Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Sommerkolonie

Auf einmal klingt ihr Lachen ganz anders als in der Stadt.
Die Mojsches. Joscheks und andere Lausbuben

    An einem Sommertag des Jahres 1907 stand Janusz Korczak in Sportkleidung im großen Hof der Sommerkolonie-Gesellschaft und überwachte die Ankunft von hundertfünfzig armen jüdischen Buben. die zum ersten Mal in ihrem Leben aufs Land fahren sollten. Er sah jene, die von ihren Familien gebracht wurden, und jene, die allein herantrollten; solche, die sauber, und andere, die vernachlässigt waren. Er sah ihre Ängstlichkeit, als sie sich für drei Wochen verabschiedeten, ihre Schüchternheit und Furcht, als sie sich paarweise aufstellten. Er wußte, daß sie sich fragten, was für eine Art Gruppenleiter er sein würde - ein strenger oder einer, dem man auf der Nase herumtanzen konnte.

    Schon als Medizinstudent hatte er der Gesellschaft seine unentgeltlichen Dienste angeboten gehabt und freute sich jetzt über die Gelegenheit, auch einmal außerhalb des Krankenhauses mit Kindern arbeiten zu können. Die Sommerkolonie, zu der sie fuhren, lag ungefähr hundertzwanzig Kilometer von Warschau entfernt und wurde von einem assimilierten jüdischen Philanthropen mit der Auflage finanziert, daß nur Polnisch gesprochen werden durfte. Verbotene polnische Musik und patriotische Lieder wurden auf dem Grammophon gespielt, um den Kindern polnische Kultur und Geschichte näherzubringen, die die Russen immer noch auszuradieren versuchten.

    In dem witzigen und rührenden Buch Die Mojsches, Joscheks und andere Lausbuben (mit den Koseformen typisch jüdischer Vornamen) hat Korczak seine Erfahrungen mit diesen Zehnjährigen beschrieben und sich selbst als einen ungeschickten Gulliver im Land der gassenschlauen Liliputaner erlebt, die ihn alles lehrten, was es über junge Leute zu lernen gab. "Damals kam ich zum ersten Mal mit einer Gemeinschaft von Kindern in Berührung und lernte das Einmaleins der erzieherischen Praxis. Reich an Illusionen und arm an Erfahrung, sentimental und jung, glaubte ich, daß allein die Tatsache genügte, daß ich für die Kinder und mit den Kindern etwas erreichen wollte." Die dreißig, die man ihm zugeteilt hatte, waren ihm als eine akzeptable Anzahl vorgekommen, weil ihm noch nicht bewußt war, welcher Fähigkeiten es bedurfte, diesen "wilden Haufen" unter Kontrolle zu halten. Da er das Programm aus Spielen, Schwimmen, Ausflügen und Geschichtenerzählen völlig frei gestalten konnte, hatte er sich treuherzig darauf beschränkt, ein Grammophon, eine Laterna magica, Feuerwerkskörper sowie ein Schach- und ein Dominospiel zu organisieren.

    "Da war ich nun, wie jemand mit Glacéhandschuhen und einer Nelke im Knopfloch, und machte mich bei den Hungrigen, Mißhandelten und Enterbten auf die Suche nach bezaubernden Impressionen und warmen Erinnerungen", schrieb er. "Ich wollte mich meiner Pflichten um wenig mehr als ein Lächeln und billige Feuerwerkskörper entledigen . . . Ich erwartete ihre Freundlichkeit und war auf ihre Unzulänglichkeiten, gezüchtet in den dunklen Gassen der Stadt, nicht vorbereitet."

