Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Schmetterlingsbeichte

    Ich bin ein Schmetterling, trunken vor Leben.
    Ich weiß nicht, wohin ich fliege,
    aber ich werde dem Leben nicht erlauben,
    meine farbenprächtigen Flügel zu stutzen.

    Schmetterlingsbeichte

Wie in gebildeten Kreisen üblich, wurde auch Henryk bis zum Alter von sieben Jahren von Gouvernanten erzogen und dann in eine "strenge, langweilige und schikanöse" russische Volksschule geschickt, in der polnische Sprache und polnische Geschichte nicht unterrichtet werden durften. Strafende Leber zogen die Kinder an den Ohren und schlugen sie mit dem Lineal oder der neunschwänzigen Katze.

Er vergaß niemals jenen Buben, den der Hausmeister, weil er auf den Tafelschwamm gepinkelt hattet, auf ein Pult legte und ihm die Beine festhielt, während der Lehrer mit der Rute auf ihn einschlug. "Ich war entsetzt. Ich hatte das Gefühl, wenn sie mit ihm fertig sind, komme ich dran. Außerdem schämte ich mich, weil sie ihm den nackten Hintern versohlten. Sie knöpften alles auf- vor den Augen der ganzen Klasse."

Allein der Gedanke, dort hingehen zu müssen, machte ihm so viel zu schaffen, daß seine Eltern ihn nach einigen Monaten wieder aus der Schule nahmen. Allerdings hatte er eine Lektion dort gelernt: Kinder werden von Erwachsenen nicht respektiert. Er stellte fest, daß sie in der Straßenbahn getreten wurden, daß man sie grundlos anschrie, sie ohrfeigte, wenn sie zufällig jemanden anstießen. Ständig drohte man ihnen: "Der Jud wird dich holen." "Ich werde dich dem Alten mitgeben." "Sie werden dich in den Sack stecken." Später schrieb er von den Kindern als einer machtlosen, unterdrückten Klasse, einem kleinen Volk, unterjocht von der Rasse der Großen: "Die Welt der Erwachsenen kreist in schwindelerregendem Tempo um das empfindsame Kind. Nichts und niemandem kann es trauen.

Erwachsene und Kinder verstehen sich nicht. Es ist, als wären sie eine andere Spezies."

***

Henryk war elf Jahre alt, als sein Vater 1889 zum ersten Mal einen jener Nervenzusammenbrüche hatte, die ihn in den folgenden Jahren immer wieder in die Nervenheilanstalt brachten und die Familie finanziell erschöpften. Um den Spannungen in diesem belasteten Haushalt zu entgehen, zog sich der Bub noch tiefer in die Welt seiner Träume zurück. Mit dreizehn Jahren schrieb er Gedichte und erweiterte seinen Horizont - Sprachen würde er lernen, Reisen unternehmen, Naturforscher und Schriftsteller werden.

Als er vierzehn war, starb die Großmutter, und es gab niemanden mehr, dem er seine Träume mitteilen konnte. Eine Zeitlang suchte er Trost an ihrem Grab, das auf dem jüdischen Friedhof neben dem des Großvaters lag. Wie die Polen sahen auch die Juden im Friedhof einen Versammlungsort, fast wie einen Anbau am eigenen Haus, wo die, die man liebte, immer da waren, um Probleme anzuhören, und häufig über eine Weisheit verfügten, die sie zu Lebzeiten nicht gehabt hatten. Gelangweilt von seinem strengen russischen Gymnasium in Praga, einem Vorort am rechten Weichselufer vermutlich die einzige Schule, die sich die Familie damals noch leisten konnte), rettete er sich in Bücher. "Die Welt verschwand. Es gab nur noch das Buch." Er führte jetzt ein Tagebuch, das er später in der Geschichte Schmetterlingsbeichte verarbeitete: ein schmales Bändchen voll herzergreifendem Weltschmerz, ähnlich den Leiden des jungen Werthers, die Henryk wie viele andere junge Polen verschlungen hatte.

Dessen Leiden und Lieben scheint dem des jungen Henryk Goldszmit zwischen seinem dreizehnten und sechzehnten Lebensjahr entsprochen zu haben, wenn auch der Erzähler sich selbst als kalten Slawen aus dem Norden beschreibt, der verblüfft seine Anziehungskraft auf eine dunkeläugige jüdische Schönheit feststellt, der er auf der Straße begegnet. Sie erweckt seine Neugier auf das geheimnisvolle jüdische Volk dieser "Sphinx unter den Nationen". Doch es ist nicht die Romanze, die er sich ersehnt, sondern die Aussöhnung zwischen Polen und Juden. Selbst in seinem jugendlichen Alter, so scheint es, spürte Henryk bereits die innere Spaltung, die zum Assimilierungsprozeß in diese römisch-katholische Gesellschaft gehörte. Dadurch, daß er seinen Urzähler Pole sein ließ, der das Jüdische durch seine Augen betrachtete, experimentierte er mit seinen beiden Identitäten - der polnischen und der jüdischen.

