein Leben lang, auch wenn ihm klar war, daß es in seinem frühen Verhalten wenig gab, das seinen Vater davon überzeugt hätte, einen bedeutenden Mann großzuziehen.

    Er war ein verträumtes Kind, das stundenlang allein spielen konnte. Der große Haushalt wurde von Frauen dominiert: Außer seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester gab es die Großmutter mütterlicherseits, die Köchin, das Dienstmädchen und eine ganze Reihe französischer Gouvernanten. Draußen gab es eine Welt, in der die Männer das Sagen hatten, aber in dieser eleganten Wohnung mit reich verzierten Schränken und Tischen, Plüschsofas und Orientteppichen führte das "ganze Weibervolk das Regiment".

    In jenen Tagen gab es wenig Orte, an denen ein Kind spielen konnte. Im Sächsischen Garten im Herzen der Stadt, nicht weit von der Wohnung auf der Senatorskastraße entfernt, hinter dem Nationaltheater, gab es keine Spielplätze mit Schaukeln oder Bolzplätze, auf denen ein Kind sich austoben und überschüssige Energien loswerden konnte. Hausmeister jagten hinter jedem mit dem Besen her, der auch nur in der Nähe ihrer Haustore einen Ball hüpfen ließ, und die Polizei verfolgte die Kinder, die sich einen Spaß daraus machten, auf die roten, pferdegezogenen Straßenbahnen aufzuspringen. Da es für ein Kind aus guter Familie als unschicklich galt, im Hof zu spielen, konnte ein sensibler, überbehüteter Bub wie Henryk nur drinnen sitzen, " Geheimnisse wälzen" oder seine Nase an der Fensterscheibe des Speisezimmers plattdrücken und den Sohn des Hausmeisters und die anderen Schmutzfinken unten im Hof beneiden.

    Immer wieder hörte er von seiner Mutter, daß arme Kinder schmutzig seien, schlimme Wörter sagten und Läuse hätten. Sie prügelten sich, warfen Steine, stachen sich die Augen aus und hatten schreckliche Krankheiten. Aber er fand den Sohn des Hausmeisters und seine Freunde völlig in Ordnung. Sie rannten den ganzen Tag herum, tranken Wasser vom Brunnen und kauften herrliche Süßigkeiten bei den Hausierern, in deren Nähe er nicht einmal kommen durfte. Ihre schlimmen Wörter waren eigentlich lustig, und es war hundertmal einladender, unten bei ihnen zu sein als in der langweiligen Wohnung mit der französischen Gouvernante und seiner kleinen Schwester Anna. " Ein Kind ist jemand, der sich bewegen muß", wird er eines Tages schreiben; dies zu verbieten, bedeute, "es zu würgen, es zu knebeln, seinen Willen zu brechen, seine Kraft zu verbrennen, bis nur noch der Geruch von Rauch übrigbleibt".

    "Dieser Junge hat keinen Ehrgeiz", sagte seine Mutter, als sie ihn mit der Puppe seiner Schwester Verstecken spielen sah. Sie begriff nicht, daß er mit der Suche nach der Puppe in neue Dimensionen vorstieß und die Enge der Wohnung hinter sich ließ. "Die Puppe war nicht einfach eine Puppe, sondern die Lösung eines Kriminalfalles, eine verborgene Leiche, die gefunden werden mußte."

    "Kinderspiele sind nicht frivol", wird er schreiben. "Ein Geheimnis zu entdecken, ein verstecktes Objekt zu finden und damit zu beweisen, daß es nichts gibt, was nicht gefunden werden kann - das ist alles."

    Sein Vater regte sich schrecklich auf, nannte ihn "Tropf", "Idiot" oder "Esel", wenn er ihn stundenlang bei seinen Bauklötzen sitzen sah. Er verstand nicht, daß Henryk die Türme baute, die in König Hänschen I und anderen Büchern als ein Zufluchtssymbol für die Verlorenen und die Waisen auftauchen sollten. "Gefühle ohne Ventil werden zu Tagträumen", schrieb er. "Und Tagträume werden zum inneren Buch des Lebens. Wenn wir sie zu interpretieren wußten, würden wir feststellen, daß sie wahr werden. Allerdings nicht immer so, wie wir es erwarten."

    In der Küche herumzuhängen, gehörte sich auch nicht für ein Kind. Aber manchmal, wenn seine Eltern ausgegangen waren, schlich Henryk sich dorthin und bat die Köchin, ihm eine Geschichte zu erzählen. Diese phantasievolle Frau setzte ihn auf einen hohen Schemel neben dem Tisch, an dem sie arbeitete - ganz so, als wäre er "ein Mensch und kein Schoßhund auf einem Seidenkissen".

    "Also ein Märchen willst du hören? Na schön. Was wollte ich sagen? 0 ja, es war so. Einen Augenblick noch, laß mich nachdenken." Sie schien zu wissen, daß er Zeit brauchte, sich richtig hinzusetzen, bevor sie anfing.

    "Also wandert sie durch den Wald", erzählte die Köchin vielleicht, und zwar so, als ob sie da weitermachte. wo sie aufgehört hatte. "Es ist sehr dunkel, man kann nichts sehen, weder Bäume noch Tiere, noch nicht einmal einen Stein. Es ist pechschwarze Nacht. Und sie hat große Angst. Also bekreuzigt sie sich einmal, und das hilft etwas. Sie bekreuzigt sich noch einmal und geht weiter . . ." Sie wußte, wann sie eine Verschnaufpause für ihn einlegen mußte und wann es an der Zeit war, weiterzuerzählen. Nie vergaß er, mit welcher Wärme sie gesprochen hatte, die dramatische Spannung, die für sie so selbstverständlich war wie das rhythmische Kneten des Brotteigs. Er wird ihr immer dankbar sein für ihre Geduld, wenn er sie mit Fragen unterbrochen hatte, und für den Respekt, den sie ihrer Geschichte und ihrem Zuhörer entgegengebracht hatte. Er wußte, daß sie es war, die für die magischen Seiten seines Erzähltalents verantwortlich zeichnete.

    Es gab aber nicht nur positive Erfahrungen mit dem Personal. Eines Abends, als seine Eltern ins Theater gegangen waren, hatte Catherine, seine französische Gouvernante, einen Besucher in der Küche, einen fremden Mann mit hohen Stiefeln. Als Henryk zu weinen anfing und wollte, daß der fremde Mann wegginge, verlangte die Gouvernante eine Entschuldigung von ihm. Er weigerte sich. "Wenn du dich nicht entschuldigst, lassen wir dich hier allein", drohte sie ihm. "Dann kommt der alte Bettler und steckt dich in den Sack."

    Hilflos stand er da, bis seine Eltern heimkamen. "Warum ist mein Sohn nicht im Bett?" fragte seine Mutter die Gouvernante. Und zu ihm: "Hast du geweint? Du hast ja rote Augen." Er schüttelte den Kopf und küßte sie.

    Der Salon war ein weiterer Ort, an dem die Kinder sich nicht aufhalten durften. Tagsüber filterten die schweren Vorhänge zwar die Strahlen der Sonne, nicht aber das Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Haus, wenn die pferdegezogenen Kutschen vorbeifuhren, denn wie alle vornehmen Salons lag auch dieser zur Straße und nicht zum dunklen Hof hinaus. Nur abends, wenn Gäste da waren, war der Salon von Kerzen erhellt und füllte sich mit Leben.

    Manchmal mußte Henryk die Gäste begrüßen und die romantische Ballade von Adam Mickiewicz aufsagen, die alle wohlerzogenen polnischen Kinder für solche Gelegenheiten auswendig können mußten: "Vaters Rückkehr". Linkisch und blaß stand er da und fing an: "Papa kommt nicht zurück! Papa kommt nicht zurück! " - und wurde zu dem Kind, das Angst hatte, sein Vater sei auf dem Heimweg von einer Geschäftsreise von Räubern überfallen und getötet worden. Der Vater jedoch wurde von den Räubern verschont, weil sie gerührt waren, daß zu Hause ein Kind auf ihn wartete. Keiner hingegen bewahrte den kleinen Henryk vor dem "falschen Lächeln" der Männer mit den kratzigen Bärten, die ihm Zigarrenqualm ins Gesicht bliesen, und den starken Parfums der Frauen, die ihn auf ihren Schoß ziehen wollten. Bis er eines Tages dafür gescholten wurde, wischte er sich das Gesicht nach jedem Kuß wieder ab.) Dumme Fragen und hohles Gelächter machten ihn verlegen: Wem sah er ähnlich? Oh, er war ja so ein großer Bub! Schaut nur, wie er gewachsen ist! Wußten sie denn nicht, daß Kinder von Fremden nicht angefaßt und geküßt werden wollen? Selbst Mutter und Vater schienen in diesen Momenten Fremde zu sein.

    Sein Vater war bereits unberechenbar geworden. Er zog Henryk und seine Schwester "trotz härtester Verurteilung durch die Mutter und die Großmutter an den Ohren, daß es weh tat. "Wenn das Kind taub wird, so ist es dein Werk."< Einmal rannte der Bub mit einer aufregenden Neuigkeit ins Arbeitszimmer seines Vaters und zupfte ihn am Ärmel. Jozef explodierte, weil ein Tintenfleck auf ein wichtiges Dokument gekommen war. Doch der Vater konnte auch sein Freund sein, besonders zu Weihnachten, wenn er mit Henryk und seiner Schwester Anna zum Krippenspiel ging. Die Mutter sorgte sich stets, wenn Jozef mit den Kindern unterwegs war. Manchmal schien es dem Buben, sein charmanter und quirliger Vater sei ebenso gefährlich wie der Sohn des Hausmeisters. Er verströmte ein Gefühl rücksichtsloser Männlichkeit, das aufregend und erschreckend zugleich war.

    Irgendwo in seinem Innern wußte Henryk, daß die Sorge seiner Mutter nicht unbegründet war. "Mit Recht vertraute Mutter die Kinder nur ungern der väterlichen Fürsorge an", sagte er später rückblickend, "und mit Recht begrüßten wir - meine Schwester und ich - mit einem Schauder des Entzückens und freudiger Begeisterung selbst die anstrengendsten, ermüdenden, mißlungenen und in ihren Folgen beweinenswerten >Vergnügungen< und behielten sie in der Erinnerung, die dieser nicht allzu ausgeglichene Pädagoge mit einer eigentümlichen Intuition ausfindig machte - unser Vater."

    Einmal ging er mit seinem Vater zum Krippenspiel in einem langgestreckten, heißen Saal in einem Waisenhaus. "Eine geheimnisvolle Dame setzte mich in die erste Reihe." Der Sohn, von der Atmosphäre des Geheimnisvollen in dem vollgepfropften Saal ohnehin schon überwältigt, geriet bei dem Gedanken, von seinem Vater getrennt zu sein, in Panik. Außerdem wußte er, daß er immer schreckliche Angst hatte, wenn Tod und Teufel auf die Bühne sprangen. "

    In meiner Bedrängnis rief ich: "Vater "

    Der Vater, der nichts begriff, entgegnete nur: "Bleib doch sitzen, du Dummerle "

    Unterwegs hatte er seinen Vater gefragt, ob Herodes oder der Teufel erscheinen würden. "Das wirst du schon sehen." Es ist also kein Zufall, wenn der spätere Lehrer seinen Erziehern mit auf den Weg gab: "Verzichtet auf Überraschungen für die Kinder, wenn sie keine wollen."

    Die Vorbereitungen zogen sich endlos in die Länge, bis der Vorhang endlich aufging, und das Getuschel und die Geräusche, die aus den Kulissen kamen, machten ihn ganz nervös. "Die Lampen rußten. Die Kinder drängten sich. "Rück nach! Nimm deine Hand weg! Schieb den Fuß weg! Leg dich doch nicht auf mich!" Nach einer Ewigkeit ertönte endlich die Glocke.

    Jahre später, als Korczak über dieses Ereignis schrieb, konnte er sich nicht mehr erinnern, ob der Teufel rot oder schwarz gewesen war. Doch: "Ein solches Lachen, solche Sprünge, solch einen leibhaftigen Schwanz, ein solches "Nein", eine solche Forke und ein solches "Komm" - so etwas hatte ich noch nie gesehen oder gehört; eine seltsame Vorahnung überkommt mich - wenn es nun wahr ist, daß es wirklich eine Hölle gibt?" Irgendwie überstand er das Ganze und war sogar ein wenig enttäuscht, als das Licht wieder anging und er sich in einem ganz gewöhnlichen Saal in Warschau wiederfand, in dessen verrauchter Luft er husten mußte.

    Sein Vater hatte ihn wieder an der Hand, aber er konnte sich nicht mehr erinnern, ob sie dann Eis essen gingen oder er ein "eiskaltes Sodawasser mit Ananassaft" bekam. Er erinnerte sich, seinen Schal verloren und danach drei Tage mit Fieber im Bett gelegen zu haben. "Du hast kalte Hände, geh nicht so nah ans Bett!" wies die Mutter den Vater zurecht, als der am dritten Tag zu seinem Sohn wollte. Jozef verließ "folgsam" das Zimmer, warf seinem Sohn aber einen Blick zu "wie ein Spießgeselle". Der Bub antwortete mit einem "spitzbübischen Augenzwinkern . . . "Ist schon gut! " Mir scheint, wir fühlten beide, daß letztlich nicht sie . . ., dieses ganze Weibervolk, das Regiment führten, sondern wir, wir Männer. Wir sind die Herren des Hauses. Nur um des lieben Friedens willen geben wir nach."

    Es gab noch ein Ereignis in der Weihnachtszeit, auf das Henryk sich zwar freute, das er aber auch fürchtete - nämlich ein Puppenspiel, mit dem arbeitslose Bauarbeiter aus der Miodowastraße durch die Höfe der besseren Häuser zogen und eine Vorstellung gaben, "wenn man sie einließ", was sein Vater, sich über die Einwände der Mutter hinwegsetzend, stets tat. Damit die Wohnung nicht verschmutzt wurde, fand die Vorstellung in der Küche statt. Die Männer kamen durch den Dienstboteneingang. "Und die Köchin versteckte die kleinen Sachen, denn sie stahlen - einmal aus einem ganzen Satz zwei Löffel von Fraget."

    Das "Weibervolk" befand sich stets in höchster Aufregung, wenn die Puppenspieler dann in der Küche ihre kleine hölzerne Bühne aufbauten. Henryk sah von der Tür aus zu. Es waren nicht Tod oder Teufel, die zu den Akkordeon- oder Drehorgelklängen tanzten, vor denen er sich das ganze Jahr lang gefürchtet hatte, sondern es war der Augenblick am Schluß der Vorstellung, wenn der alte Mann mit seinem Beutel kam und um Almosen bat."

    Der Vater hieß mich, neue silberne Zehngroschenstücke eigenhändig in den Beutel des Alten zu werfen; aber ich wechselte meine gesamte Barschaft in Zweigroschenstücke um und warf sie zitternd vor Aufregung hinein. Der Alte aber schaute in den Sack, schüttelte seinen langen weißen Bart und sagte:>Wenig, wenig, gib uns noch mehr, junger Mann."<

    Das ganze Jahr über hatte er gespart, um dieser schrecklichen Konfrontation zu entgehen, selbst den Bettlern auf der Straße hatte er nicht mehr das gegeben, was man ihnen eigentlich geben sollte, nur damit ihm mehr Münzen blieben. Doch der alte Mann war ebenso unersättlich, wie sein Beutel bodenlos zu sein schien. "Er war ganz klein und sein Beutel fünfmal kleiner als mein Portemonnaie, aber er verschluckte alles und verschlang alles und preßte noch das Letzte heraus."

    Doch es war niemals genug. "Der Alte . . ., wieviel hat er mich gelehrt für die Zeit, als das verzweifelte Warschau belagert wurde. Die Aussichtslosigkeit, sich der zudringlichen Bitten zu erwehren, und die Unersättlichkeit der Forderungen, die keiner erfüllen kann."

    Henryk wußte nicht, daß Puppenspiele und Krippenspiele eine religiöse und eine kulturelle Bedeutung hatten. Seine Eltern, denen mehr an ihrem ethischen als ihrem rituellen jüdischen Erbe lag, hatten ihm die "geheimnisvolle Frage nach dem Bekenntnis" noch nicht nähergebracht. Das blieb dem Sohn des Hausmeisters und dem Tod seines Kanarienvogels vorbehalten.

    Der Vogel war Henryks bester Freund gewesen, beide waren sie in einen Käfig gesperrt, keinem war erlaubt zu fliegen. (Der Vogel könnte ja an der Kälte sterben und der Bub an einer schrecklichen Krankheit.) Doch eines Tages fand er den Vogel steif auf dem Boden seines Käfigs. Er hob den kleinen Körper auf, nahm das Schnäbelchen zwischen seine Lippen, um ihm wieder Leben einzuhauchen. Es war zu spät. Seine Schwester Anna half ihm, den Vogel einzuwickeln und in eine Bonbondose zu legen. Begraben konnte er ihn nur unter dem Kastanienbaum im Hof, dessen Betreten ihm verboten war. Sorgfältig konstruierte er ein kleines Holzkreuz für das Grab.

    "Das geht nicht!" sagte das Dienstmädchen. "Das ist doch bloß ein Vogel und kein Mensch." Und als ihm die Tränen übers Gesicht liefen, meinte sie: "Es ist wirklich eine Sünde, über so etwas zu weinen."

    Doch Henryk war stur, auch damals schon. Er marschierte mit seiner Dose in den Hof- die Schwester hinterdrein - und begann, das kleine Grab auszuheben. Dann kam der Sohn des Hausmeisters, beobachtete die Szene und machte ebenfalls Einwände gegen das Grabkreuz, wenn auch aus anderen Gründen: Der Kanarienvogel war Jude gewesen. Und was viel schlimmer war, auch Henryk war Jude.

    Diesen Augenblick der Erkenntnis vergaß er nie: "Ich bin auch Jude, und er - Pole und Katholik. Er würde ins Paradies kommen, ich dagegen, wenn ich keine häßlichen Ausdrücke gebrauchen und ihm immer folgsam im Haus stibitzten Zucker mitbringen würde, käme nach dem Tode zwar nicht gerade in die Hölle, aber irgendwohin, wo es ganz dunkel sei. Und ich hatte Angst in einem dunklen Zimmer. Tod - Jude - Hölle. Das schwarze jüdische Paradies. Es gab genug Grund zum Grübeln."

 


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