Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Wie man ein Kind lieben soll

    Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte den Geranienplan zunichte. Ganz Warschau war in einem völlig chaotischen Zustand in jenem August 1914: Flüchtlinge strömten aus allen Richtungen in die Stadt, und die Menschen horteten alles Lebensnotwendige. Für die orthodoxen Juden am Ende der Krochmalnastraße war dies der letzte Krieg Gogs*,

    * Gog alttest. mythischer König des Reiches Magog; sein Heer wird am Weltende gegen das Volk Gottes kämpfen und zugrunde gehen.
    Hesekiel 38, 39 (Anm. d. Übers.)

    nach dessen Ende der Messias kommen würde. In einer säkularisierten Version dieses Gefühls hoffte Korczak, daß aus diesem Konflikt eine neue, edle Welt entstehen würde. Er wußte nicht, als er erneut als Arzt in die Armee des Zaren berufen wurde, daß es vier lange, blutige Jahre dauern sollte, bevor er eine neue Welt oder seine Waisen wiedersah.

    Es war ein tragischer Krieg für die Polen. Von allen drei Besatzungsmächten zu den Waffen gerufen - 800 000 in der russischen Armee, 400 000 in der österreichischen und 200 000 in der deutschen -, fanden sie sich in der unerträglichen Situation wieder, gegeneinander kämpfen zu müssen. Selbst ihre Führer konnten sich nicht darüber einigen, wer ihr größter Feind sei: Rußland, Deutschland, Österreich. Und selbst jene Zyniker, die meinten, die einzige Möglichkeit, Polen wieder zu vereinigen, wäre ein verlorener Krieg für alle drei, glaubten nicht so recht daran.

    Korczak war ebenso aufgescheucht wie alle anderen und bemühte sich, für Stefa und die Kinder für die Zeit seiner Abwesenheit Vorsorge zu treffen. Auch Izaak Eliasberg war eingezogen worden und würde kein Geld auftreiben können. Spenden waren rar geworden, während die Zahl der hilfsbedürftigen Kinder stieg. Als die Bank sich weigerte, ihm mehr als zweihundertfünfzig von den fünftausend Rubeln auf seinem Privatkonto auszuzahlen, suchte Korczak seinen Verleger Jakub Mortkowicz auf, um sich die hundert Rubel zu holen, die er bei ihm "für schlechte Zeiten" deponiert hatte. In glücklicheren Tagen war er oft mit der kulturellen Elite Warschaus im Zimmer hinter dem Buchladen in Mortkowicz' Büro gesessen und hatte im Zemianska, dem beliebten Literatencafé auf der Mazowieckastraße, das an den gleichen Hof angrenzte, mit den anderen Cappuccino getrunken und Cremetorten verspeist. Bei dem assimilierten Juden Mortkowicz publizierten - wegen seines hohen verlegerischen Standards - die besten Schriftsteller. Seine Frau Janina (die ebenso redselig wie er schweigsam war) publizierte Korczaks Geschichten in der Kinderzeitschrift Im Sonnenschein, die sie gemeinsam mit Stefania Sempolowska herausgab. Es war eine literarische Welt, die eng zusammenhielt, und Mortkowicz zögerte keine Sekunde, dem berühmten Autor die hundert Rubel zu geben, die er brauchte. Er bot ihm sogar an, während seiner Abwesenheit nach seiner Mutter zu schauen.

    Es fiel Korczak nicht leicht, sich von den Kindern zu verabschieden. Bis dahin waren sie es gewesen, die ihn verließen, wenn sie alt genug waren, in der Welt draußen ihr eigenes Leben zu leben. Er hatte sich innerlich gegen diese Abschiede gewappnet und seine Aufmerksamkeit den Neuankömmlingen gewidmet. Aber jetzt war er es, der zu einer Zeit ging, als sie ihn am meisten brauchten.