Wie Henryk hat der Urzähler nicht nur mit einem nervlich zerrütteten Vater zu kämpfen, sondern auch mit merkwürdigen und verwirrenden sexuellen Gefühlen. Er hat Erektionen und feuchte Träume, die seine Würde als Mann "herabsetzen", und fürchtet um seine geistige Gesundheit, weil es hieß, Onanieren führe zum Wahnsinn. Sein Arzt beruhigt ihn, es sei keine Krankheit, sondern nur ein Fehlverhalten, das es aber ebenso zu vermeiden gelte wie alles andere, was zur Überstimulierung geeignet sei: "Nikotin, Alkohol, Tagträume und Prostituierte, von denen achtzig Prozent infiziert sind". (Korczak hielt das Onanieren sein Leben lang für schädlich und berichtete später von seinen Anstrengungen, es seinen Buben im Waisenhaus abzugewöhnen: "Wenn du die Natur überwindest, überwindest du dich selbst", sagte er ihnen.)

Der Urzähler entschließt sich, an sich selbst zu arbeiten, doch gelingt es ihm nicht, einen Freund zu retten, der einem Dienstmädchen "nachgegeben" hat. "Ich kann sagen, daß er am Rande des Abgrunds steht." (Vielleicht verband Henryk Sex, der als "gefährlich, ungesund und würdelos" galt, mit dem Zustand seines Vaters. Möglicherweise hegte er den Verdacht, sein Vater habe die Syphilis, die damals grassierte und, wie man wußte, den Verstand raubte.)

Es gibt einen Menschen, einen Knaben seines Alters mit Namen Stach, für den er "keine Freundschaft, sondern eine Art Liebe" empfindet, "die man nur bei Mädchen fühlt". Stach leidet an einer Herzkrankheit, er ist mädchenhaft zart. Henryk legt ihm in der Pause den Arm um die Schultern, hält seine Hand, wenn sie durch die Stadt spazieren. Mit Tränen in den Augen sehen sie gemeinsam einem Sonnenuntergang zu.

"Warum kann man Tränen nicht wie Eheringe tauschen? . . .

Unsere Seelen waren schweigend vereint. Es gab keine Kerzen auf dem Altar, nur die Sonne. Keinen Priester, uns zu segnen, nur den Himmel. Keine Hochzeitsgäste mit heuchlerischen Glückwünschen, nur die Kiefern, Birken und Eichen. Keine Orgel spielte, nur der Wind. . . . Es war die schönste Stunde meines Lebens. Warum mußte ich weinen?" In seinen Erinnerungen schreibt Korczak: "Vierzehn Jahre. . . . Freundschaft (Liebe) mit Stach. Unter vielen, vielen anderen Träumen der eine, der immer wiederkehrt: er der Pfarrer, ich der Arzt in jener kleinen Stadt."

Als sich der Zustand seines Vaters verschlechtert, muß der Erzähler mehr Zeit bei ihm zu Hause verbringen. Er wird zum Vater, der kranke Vater übernimmt die Rolle des Sohnes. Mitten in der Nacht erwacht er von seinem eigenen Herzschlag und hat das Gefühl, " am Grab seiner Kindheit zu weinen".

Einmal läßt er seinen Vater beim Kartenspiel gewinnen, weil es ihn zu freuen scheint. "0 mein Gott", betet er in jener Nacht, "laß ihn alt werden. Und gib mir die Kraft, ihm zu helfen." Er weiß, daß der Vater früher einmal ähnliche Träume gehabt haben muß. Doch "jetzt ist nichts mehr übrig".

Irgendwann im Frühjahr 1890 wurde Jozefs Zustand unerträglich. Er kam ins Irrenhaus, vermutlich in das neue Backsteingebäude in Tworki, dreißig Kilometer südlich von Warschau. Mit großem Aufwand vom Zaren errichtet, lebten hier vierhundertzwanzig Patienten aus dem gesamten russischen Reich; es gab sogar eine Spezialabteilung für Verbrecher, die auf ihren Prozeß warteten. Ein desolater Platz ohne Bäume und Sträucher, die hohen Backsteinmauern von ungesunden Sümpfen umgeben, war dieses Asyl die modernste Nervenheilanstalt des Reiches - die erste mit elektrischem Strom. Es gab eine große russisch-orthodoxe Kirche und eine kleine römisch-katholische Kapelle. Die Krankenstationen waren angefüllt mit Menschen, die an Syphilis, Alkoholismus, Schizophrenie und manisch-depressiver Psychose litten. Die Behandlung bestand nach westeuropäischem Muster hauptsächlich aus handwerklichen Arbeitsprojekten. Außer Kräutern, bestimmten Chemikalien und Barbituraten gab es kaum Medikamente. Vornehmere Patienten wie Jozef kamen in einen besonderen Trakt, erhielten kleine Gärtchen zugeteilt und wurden angehalten, zu lesen und auch zu tischlern. Die Unkontrollierbaren kamen in Zwangsjacken und wurden an den Betten festgebunden.

Um nach Tworki zu kommen, nahm man den Zug Warschau-Wien bis zur kleinen Stadt Pruszkow, wo man für den Rest der Strecke, ungefähr noch drei Kilometer über matschige, ausgefurchte Wege, Pferd und Wagen mieten mußte. Die Schwestern der Anstalt waren freundliche polnische Nonnen, doch durch das "herablassende" Lächeln des Psychiaters, der seinen Vater behandelte, scheint Henryk sich gedemütigt gefühlt zu haben. Außerdem verstand er einfach nicht, warum der Vater sich nicht zusammenreißen und zu seiner Familie nach Hause kommen konnte.

In den Jahren, die Jozef in der Anstalt verbrachte, kamen die Rechnungen schneller, als seine Frau Wege finden konnte, sie zu bezahlen. Nach und nach landeten sämtliche Gemälde und das gute Geschirr im Pfandhaus. Alles, was einmal im Salon gestanden und von Ewigkeit gekündet hatte, mußte nun verkauft werden. Einmal entdeckten Henryk und seine Schwester den Mantel ihres Vaters im Schaufenster eines Pfandleihers. Der Mantel, wie er da hing, wirkte so vertraut, daß er genauso gut an der Garderobe in ihrer Wohnung hängen und darauf hätte warten können, daß sein Eigentümer käme und ihn ins Gericht oder Kaffeehaus mitnähme. Sie entschlossen sich, ihrer Mutter nichts davon zu erzählen, sondern ihre Münzen zu sammeln und das gute Stück als Überraschung zurückzukaufen. Doch als sie genug Geld beisammen hatten, war der Mantel längst nicht mehr da. "Das Pfandhaus ist das Leben", schrieb Korczak später. "Was du auch versetzt - Ideale oder Ehre für Komfort oder Sicherheit -, du bekommst es niemals zurück." Zeitlebens besaß er nur das Notwendigste und achtete darauf sein Leben so einzurichten, daß er das Wenige, das er brauchte, auch behielt.

Um seine Familie zu unterstützen, gab Henryk den Kindern von wohlhabenden Freunden und Bekannten Nachhilfeunterricht. Nie vergaß er die Demütigung, als einige der Mütter mit ihm wie mit den Dienstboten sprachen, oder seine Überraschung, als er in vielen der verwöhnten reichen Knaben, blaß und schlaff aus Mangel an frischer Luft und Bewegung, sich selbst erkannte. Schon bald hatte er ein System entwickelt, ihnen ihre Angst zu nehmen. Er kam mit einer Aktentasche, die er Stück für Stück auspackte, während er die Kinder alle Gegenstände prüfen und Fragen dazu stellen ließ. Dann fesselte er ihre Aufmerksamkeit mit einer oder zwei Geschichten, bevor er sie in die weniger aufregenden Gebiete von Grammatik, Geographie oder Geschichte führte. Er stellte fest, daß es ihm Freude machte, mit Kindern zu arbeiten - und daß es ihm gelang, seine eigenen Sorgen zu vergessen, wenn er sich auf ihre konzentrierte.

Henryks Anstrengungen, ein guter Privatlehrer zu werden, inspirierten seinen ersten pädagogischen Artikel, ein Feuilleton mit dem Titel " Der gordische Knoten", das in der populären Wochenzeitschrift Dornen gedruckt wurde, als er erst achtzehn Jahre alt war. Der Ich-Erzähler berichtet, daß er "die Welt durchwandert" auf der Suche nach jemandem, der ihm seine Fragen beantwortet: Wird der Tag kommen, an dem Mütter nicht mehr über Kleider und Spaziergänge nachdenken und Väter über Fahrradausflüge und Kartenspiele, sondern anfangen, ihre Kinder, die sie den Gouvernanten und Hauslehrern überlassen, selbst zu erziehen? Der würdevolle alte Mann, an den er diese Frage richtet, antwortet ihm, daß das 19. Jahrhundert, das die "Wunder" Gasolin, Elektrizität, Eisenbahn und Menschen wie Edison und Dreyfus hervorgebracht hat, auch den Tag herbeiführen wird, an dem eine neue Art von Müttern Bücher über Pädagogik den gängigen Romanen vorziehen wird. Nachdem er den alten Mann gefragt hat, wann genau denn dieser große Tag kommen wird, überläßt der Autor dem Leser die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die Geschichte zu beenden: Entweder der alte Mann fällt tot um, bevor er die Frage beantworten kann, oder er streckt die Hand aus und verlangt drei Rubel.

Der flügge werdende Autor zeigt schon jetzt seine Neigung, Ironie und Witz in die Diskussion ernster Fragen einzubringen:.

Wie kann man Eltern motivieren, auf die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder maßgeblichen Einfluß zu nehmen, und wie entwickelt man eine pädagogische Strategie, die das Interesse der Erwachsenen findet und den Kindern hilft, ebenso zu "sehen, zu verstehen und zu lieben, als auch zu lesen und zu schreiben"? Seinen Aufsatz gedruckt zu sehen, ermutigte den jungen Autor, mehr zu veröffentlichen. Der Herausgeber der Dornen erinnerte sich später an Henryk als einen scheuen jungen Mann in Schuluniform, der zögernd sein Büro betrat, unaufgefordert ein Manuskript mit der Unterschrift Hen auf seinen Schreibtisch legte und wortlos wieder verschwand. Verblüfft über das Talent, das aus diesen Aufsätzen sprach, richtete der Herausgeber eine Kolumne für ihn ein.

Am 25. August 1896 starb Jozef Goldszmit im Alter von zweiundfünfzig Jahren unter mysteriösen Umständen - möglicherweise durch seine eigene Hand. Eine große Zahl von Freunden und Kollegen, Katholiken wie Juden, die die Verlage und philantropischen Vereinigungen repräsentierten, mit denen er verbunden gewesen war, begleiteten die Familie hinter dem pferdegezogenen Leichenwagen, der seinen Sarg auf den jüdischen Friedhof brachte. Er wurde am Hauptweg des Friedhofs beerdigt, dessen Gräber für die hervorragendsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde reserviert waren. Der Grabstein, eine große, schmale Steintafel (heute von Kugeln der Kämpfe durchsiebt, die 1944 während des Warschauer Aufstandes auf dem Friedhof stattfanden), trägt eine polnische und keine hebräische Inschrift, was damals bei vielen assimilierten Juden üblich war. Sein einziger Schmuck ist ein in Stein gehämmerter Kranz.

Kurz nach dem Tod ihres Gatten erhielt Henryks Mutter von der Schulbehörde die Genehmigung, Schüler als Untermieter in Pension zu nehmen - eine gesellschaftlich akzeptierte Lösung für eine Witwe in ihrer Position. Sie inserierte im Israelit und bot jenen, die es brauchten, zusätzlich Nachhilfeunterricht an, ohne wissen zu lassen, daß ihr achtzehnjähriger Sohn, der jetzt das männliche Familienoberhaupt war, diesen Unterricht erteilen würde.

Zwischen Schule und Nachhilfeunterricht blieben Henryk nur wenige freie Minuten. Allein in seinem Zimmer, seinem einzigen Refugium in der nun mit Untermietern angefüllten Wohnung, quälte ihn der Gedanke, auch er könne in der Irrenanstalt landen. "Ich - der Sohn eines Wahnsinnigen. Also erblich belastet." Seine Angst ließ er in einen Roman mit dem Titel Selbstmord einfließen. "Der Held haßte das Leben aus Furcht vor dem Wahnsinn." Er schrieb Gedichte gleichen Inhalts, bis schließlich ein bekannter Herausgeber auf ein Epos, das verlangte "Oh, laßt mich sterben / Oh, laßt mich nicht leben / Oh, laßt mich in mein dunkles Grab hinab!", mit einem mitleidlosen "Dann tu's!" reagierte. "

Das Herz eines Dichters zu verwunden ist wie das Herumtrampeln auf einem Schmetterling", meinte er. "Ich werde nicht Schriftsteller, sondern Arzt. Literatur hat nur Worte, Medizin jedoch ist Handeln."

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «