Janusz Korczak Communication - Center
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Die Entscheidung

    Als Korczak in dem Kinderheim ankam, das in einem heruntergekommenen ehemaligen Nonnenkloster in der Franciskanskastraße untergebracht war, hatte das Programm zu Ehren Maria Konopnickas, einer Dichterin und Kinderautorin, bereits begonnen. Er stand im Hintergrund und betrachtete die blassen, dünnen Schauspieler mit ihren geschorenen Köpfen, ihren schlecht sitzenden, aber sauberen Kleidern, die für den Vortrag ihrer Gedichte die ganze Woche lang geübt hatten. Ihr schüchternes Lächeln bewegte ihn so, daß er die Tränen kaum zurückhalten konnte.

    Nicht alle waren Vollwaisen. Bei den meisten waren die Väter an Schwindsucht, Unterernährung oder Überarbeitung gestorben, ihre verwitweten Mütter konnten sich nicht um sie kümmern und waren gezwungen, sie in Heime zu geben, während sie arbeiteten. Die älteren unter ihnen kannten die Straße bereits und waren schon ziemlich hartgesotten. Sie hatten die gleiche Trauer in ihren eingesunkenen Augen, das gleiche unruhige, hohe Lachen, wie es Korczak von den kleinen polnischen Streunern aus den Warschauer Armenvierteln kannte - "ungewöhnliche Kinder, die nicht nur die Last ihrer zehn Jahre tragen, sondern tief innen die Bürde vieler Generationen".

    Korczak bemerkte Stefa, die auf der Seite stand und die Texte der Kinder lautlos mitsprach. Wenn ein Kind sein Gedicht aufgesagt hatte, rannte es in ihre Arme und blieb ganz nah bei ihr, hielt sich mit den anderen an ihren langen Röcken fest.

    Niemand hätte Stefa eine Schönheit nennen können, selbst damals nicht. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt, also acht Jahre jünger als Korczak, und einen guten Kopf größer als er. Ihre dunklen, ernsten Augen - das Schönste an ihrem breiten, unscheinbaren Gesicht - zeigten Wärme und Stärke. Auf einem Photo aus jener Zeit sieht man sie mit praktischer Kurzhaarfrisur und einem sehr konzentrierten, kämpferischen Gesichtsausdruck, der bereits die Frau ahnen läßt, die dazu bestimmt sein sollte, dreißig Jahre lang die Verantwortung für Hunderte von Kindern auf ihren Schultern zu tragen. Ein weißer Bubikragen sitzt schmucklos auf einem schwarzen Pullover, der eine plumpe, eher matronenhafte Figur umhüllt.

    Stefas Leben war dem Korczaks auf viele Weise ähnlich gewesen. Auch sie sprach kein Jiddisch und hatte wenig Ahnung vom jüdischen Ritual. Sie, ihre ältere Schwester Julia und ihr jüngerer Bruder Stanislaw (Stach) bewohnten mit ihren Eltern eine Sechs-Zimmer-Wohnung in einem Haus, das zur Mitgift ihrer Mutter gehört hatte. Die beiden ältesten Töchter waren bereits verheiratet und hatten ihre eigenen Wohnungen. Stefas Vater besaß eine Textilfabrik, war bei schlechter Gesundheit und überließ die Erziehung der Kinder mehr oder weniger seiner Frau. Zu einer Zeit, als nur wenige Frauen eine Ausbildung erhielten, sorgte Stefas Mutter - eine glühende polnische Patriotin - dafür, daß ihre beiden jüngsten Töchter auf Mlle. Jadwiga Sikorskas exklusive Privatschule gingen - auf der heimlich polnische Kultur unterrichtet wurde - und anschließend statt der russischen Universität in Warschau die Universität Lüttich besuchten. Als die Töchter aus dem Haus waren, beschäftigte sie sich damit, ihre Aussteuer zu vervollständigen, die sie in großen Truhen im eigenen Schlafzimmer aufbewahrte, wobei sie sich wohl kaum vorstellte, daß keine von beiden je heiraten würde. Alles wurde aufs genaueste hergerichtet bis zum letzten ordentlich angenähten Knopf; der Charakter eines Menschen zeigte sich für sie daran, wie fest seine Knöpfe saßen. Durch Ehemann und Sohn ans Haus gebunden, begnügte sich diese tatkräftige, reisefreudige Frau mit Tramausflügen in entlegenere Teile der Stadt. Wie nach einer langen, abenteuerlichen Reise kehrte sie dann nach Hause zurück. Dieser unkonventionellen Mutter verdankte Stefa einen großen Teil ihrer Wertbegriffe und organisatorischen Fähigkeiten.

