Janusz Korczak Communication - Center
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Republik der Kinder

    Das Kind - ein geschickter Schauspieler mit hundert Gesichtern:
    eins für die Mutter, den Vater, Großmutter oder Großvater,
    für den strengen oder nachsichtigen Lehrer,
    für den Koch und das Dienstmädchen, für seine Freunde,
    für Arme und Reiche.
    Naiv und schlau, bescheiden und hochmütig, sanft und rachsüchtig,
    artig und eigensinnig verbirgt es sich so erfolgreich, daß es uns an der Nase herumführt.

    Wie man ein Kind lieben soll

Weil das Waisenhaus nicht planmäßig fertig wurde, konnten die Kinder erst im Oktober 1912 einziehen. Aus ihrem früheren Heim waren sie bereits ausgezogen und warteten auf dem Land in Unterkünften, die die Sommergäste nicht mehr brauchten. Gewöhnt an das Getriebe ihrer Elendsviertel in der Stadt, waren sie ganz aufgeregt und suchten in den Wäldern nach Kannibalen und wilden Tieren. Als diese "lauten, frierenden, aufgeregten, unverschämten" Buben und Mädel schließlich an einem regnerischen Nachmittag in der Krochmalnastraße 92 ankamen, hatten sie immer noch ihre Stecken und Knüppel bei sich und wirkten selbst ein bißchen wie Wilde.

Das vierstöckige weiße Haus, eines der ersten Gebäude Warschaus mit Zentralheizung und Elektrizität, erschien den Waisenkindern wie ein Märchen. Mit angehaltenem Atem wanderten sie durch den riesigen Saal im Erdgeschoß mit seinen großen Fenstern und der bis in den zweiten Stock reichenden Decke, der als Speisesaal, Aufgaben- und Spielzimmer dienen sollte, und starrten ungläubig auf die gekachelten Badezimmer, die Klosetts mit Wasserspülung, die glänzenden Waschbecken aus Porzellan mit ihren Wasserhähnen für kaltes und warmes Wasser - alles so ganz anders als die fauligen, rattenverseuchten Plumpsklos, die sie kannten. Alles, selbst die gekachelte Küche, war sauber und schön, so als wäre sie für wichtige Leute gedacht.

Nach dem Abendessen wurden die Kinder in großen Badewannen aus Porzellan gebadet. Dann brachte man sie, eingehüllt in warme Nachtkleidung, in den Schlafsaal für Mädchen und für Buben, die ein kleiner verglaster Raum voneinander trennte, von dem aus Korczak sie beobachten und beruhigen wollte.

Die Kleinsten schliefen in eisernen Bettgestellen, die durch Bretter abgetrennt waren, in die Korczak in der Mitte ein großes Loch hatte bohren lassen für den Fall, daß die Kinder nachts aufwachten und die Hand nach jemandem ausstrecken wollten. Doch sie fürchteten sich immer noch, die Großen wie die Kleinen. Eins der Mädels, das noch nie ohne seine beiden Schwestern auf dem schmutzigen Strohsack geschlafen hatte, brach in Tränen aus. Und ein Bub, der zum ersten Mal in seinem Leben weiße Laken erblickte, kroch unters Bett. Korczak und Stefa gingen von Bett zu Bett, streichelten die Kinder, küßten und trösteten sie, bis ein jedes eingeschlafen war.

Ihre kleine Republik aufzubauen, erwies sich als ein Sechzehn-Stunden-Tag ohne Pausen, Ferien oder Wochenende, wie Korczak später meinte. Und Stefa erinnerte sich, daß ihr in den ersten Jahren die Arbeit überhaupt keine Zeit ließ, am Warschauer Leben teilzunehmen - sie hätte genausogut in einer Provinzstadt sein können. Doch für beide zählte nur das Gelingen ihres gemeinsamen Experiments.

