Janusz Korczak Communication - Center
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Der Seelenmaulkorb

Das Leben beißt wie ein Hund.

Das Salonkind

    Es gab nur wenige, die wußten, daß Henryk Goldszmit ein Doppelleben führte. Der Medizinstudent lebte pflichtbewußt bei seiner Mutter daheim, doch der andere, Janusz Korczak, streifte allein oder mit Ludwik Licinski, einem Freund von der Fliegen den Universität, durch die schlimmsten Elendsviertel der Stadt.

    Licinski, vier Jahre jünger als Henryk, Poet und Ethnograph, ständig unterwegs, gab seine volle Anschrift stets mit "Warschau" an. Wie andere Schriftsteller der literarischen Bewegung " Junges Polen" attackierte er den Materialismus der bürgerlichen Philister. Licinski erlag in jungen Jahren einer Tuberkulose, die er sich im Exil in Sibirien zugezogen hatte, aber zu jenem Zeitpunkt seines Lebens war er ein guter Kamerad für Henryk, der das Gefühl hatte, "in der winzigen Wohnung mit der gluckenhaften Mutter zu ersticken". Nachts spazierten sie an den sandigen Ufern der Weichsel entlang, feierten die Namenstage der Huren und betranken sich an "stinkendem" Wodka. " Er verstand es meisterlich, die Herzen dieser Menschen zu erreichen", berichtete Licinski. "Ich würde meine Seele für Sie geben", sagte der Mörder Lichtarz einmal zu ihm." Eines abends kam Zofia Nalkowska daher, um vor ihrer Hochzeit mit Leon Rygier " ein letztes Mal über die Stränge zu schlagen". Sie trank Wodka aus der Flasche, küßte die Geliebte eines Wäschereibesitzers und genoß ihren Flirt mit Licinski, der hoffnungslos in sie verliebt war. Auch Henryk hatte ein Gefühl von Befreiung in diesem rauhen Teil der Stadt wenn auch anders. Seine Seele, die "jaulte wie ein Hund", wurde von der Kette gelassen.

    "Ich träumte, ich wäre ein Pudel", beginnt Janek (Koseform von Janusz) seinen halb autobiographischen Roman, an dem Henryk zu jener Zeit schrieb. "Mein Fell war geschoren. Ich fror in dem Aufzug. Aber da ich wußte, daß mein Herr zufrieden mit mir war, wedelte ich fröhlich mit dem Schwanz und sah ihn ergeben an. . . . Ich hatte keine Flöhe, keine Sorgen oder Verantwortungen. Allerdings hatte ich gehorsam und treu zu sein und die Intelligenz zu zeigen, die man von einem Pudel erwartet." Der Pudel ist völlig fertig, als ein Passant ihn statt bewundernd nur mitleidig anschaut: "Dieser Hund hat einen Maulkorb auf der Seele." Gänzlich demoralisiert, kann der Pudel weder essen noch schlafen und ist schließlich so desorientiert, daß er seinen Herrn in die Hand beißt. Kurz bevor der Hund erschossen wird, erwacht der Autor aus seinem Traum.

    Das Salonkind ist ein Buch über das Erwachen. Janek erkennt, daß er in dem Bemühen, so zu werden, wie ihn die Eltern sich wünschen, sein Leben verschlafen hat. Mit selbstmörderischen Gefühlen, als ob er "seine Seele verloren" hätte, verläßt er das Elternhaus und knurrt Vater und Mutter an: " Laßt mich in Ruhe! Haut ab - oder ich beiße!"

    Es gelingt ihm, das zehnte Bett in einem Zimmer zu mieten, in dem bereits die Familien eines Schlossers und eines Kutschers hausen, läßt seine letzte Kopeke in der Kneipe, bettelt auf der Straße und geht mit einer Hure nach Hause. Aber er hat keine Lust, mit ihr zu schlafen. "Erzähl mir eine Geschichte", sagt er, als sie zusammen im Bett liegen. "Du bist langweilig", meint sie. "Du tust mir leid", sagt er, deckt sich mit sämtlichen Decken zu und erzählt ihr von dem Plan, den er und Stach einmal hatten, die Huren zu resozialisieren.

    Es sind die verwahrlosten und mißhandelten Kinder dieses Elendsviertels, zu denen Janek sich hingezogen fühlt. Er findet sie im Schatten der Häuser, "ihre blasse Haut wie Pergament über den schiefen Knochen". Unter den Brücken gibt er ihnen Schokolade und Medizin und, wie er hofft, ein wenig Glauben an die menschliche Güte. Er geht mit ihnen in ihre dürftigen Behausungen, erzählt ihnen Geschichten und unterrichtet sie im Lesen. Vielleicht bringt die Ordnung der Grammatik Ordnung in ihre Köpfe.

    An einem Weihnachtsabend geht Janek als Weihnachtsmann verkleidet in der Mietskaserne von Wohnung zu Wohnung und verteilt Geschenke an die Kinder: einen kleinen Ball, eine Apfel, Süßigkeiten. Um den Hals eines kleinen Buben, den jede nur Karottenkopf nennt und der ganz allein in der Dunkelheit sitzt, hängt er ein Kreuz. Als das Kind ihn fragt, ob er wirklich ein Heiliger sei, sagt er "Ja" - betroffen, daß es ein Kind ist, da ihm diese Frage stellt.

    In dem Moment wird Janek klar, daß er sich geändert ha daß "neue, unsichtbare Kräfte" in ihm wirken, Kräfte, die so nun an seinen Weg " erleuchten" werden. Aus einem mit sich selbst beschäftigten Schriftsteller auf der Suche nach Arbeitsmaterial wird ein gläubiger Mensch mit Verantwortung für seine Mitmenschen

    Alle Themen im Leben des Autors finden sich in dieser Buch: die Enge seiner Kindheit, seine Angst vor Selbstmord und Wahnsinn, seine Flucht vor der Sexualität, die Entschlossenheit, soziale Reformen durchzusetzen, seine Hingabe an die Kinder. Am Ende des Buches hat Janek zwar die meisten Illusionen verloren, nicht aber seinen Zorn darüber, daß zwei elternlose Mädchen von ihrem Onkel sexuell mißbraucht worden sind. Als der Nachtwächter des Elendsviertels ihn nach Haus schicken will, schreit er ihn genauso an wie einst die Eltern "Hau ab! Oder ich beiß dich! Ich bei---ße!" - wobei die Silben in der Ferne verhallen.

    Während Das Salonkind in der Stimme unter Janusz Korczaks Namen als Fortsetzungsroman erschien, begann Henryk Goldszmit seine Arbeit als Stationsarzt am jüdischen Kinderkrankenhaus. Doch kaum hatte er 1905 seine Approbation in der Tasche, als er als Arzt für den russisch-japanischen Krieg in die Armee des Zaren eingezogen wurde. Aus seinem Lebe herausgerissen "wie eine Marionette", fand sich der frisch gebackene Leutnant in einem Lazarettzug der Transsibirische Eisenbahn wieder, der ständig zwischen Harbin und Mukde hin- und herfuhr. Japan, das sich nach Jahrhunderten der Isolierung als moderne Nation zu formieren begann, erwies sich zu Land und zu Wasser als siegreich und den demoralisierten, von Korruption erschütterten, schlecht geführten und schlecht ausgerüsteten russischen Streitkräften weit überlegen.

    Der junge Arzt lernte rasch, "daß der Krieg dir hilft, die Krankheit des ganzen Körpers zu erkennen". Für ihn waren die Patienten, die da an jenem ersten regnerischen Tag am Bahnhof auf ihn warteten, "Gefangene", die darauf hofften, daß er ihre Enteritis, Gastritis, Geschlechtskrankheit oder ihr chronisches Leiden behandelte. Ihre Krankheiten hatten jedoch genau wie der internationale Konflikt um die Märkte in der Mandschurei und in Korea "unsichtbare Wurzeln in der Vergangenheit", und es konnte keine rasche Heilung geben.

    Die Schwerkranken kamen in den Zug. " Der Zug ist voll mit verrückten Leuten", schrieb er den Lesern der Stimme. "Einer von ihnen weiß noch nicht einmal seinen Namen, wie alt er ist, oder was er tut. Ein anderer, der auch nicht begreift, was vor sich geht, grübelt darüber nach, warum seine Frau ihm die Pfeife wegnahm. Ein dritter, genannt der Idiot, singt schmutzige Lieder."

    Sie waren keine Soldaten mehr, sondern "Kranke", von denen er etwas über die Schwären lernte, die an der russischen Gesellschaft fraßen. Er ging von Patient zu Patient zu den russischen Analphabeten, ukrainischen und polnischen Bauern, wilden Kosaken und armen Juden und verteilte Medizin für Leib und Seele. Als er entdeckte, daß sie gerne Geschichten hörten, erzählte er ihnen russische Sagen und Märchen. Dabei war er sich der Ironie der Tatsache bewußt, daß er, ein polnisch-jüdischer Arzt, sie in der Sprache seines Unterdrückers tröstete: in jenem perfekten Russisch, das man ihm auf dem zaristischen Gymnasium eingebleut hatte.

    Jede freie Minute verbrachte der Leutnant mit Erkundigungen der verwüsteten chinesischen Städte und Dörfer. "Nicht ich kam nach China, sondern China kam zu mir", schrieb er in seinen Erinnerungen. "Chinesischer Hunger, chinesische Mißachtung der Waisenkinder, chinesische Kindersterblichkeit. Der Krieg ist ein Greuel. Besonders weil niemand berichtet, wie viele Kinder hungern, schlecht behandelt werden und schutzlos sind."

    Nachdem er die vierjährige Iuo-ya, die "geduldig versucht den unbegabten Schüler Chinesisch zu lehren", kennengelernt hatte, war er der Auffassung, daß es nicht nur " Institute für 0s sprachen geben sollte", sondern "jeder müßte ein Jahr in solch einem östlichen Dorf verbringen und einen Einführungskurs bei einer Vierjährigen machen". Durch Iuo-ya erkannte er, daß Kinder, die noch nichts von Grammatik verstehen, noch nicht von "Büchern, Nachschlagewerken und Schulmanieren" wissen, den Geist einer Sprache zu vermitteln vermögen.

    Beim Besuch einer Dorfschule war er entsetzt über den Lehrer, der nach Schnaps und Opium stank und die Kinder m einem dicken Lineal auf die Fersen schlug. "Der, der nicht lernen will, verdient Strafe", stand in schwarzer Tusche auf der einen Seite des Stocks, und auf der anderen: "Der, der lernt, wird weise sein." Leutnant Goldszmit kaufte den Stock, obwohl wußte, daß der Lehrer nach einigen Tagen einen neuen machen würde. Wenn der Krieg vorbei war, würde er seinen Waisenkindern zeigen, wie man mit diesem Stock Ball spielen {Palant) konnte, und er würde ihnen erzählen, daß chinesische Kinder auch wenn sie anders aussehen und ein anderes Alphabet haben, so sind wie alle Kinder auf der Welt.

    Der Lazarettzug dampfte hin und her in jenem turbulenten Jahr 1905, und die Leiden, die im riesigen Zarenreich "geschlummert" hatten, verschlimmerten sich durch die Nachrichten von den japanischen Siegen. In den Industriezentren kam es zu immer neuen Arbeiterstreiks und Studentenunruhen. Alle das Wort "Revolution" wirkte als Stimulans für Stab und Patienten im Zug, die sich dafür aussprachen, sich dem Streik der Eisenbahnarbeiter anzuschließen. Als eine Militärdelegation erschien, um die aufsässigen Soldaten zu bestrafen, baten sie Leutnant Goldszmit, für sie zu sprechen. Er zögerte - es war weder sein Land noch sein Krieg -, doch die Männer baten ihn sehr, daß er schließlich einwilligte. Als er jedoch auf der Lattenkiste stand, sprach er nicht vom Streik oder von der Revolution sondern vom Leiden der Kinder.

    "Bevor Sie für irgend etwas in den Krieg ziehen", sagte der verblüfften Delegation, "sollten Sie über die unschuldigen Kinder nachdenken, die verletzt, getötet oder zu Waisen werden." Er sprach über das, was zur Philosophie seines Lebens werden sollte: Kein Anlaß, kein Krieg war es wert, Kinder um ihr natürliches Recht auf Glück zu bringen. Kinder hatten Vorrang vor jeder Politik.

     

 

 


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