    Stefa machte ihren Universitätsabschluß in den Naturwissenschaften, ihr eigentliches Interesse galt jedoch den Erziehungswissenschaften. Als sie nach Warschau zurückgekehrt war und in der Nähe ihres Hauses das kleine jüdische Heim sah, das dort von der Gesellschaft für Waisenhilfe betrieben wurde, bot sie sofort ihre Dienste an, Es dauerte nicht lange, bis sie so unentbehrlich wurde, daß Stella Eliasberg sie zur Leiterin machte, (Bevor die Gesellschaft das Heim übernahm, hatte die vormalige Leiterin die wenigen Geldmittel für sich selbst verbraucht, ging wohlgekleidet und aß gut, während die ausgemergelten Kinder in Lumpen auf dem schmutzigen Fußboden herumkrochen und halbverfaulte Kartoffeln aufklaubten, die man ihnen zugeworfen hatte,) Stefas einzige Hilfe war die tatkräftige dreizehnjährige Esterka Weintraub, Schützling aus einem anderen Waisenhaus, die wie eine Tochter für sie war.

    Im Verlauf ihrer Arbeit hatte sich auch Stefa eng an die Eliasbergs angeschlossen, als sie ihr mitteilten, daß Janusz Korczak die Wohltätigkeitsveranstaltung des Heimes besuchen würde, zweifelte sie nicht, daß dieser berühmte Anwalt für das Wohlergehen des Kindes an ihrem Projekt interessiert sein würde wie interessiert, das konnte sie allerdings nicht wissen, Korczak begann, zu allen möglichen Zeiten im Waisenhaus vorbeizuschauen, um mit ihr zu plaudern und mit den Kindern zu spielen, Die Kinder kreischten vor Vergnügen, wenn sie den schlanken, bescheidenen, glatzköpfigen Doktor sahen, dessen Taschen angefüllt waren mit Süßigkeiten und Zaubertricks und der über ein unerschöpfliches Repertoire an Späßen und Geschichten verfügte, Sie waren ein effektives Team: Stefa mit ihrer Fähigkeit, Ordnung in das dunkle, baufällige Quartier zu bringen, und er mit seiner natürlichen Begabung für den Umgang mit Kindern, Seine Liebe, die er eines Tages "pädagogische Liebe" nennen wird (kein sentimentales, sondern auf gegenseitigem Respekt basierendes Gefühl), umhüllte sie alle und besonders die kleine Esterka Weintraub, deren liebevolle und hilfsbereite Art sie auch ihm besonders ans Herz wachsen ließ, Als sie eines Tages überlegten, sie auf Stefas Universität nach Lüttich zu schicken, war es so, als sprächen sie über die Zukunft ihrer eigenen Tochter.

    Je anstrengender sein eigenes Leben wurde, desto wichtiger wurde Korczak das Leben im Heim, Am 22. Juli 1909, Korczaks Geburtstag, starb im Alter von neununddreißig Jahren Jozef Lui, der Mann seiner Schwester Anna. (über Lui selbst dessen merkwürdiger Name das Geheimnis noch größer erscheinen läßt - ist nichts bekannt, auch nichts über seine Ehe mit Anna, die beeidigte Französischübersetzerin war.)

    Es war für alle eine schlimme Zeit. In einer neuen Welle zaristischer Unterdrückung waren Tausende von Angehörigen der polnischen Elite - unter ihnen Intellektuelle, Sozialisten und Mitglieder der revolutionären Partei - entweder eingesperrt oder nach Sibirien verbannt worden. Die Universitäten waren geschlossen und die meisten Reformen, die die mißlungene Revolution von 1905 gebracht hatte, rückgängig gemacht worden. Die Zeitschrift Gesellschaft, von Jadwiga Dawid herausgegeben, nachdem vier Jahre vorher die Stimme verboten worden war, mußte aufgeben. Ob es am politischen Druck lag oder daran, daß Dawid eine Freundin hatte - oder an beidem -, jedenfalls erlitt Jadwiga einen Nervenzusammenbruch. Im folgenden Jahr warf sie sich im Alter von sechsundvierzig Jahren in einen Brunnen.

    Gemeinsam mit vielen anderen Autoren kam Korczak in das Gefängnis von Spokojna. Er war erleichtert, in seiner Zelle den namhaften Soziologen Ludwik Krzywicki vorzufinden, den er aus den Tagen der Fliegenden Universität kannte. Krzywicki, einem radikalen Sozialisten, der Marx ins Polnische übersetzt hatte, waren Gefängniszellen ebenso vertraut wie die Seminarräume, in denen er seine blendenden Vorträge hielt, von denen nicht wenige im Gefängnis geschrieben worden waren. Immer wieder verhaftet zu werden, war für ihn bereits zu einem akzeptierten Lebensstil geworden, den er im Gegensatz zu Jan Dawid und Waclaw Nalkowski, die politische Aktivitäten zur Lösung von Polens Problemen längst für vergeblich hielten, gar nicht mehr in Frage stellte.

    Krzywicki hatte gelernt, das Leben in fensterlosen Löchern zu ertragen, wo sein "längster Spaziergang" aus sieben Schritten bestand und sein einziger Zellengenosse eine Fliege war (über die er seinem Sohn lange Briefe schrieb). Es erstaunte Korczak, daß es dem Professor gelang, seine Umgebung auszuschalten und sich auf die Intaktheit seines inneren Selbst zu konzentrieren. Er verbrachte jeden Tag so, als sei er in seinem Arbeitszimmer, breitete seine Unterlagen und Karten auf dem schmierigen Fußboden aus und studierte die Völkerwanderung. Während der zwei Monate, die die beiden zusammen verbrachten, hat Krzywicki seinen jungen Freund wahrscheinlich ermutigt, seine Ziele unbeirrt zu verfolgen. (Jahre später, als Korczak von den Nazis inhaftiert worden war, kam ihm diese einmal erlernte Selbstdisziplin wieder zugute.)

    Nachdem er auf Intervention einer angesehenen polnischen Familie, deren Kind er behandelt hatte, aus dem Gefängnis entlassen worden war, verbrachte Korczak wiederum soviel Zeit wie nur möglich bei Stefa und den Kindern im Heim. Eliasberg und seine Frau erzählten ihm von ihrem Traum, die Kinder aus dieser unzulänglichen Unterkunft heraus in ein großes, modernes Waisenhaus zu bringen. Stefa hatte sich bereit erklärt, die Verwaltung zu übernehmen, und wenn jemand wie Korczak damit zu tun hätte, könnte die Gesellschaft für Waisenhilfe sicherlich mehr Förderer finden und das viele Geld auftreiben, das benötigt wurde. Die Eliasbergs hatten Korczak im richtigen Moment erwischt. Von der politischen Situation entmutigt und unzufrieden mit dem Krankenhaus, war er bereit, sein Leben radikal zu ändern.

    Im Jahre 1910 erfuhr die Warschauer Gesellschaft mit einiger Verwunderung, daß Janusz Korczak seine erfolgreiche Praxis und literarische Karriere aufgeben wollte, um Direktor eines Waisenhauses für jüdische Kinder zu werden. Nur wenige verstanden, daß die Medizin allein für diesen visionären Kinderarzt nicht mehr ausreichte, daß sie - wie Erik Erikson über Gandhis Rechtsanwaltspraxis sagte - "seinem reformatorischen Eifer" nicht genügte. Das Waisenhaus gab ihm die Chance, einige seiner Ideen über Erziehung in die Praxis umzusetzen, und wenn es auch so aussah, als brächte er ein Opfer ihm jedenfalls schien es nicht so. "Ich bin deshalb Erzieher geworden, weil ich mich unter Kindern immer am wohlsten gefühlt habe", sagte er viele Jahre später zu einem jungen Interviewer. Doch die Entscheidung war schwierig gewesen. ""Der von mir gewählte Weg zu meinem Ziel ist weder der kürzeste noch der bequemste", schrieb er später. "Doch für mich ist er der beste - weil es mein eigener ist. Ich habe ihn nicht ohne Mühen und Schmerzen gefunden, und auch erst dann, als ich begriffen hatte, daß alle Bücher, die ich las, und all die Erfahrungen und Meinungen anderer irreführend waren."

    Ein Teil der Schwierigkeit entsprang dem Bedürfnis, sich selbst zu versichern, daß er die Medizin und das Krankenhaus nicht wegen des Waisenhauses verraten hatte. (Er hat diesen Konflikt nie ganz lösen können.) Denn er wollte ja die Medizin nicht für die Pädagogik aufgeben, sondern beide miteinander verbinden. Mit dem Waisenhaus als Labor für die klinische Beobachtung wollte er ein erzieherisches Diagnosesystem erarbeiten, das auf greifbaren Symptomen basierte. So wie der Arzt die Krankheit anhand der Beschwerden des Patienten diagnostizierte, sollte der Lehrer die Stimmung seiner Schüler erkennen: "Was für den Arzt Fieber, Husten oder Übelkeit sind, sollten für den Lehrer eine Träne, ein Lächeln oder ein Erröten sein." Die Medizin sorgte sich nur um die Heilung des kranken Kindes, die Pädagogik jedoch könnte sich um das Kind insgesamt kümmern. Als Erzieher könnte er "Arzt und Bildhauer der kindlichen Seele" sein.

    Seine kleine Republik sollte kein so ehrgeiziges Projekt sein wie die "Schule des Lebens", die er sich einmal an den Ufern der Weichsel vorgestellt hatte - ein utopisches Zentrum mit Unterkünften für die Obdachlosen, einem Krankenhaus, um die Leiden des Körpers kennenzulernen (denn ohne dieses Wissen hielt er eine "wahrhafte Erziehung" nicht für möglich), einer Bank, um den praktischen Umgang mit Geld zu lernen, und einem Pfandleihhaus zur Demonstration der "Vergänglichkeit unnötiger Dinge". Die Gemeinschaft würde ihre eigenen, gerechten Gesetze haben, die Jungen ihr eigenes Parlament, einen Gerichtshof aus Gleichgestellten und eine Zeitung. Durch das Miteinander-Arbeiten sollten sie Rücksicht und Fairneß lernen und gegenüber anderen ein Verantwortungsgefühl entwickeln, das sie in ihr Erwachsenenleben mitnehmen würden. Dadurch, daß er seinen Waisen half, andere zu achten - ein erster Schritt zur Selbstachtung -, wurde Korczak zum Pionier für das, was wir heute "Moralerziehung" nennen. Es war nicht sein Anliegen, den Kindern das ABC beizubringen - das würden sie in der Grundschule schon lernen -, sondern die Regeln der Ethik. Die Philosophie hinter dem Gedanken der Republik der Kinder lautete: Kinder sind nicht erst Leute von morgen, sie sind es heute schon. Sie haben ein Recht darauf, ernst genommen zu werden. Sie haben ein Recht darauf, von den Erwachsenen mit Freundlichkeit und Respekt behandelt zu werden, als gleichwertige Partner und nicht wie Sklaven. Man sollte ein Kind zu dem Menschen heranwachsen lassen, der es ist und der in ihm steckt, denn die "unbekannte Person" in einem jeden von ihnen ist die Hoffnung der Zukunft.

    Hätte Korczak die Wahl gehabt, so hätte seine kleine Republik aus jüdischen und katholischen Kindern bestanden, doch das ging nicht. Jede Glaubensgemeinschaft nahm ihre eigenen Verantwortungen wahr, und die Gesellschaft für Waisenhilfe war eine philanthropische jüdische Einrichtung. Korczak hoffte allerdings, daß er den Graben zwischen den beiden Religionen dadurch überbrücken könnte, daß er sich in der polnischen Lehrergemeinschaft engagierte und seine Arbeit als ein mögliches Modell für alle Heime vorstellte, jüdische oder katholische.

    In einer armen jüdisch-katholischen Arbeiterwohngegend wurde in der Krochmalnastraße 92 ein Grundstück gekauft. Wie so viele Warschauer Straßen, die das seit Jahrhunderten zusammengewürfelte Leben von Juden und Katholiken widerspiegelten, zeigte auch die Krochmalna eine gespaltene Persönlichkeit.(Isaac Bashevis Singer, der in Haus Nr. 10 aufwuchs, nannte die Krochmalna "eine vielschichtige archäologische Ausgrabungsstätte, in deren Tiefen ich niemals vorgedrungen bin".) In den wuchernden Mietskasernen am verrufenen unteren Ende der Straße hausten wahllos Diebe, Schieber und Prostituierte neben armen chassidischen Rabbinern (wie Singers Vater), frommen Hausfrauen und einem überproportionalen Anteil an Warschaus armen jüdischen Dienstleuten, Schustern und Handwerkern.

    Im Gegensatz dazu war das obere Ende der Krochmalnastraße weniger bevölkert. Es gab sogar einen kleinen Obstgarten auf dem Grundstück des Waisenhauses, das an kleine Fabriken, Läden und Holzhäuser angrenzte, in deren Mitte eine schlichte katholische Kirche stand.

    Die Planung des Waisenhauses war für Korczak, der sich an mehreren Abenden der Woche bei den Eliasbergs mit den beiden Architekten traf, eine "bedeutende Erfahrung". Zum ersten Mal verstand er "die Andacht der Arbeit und die Schönheit aktiven Handelns". Er entwarf nicht nur ein Gebäude mit Wänden und Fenstern; er schuf einen geistigen Raum. Er wollte so weit wie möglich von den "Käfigen der Stadtwohnungen" und den unhygienischen Heimen weg, die die "Nachteile des Klosters und der Baracke in sich vereinen". Sein Ziel war eine geräumige, helle Struktur, die den individuellen Bedürfnissen jedes Kindes gerecht wurde. Er staunte darüber, "wie heute ein Viereck auf der Blaupause morgen eine Halle, ein Zimmer, ein Gang wird". Aber er lernte auch, seinen Enthusiasmus zu zügeln : "Jede schnelle Entscheidung bedeutete eine Anweisung für den Handwerker, der ihr dann ja auch dauerhafte Form verlieh." Jede Idee mußte auf ihre finanzielle, praktische und optische Durchführbarkeit überprüft werden. Ein Lehrer, so entschied er, sei nicht wirklich bewandert, bis er oder sie etwas von Baumaterialien verstünde: " Ein kleines Brett, eine Eisenplatte, ein Nagel am richtigen Platz, sie alle sind vielleicht wichtig bei der Lösung eines akuten Problems."

    Helena, die älteste der vier Eliasberg-Töchter, erinnerte sich, daß sie und ihre Schwestern sich auf die Abende freuten, an denen der lustige Doktor auftauchte, um sich bei ihren Eltern mit den Architekten zu treffen. "Einen Erwachsenen wie ihn hatten wir noch nie erlebt. Er küßte uns zur Begrüßung die Hand, als ob wir Damen wären, und kam ab und an zu uns, um zu lachen und scherzen. Wir durften sogar mit den Buntstiften, die er für die Baupläne benutzte, seine Glatze bemalen."

    Während er darauf wartete, daß das Waisenhaus gebaut wurde, ging Korczak für ungefähr ein halbes Jahr nach Paris, arbeitete bei Kinderärzten, sah sich Waisenhäuser und Besserungsanstalten an, so wie er es in Berlin drei Jahre vorher getan hatte. Paris war seit Generationen Zufluchtsstätte für emigrierte polnische Künstler und Intellektuelle gewesen, und man kann sich denken, daß Korczak einige von ihnen aufsuchte. Später erzählte er Freunden von seinen Spaziergängen an der Seine und seinen Besuchen in Galerien und Museen. Er stellte fest, daß er sich den Franzosen näher fühlte als den Deutschen. Berlin hatte ihn gelehrt, " einfach und erfindungsreich zu sein, sich Schritt für Schritt auf das zu konzentrieren, was er wußte, und von da aus systematisch weiterzumachen", Paris hingegen lehrte ihn, "an all das zu denken, was wir nicht wissen, jedoch gern wissen würden, was wir wissen wollen und müssen". Berlin war ein Arbeitstag voll kleiner Sorgen und Mühen gewesen, Paris aber war das Fest von morgen, angefüllt mit wundervollen Ahnungen, starken Hoffnungen und unerwartetem Triumph. In Paris vertiefte er sich in die " erstaunlichen" Bücher der französischen Ärzte und träumte ganz aufgeregt davon, das endgültige Buch über das Kind zu schreiben.

    Wahrscheinlich brachte ihn der Tod von Stefa Wilczynskas Vater im Januar 1911 nach Warschau zurück. Es war ein unheilvoller Beginn des neuen Jahres. Dann, im Februar, brach Waclaw Nalkowski, Korczaks Mentor von der Fliegenden Universität, im Alter von fünfundfünfzig Jahren auf der Straße zusammen und starb einige Tage später im Spital. Nalkowski verloren zu haben, war für Warschaus Intellektuelle, jedenfalls für die, die noch übrig waren, ein Schock. Dawid war in Krakau, ein einsamer Mann nach Jadwigas Selbstmord, und schrieb über die Psvchologie der religiösen Erfahrung. Und jetzt würde Nalkowski mit seinen kompromißlosen Prinzipien, die ihm Freunde und Feinde gebracht hatten, Korczak auch keine Stütze mehr sein können. In seiner Grabrede versuchte Korczak, die große Gemeinde polnischer Patrioten zu trösten:

      Ein glücklicher Mann ist gestorben - ein Mann, der so gelebt hat, wie er leben wollte. Nicht die - die heute wie Feiglinge sein Loblied singen, haben ihn getötet. Nicht die, die sich von den Brosamen seiner Gedanken ernährten, haben ihn getötet. Auch nicht die, die seine Größe zu sehen vermochten. Er hat niemals irgend jemanden bekämpft. Er hat sie bloß mit einem Kopfschütteln abgetan. Es war der Tod, der Nalkowski gefällt hat. Freuen wir uns, daß er auf polnischem Boden gelebt hat.

    Er half Nalkowskis Witwe, einer Geologin, beim Ordnen der Papiere und kümmerte sich um die letzten Details der Pläne für den Waisenhausbau. Seine Stimmung besserte sich dadurch allerdings nicht. Unmittelbar nach der Grundsteinlegung am 14. Juni 1911 reiste er nach England, um dort Waisenhäuser aufzusuchen - und auch, so ist zu vermuten, um seine Depression abzuschütteln. Dort hatte er ein Erlebnis, das ihm geholfen zu haben scheint, seinen weiteren Lebensweg klarer zu sehen.

    Es begann mit einer erholsamen Fahrt von London in den Vorort Forest Hill, wo er ein Waisenhaus besuchen wollte. Die großen Fenster des Zuges, die breiten Bänke und die angenehme Fahrt überraschten ihn. Ebenso beeindruckend war Forest Hill, ein offenbar wohlhabender Ort mit grünem Rasen so weit das Auge reichte. Er kam sich wie ein Bauerntölpel vor, als er die Heckenscheren bewunderte, die die Gärtner auf langen Stangen angebracht hatten, und besah sich eine Weile die Funktion eines Rasenmähers.

    Doch die größte Überraschung war das Waisenhaus selbst: "zwei kleine einstöckige Häuser, wie Zwillinge nebeneinanderstehend, dreißig Buben in einem, dreißig Mädchen im anderen". Wieso gab es an einem so reichen Platz wie Forest-Hill-Waisenkinder? fragte er sich. Woran sterben die Leute in einem solchen Ort? Der Direktor begrüßte ihn höflich und führte ihn herum, "ohne eine Spur deutscher Überheblichkeit oder französischer Förmlichkeit". Er sah die Tischlerwerkstatt, wo die Buben ausgebildet wurden, die Wäscherei, das Nähzimmer und den Stickereiladen für die Mädchen. Jedes Kind hatte sein eigenes kleines Stück Garten, hielt Kaninchen, Tauben oder Meerschweinchen. Es gab sogar ein Museum neben dem Waisenhaus, in dem man unter anderen Schätzen eine kleine Mumie bewundern konnte.

    Beim Abschied schrieb er sich als Janusz Korczak, Warschau. ins Gästebuch ein. Er brauchte die Sprache nicht. um zu verstehen, was jeder gedacht hatte, als man ihn herumführte: "Warschau? Ein seltsamer Gast von weit her. Warum sieht er sich alles so interessiert an? Die Schule? Es sind Kinder da, also muß es auch eine Schule geben. Das Waisenhaus? Aber da sind doch Waisenkinder, die müssen ja irgendwohin. Schwimmbad? Spielplatz? Aber das ist doch alles notwendig."

    Er war sich seiner abgetragenen Kleidung und ausgetretenen Schuhe bewußt und kam sich vor wie ein Bettler, der zufällig hereingeschneit war. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle überwältigten ihn die luxuriösen grünen Rasenflächen, die manikürten Parkanlagen und das große öffentliche Schwimmbad. Plötzlich sah er sein Leben als "ungeordnet, einsam und kalt", sah sich selbst als einen schäbigen Außenseiter, fremd und allein. Und plötzlich wurde ihm klar, daß der Sohn eines Wahnsinnigen, "ein Knecht, der ein polnischer Jude unter russischer Herrschaft ist", kein Recht hatte, ein Kind zu zeugen.

    Diese Erkenntnis "traf ihn wie ein Dolchstoß", und er fühlte sich wie "ein Selbstmörder", Das Kind, das er hätte zeugen mögen, starb mit ihm in diesem Moment, doch gleichzeitig kam ein "neuer Mann" hervor, der "die Idee, dem Kind und seinen Rechten zu dienen", an Sohnes Statt annahm. Er, der sich in so vielem so schwer entscheiden konnte, hatte nun ein für allemal beschlossen, kinderlos zu bleiben. Er wandte sich gegen Ehe und Familie, in denen sein Vater versagt und zu denen bei ihm, Janusz Korczak, in Wahrheit nie eine Neigung bestanden hatte. Natürlich konnte er kein Kind bleiben, aber er würde in der Welt der Kindheit leben, und zwar als der "verantwortungsbewußte Pädagoge", der sein Vater nie gewesen war. Er war jetzt dreiunddreißig, also fast so alt, wie der Vater bei der Geburt des Sohnes war.

    "Aus einer wahnsinnigen Seele schmieden wir die sinnvolle Tat", schrieb er später. Diese Tat war das "Gelübde, das Kind und seine Rechte zu verteidigen". Kein Orden hatte ihm dieses Gelübde abverlangt, er aber wird es zeitlebens einhalten wie ein Priester.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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