    Als die Buben wie die Wilde Jagd vom Zug zu den Pferdewagen rannten, mit denen sie an der Bahnstation abgeholt und ins Ferienlager gebracht wurden, durchlebte der neue Gruppenleiter einen ersten Moment der Panik. Die Aggressivsten wollten auf die besten Plätze, die Dusseligsten verloren ihre Taschen, Gebetbücher oder Zahnbürsten, und es gab ein heilloses Durcheinander, bevor schließlich alle beisammen waren. Damals lernte er, daß Voraussicht die Ordnung bestimmt: "Was man vorausgesehen hat, kann man vermeiden." An jenem ersten Abend war er mit seinen Nerven ziemlich am Ende. Einer der Buben, der es nicht gewöhnt war, auf einem schmalen Bett allein zu schlafen, rumste von seiner frisch gefüllten Heumatratze auf den Fußboden. Andere stöhnten oder sprachen im Schlaf.. Der nächste Tag war auch nicht besser. Wenn die Buben sich nicht um ihre Plätze bei Tisch zankten oder darum, wer wo schlafen sollte, oder sich gegenseitig mit ihren Gürtelschnallen attackierten, reizten sie ihn in den halbdunklen Räumen mit Geräuschen, um herauszufinden, was er tun würde. Durch seine Unfähigkeit, Ordnung oder Disziplin herzustellen, nervös geworden, kündete er dem nächsten, der sich unliebsam bemerkbar machte, eine Bestrafung an. Den Buben, der die Herausforderung annahm und einen Pfiff losließ, zog er an den Ohren und drohte ihm, ihn auf die Veranda zum bösen Wachhund zu sperren.

    Es war sein erniedrigendster Augenblick. "Ich war kein Neuling in Erziehungsfragen. Ich unterrichtete seit Jahren und hatte zahlreiche Bücher über Kinderpsychologie gelesen. Aber da war ich, hilflos gefangen im Geheimnis der kollektiven Seele einer Kindergemeinschaft." Er war voller "Ideale" gekommen, doch die scharfen Ohren der Buben hatten den "Klang der falschen Münze" sofort erkannt. Konspiration, Rebellion, Verrat und Repressalien waren die Antwort des Lebens auf seine "Träumereien". Und als er nun um das Vertrauen der Buben kämpfte, wußte er, daß er nie mehr naiv-romantische Ideen über Kinder haben würde.

    Am Ende der ersten Woche hatten sich jene als Führer herauskristallisiert, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, und die Ungezogensten zeigten Anzeichen von Rücksichtnahme auf andere. Aaron, der eine schwache Lunge hatte und bei seiner Mutter, einer Fabrikarbeiterin, lebte, strahlte vor Glück, als er die Geschichten erzählte, die er gehört hatte, wenn er sich im Hof seiner Mietskaserne erholte. Weintraub, der auf der Straße angeschossen worden war und ein Bein verloren hatte, hatte im Krankenhaus Schach spielen gelernt und organisierte Schachturniere. Chaim, der Schlimmste von allen, stellte sich vor Mordko, der traurige schwarze Augen hatte, sich bei Gemeinschaftsspielen ungeschickt anstellte und mit einem Kuckuck im Wald Zwiesprache hielt. Der häßliche Anzel wurde schließlich als jemand akzeptiert, der nur deshalb fies und fett geworden war, weil andere Kinder ihn schlecht behandelt hatten. Und die freundliche Art des zwölfjährigen Kruk, der bereits in der Fabrik arbeitete und in der Sommerkolonie auf seinen unverbesserlichen achtjährigen Bruder aufpaßte, brachte ihm bei den Buben den Titel Prinz ein.

    "Im Leben gibt es zwei Königreiche", schrieb Korczak. "Da ist das Königreich der Vergnügungen, Bälle, Salons und schönen Kleider, in dem jahrhundertelang die Reichsten, Glücklichsten und Faulsten die Prinzen waren. Aber da gibt es auch das Königreich des Hungers, des Kummers und der harten Arbeit. Seine Prinzen wissen von frühester Kindheit an, was ein Laib Brot kostet, wie man die kleinen Geschwister versorgt, was Arbeit heißt. Kruk und seine Freunde sind die Prinzen im Königreich der traurigen Gedanken und des Schwarzbrots - Erbprinzen."

    Korczak freute sich, wie rasch seine kleinen Prinzen in der gesunden Umgebung aufblühten: "Gestern - ein Höhlenmensch; heute - ein guter Kerl. Gestern - schüchtern, verängstigt, ernst; eine Woche später - mutig, lebendig, berstend vor Abenteuerlust."

    Eines Morgens, als die Kinder auf dem Weg zu einem entfernter gelegenen Wald waren, setzten sie sich neben die Bahngleise, um etwas zu essen. Die vom Wind aufgewirbelte Schlacke fiel auf ihre Brote. Ein vorbeikommender Bauer sagte: "Kinder, setzt euch nicht da in den Staub. Auf meinem Feld ist es viel schöner."

    "Aber wenn wir dahin gehen, zertrampeln wir alles, was wächst", meinte ein Kind,

    "Ach, was könnt ihr schon anrichten, wenn ihr barfuß geht? Geht nur. Es ist mein Acker, ich erlaube es euch."

    Korczak, der Anwalt, war von dem Angebot gerührt. Er dachte sich: "Oh, polnischer Bauer, schau dir diese Buben genauer an. Es sind nicht solche Kinder, wie du sie dir vorstellst. Das hier sind jüdische Bastarde, die in den Parks der Stadt nicht spielen dürfen. Kutscher schlagen sie mit ihren Peitschen, Fußgänger stoßen sie vom Gehsteig, Hausmeister jagen sie mit Besen vom Hof. Das hier sind keine Kinder - das sind Mojsches, ja, kleine Juden. Und du jagst sie nicht nur nicht von deinen Bäumen weg, du lädst sie sogar auf deinen Acker ein."

    "Was macht ihr denn in Warschau?" fragte der Bauer die Buben. Und er verriet ihnen, wo es die besten Beeren gab.

    Solche Erlebnisse verbesserten nicht nur das Polnisch der Kinder, sondern hoben auch ihre Stimmung. In Warschau hatten sie vermutlich nur polnische Flüche gehört - "jüdischer Bastard!", "Hau ab!" -, doch auf dem Land, schrieb Korczak, "lächelt die polnische Sprache mit dem Grün der Bäume und dem Gold der Ähren. Sie kommt mit dem Lied der Vögel, dem Sternenschein und dem frischen Wind vom Fluß. Polnische Wörter sind wie wilde Blumen, die zu Wiesen werden." Das gleiche galt für jiddisch - "in den Straßen Warschaus laut und voller Flüche" -, hier wurde es weicher, fast poetisch, wenn die Kinder miteinander draußen spielten.

    Die Kinder waren ganz erstaunt, als eine Warschauer Zeitung geschickt wurde, die auf der ersten Seite über sie berichtete: "Mamelok kletterte zum Fenster hinauf und sah in die Küche hinein; Hawelkie und Szekielewski wollen keine Kascha (Buchweizengrütze) essen; Boruch hat sich mit seinem Bruder Mordko gezankt. Butterman hat Yemen verziehen, daß er ihn geschlagen hat; der neue Hund hat sich von der Kette gerissen, aber Franek hat ihn geschnappt." Außerdem gab es Berichte über das Glück, barfuß zu gehen, und über die Entstehung der Sommerkolonien.

    Die älteren Buben begriffen, daß der Gruppenleiter die Artikel verfaßt hatte, doch die Kleinen waren sehr beeindruckt, daß man sogar in Warschau über sie schrieb. Und Janusz Korczak, dessen Idee das alles gewesen war, hatte zum ersten Mal die Gelegenheit, den Effekt einer Kinderzeitung zu testen.

    Außerdem probierte er ein System aus, bei dem die Buben einmal wöchentlich ihr eigenes und das Betragen der anderen benoten sollten, statt von ihrem Gruppenleiter beurteilt zu werden. Als Korczak jeden nach der Note fragte, von der er glaubte, sie verdient zu haben - und zwar von Eins bis Fünf -, bemühten sich einige um Ehrlichkeit. Mort allerdings, der Steine nach dem Hund geworfen hatte, verlangte einen Einser. Das ginge nur, entschieden die anderen, wenn der Hund ihm verzeihen würde. Aber wie sollte man das herausfinden?

    "Der Hund ist an der Kette, Mort sollte mit einem Stück Fleisch zu ihm gehen", meinte einer. "Wenn der Hund das Fleisch annimmt und ihn nicht beißt, heißt das, daß er bereit ist, ihm zu verzeihen."

    Das sei ein guter Plan, waren sich alle einig. Mort hatte Glück, der Hund war "wunderbarer" Laune. Er wedelte mit dem Schwanz und nahm das Stück Fleisch an. Der Hund hatte Mort vergeben, die Buben waren's zufrieden und gaben ihm seinen Einser. Aber Mort fühlte sich schuldig. Am nächsten Tag bat er um eine schlechtere Note.

    Als schwieriger erwies es sich, einen Kindergerichtshof einzurichten. Vielleicht hatte Korczak sich als Kind vorgestellt, so wie sein Vater bei Gericht die Rechte der Arbeiter zu verteidigen; vielleicht hatte er seinen Vater über die Ungerechtigkeiten der Gesetzgebung klagen hören. Jetzt hatte er die Gelegenheit, einen Gerichtshof für Kinder zu schaffen, an dem es wahre Gerechtigkeit geben würde. Wenn ein Bub von einem anderen schikaniert wurde, konnte er ihn jetzt bei Gericht verklagen, und andere Buben, die als Richter fungierten, würden über den Fall befinden. Er erwartete von seinen Sommerfrischlern, daß sie von seiner Idee eines Kindergerichtshofes ebenso angetan sein würden wie er selbst, aber so war es nicht. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, daß ein Gerichtsverfahren wirksamer sein sollte als ein Hieb auf die Nase, und es paßte ihnen nicht, petzen zu sollen. Erst als Korczak selbst einige Buben verklagte, die sich nicht an die Regeln gehalten hatten, konnte das Gericht die Arbeit aufnehmen.

    Die Festlegung der Richter erschien zunächst etwas wahllos. Korczak hatte bekanntgegeben, daß jeder, der Richter sein wollte, sich um ein Uhr mittags auf der Veranda einfinden sollte. Er selbst kam absichtlich eine halbe Stunde zu spät, und die meisten Buben hatten sich zu dem Zeitpunkt bereits getrollt. Jene, die die Geduld zu warten aufgebracht hatten, wurden zu Richtern ernannt.

    Einmal wöchentlich kamen zivil- und strafrechtliche Fälle entweder auf der Veranda oder auf einer Waldlichtung zur Verhandlung. Ein Gruppenleiter fungierte als Staatsanwalt, ein anderer als Verteidiger und drei Buben als Richter. Zu den schlimmsten Verstößen gehörten: allein in den Wald gehen ("Verboten, weil ein Stier dich angreifen könnte") und der Glocke nicht folgen ("Wir können nicht jeden einzelnen bei den Ohren zu Tisch ziehen").

    In dem Fall " Blumenpflücken" wurden zwei Buben von der Anklage des Zuspätkommens zum Frühstück freigesprochen, weil die Verteidigung vorbrachte, daß sie in der Stadt eine solche Gelegenheit nicht hätten und es außerdem ihr erster Verstoß gegen die Regeln sei. Nicht so nachsichtig waren die Richter im Fall "Tannenzapfen", denn Fischbein zeigte keine Reue darüber, mit kleinen Steinen gefüllte Tannenzapfen nach einem anderen Buben geworfen zu haben. Der Staatsanwalt hatte Schwierigkeiten, überhaupt sein Motiv herauszufinden..

    "Warum hast du das getan?".

    "Ich hatte so viele Tannenzapfen und wußte nicht, was ich damit machen sollte." .

    "Warum hast du sie nicht weggeworfen?"

    "Das wäre Verschwendung gewesen."

    Gelächter bei den Zuschauern.

    " Bist du sicher, daß in den Zapfen keine kleinen Steine waren?"

    "Ich weiß es nicht."

    Weil Fischbein zu den Kleineren gehörte, wurde er nur zu zehn Minuten Arrest verurteilt.

    Korczak machte sorgfältige Aufzeichnungen über die Gerichtsverhandlungen und die Reaktion der Kinder darauf. Er improvisierte von Fall zu Fall, obwohl ihm bekannt gewesen sein muß, daß Polen gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts versuchsweise Kindergerichtshöfe eingerichtet hatte. Der Nationale Erziehungsausschuß (damals das erste Ministerium seiner Art in Europa) hatte die Gründung von Schiedsgerichten empfohlen, bei denen Schüler ihre Streitigkeiten selbst schlichten sollten. Zu den Strafen gehörte unter anderen, an hohen kirchlichen Feiertagen zur Schuluniform der höheren Klassen das Schwert nicht tragen zu dürfen. Nach den polnischen Teilungen waren diese Schiedsgerichte allerdings nur noch kurzfristig aktiv. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis der berühmte Erzieher Bronislaw Trentowski sie wieder entdeckte. "Wenn einer Ihrer Schüler die Regeln verletzt, lassen Sie andere Schüler seines Alters über ihn urteilen. Jeder möchte von Seinesgleichen beurteilt werden. Könige von Königen, Wissenschaftler von Wissenschaftlern und Kinder von Kindern. Das Urteil wird ihn weniger erzürnen, als wenn es von Ihnen käme, und außerdem eine größere Wirkung haben." Trentowskis Gerichtshof lebte auch nicht länger als seine Vorreiter, und, um die Wahrheit zu sagen, auch Korczaks Experiment hatte nach den drei Wochen in der Sommerkolonie kaum Fortschritte gemacht.

    Am Tag bevor die Buben nach Warschau zurückkehren sollten, schrieb Oskar, der Dichter:

        Die Kinderfeiern ihre Heimfahrt.

        Den Tausch der grünen Wälder gegen feuchte Wände.

        Jetzt lachen noch die Blumen in der Sonne.

        Doch kommt der Winter dann sind sie verwelkt.

    An jenem Abend überraschten die Buben ihren Gruppenleiter mit einem Storchennest. Dann saßen sie alle ums Lagerfeuer herum und sahen ein letztes Mal dem Sonnenuntergang zu. Morgen in Warschau würden sie so etwas Schönes nicht mehr zu sehen bekommen, erinnerte sie Korczak, sondern nur die häßlichen gelben Straßenlaternen. In der Stadt machte der Laternenanzünder den Tag zur Nacht, in ihrer Sommerkolonie war es die Sonne selbst, die das Licht löschte und die Dunkelheit einschaltete.

    Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand und langsam immer weniger von ihr zu sehen war, riefen einige Buben:

    "Sie ist weg!" "Nein, es ist noch ein Stückchen da!" riefen anderen.

    "Und jetzt nehmen wir uns alle bei der Hand, singen unser Lied, schwenken unsere Fahne und marschieren los", sagte Korczak zu ihnen. "Aber nicht zurück nach Warschau."

    "Aber wohin? Wohin gehen wir denn?" wollten sie wissen.

    "Zur Sonne."

    Alle waren überrascht.

    "Es wird ein langer Weg sein, aber es wird schon gehen. Wir schlafen auf den Feldern und verdienen uns unterwegs Geld."

    Die Buben griffen seine Gedanken auf. Gerson könnte seine Geige spielen, Oskar eines seiner Gedichte vorlesen und Aaron eine seiner Geschichten erzählen - und dafür würden sie Milch und Brot bekommen.

    "Wir werden laufen, laufen und laufen, eine lange, lange Zeit"", sagte Korczak. "Wenn Weintraub müde wird, machen wir ihm einen Rollstuhl und wechseln uns ab beim Schieben." "Und was dann?" fragten die Buben.

    Bevor er antworten konnte, rief die Glocke zum Abendbrot. Am nächsten Tag fuhren sie mit der Eisenbahn nach Warschau zurück, und kurz darauf ging Korczak für knapp ein Jahr nach Westeuropa.

    Er ging nach Berlin, um sich in der Kinderheilkunde weiterzubilden, und setzte damit die Tradition von Jan Dawid und anderen polnischen Intellektuellen fort, die von Deutschland "Erleuchtung und Wissen"" erwarteten. Berlin, Hauptstadt des blühenden Deutschen Reiches, verfügte über eines der besten Gesundheitswesen Europas und war für seine fortschrittliche Kommunalhygiene und die Versorgung von Kindern und Waisen berühmt. Als er noch darüber nachgedacht hatte, ob er diese Reise tatsächlich machen sollte - schließlich mußte er dafür das Kinderkrankenhaus und auch seine Mutter eine Zeitlang verlassen -, besprach Korczak die Fürs und Widers mit seinen Kollegen, von denen einige meinten, daß ihm ein solcher Aufenthalt sicher Nutzen bringen, andere, daß er davon enttäuscht sein würde. Von all den Vorschlägen, wie er sich bei den Deutschen verhalten solle, nahm er sich zwei tatsächlich zu Herzen: seinem Hang, jedem, ungeachtet seiner gesellschaftlichen Stellung, die Hand zu schütteln, nicht nachzugeben und außerdem zweimal täglich seinen Kragen zu wechseln.

    Korczak kam nicht als berühmter Schriftsteller, sondern als armer Student in die große Hauptstadt. Er fand ein bescheidenes, sauberes Zimmer, wo die Handtücher regelmäßig gewechselt wurden und das Frühstück im Preis inbegriffen war an manchen Abenden allerdings reichte ihm das Geld gerade noch für zwei Gläser Milch und ein Stück Brot.

    Er bewunderte Berlins gutes Bussystem (Warschau hatte so etwas nicht) und seine vielen öffentlichen, kostenlos zu benutzenden Bibliotheken, die zwölf Stunden am Tag geöffnet waren, doch schien die Stadt seiner Gegenwart "gleichgültig" gegenüberzustehen. Im August und September besuchte er Ferienkurse, die von der Berliner Ärztevereinigung veranstaltet wurden. Es beeindruckte ihn, daß die Professoren - wie die Busse stets pünktlich waren, aber er haßte den Gedanken, für Seminare zahlen zu müssen. Wissen zu verkaufen, verwandelte die Universität in einen "Markt". Dennoch besuchte er mit anderen Ausländern Seminare in Neurologie und Elektrokardiographie und informierte sich über die neuesten Erkenntnisse in der Behandlung von Tuberkulose und anderen Kinderkrankheiten. Wenn er sah, wie die Deutschen Urinuntersuchungen und Blutentnahmen durchführten, fielen ihm die rückständigen Methoden in Polen ein. Und doch, nach zwei Monaten hatte er das Gefühl, in einer "Fabrik"" zu sein. Er ging noch einmal seine Aufzeichnungen durch und war sich nicht sicher, ob er für seine eigene Praxis viel gelernt hatte, oder ob er nur das erfahren hatte, was er ohnehin schon wußte. Er mußte sich also auf seine eigenen Beobachtungen verlassen und durfte keine Theorien übernehmen, ohne sie vorher selbst zu überprüfen.

    Korczak verbrachte noch jeweils zwei Monate bei den weltberühmten deutsch-jüdischen Kinderärzten Heinrich Finkelstein und Adolf Baginski, einen Monat in einem Heim für geistig Behinderte und einen weiteren in Theodor Ziehens psychiatrischer Klinik an der Charité. Er besuchte Irrenhäuser und Besserrungsanstalten für sogenannte jugendliche Straftäter. Er verließ Deutschland im Frühling des Jahres 1908 und fuhr in die Schweiz, wo er einen Monat an einer neurologischen Klinik in Zürich verbrachte. Als er im Frühsommer nach Warschau zurückkehrte. trafen ihn Provinzialität und Armut der Stadt wie ein Schlag.

    Bevor er seine Arbeit am Kinderkrankenhaus in der Sliskastraße wiederaufnahm, gönnte sich Korczak vier Wochen Sommerkolonie mit einhundertundfünfzig polnischen Buben, bei denen "kein Mangel an echten Spitzbuben" herrschte. In dem Buch Von den Joscheks, Jascheks und Franeks, das er hierüber schrieb, bezaubert er seine Leser erneut mit den Abenteuern des unbeholfenen, bebrillten Gruppenleiters, der versucht, zu Straßenlümmeln durchzudringen, die zum ersten Mal in ihrem Leben in freier Natur losgelassen wurden. Wenn er auch im gedruckten Wort den Hanswurst spielte, so versuchte er doch nach wie vor jene Strategien weiterzuentwickeln, die er im vorausgegangenen Sommer bei den jüdischen Kindern ausgearbeitet hatte. Auch diese Kinder der Armut, viele mit trunksüchtigen Vätern und invaliden Müttern, die nicht für sie sorgen konnten, stellten ihm Fallen - doch diesmal war er vorbereitet. Sorgfältig merkte er sich den Namen eines jeden und notierte sich seinen ersten Eindruck, wobei er sich die Aggressivsten, von denen sicher Ärger zu erwarten war, gleich merkte. Am zweiten Tag, als die Buben bereits vor der Morgendämmerung laut wurden, hörte er einen verkünden: "Ich bin der Pfarrer im blauen Hemd!" Statt zornig zu werden, stürmte Korczak dramatisch in den Schlafsaal und fragte: "Also gut, wer ist der Pfarrer im blauen Hemd?", brach in Lachen aus, und die Spannung löste sich. "Wie Napoleon, der mit einer erfolgreichen Attacke eine ganze Schlacht gewinnt", hatte er das Vertrauen der Kinder gewonnen - ein Vertrauen, "ohne das es nicht nur unmöglich wäre, ein Buch über Kinder zu schreiben, sondern ebenso unmöglich, sie zu lieben, großzuziehen oder auch nur zu beobachten".

    Er experimentierte weiter mit seinem Gerichtshof, und es fiel ihm auf, daß drei der gemeinsten Buben, die dem kleinen, schwachen, stotternden Jasiek auch noch die Beeren geklaut hatten, von den Richtern deswegen freigesprochen wurden, weil die anderen sie bereits dadurch bestraft hatten, daß sie sich weigerten, mit Dieben zu spielen. Zwei der Missetäter wurden gleich nach diesem Ereignis freundlich und nett, der dritte jedoch erst dann, als er das "Waldgebet" vernommen hatte - er hatte jenen Augenblick erlebt, in dem die Bäume sprechen und der Himmel antwortet. Wer das vernimmt, "hat ein seltsames Gefühl in der Seele und bricht in Tränen aus, obwohl er nicht traurig ist, und er weiß auch nicht, warum. Und wenn er am nächsten Tag erwacht, ist er ein viel besserer Mensch als der, der er vorher war."

    Während er sich bemühte, die Probleme seiner Joscheks zu lösen, kamen ihm die Probleme seiner Mojsches in den Sinn. Jahre später, als die Jüdische Monatsschrift ihn bat, jüdische und polnische Kinder zu vergleichen, zitierte er John Ruskins Auffassung, daß man bei Kindern nach den Ähnlichkeiten und nicht nach den Unterschieden suchen sollte. Mit trockener Selbstironie verglich er sich mit dem "wahren Wissenschaftler", der 32 000 Mäuse bis in die achte Generation testet, um den Einfluß von Alkohol auf Mäuse herauszufinden, wohingegen er nur über zweihundert Kinder im Jahr verfüge. Und selbst wenn er an psychologische Testmethoden glaube, wie könnte er denn den Ergebnissen trauen? Sicherlich, er habe gehört, jüdische Kinder seien gefühlsbetonter als polnische, doch habe er bei ein und derselben Filmvorführung Kummer- und Freudentränen bei beiden gesehen - und da er die Tränen nicht einzeln gezählt habe, fühle er sich nicht qualifiziert, die emotionale Überlegenheit der einen oder anderen Gruppe festzustellen. Er bevorzuge Antworten, die auf persönlicher Erfahrung beruhten.

    Im September war er zurück auf seinem Posten im Kinderkrankenhaus, wo die alte Verzweiflung schon auf ihn wartete. Was sollte er dort? Was nützte es, kranke Kinder zu heilen, nur um sie wieder in ihre ungesunde Umgebung zu entlassen? Als sein Kollege Izaak Eliasberg, ein hochgeachteter Diagnostiker auf dem Gebiet der Haut- und Geschlechtskrankheiten, ihm von der Gesellschaft für Waisenhilfe berichtete, bei der er und seine Frau Stella Mitglieder waren, hörte Korczak sehr genau zu. Die Gesellschaft plante eine Veranstaltung zugunsten eines von ihr unterstützten Heimes. Wenn er Zeit habe zu kommen, dann kämen wohl auch einige reiche Philanthropen.

    Korczak nahm die Einladung an, ohne zu ahnen, was sie für ihn bedeuten sollte. Er lernte Stefania (Stefa) Wilczynska kennen, eine Frau, die nicht nur seinen Traum teilte, einen idealen Zufluchtsort für arme Kinder zu schaffen, sondern die ihm auch bei der Realisierung dieses Traumes zur Seite stehen wird.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «