Janusz Korczak Communication - Center
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Zitat aus dem Buch "The KING of CHILDREN" von Betty Lifton, St. Martin´s Griffin -New York - ISBN: 0-312-15560-3:

 

Das Erbe

    Henryk war auf das Problem gestoßen, dem alle polnischen Juden irgendwann in ihrem Leben begegneten

    - das jüdische Problem.

    Er wird herausfinden, daß Hirsh Goldszmit, der Großvater, dessen Namen er trug, sein Leben damit verbracht hatte, dieses Problem zu lösen. Er war neunundsechzig Jahre alt, als er 1874, nur wenige Jahre vor der Geburt seines Enkelsohnes, in der südlich von Lublin gelegenen Provinzstadt Hrubieszow starb.

    Hirsh war ein Träumer und ein Mann der Tat, ähnlich wie es später sein Enkel sein wird. Im frühen 19. Jahrhundert schloß er sich der Haskala an, der jüdischen Aufklärungsbewegung, die die Juden ermutigte, sich der säkularisierten Welt anzuschließen. Die polnischen Könige des Mittelalters hatten die Juden zwar willkommen geheißen, dennoch waren sie stets isoliert geblieben. Hirsh und die anderen Maskilim *

    (* Maskilim ~ aufgeklärte Ostjuden im 19. Jahrhundert (Anm. d. Übers.)

    versuchten, ihre Glaubensgenossen zu überzeugen, daß sie sich ihrer Bärte und Locken entledigen, statt ihrer Kaftane westliche Kleidung tragen und Polnisch statt Jiddisch zu ihrer Sprache machen könnten, ohne ihre spirituellen Werte preisgeben zu müssen. Es war ein mühsames Unterfangen. Jahrhunderte der Diskriminierung in der Diaspora hatten sie den Christen gegenüber mißtrauisch werden lassen, wohl fühlten sie sich nur unter ihresgleichen.

    "Macht einen Zaun um die Thora und laßt euch auf nichts ein, was von außen kommt",
    war ein gängiges Sprichwort. Irgendwie gelang es Hirsh, dessen Vater, ein Glaser, auch mit Kaninchenfellen handelte, über den Zaun zu springen und Medizin zu studieren. Nach seinem Examen heiratete er die um zwei Jahre jüngere Chanaejser und wurde der erste Arzt am kleinen jüdischen Krankenhaus von Hrubieszow. Getreu den Haskalaüberzeugungen gab er seinen drei Söhnen und zwei Töchtern christliche wie hebräische Vornamen, und als einer der Führer der jüdischen Gemeinde - die mit dreitausend Mitgliedern die Hälfte der Bevölkerung der Stadt ausmachte - nahm er jede Gelegenheit wahr, alle vorhandene polnisch-jüdische Zusammenarbeit zu lobpreisen. Im hebräischen Lokalblatt, in dem er um Spenden für sein kleines Krankenhaus bat, lobte Hirsh die beiden Rabbiner, die wie "Bettler" umhergezogen seien und trotz ihres hohen Alters Geld gesammelt hätten, und er lobte jenen Christen, der im Wohltätigkeitsausschuß saß und "keine Mühen gescheut" habe, ihnen zu helfen.

    Doch Hirshs Behauptung, eine säkulare Erziehung würde die Kinder nicht vom Glauben ihrer Väter weg in die Klauen der Konvertierung treiben, wurde 1849 widerlegt, als sein ältester Sohn, der achtzehnjährige Ludwik, zum christlichen Glauben übertrat. In jener leidenschaftlichen Zeit der polnischen Aufstände gegen die russische Herrschaft war ein solcher Schritt zwar nichts Ungewöhnliches, Hirsh selbst jedoch blieb zeit seines Lebens ein Jude und erschöpfte sich in Projekten, die als Brücke zwischen Juden und Polen dienen sollten.

    Nicht nur die Starrköpfigkeit der eigenen Leute machte Hirshs Aufgabe so frustrierend, sondern auch die Tatsache, daß für sehr viele Polen ein Jude, ganz gleich wie aufgeklärt er sein mochte, niemals ein Pole sein würde.

    Als Korczaks Vater Jozef 1844 geboren wurde, mußte Hirsh mit zwei jüdischen Zeugen zum Büro für nicht-christliche Religionen gehen, um die Geburt dort zu melden. er nahm den Hutmacher und den Wirt mit. Vier Jahre später bat er den Hausmeister der Synagoge und den koscheren Schlachter, die Geburt Jakubs, seines nächsten Sohnes, zu bezeugen. Jozef und Jakub konvertierten nicht wie ihr älterer Bruder, sondern setzten die Mission des Vaters fort und widmeten ihr Leben Aufgaben und Projekten, die dazu dienen sollten, armen Juden den Weg in die polnische Gesellschaft zu ebnen.

    Als kleiner Bub ging Jozef in die Talmudschule in Hrubieszow, denn die Maskilim wollten ihren Söhnen vor dem Besuch der regulären Schule eine gründliche Unterweisung in der Thoralehre mitgeben. Er ging in Lublin aufs polnische Gymnasium, als der Aufstand von 1863 scheiterte, und zitierte gemeinsam mit seinen Schulkameraden die Verse von Adam Mickiewicz, Juliusz S1owacki und Zygmunt Krasinski - Polens großen Dichtern des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Gedichte wird er an seinen Sohn ebenso weitergeben wie die Sehnsucht nach der nationalen Befreiung von den Russen.

    Wir wissen nur wenig aus Jozef Goldszmits gesunden, schaffensfreudigen Jahren außer dem, was wir seinen eigenen Artikeln und Büchern entnehmen können. Es gibt noch nicht einmal eine Photographie, die verraten würde, ob der Sohn die helle Haut, die Glatzköpfigkeit und vielleicht auch den patriotischen Eifer vom Vater geerbt haben könnte. In seinen Erinnerungen schreibt Korczak:

    "Ich sollte meinem Vater viel Platz widmen: In meinem Leben verwirkliche ich, was er angestrebt hat und was mein Großvater in langen Jahren qualvoll zu erreichen versuchte. " Aber diesen Platz hat er seinem Vater, der wie er als junger Mann literarische Ambitionen hatte, nicht mehr widmen können.

    Jozef war zwanzig, als er seinen ersten Artikel für den Israelit schrieb (eine progressive, vierzehntägig erscheinende Zeitschrift in polnischer Sprache, die gerade neu herausgekommen war), in dem er von seiner Nervosität erzählte, als er in der großen Stadt ankam, um Jura zu studieren. Damals war Warschau eine geschäftige Kapitale mit breiten Alleen und einer halben Million Einwohner, von denen jeder sechste ein Jude war, der, mit Ausnahme eines kleinen, assimilierten Kreises, in verwahrloster Armut lebte. Mit ihrem königlichen Palast, in dem der russische Vizekönig residierte, mit den hoch aufragenden, dominierenden Zwiebeltürmen der russisch-orthodoxen Kirche, mit den gepflasterten Straßen voller Kutschen, Karren, Dienstleuten und Händlern konnte die Stadt einen Neuankömmling leicht überwältigen. Auf der Suche nach einem stillen Plätzchen, wo er seine Gedanken sammeln könnte, wanderte Jozef in die Synagoge in der Danilowiczowskastraße, die ihm, wie alles in dieser Stadt, im Vergleich zu dem, was er aus der Provinz kannte, einfach großartig vorkam. Doch dann übertönte das laute Hämmern aus der benachbarten Werkzeugfabrik Musik und Gebete. "So etwas sollte in einem Gotteshaus verboten sein", schrieb er empört. Es war sein erster, doch nicht sein letzter Kreuzzug.

    Wie viele seiner Generation war Jozef desillusioniert von bewaffneten Kämpfen und gescheiterten Aufständen gegen den Zaren und vertrat die Auffassung, daß nur eine eigenständige, starke polnische Wirtschaft auch ein starkes Polen hervorbringen könne. Das jüdische Volk sollte an dieser Vision teilhaben, deshalb nahm er sich die Zeit, um Geld für Schulen aufzutreiben, die in Lublin und Warschau arme jüdische Kinder auf Polnisch so weit handwerklich ausbilden sollten, daß sie neben den polnischen Arbeitskräften bestehen könnten. Er und sein jüngerer Bruder Jakub, der dann auch Jura studierte, schrieben Zeitungsartikel zur Unterstützung dieser Schulen.

    Außerdem brachten die beiden eine monographische Serie mit dem Titel Porträts berühmter Juden heraus, weil sie hofften, damit die Öffentlichkeit über Juden mit hervorragendem Charakter aufklären zu können. (Später nahmen sie auch berühmte Polen in das Projekt auf.) Der erste Band betraf Moses Montefiore, den exuberanten Philanthropen und Finanzberater Queen Victorias, der die Welt mit Kutsche und Ehefrau, den Leibarzt im Schlepptau, bereiste und armen Juden große Summen für Spitäler und Waisenhäuser spendete, wobei er niemals vergaß, dem jeweiligen Herrscher des Landes, in dem er sich gerade aufhielt, auch für seine Armen etwas zukommen zu lassen."
    Sir Montefiore ist Jude, was er niemals vergißt. Aber er ist auch Engländer und ein beispielhafter Bürger seines Landes, der nicht mit dem Schwert kämpft, sondern mit der Kraft der Tugend", schrieb Jozef in seinem blumigen Polnisch des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Botschaft haben er und sein Bruder in all ihren Schriften immer wieder hervorgehoben: man konnte loyaler Jude und gleichzeitig loyaler Bürger seines Landes sein. Als er hörte, daß sein Volk wieder einmal in großer Bedrängnis war, hatte sich Montefiori trotz seiner angegriffenen Gesundheit noch im Alter von vierundachtzig Jahren nicht gescheut, eine anstrengende Reise nach Jerusalem zu unternehmen. "Auch wenn die Reise beschwerlich ist, wird mich nichts zurückhalten", zitiert ihn Jozef.

    "Ich habe mein ganzes Leben meinem Volk gewidmet und werde es jetzt nicht im Stich lassen."

    Bekannt als die "Gebrüder Goldszmit", nutzten Jozef und Jakub das Schreiben als Werkzeug, polnisches wie jüdisches Bewußtsein zu formen und zu heben. Sie schrieben zahlreiche Artikel über die Notwendigkeit, das jüdische Schulsystem zu säkularisieren, jüdische Waisenhäuser zu verbessern, und wagten sich sogar an Literarisches heran, um brennende soziale Probleme aufzugreifen. Man braucht nur einen dieser gestelzten Romane zu lesen - Jozefs über die Notwendigkeit einer medizinischen Versorgung für arme Juden, Jakubs über das Los der zur Prostitution getriebenen Frauen -, um zu wissen, warum ihr Traum, eine Buchgattung über jüdisches Leben in die polnische Literatur einzubringen, sich nicht erfüllen konnte.

    Die Gebrüder Goldszmit verkehrten in der dünnen Gesellschaftsschicht der polnischen und jüdischen liberalen Intelligenzija. Zu ihren Freunden gehörten die berühmtesten polnischen Schriftsteller ihrer Zeit, die zum Teil in ihren Werken jüdische Menschen beschrieben, in die ein polnischer Leser sich hineinversetzen konnte. Als Jakub Herausgeber des in polnischer Sprache erscheinenden jüdischen Kalender wurde, schrieben seine polnischen Freunde für ihn Artikel über ihre brüderliche Verbundenheit mit den Juden. Die Aufgabe des Kalender sei es, schrieb Jakub, "Christen über Juden und Judentum aufzuklären und die Kluft überbrücken zu helfen, die die Juden immer noch absondert". Allerdings brachte Jakub mit einem Artikel im Kalender, in dem er ihre "geistige Armut" kritisierte, die wohlhabenden Führer der kleinen, aber einflußreichen assimilierten jüdischen Gemeinde gegen sich auf Ur nannte sie eine "Klasse religiöser Heuchler, die an gar nichts glauben", und warf ihnen vor, sich vor der Verantwortung gegenüber den armen jüdischen Massen zu drücken.

    Jozefs letzte wichtige Publikation war 1871 seine Dissertation über das Scheidungsgesetz im Talmud, ein Thema, auf das er sich spezialisiert hatte. Im Vorwort zu dieser Arbeit lobt ihn sein Warschauer Professor, als erster dieses esoterische Problem einer polnischen Leserschaft zugänglich gemacht zu haben. Jozefs eindeutige Absicht war es, den Talmud, der für viele Polen der Grund für das merkwürdige und sogar "böse" Verhalten der Juden war, zu entmythologisieren. Im Gegensatz zu anderen assimilierten Juden, die sich der polnischen Kritik am Heiligen Buch, daß es die Rückständigkeit fördere, angeschlossen hatten, gab Jozef einen gelehrten Überblick (basierend auf deutschen und hebräischen Quellen) über das jüdische Gesetz, wie es seit dem 11. Jahrhundert in Polen angewandt wurde.

    Es gibt keine Unterlagen darüber, wann und wie Jozef Goldszmit seine Frau Cecylia Gebicka traf, aber vielleicht war es 1874 in Kalisch, einer alten Industriestadt in Westpolen, wo er Vorlesungen über das jüdische Eherecht hielt.

    Er war dreißig, sie war siebzehn. Es ist anzunehmen, daß Jozef mit Empfehlungsschreiben an die führenden jüdischen Familien der Stadt nach Kalisch gekommen war. Auch die Familie des Adolf Gebicki gehörte zu diesem Kreis. Adolf, ein erfolgreicher Textilhersteller, verkehrte in der jüdischen und polnischen Gesellschaft. Er entstammte einer assimilierten Arztfamilie, sein moralischer Eifer war dem Jozefs vergleichbar. (Er war sogar so etwas wie ein Volksheld für die armen Juden von Kalisch, die er vor Obdachlosigkeit bewahrte, indem er den Gouverneur dazu brachte, ihre Behausungen nicht niederreißen zu lassen.) Ein Jahr darauf wurde Adolf "wie eine Eiche gefällt und war gelähmt" (wie es in seinem Nachruf heißen wird). Er, seine Frau Emilia und ihr Sohn zogen nach Warschau, vielleicht um in der Nähe der Tochter zu sein, die damals mit Jozef entweder verheiratet oder verlobt war. Als Adolf zwei Jahre später starb, zog Emilia zu den Jungverheirateten.

    In seinen im Ghetto verfaßten Erinnerungen schreibt Korczak mit großer Zärtlichkeit von seiner Großmutter (außer ihr kannte er keine Großeltern, und sie war die einzige, die "an ihn glaubte"). über seine Mutter, deren Photo er sein ganzes Leben lang auf dem Schreibtisch stehen hatte, schreibt er zurückhaltender. " Und meine Mutter. Später einmal", heißt es in seinen Erinnerungen. Aber ein Später sollte es nicht mehr geben.

 

 


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