Es sollte sich herausstellen, daß Korczak dieses erste Jahr im neuen Waisenhaus als das schlimmste seines Leben empfinden wird. Er hatte geglaubt, daß es nach seinen Erfahrungen in der Sommerkolonie keine Überraschungen mehr für ihn geben würde, aber er hatte sich geirrt. Statt sich über ihre neue Umgebung zu freuen und die Regeln des Gemeinschaftslebens zu akzeptieren, hatten die Kinder "den Krieg erklärt", bevor er überhaupt merkte, was los war. Zum zweiten Mal stand er hilflos vor dieser bedrohlichen Meute. Von all seinen Vorschriften überwältigt, begaben sich die Kinder in den absoluten Widerstand, den kein gutes Zureden zu brechen vermochte. Zwang führte zu Ablehnung. Das neue Heim, auf das sie so sehnsüchtig gewartet hatten, wurde verabscheut.

Erst später begriff Korczak, wie schwer es für die Kinder gewesen sein mußte, ihr altes Leben aufzugeben. Ihr altes Heim war schäbig und unzulänglich gewesen, ohne genügend Licht und ordentliche Möbel, aber jetzt hatten sie Sehnsucht danach. Die "Großartigkeit" der neuen Umgebung erdrückte sie. Die "unpersönliche Notwendigkeit der Routine" schien sie "auszuradieren". Jene Kinder, die Führer gewesen waren, welkten und versagten; wer früher kooperativ gewesen war, ging jetzt allem aus dem Weg. Korczaks erhabene Gefühle über die Würde der Arbeit interessierten sie überhaupt nicht. ("Ein sauber polierter Tisch ist genauso wichtig wie eine sauber geschriebene Seite.") Mißtrauisch schauten sie zu, als er Wischlappen und Besen, die er zu Kunstwerken erklärte, einen Ehrenplatz an der Schlafsaaltür gab.

Statt jedoch Wischlappen und Besen zu verehren, rebellierten sie und verschworen sich miteinander gegen ihn. Mittags verbreiteten sie das Gerücht, in der Suppe sei ein Wurm gefunden worden, und weigerten sich zu essen. Bei Tisch entwendeten sie Brot, was verboten war, und versteckten es unter Kissen und Matratzen. Dinge verschwanden unauffindbar oder wurden verlegt. Wer war das? Keiner wußte es. Wer hat das verschüttet? Wer hat das zerbrochen? Schweigen.

Manchmal, wenn Korczak losbrüllte: "Schon wieder was geklaut! Ich werde meine Kräfte nicht auf die Erziehung von Gaunern verschwenden!", stellte er fest, daß seine Stimme brach und ihm vor lauter ohnmächtigem Zorn die Tränen in die Augen traten. Er tröstete sich damit, daß jeder neue Lehrer solche harten Stunden der Prüfung erleben mußte. Doch er wußte, daß, ganz gleich wie wütend er war, er niemals den Eindruck vermitteln durfte, nicht Herr der Lage zu sein. Er lernte, nicht "zu platzen", selbst wenn einer der größten Halunken beim Putzen ein teures Porzellanurinal zerbrach und kurz darauf ein Glas mit mehr als vier Litern Fischlebertran. Seine Beherrschung machte sich bezahlt: er gewann "einen Verbündeten". Nach und nach wurde das "kollektive Bewußtsein" geweckt. Tag für Tag wechselten einige Kinder mehr auf seine Seite.

Nach einem halben Jahr, als alle sich schließlich einzugewöhnen begannen, wurden fünfzig neue Kinder aufgenommen. Wiederum war die kleine Gemeinde in Aufruhr, denn jetzt rebellierten die Neuen und trotzten der Autorität.

Auch das neue Personal brachte Probleme. Ein Philanthrop hatte im Heim eine Schule organisiert, doch die Lehrer, die dort arbeiteten, führten sich auf wie "Aristokraten" und schufen einen "Abgrund" zwischen sich und der Köchin, dem Hausmeister und der Waschfrau, denen sie sich überlegen fühlten. Korczak, der pedantische Besserwisserei haßte (oft meinte er, daß er ein Kind lieber der Obhut einer Frau überließe, die seit fünf Jahren Hühner züchtete, als einer frisch examinierten Erzieherin), entließ die Lehrer, weil er überzeugt war, sie seien weniger wichtig als die Dienstleute, die das Waisenhaus am Laufen hielten. Er schickte die Kinder auf Schulen in der Umgebung und behielt nur einen Lehrer zur Hausaufgabenüberwachung.

Es dauerte fast ein Jahr, bis Stefa und Korczak das Gefühl hatten, für ihre kleine Republik ein festes Fundament geschaffen zu haben. ("Weil das Fundament fehlte, ist das Dach eingestürzt", wurde eine seiner liebsten Äußerungen.) Sie waren erschöpft, doch überglücklich, frei von störenden Angestellten zu sein. Jetzt konnte das Kind "Patron, Arbeiter und Hausvorstand" werden.

Nicht alle Waisenkinder stammten aus armen Familien. Grigori Schmukler, ein Geigenwunder, wurde im Alter von zwölf Jahren nach dem Tod seines Vaters, der Arzt gewesen war, aufgenommen. Korczak, der Musik liebte, sorgte dafür, daß Grigori in den Salons einiger Gönner des Hauses kleine Wohltätigkeitskonzerte gab, deren Erlös dem Haus zugute kam. Und abends, bevor die Kinder einschliefen, ließ Korczak Grigori manchmal in seinen Glaskasten zwischen den Schlafsälen kommen und bat ihn, für alle Gluck und polnische Volkslieder zu spielen. Nachdem die Lichter gelöscht waren, saß er dann in diesem Kasten im Halbdunkel und schrieb - wie ein Pilot im Cockpit, der die Verantwortung für seine Crew trägt. Er freute sich an dem Gemurmel gedämpfter Stimmen, das herüberwehte, denn er hatte Sinn für "die tiefen, warmen, seelischen Bedürfnisse von Kindern, für leise geflüsterte Geheimnisse, melancholische Erinnerungen und aufrichtigen Rat".

Außerdem war er neugierig. "Worüber habt ihr gestern abend im Schlafsaal geredet?"" fragte er manchmal am nächsten Tag.

Die Kinder antworteten völlig frank und frei:

"Ich hab ihm erzählt, wie es war, als mein Vater noch lebte."

"Ich hab ihn gefragt, warum die Polen die Juden nicht leiden können."

"Ich hab ihm gesagt, wenn er sich mehr anstrengen würde, wären Sie ihm auch nicht böse.

" "Ich hab gesagt, wenn ich groß bin, möchte ich zu den Eskimos fahren, ihnen Lesen und Schreiben beibringen und wie man Häuser wie unseres baut."

Korczak reagierte mit Wärme und Herzlichkeit auf die innersten Gefühle der Kinder. Keiner wußte besser als er, wie paradox das Leben war. er wünschte ihnen tapfere Träume, aber er wollte auch, daß sie die Chancen auf Erfüllung dieser Träume realistisch einschätzen lernten. "Trau dich zu träumen", schrieb er in seinem Buch Ehre, das von drei Kindern mit hohen, aber unrealistischen Zielen erzählt. "Irgend etwas wird sicher eintreffen." In Eine Unglückswoche kann es ein fiktiver Bub, der Henryk Goldszmit sehr ähnlich ist, niemandem recht machen, weil sein Lehrer und seine Eltern nicht in der Lage sind, ihn zu verstehen. Die Geschichten wurden beim Publikum sehr beliebt. Korczak war der erste, der in der polnischen Literatur ein Kind zum Helden machte, das statt der gestelzten Sprache, die man Kindern in anderen Büchern, wo sie ohnehin nur am Rande vorkamen, in den Mund legte, so redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war.

Während Korczak den Jargon seiner Waisen aufschrieb, war ihm bewußt, daß sie ihre tiefsten Gefühle nachts ausdrückten und sich im Schlaf zu Empfindungen bekannten. die sie tagsüber erfolgreich unterdrückten, Er ging durch die Reihen und lauschte der "Symphonie atmender Kinder", sah die gequälte oder entspannte Körperhaltung des Träumers, und auch wenn er sich manchmal fragte, ob ein Husten von den Bronchien oder den Nerven kam, machte er sich intensive Notizen für ein "Hauptwerk" über schlafende Kinder und die Nacht. Allerdings kamen ihm auch Bedenken: Hatte er das Recht, diese Kinder zu beobachten, wenn sie am verletzbarsten waren? "Warum forschen?" fragte er sich. "Laß die Natur ihre Geheimnisse bewahren." Doch der Wissenschaftler mußte forschen. selbst wenn der Lehrer über moralischen Grundsätzen grübelte.

Manchmal saß er voll Qual in seinem Kasten, weil er einem Kind, das um den toten Vater oder die Mutter weinte oder das Sehnsucht nach seinen Geschwistern hatte, nicht helfen konnte. Tränen waren unvermeidlich, aber er gewöhnte sich niemals an das erstickte, hoffnungslose, tragische Schluchzen, das ihn an sein eigenes erinnert haben muß, als er um seinen kranken Vater litt. Er wußte, daß es ebenso viele Schluchzer wie Kinder gab: von den "stillen, privaten über die kapriziösen und unaufrichtigen bis zu den unkontrollierten und schamlos nackten. "Es ist nicht das Kind, das weint, sondern die Jahrhunderte", schrieb er in sein Notizbuch.

Ein Achtjähriger erwachte mit Zahnweh. Er griff nach Korczaks Hand und schüttete seinen Kummer aus:

". . . dann starb meine Mutter. Dann wurde ich zu meiner Großmutter geschickt, aber die starb auch. Dann wurde ich zu meiner Tante gebracht, aber die war nicht zu Hause. Es war kalt. Mein Onkel nahm mich auf. Sehr arm. Ich hatte Hunger. Seine Kinder waren krank. Er brachte mich in die Abstellkammer, damit ich mich nicht ansteckte. Nachts taten meine Zähne immer so weh. Dann nahm mich eine Frau für kurze Zeit auf. aber sie ging mit mir zu einem Platz und ließ mich dort. Es war dunkel. Ich hatte Angst. Andere Buben stießen mich. Dann brachte mich ein Polizist auf die Wache. Alle waren Polen. Sie schickten mich zu meiner Tante. Sie schrie mich an, und ich mußte schwören, Ihnen nicht alles zu erzählen. Kann ich hierbleiben? Ja? Sind Sie mir nicht böse, weil ich den Ball aufs Gras geworfen habe? Ich wußte nicht, daß das verboten war."

"Er schlief ein", notierte Korczak. "Es war merkwürdig, aber für einen kurzen Moment sah ich ganz genau einen Lichtschein um seinen müden, achtjährigen Kopf. Ich hatte ein solches Phänomen erst einmal vorher beobachtet." Und er fügte hinzu: "Selbst wo ich dies jetzt schreibe, weiß ich, daß das niemand verstehen wird. Es ist unmöglich, es sei denn, man war einmal in der Stille der Nacht in dem großen Schlafsaal eines Waisenhauses."

Die schlimmsten Raufbolde, die den ganzen Tag seine Geduld auf eine harte Probe gestellt hatten, konnten nachts zusammenbrechen. Als er Moishe schluchzen hörte, eilte er an sein Bett. "Nicht weinen. Du weckst die andern auf." Dann kniete er sich neben ihn und flüsterte: "Du weißt. wie lieb ich dich habe. Aber ich kann dir nicht alles durchgehen lassen. Der Wind hat die Fensterscheibe nicht zerbrochen. Das warst du. Du hast versucht. allen anderen ihre Spiele zu verderben, hast dein Abendbrot nicht gegessen und im Schlafsaal angefangen zu raufen. Ich bin nicht böse . . ."

Es überraschte Korczak nicht. daß seine Worte nur einen neuen Tränenstrom hervorriefen: "Manchmal bewirkt Trösten das Gegenteil - es kann die Gefühle des Kindes verschlimmern, statt sie zu beruhigen." Aber wenn Moishes Schluchzen auch noch stärker kam als vorher, es dauerte nicht mehr so lange.

"Vielleicht hast du Hunger. Soll ich dir eine Semmel holen?"

Der Bub lehnte ab.

"Schlaf jetzt, mein Sohn, schlaf", flüsterte Korczak. Er streichelte ihn sacht. "Schlaf."

Korczak fühlte sich sehr demütig in diesem Augenblick. Wenn er doch bloß die Kinder vor Gefahr beschützen könnte, sie "lagern könnte", bis sie stark genug waren, allein zu fliegen:

"Wie leicht ist es für einen Habicht oder eine Henne, ihre Kücken mit ihrem Körper zu wärmen. Für mich, einen Mann und Erzieher von Kindern, die nicht meine eigenen sind, ist das eine viel schwerere Aufgabe. Ich sehne mich danach, meine kleine Gemeinde gedeihen zu sehen, träume von ihren großen Erfolgen. Der Wunsch nach ihrer Perfektionierung ist mein trauriges, heimliches Gebet. Doch wenn ich realistisch bin, weiß ich, daß sie, sobald sie können, fortlaufen werden - herumstreichen, streunen oder plündern - auf der Suche nach Zuwendung und Vergnügen."

Einige der Kinder liefen kurzfristig weg: ein paar Mädchen wollten das alte Heim in der Franciszkanskastraße noch einmal wiedersehen, und drei Brüder verließen die Stadt, um ihr altes Haus und den Wald aufzusuchen, in dem sie immer gespielt hatten. Sie mußten vor dem Kindergericht erscheinen (das in den beiden Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unregelmäßig zusammentrat), weil sie die Vorschrift verletzt hatten, den Garten nicht ohne Erlaubnis zu verlassen, und weil sie zu spät zum Abendbrot erschienen waren. Die Richter waren nachsichtig, und Korczak notierte, daß "selbst Kinder die Nostalgie kennen, diese Sehnsucht nach dem, was einmal war und nicht mehr zurückkehren wird".

Mit der Voraussage, daß in Zukunft Lehrerseminare Kurse in erzieherischem Journalismus anbieten würden, startete Korczak die Zeitung des Waisenhauses, die er das "Alphabet des Lebens" nannte, weil sie eine Woche an die nächste anknüpft e und die Kinder zusammenschmiedete. "Mit einer Zeitung werden wir alles wissen, was geschieht", sagte er. "Es macht nichts, daß wir mit einer handgeschriebenen anfangen. Eines Tages werden wir sie mit der Maschine schreiben, vielleicht sogar drucken."

Die Kinder warteten begierig auf den Samstagmorgen, wenn Korczak seine Kolumne vorlas. (Generationen von Kindern werden sich an seinen lebendigen Stil und an seine warme Stimme erinnern.) "Wißt ihr noch", schrieb er einmal, ""wie ihr hier ankamt und keine Freunde hattet und traurig und allein wart? Erinnert ihr euch noch, wer euch stieß oder schlug oder sagte, ihr solltet ihm was geben, und ihr mußtet gehorchen? . . .

Jetzt sind neue Kinder da, denen es genauso geht wie euch damals, und die sich hier nicht auskennen. Wir hoffen, daß ihr euch um eure neuen Kameraden kümmern werdet." Und ein andermal: "Wir haben darauf gewartet, haben es erhofft. Und jetzt geschieht es. Kinder bringen ihren Familien Geschenke aus unserem Heim. Wir hatten uns gefragt, was für Geschenke das wohl sein würden: vielleicht Nadeln, Bleistifte, ein Stück Seife? Aber nein, es sind ganz andere Dinge! Ein Mädchen hat seinem Bruder eine Geschichte erzählt, die es hier gehört hat, ein Bub hat ein Lied gesungen, das er gerade gelernt hatte, ein anderer führte vor, daß er das Geschirr abwaschen konnte, und einige erzählten Sachen, die sie in unserer Hauszeitung gelesen hatten."

Sonntag nachmittags durften die Kinder Verwandte besuchen und nahmen ihre "Geschenke" mit. Korczak bestand darauf, daß sie den Kontakt zu ihren Familien nicht verloren. "Kinder ohne Familie fühlen sich benachteiligt"", sagte er. ""Selbst eine schlechte Familie ist besser als gar keine." Um sie vor Ansteckungsgefahren zu schützen, durften sie allerdings nicht über Nacht bleiben. Wenn sie abends um sieben ins Waisenhaus zurückkamen, wurden sie erst einmal nach Läusen abgesucht.

Unter den Warschauer Juden wurde gemunkelt, das Waisenhaus sei "zu polnisch". Korczak wurde vorgeworfen, eine "Assimilierungsfabrik" zu betreiben, obwohl das Haus auf koschere Vorschriften achtete und den Sabbat und jeden jüdischen Feiertag einhielt. Jedes Jahr zum Seder *

* Seder häusliche Feier der ersten beiden Abende des Passahfestes (Anm. d. Übers.)

wurden viele Gönner des Hauses eingeladen. Grigori Schmukler erinnert sich an den Rabbi, der den ersten Seder zelebrierte, und an die Enttäuschung der Kinder, die durch die Tür sausten, die für Elias geöffnet worden war, und niemanden vorfanden. Aber sie fanden die Matzen **

** Matzen ungesäuertes Passahbrot (Anm. d. Übers.). in einer Anrichte im Speisesaal versteckt und erhielten zur Belohnung Süßigkeiten.

Die Kinder freuten sich jeden Freitagabend auf das Sabbatmahl, und zwar nicht nur, weil es bei ihnen daheim so wichtig gewesen war, sondern weil Korczak es zu einem so lustigen Ereignis machte. Nachdem sie gebadet waren und er sie in einer langen Polonaise durch das ganze Haus geführt hatte, die Sabbatkerzen angezündet waren und sie ihr festliches Mahl eingenommen hatten, nachdem sie Lotterie gespielt und Süßigkeiten gewonnen hatten und sie dann schließlich ihr Nachtzeug anhatten und im Bett waren, kam Korczak abwechselnd in den Schlafsaal der Buben oder Mädchen, um eine Geschichte zu erzählen.

Er hätte leicht jedes Mal eine neue Geschichte erzählen können, doch er zog es vor, die alten Märchen vorzutragen, insbesondere "Der gestiefelte Kater". Er wurde nicht müde, die Streiche dieser scheinbar nutzlosen Katze zu schildern, der es mit List und Erfindungsgeist gelang, ihrem armen Herrn eine Prinzessin und ein Königreich zu verschaffen. Korczak wußte, daß mißachtete Kinder, die sich wütend und hilflos fühlen, weil ihre Eltern nicht mehr leben oder zu arm sind, sich um sie zu kümmern, an magische Kräfte glauben müssen, die ihnen helfen, Schwierigkeiten zu meistern.

"Ich habe immer Hindernisse eingebaut", schrieb er. "Wenn ich eine Schiffsreise mache, gibt es einen Sturm. Wenn ich irgendein Projekt bearbeite, habe ich zunächst Ärger und bin erst am Schluß erfolgreich. Weil es langweilig ist, wenn alles von Anfang an glattgeht . . ." Märchengeschichten, in denen der Held oder die Heldin mit Kraft und Hartnäckigkeit Hindernisse überwinden mußten, gefielen ihm, weil sie dem Leben so ähnlich waren.

"Ist das wahr?" hörte er einmal ein Kind fragen, als er eine Geschichte von einem Zauberer, einem Drachen, von Feen und einer verzauberten Prinzessin erzählte. Ein anderes Kind antwortete mit überlegener Stimme: "Er hat doch gesagt, daß es ein Märchen ist!" Mit der Frage konfrontiert, wie Kinder Realität wahrnehmen, kam Korczak zu dem Schluß: "Die Geschichte ist für das Kind nur deshalb nicht realistisch, weil wir ihm gesagt haben, daß Märchen nicht wahr sind."

Korczak fühlte sich zu der Moral dieser Geschichten hingezogen - daß die einfachen, guten Leute für ihre Anständigkeit schließlich belohnt werden und die Bösen bestraft. Er schwelgte in seiner Rolle als Geschichtenerzähler, beschrieb den gestiefelten Kater in seinen eleganten Hosen und hohen Schaftstiefeln, die Feder keck auf dem Hut, die Spannung, als die Kutsche des Königs mit der Prinzessin auftaucht, die schließlich den armen Herrn des Katers heiratet. Und ganz gleich wo er in der Geschichte war, er wurde nicht böse, wenn die Jüngsten einschliefen, denn, so sagte er, in der Sommerkolonie hatte er von einer Schafherde "eine Lektion in Demut" gelernt. Das war auf einem Ausflug, nachdem er dem Drängen der Buben nachgegeben hatte, ihnen eine Geschichte zu erzählen. Sie hatten ihn auf den Boden gezogen, sich darum gebalgt, wer neben ihm sitzen sollte, und lauschten ihm atemlos. Gerade als er zum spannendsten Teil kam, zog blökend und staubaufwirbelnd eine Schafherde vorbei. Bromberg (der ständig irgend etwas wie zum Beispiel seine Knöpfe verlor) sprang auf und rief: "Seht mal! Schafe!" Alle Buben sprangen auf, vergaßen den Geschichtenerzähler und rannten zur Herde. Korczak, alleingelassen, hatte sich zunächst darüber aufgeregt, später war er den Schafen dankbar dafür, daß sie ihn "weniger überheblich, ja bescheiden" hatten werden lassen.

Als die Nachricht von diesem progressiven Waisenhaus in Warschau, das das Experiment der Selbstverwaltung durchführte, sich über Polen hinaus auch in anderen Ländern herumsprach, hatte sich Korczak zu allem anderen auch noch mit einer nicht abreißenden Flut von ausländischen Beamten und Erziehern herumzuschlagen, darunter einer Gruppe russischer Architekten, die tagelang Zeichnungen des Hauses anfertigten. Und doch, mit all ihrer Berühmtheit war die kleine Republik gegen "das böse Geflüster der Straße, das unter der Tür hereinkriecht", nicht gefeit.

1910, als das Haus noch im Bau war, hatte es massive Ausbrüche von Antisemitismus gegeben, die von Politikern wie Roman Dmowski, dem Führer der rechten nationaldemokratischen Bewegung, geschürt worden waren. "An den Ufern der Weichsel ist kein Platz für zwei Rassen", predigte Dmowski angesichts der Tatsache, daß Warschaus dreihunderttausend Juden ein Drittel der Bevölkerung ausmachten. Die Juden seien ein Fremdkörper in der polnischen Gesellschaft und der nationalen Befreiungsidee nicht wohlgesonnen, behauptete er. Ein "kämpferischer Nationaldemokrat" sagte bei einer Tasse Kaffee verzweifelt zu Korczak: "Sag, was soll man tun? Diese Juden bringen uns noch ins Grab." Und eine andere polnische Bekannte lamentierte: " Eure Vorzüge sind für uns das Todesurteil."

Als ob vernünftige Worte die Kraft hätten, die wachsende Flut von Antisemitismus einzudämmen, schrieb Korczak für eine große polnische Zeitschrift einen Artikel mit dem Titel "Drei Strömungen". Es habe schon immer eine komplexe Beziehung zwischen Polen und Juden gegeben, schrieb er, die Antagonismen kämen von beiden Seiten, und er rief zum Glauben an die gemeinsam durchlebte Geschichte auf.

Er verwies auf drei deutliche Strömungen innerhalb der polnischen Gesellschaft. Die erste bestehe aus aristokratischen Polen, deren Namen auf " -ski und -icz" endeten und die noch nie bereit gewesen seien, mit jenen zusammenzuleben, deren Namen auf "-berg, -sohn und -stein" endeten. Die zweite Strömung bestehe aus "den Erben Salomons, Davids, Jesajas, der Makkabäer, der Halevis und Spinozas - Gesetzgebern, Denkern, Poeten - den ältesten Aristokraten in Europa, mit den Zehn Geboten als ihrem Wappen" und zöge es ebenfalls vor, separat zu leben.

Aber dann gab es da die dritte Strömung, deren Mitglieder stets erklärt hatten: "Wir sind Söhne derselben Erde, Jahrhunderte geteilten Leids und geteilter Erfolge machen uns zu Gliedern derselben Kette. Dieselbe Sonne bescheint uns, derselbe Hagel zerstört unsere Felder, und dieselbe Erde birgt die Gebeine unserer Vorfahren. In unserer Geschichte hat es mehr Tränen als Lachen gegeben, aber das war nicht der Fehler des einen oder des anderen. Laßt uns ein gemeinsames Feuer entzünden . . ." Er schloß den Artikel mit seinem persönlichen Bekenntnis: "Ich gehöre zur dritten Strömung."

Der Antisemitismus wuchs weiter wie ein Pilz im Regen des polnischen Nationalismus. Kurz nachdem Korczak und Stefa die Kinder 1912 in das neue Haus übersiedelt hatten, ging das Gerücht, eine Gruppe russischer Arbeiter, die die Weichselbrücken reparierten, wolle ein Pogrom beginnen. Die Lampen im jüdischen Viertel würden zerschlagen werden, und die Russen würden in alten jüdischen Kleidern auftauchen, die sie, so hieß es, beim Altwarenhändler erstanden hatten. Korczak ließ ein kleines Seitentor unverschlossen, damit es im Fall von Gewaltübergriffen einen Fluchtweg gab.

1913 wurde die antisemitische Hysterie zusätzlich durch den Beilis-Prozeß geschürt, der damals in Kiew stattfand. Mendel Beilis, ein kleiner Angestellter, war angeklagt, einen Christen getötet zu haben, um dessen Blut für eine Passahfestzeremonie zu verwenden. Ähnliche Anklagen gegen die Juden hatte es schon seit Jahrhunderten überall in Europa gegeben, doch verbreitete sich die Nachricht dieses Prozesses wie ein Lauffeuer in Polen. Grigori Schmukler erinnert sich, daß einige Kinder auf dem Schulweg mit Steinen nach ihm und anderen Waisen warfen und "Beilis! Beilis!" schrien. Selbst als Beilis vom Gericht in Kiew freigesprochen wurde, hörten die Kinder mit ihren Quälereien nicht auf: ""Hetzt die Hunde auf die Juden!"

Korczak bemühte sich um ein gutes Verhältnis zu den Kindern der Nachbarschaft und lud sie ein, im Waisenhaus mit den andern zu spielen. Der berühmte deutsche Philosoph Hermann Cohen, der 1914 eine Reise durch die jüdischen Gemeinden Osteuropas unternahm, besuchte auf seiner letzten Station auch Korczaks Waisenhaus und war erstaunt über die erfolge, die unter solch schwierigen Voraussetzungen erzielt wurden. Im Gegensatz zu anderen assimilierten Juden Westeuropas, die auf ihre rückständigen, für sie fast mittelalterlichen Brüder im Osten verächtlich herabsahen, schrieb Cohen glühend in Martin Bubers Zeitung Der Jude: "Ich war tief berührt von meinen Besuchen in vorbildlichen Waisenhäusern, ganz besonders von dem, das Dr. Goldszmit mit unbeschreiblicher Liebe und modernem Verständnis in Warschau führt."

Als im Frühling und Sommer in den Kaffeehäusern die Gerüchte vom bevorstehenden Krieg immer lauter wurden, versuchte Korczak eine neue Diplomatie. Er veranlaßte die Gesellschaft für Waisenhilfe, zweihundert Blumentöpfe anzuschaffen, die die Kinder an die Nachbarn verteilen sollten. Mochte sich Warschau um den drohenden Weltkonflikt sorgen, in der Krochmalnastraße sollten jedenfalls Geranien in der Sonne leuchten.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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