    Korczak beruhigte die Kinder, und Stefa beruhigte ihn, obgleich die alleinige Verantwortung für die mittlerweile mehr als hundertfünfzig Kinder sie überwältigte. Einige Monate vor Ausbruch des Krieges hatte sie sich ihren Traum erfüllt und ihre geliebte Esterka Weintraub nach Belgien auf die Universität geschickt, und Korczaks Vorschlag, Esterka um ihre Rückkehr zu bitten, kam für sie nicht in Betracht. Bevor er jedoch Warschau verließ, schrieb Korczak an Esterka. Wie er gehofft hatte, unterbrach sie ihr Studium und eilte zurück. Sie blieb die nächsten zwei Jahre an Stefas Seite und arbeitete Tag und Nacht unter den schwierigen Bedingungen der deutschen Besatzung, manchmal brachte sie sogar kranke Kinder auf ihrem Rücken ins Spital. Als sie sich in der Epidemie von 1916 mit Typhus ansteckte und starb. war es für Stefa. als hätte sie ihre eigene Tochter verloren. Vor Schmerz halb von Sinnen. überlegte sie sogar, ihre Arbeit aufzugeben. aber weil so viele Kinder von ihr abhängig waren, zwang sie sich weiterzumachen. Doch niemals mehr gestattete sich Stefa eine solch innige Zuneigung zu einem der Waisenkinder.

    Korczak war in einem Divisionsfeldlazarett an der Ostfront. Dieser brutale Krieg, durch den er sich in seiner schweren russischen Uniform mit den hohen Stiefeln schleppte, während die Armeen Rußlands und Österreich-Ungarns sich durch die hilflosen Dörfer Osteuropas hin- und hertrieben, hinterließ bei ihm den Eindruck von "Männern, die zu einer Uhr marschieren, die nur einen Zeiger hat - das Schwert". Noch nicht einmal Männer, sondern " eine Orgie von Teufeln in trunkener Prozession". Und wofür?

    Als sie einmal in einem verlassenen Dorf ihr Nachtlager aufschlugen, wurde er auf einen blinden alten Juden aufmerksam, der sich mit seinem Stock durch den lnfanteriekonvoi aus Pferden und Wagen seinen Weg suchte. Freunde und Familie des Mannes hatten ihn zu überreden versucht, mit ihnen zu kommen, doch er hatte darauf bestanden, zurückzubleiben und auf Synagoge und Friedhof aufzupassen. (Fünfundzwanzig Jahre später, als Korczak sich entschied, bei seinen Kindern im Ghetto zu bleiben, wird er sich mit diesem alten Juden vergleichen.)

    Doch er versuchte, alles universal zu sehen. "Nicht nur die Juden leiden", schrieb er. "Die ganze Welt ist in Blut und Feuer eingetaucht, in Tränen und Trauer. Und das Leiden macht die Menschen nicht nobel, noch nicht einmal die Juden."

    Vielleicht begann er, sein Buch Wie man ein Kind lieben soll zu schreiben, um nicht der Verzweiflung zu verfallen, während das Lazarett, den Truppen folgend, über die Schlachtfelder Osteuropas zog. Es sollte nicht weniger werden als die "Synthese des Kindes", von der er während seines halbjährigen Aufenthaltes in Paris geträumt hatte und die hervorgegangen war aus seinen Erfahrungen als Kinderarzt, Lagerleiter und Erzieher. Er schrieb in der Sanitätsstation zur ohrenbetäubenden Kakophonie des Artilleriefeuers, auf einem Baumstumpf in einem Wald, wo die Truppen rasteten, auf einer Wiese unter einem Tannenbaum. Alles schien wichtig - er hielt dauernd inne, um Dinge niederzuschreiben, so daß er nichts vergaß. "Das wäre ein unersetzlicher Verlust für die Menschheit", meinte er ironisch zu seinem Burschen.

    Der Bursche, von dem wir nur wissen, daß er Walenty genannt wurde, hatte die Aufgabe, die handschriftlichen Notizen eines jeden Tages mit der Maschine abzuschreiben. Es muß arg für ihn gewesen sein, denn ein Manuskript über Kindesentwicklung zu tippen, gehörte nicht zu den normalen militärischen Aufgaben. Nur einmal, während einer kurzen Ruhepause, beschwerte er sich und murmelte: " Lohnt sich das denn überhaupt für die halbe Stunde?", wie ihn Korczak später einmal liebevoll zitierte. Es gab Zeiten, wo er einen ganzen Monat nicht dazu kam, an seinem Buch zu schreiben. In solchen Perioden nagten die Selbstzweifel an ihm. Warum sich zum Narren machen? "Was richtig ist, wissen hundert andere auch."

    Wie man ein Kind lieben soll war ursprünglich nur als kurzes Pamphlet für Eltern und Lehrer gedacht, aber vielleicht weil es ein langer Krieg war, schwoll das Manuskript auf Hunderte von Seiten an. Eine seiner Hauptthesen ist, daß man ein Kind das eigene oder das eines anderen - unmöglich lieben kann, solange man es nicht als Einzelwesen mit dem unveräußerlichen Recht sieht, sich zu dem Menschen zu entwickeln, der es ist. Ein Kind kann man noch nicht einmal verstehen, bis man sich selbst versteht: "Du selbst bist das Kind, das du kennenlernen, großziehen und vor allem aufklären mußt."

    Da er vom Temperament her ein Künstler und kein Theoretiker war, produzierte Korczak kein systematisch gegliedertes Traktat, sondern Bilder vom Kind in jedem flüchtigen Zeitrahmen seiner Entwicklung. Bescheidenheit vortäuschend, gibt er zu, daß er auf die meisten Fragen, die der Leser vielleicht haben mag, nur " Ich weiß nicht" entgegnen kann. (Und er fügt dann schüchtern hinzu, daß dieser scheinbar leere Satz unbegrenzte Möglichkeiten für neue Erkenntnisse enthält.) "

    Es ist unmöglich, Eltern, die ich nicht kenne, zu sagen, wie sie ein Kind, das ich nicht kenne, in einer Umgebung, die ich auch nicht kenne, erziehen sollen", schrieb er. Die Mutter muß lernen, ihrem eigenen Urteil zu trauen; niemand kennt ihr Kind so gut wie sie: "Wenn Sie erwarten, in Büchern die richtigen Voraussagen über die Entwicklung Ihres Kindes zu finden, könnten Sie auch eine fremde Frau bitten, Ihr Kind zur Welt zu bringen. Es gibt Erkenntnisse, und das sind die wertvollsten. die nur aus Ihrem persönlichen Schmerz kommen können." Korczak, der Künstler, spricht in Metaphern, vergleicht das Kind mit einem Pergament voller Hieroglyphen, von denen die Eltern nur einige wenige werden entziffern können: "Suchen Sie in dem Fremden, der Ihr Kind ist, den unentdeckten Teil Ihres Selbst." Der Kinderarzt beschwört den gesunden Menschenverstand und warnt davor, die Entwicklung eines Kindes mit der Meßlatte vollziehen zu wollen: "Wann sollte ein Kind zu sprechen und zu laufen anfangen? Wenn es soweit ist. Wann sollten die ersten Zähne kommen? Wenn sie soweit sind. Wie lange sollte ein Baby schlafen? Bis es wach wird."

    Hinter all diesen Aussagen stehen die scharfen Überlegungen eines Kinderpsychologen, der als einer der ersten seiner Zeit die Bedeutung der frühen Kindheit in der Entwicklung des Menschen erkannte. Während Freud noch seine erwachsenen . ihre Kindheit befragte, hatte Korczak bereits die Patienten über Notwendigkeit gesehen, das kleine Kind selbst zu beobachten. "Napoleon litt an Tetanie, Bismarck hatte Rachitis, und beide waren Säuglinge, bevor sie Männer wurden. Wenn wir die Quelle des Denkens, der Gefühle und Ambitionen finden wollen, müssen wir uns mit dem Kleinkind befassen."

    Er sah das Kind als "klar entwickelte Persönlichkeit mit Temperament, Stärke und Intellekt". Er beugte sich über Hunderte von Kinderbettchen und erkannte "die Vertrauensvollen und die Mißtrauischen, die Beständigen und die Kapriziösen, die Fröhlichen und die Melancholischen, die Wankelmütigen, die Ängstlichen und die Feindseligen". Wenn ihre Temperamente auch unterschiedlich waren, so würde doch ein jedes versuchen müssen, mit unbekannten Kräften zurechtzukommen und die Geheimnisse einer Welt zu erkunden, die gute und böse Botschaften aussandte. "Das Kind verhält sich seinem Wissen entsprechend im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten - und von beidem hat es noch nicht sehr viel. . . .Es weiß noch nicht, daß die Brust, das Gesicht und die Hände eine Einheit bilden - die Mutter."

    Die Mutter braucht ihr Kind nur selbstlos zu beobachten, um es zu verstehen, denn was soll sein intensiver Blick anderes bedeuten als eine Frage? Das Baby kann noch keine Worte sagen, aber es spricht in "der Sprache des Gesichtsausdrucks, der Sprache von Bildern und gefühlten Erinnerungen". Jede neue Bewegung, die es macht, "ist wie die eines Pianisten, der die richtige innere Einstellung und absolute Selbstkontrolle braucht, um spielen zu können".

    Das Kind ist Nutznießer und Opfer der Liebe seiner Mutter, wobei der Autor sich wie ein Schutzengel für das Kind einsetzt.

    Auch die Lehrer beargwöhnt er, tröstet sie allerdings ebenso "Sie werden immer Fehler machen, denn Sie sind Menschen und keine Maschinen" - aber - "Kinder lieben das Lachen, Bewegung, Streiche. Lehrer, wenn dir das Leben ein Friedhof ist, laß den Kindern die Freiheit, es als Weideland zu sehen."

    Darüber zu schreiben, wie man ein Kind lieben soll, war eine Sache; ein Kind zu haben, das man lieben konnte, eine andere. Als das Feldlazarett im Februar 1917 für unbestimmte Zeit auf einem Hügel über der Stadt Tarnopol in Galizien aufgeschlagen wurde, empfand Korczak diesen Mangel ganz besonders. Es war bald drei Jahre her, seit er seine Waisen in Warschau verlassen hatte, und sechs Monate, seit ein kurzer, zerknitterter Brief irgendwie "durch die engen Maschen aus Bajonetten, Zensoren und Spionen" zu ihm gelangt war. Abends, wenn sein Dienst zu Ende war, setzte er sich vor die Tür und sah zu, wie in der Stadt unten ein Licht nach dem anderen ausging. Heimweh überwältigte ihn, wenn er sich an das Abdrehen der Lichter im Waisenhaus erinnerte und an die Stille, die sich dann langsam über alles gesenkt hatte.

    Sobald Korczak ein paar freie Stunden hatte, besuchte er in Tarnopol ein behördlich eingerichtetes Kinderheim und war entsetzt über die dortigen Zustände. Statt als Zufluchtsstätte zu dienen, waren solche Plätze "Müllkübel, in die die Kinder als Kriegsabfall geworfen wurden, Restabfälle der Ruhr, des Typhus oder der Cholera, die ihre Eltern zerstört hatten - beziehungsweise ihre Mütter. Ihre Väter waren irgendwo draußen und kämpften für eine bessere Welt."

    Wieso bemerkte er Stefan? Vielleicht stand der Bub abseits. Vielleicht trafen sich ihre Augen in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses. Bald waren sie in ein tiefes Gespräch verwickelt. Als Stefan sagte, daß er gerne ein Handwerk lernen würde, erzählte ihm Korczak von der Tischlerei in seinem Lazarett. Kaum hatte er den Buben gefragt, ob er Lust hätte, mit ihm zu kommen und Tischlern und Lesen zu lernen, da bereute er es auch schon. Er hatte sein eigenes Wort gebrochen, daß man Kinder nie vor eine plötzliche Entscheidung stellen sollte. "Nicht heute", sagte er rasch. "Ich komme am Montag wieder. Sprich mit deinem Bruder. Denk darüber nach." Als ob es für einen verlorenen Buben wie Stefan Zagrodnik viel zum Nachdenken gegeben hätte - es war Korczak, der über einiges nachdenken mußte.

    Er war es gewohnt, mit Gruppen von hundert Kindern zu arbeiten. Jedes seiner Worte hinterließ einen Eindruck in hundert Köpfen, jeder seiner Schritte wurde von hundert wachen Augenpaaren beobachtet. Wenn auch nicht alle, so erreichte er doch zumindest einige. Er brauchte sich nie vor dem "völligen Versagen" zu fürchten, wie er schrieb. Eigentlich war er immer der Ansicht gewesen, mit nur einem Kind zu arbeiten sei die ganze Mühe nicht wert; er äußerte sich verächtlich über Lehrer, die private Posten den Gruppenprojekten vorzogen, weil sie nur ihren persönlichen Vorteil im Auge hätten. Und jetzt war er soweit, " die Stunden, Tage und Monate seines Lebens" einem einzigen Kind zu widmen.

    Stefan wartete schon ganz aufgeregt, als Korczak und sein Bursche ihn Montagabend mit dem Schlitten abholten. Walenty war sowieso sehr ärgerlich über die Idee. Erst sollte er Manuskripte auf der Maschine schreiben und jetzt auch noch für einen dahergelaufenen ukrainischen Buben kochen und waschen. Zu allem übel begann dieser auch sogleich, Walenty zu duzen. Stefan selbst interessierte sich nur für seine erste Schlittenfahrt bei Mondschein, vorbei an der Kirche und dem Bahnhof, an Kutschen und Lastwagen und dann über die Brücke bis zum Lazarett.

    In den ersten Tagen ließ Korczak den Buben in Ruhe. nahm sich aber vor, daß er Walenty mit mehr Respekt begegnen sollte. Er wußte von ähnlichen Situationen im Waisenhaus, daß der Hausmeister, die Köchin und die Waschfrau sehr ärgerlich wurden, wenn die Kinder sie nicht "mit Titel" ansprachen. Aber er wollte Stefan erst einmal Zeit geben, sich umzuschauen, einzugewöhnen und Vertrauen zu gewinnen.

    Stefans Mutter war gestorben, als er sieben Jahre alt war. Er konnte sich noch nicht einmal an ihren Namen erinnern - nur daß sie Blut gehustet hatte und dann aus dem Krankenhaus nicht mehr zurückkehrte. Sein Vater war vielleicht schon gefallen, an der Front oder Kriegsgefangener. Eine Zeitlang hatte Stefan mit seinem siebzehnjährigen Bruder in Tarnopol gelebt, dann bei den Soldaten, bis man ihn ins Heim gebracht hatte, wo Korczak ihn fand.

    Zunächst sah es so aus, als ob Walenty mit seinen bösen Ahnungen recht gehabt hätte. Stefan war gerade einen Tag da, als er furchtbares Bauchweh bekam. Sein Bruder hatte ihm zum Abschied fünfzig Kopeken geschenkt, die er in Kuchen und Süßigkeiten umgesetzt hatte, was seinem Magen dann in Kombination mit der kalten Wurst aus der Soldatenration zuviel geworden war.

    Im Waisenhaus hatte Krankheit häufig zu Spannungen und Ärger geführt, Stefans Krankheit jedoch brachte sie einander näher, wie Korczak notierte, geradeso wie es in einer Familie auch der Fall ist. Er setzte den Buben im Bett auf wie den Hahn auf der Stange. Damit Stefan weiterhin schreiben üben konnte, stellte er das Tintenfaß in eine alte Dose, die Walenty vorher bereits zu einem Aschenbecher umfunktioniert hatte. Dann stellte er die Dose in eine große Schachtel, die extra für diesen Zweck leerte, und hielt sie auf der einen Seite mit einem Kissen und auf der anderen wiederum mit einer Schachtel fest. Als Stefan ihm mit einem Lächeln dankte, schoß es Korczak durch den Sinn, daß ein Heim solchen Luxus nicht bieten konnte. Außerdem fiel ihm auf, daß er in einer großen Gruppe von Kindern so ein Lächeln gar nicht bemerken würde. Erst jetzt erkannte er darin ein wichtiges Signal, das es zu studieren galt.

    Korczak hielt sich an seinen pädagogischen Plan, Stefan das Lesen beizubringen, und schrieb die Fortschritte eines jeden Tages minutiös nieder. Es war, als wurde Stefans Einführung in die Windungen der polnischen Grammatik für sie beide das Universum wieder in Ordnung bringen. Während Stefan seine Sätze zu korrigieren, ohne recht zu wissen, wie versuchte, ein lauten mußten, fiel Korczak auf, daß ein Kind offenbar über ein "grammatikalisches Bewußtsein" verfügt, das durch die komplexen Erläuterungen des Lehrers gestört werden könnte:

        Die Seele des Kindes - ein Wald,
        in dem die Baumwipfel sich sanft wiegen, die Äste sich vermischen
        und die zitternden Blätter sich berühren.

        Manchmal streift ein Baum seinen Nachbarn und spürt die Vibrationen
        von hundert oder tausend Bäumen - vom ganzen Wald.

        Jedesmal, wenn von uns einer sagt "richtig - falsch - Paß auf - mach's noch einmal", ist es wie ein Windstoß mit verheerender Wirkung für das Kind.

    In der ersten Woche stolperte Stefan mehr oder weniger sich hin, aber dann schien er die "Vibrationen" zu fühlen. Er bewegte sich im Buch ebenso geschmeidig wie mit seiner Rodel im Schnee, überwand die Hindernisse mit einer Bestimmtheit, die er vorher nicht gezeigt hatte. Es war ihm gelungen, das "Risiko des Sports auf das Lernen zu übertragen". Aber der Bub war schlau - er wußte, wie er seinen Mentor zu manipulieren hatte. Um Unterrichtsstunden zu entgehen, versuchte er, beim Damespiel zu mogeln. Er brachte eine Kartusche mit in die Werkstatt ohne vorher um Erlaubnis zu bitten, und log, als man ihn danach fragte.

    Der Pädagoge war ebenso hilflos wie jeder Vater. Er mußte aufpassen. "Wenn das Kind die Oberhand gewinnt, kommt Geringschätzigkeit ins Spiel. Man muß sich wehren, seine Autorität bewahren, und zwar durch Handlungen und nicht durch Schelte." Und als ob er sich selbst noch mehr überzeugen müßte, fügte er hinzu: " Kinder mögen ein gewisses Maß an Zwang. Es hilft ihnen, ihren eigenen inneren Widerstand zu überwinden. Und sie sparen sich die geistige Anstrengung der Entscheidung."

    Stefan arbeitete in der Tischlerei, während Korczak sich um die zweihundertsiebzehn Patienten seiner Krankenstationen kümmerte, einige von ihnen mit ansteckenden Krankheiten, andere frisch verwundet. Wenn er in der Tischlerei vorbeischaute, lobte der Geselle den Buben, daß er sich sehr viel Mühe gäbe. Für Korczak war es schmerzhaft zu sehen, wie Stefan sich abquälte, ein wackliges Brett zu sägen. Er zwang sich, ihm nicht zu sagen, daß er auf seine Finger achten sollte. Denn schon jetzt klangen seine Mahnungen "Geh nicht barfuß nach draußen!" "Trink nur abgekochtes Wasser" - "Ist dir auch nicht kalt?" "Hast du auch ganz bestimmt kein Bauchweh?" genauso wie die der gluckenhaften Mütter, über die er sich in seinen Büchern immer lustig gemacht hatte.

    Selbst Walenty (der immer noch über das ganze Theater murrte, daß sowieso nichts Gescheites dabei herauskäme) begann, sich um Stefan zu kümmern. Er ging oft nach draußen, um den Buben vom Rodeln zu seiner abendlichen Unterrichtsstunde hereinzurufen - "wie in einer Familie".

    Korczak hoffte, daß Stefan das Kind im Manne zu sehen vermöchte, das sich mit ihm verschworen hatte, doch er wußte, daß der Bub einen glatzköpfigen neununddreißigjährigen Feldarzt vor sich sah, der in seinen Augen alt war. Doch Stefan bewunderte ihn. "Ich würde das K gerne schreiben können wie Sie ", meinte er. Es erinnerte Korczak daran, wie seine Waisenkinder versucht hatten, die Buchstaben des Alphabets so zu schreiben wie er. Und daran, wie lange er gebraucht hatte, das große W so zu meistern wie sein Vater.

    Der Logik von Stefans Fragen folgen zu wollen, zwang ihn zu bedenken, wie anders Kinder die Dinge sehen als Erwachsene. Wenn Stefan fragte: "Woraus ist Mohn gemacht?", "Warum ist er schwarz? ", " Kann man von einem Garten genug Mohn kriegen, um den Teller vollzumachen?", begriff Korczak, daß des Buben Vorstellung eines Gartens vier, vielleicht fünf Ideen umfaßte, während seine eigene hundert oder auch tausend hatte. " Die Wurzeln vieler anscheinend unlogischer Fragen sind hier zu finden", schrieb er. "Wir haben Schwierigkeiten, eine gemeinsame Sprache mit Kindern zu finden, denn obschon sie dieselben Worte verwenden wie wir, haben sie eine völlig andere Bedeutung. "Garten", "Vater", "Tod" ist für Stefan etwas ganz anderes als für mich." Kinder und Erwachsene würden einander also nur vorgeblich verstehen, folgerte er.

    Es war Abend, Stefan hatte sein Nachtgebet gesprochen und Korczak "einen Kuß auf die Hand gedrückt" - eine polnische Sitte, deren Ausübung er im Waisenhaus nicht duldete, jetzt aber zuließ, weil er wußte, daß es Stefan an ein Familienritual erinnerte. Stefan lag ruhig und mit weit offenen Augen da." "Bitte, ist es wahr, daß die Haare nicht mehr wachsen, wenn man sich rasiert?"

    Korczak wußte, daß der Bub ihn nicht kränken und direkt nach seiner Glatze fragen wollte.

    "Das ist nicht wahr. Man rasiert sich das Kinn, und die Haare wachsen wieder nach."

    "Manche Soldaten haben Bärte bis zum Gürtel - wie die Juden", bohrte Stefan weiter, "warum?"

    "Das ist so Sitte", erklärte Korczak. "Die Engländer, zum Beispiel, sind glattrasiert."

    "Stimmt es, daß es bei den Deutschen viele Juden gibt?"

    "Es gibt einige. Aber es gibt auch russische Juden und polnische Juden."

    "Was meinen Sie, polnische Juden? Sind die Polen Juden?"

    "Nein, die Polen sind Katholiken", erwiderte Korczak. "Aber wenn jemand Polnisch spricht und ihm das Wohl der Polen am Herzen liegt, dann ist auch er ein Pole."

    Diesen Glauben, der ihm von seiner Familie mitgegeben worden war, hatte er an seine Waisenkinder in Warschau weitergegeben.

    Stefan lag immer noch mit weilt offenen Augen da, und Korczak erinnerte sich, daß auch im Einschlafen die Erinnerungen gekommen waren und die Kinder ihren ihren Gedanken nachhingen.

    "Wie alt ist dein Vater?" fragte er Stefan.

    "Er war zweiundvierzig. Jetzt ist er fünfundvierzig.

    " Du bist so gewachsen, dein Vater würde dich vielleicht gar nicht erkennen."

    "Ich weiß nicht, ob ich ihn erkennen würde."

    "Hast du kein Photo von ihm?"

    "Woher denn?" Schweigen. "Viele Soldaten sehen aus wie er."

    An ihrem siebten gemeinsamen Tag war das Abendessen verspätet, weil Walenty Dienst in der Messe hatte. Dadurch kam Korczak zu spät zu seiner Kartenrunde und war immer noch schlecht gelaunt, als er um Mitternacht in sein Quartier zurückkehrte. Er machte Licht und entdeckte, daß Stefan nicht da war. Er eilte nach draußen, wo der Bub ihm schon entgegenlief.

    "Wo warst du?"

    "In der Küche. Ich hab vom Küchenfenster aus zugesehen, wann Sie fertig sind. Und auf einmal hab ich aufgeschaut, und Sie waren weg. Und dann bin ich gelaufen, um Sie einzuholen."

    "Hattest du Angst?"

    "Wovor denn?"

    Also war es Zuneigung und nicht Angst gewesen, was Stefan motiviert hatte, und Korczak fühlte "eine überwältigende Dankbarkeit gegenüber dem Buben". Er versuchte zu analysieren, was ihn so an das Kind fesselte: "Er hat gar nichts Besonderes an sich, nichts, um besonders auf ihn aufmerksam zu werden. Ein Durchschnittsgesicht, unregelmäßige Gliedmaßen, Durchschnittsverstand, wenig Phantasie, keinerlei Zärtlichkeit keinerlei -nichts von dem, was ein Kind so hinreißend macht. Aber es ist die Natur mit ihren ewigen Gesetzen, es ist Gott, der aus diesem unauffällig Kind ebenso spricht wie aus jedem Busch am Wegesrand. Danke, daß du so bist wie du bist - ganz einfach gewöhnlich."

    "Mein Sohn", meinte er zärtlich, "wie kann ich dir jemals danken?"

    Am achten Tag stand er beim Ofen und dachte über die Unterrichtsstunde des Tages nach, als Stefan, der schon im Bett lag, sagte: "Sie haben mir etwas versprochen."

    "Und was war das?"

    "Eine Geschichte." Es war das erste Mal, daß er tatsächlich um eine Geschichte bat.

    "Soll ich dir eine neue erzählen?"

    "Nein, ich möchte die von Aladin mit der Wunderlampe hören."

    Von den drei Märchen, die er ihm erzählt hatte - "Der gestiefelte Kater", "Aschenbrödel" und "Aladin und die Wunderlampe" -, wünschte Stefan sich die Geschichte, die seinem jetzigen Leben am nächsten zu sein schien: "Ein Zauberer kommt zu einem armen Buben und ändert sein Leben durch die Magie einer Wunderlampe. Und hier erscheint plötzlich ein unbekannter Doktor (Offizier) und rettet ihn aus dem Heim. Im Märchen tragen die Sklaven herrliche Speisen in goldenen Schüsseln auf - hier bringt Walenty die Semmeln."

    Am elften Tag sagte Stefan: "Ich denke gar nicht mehr an meinen Bruder."

    "Schade", meinte Korczak. "Du solltest an deinen Vater und an deinen Bruder denken." An jenem Abend stand in seinem Notizbuch: "Dieser gemeine Krieg."

    Vielleicht wären sie so beisammen geblieben, wenn sich Korczaks rechtes Auge nicht entzündet hätte. Zunächst ignorierte er es, aber Stefan brachte ihn dazu, in die Klinik zu gehen. Als er mit blauen Augengläsern zurückkam, fragte Stefan leise: "Tut es sehr weh?"

    Stefan weinte, als sein guter Geist ins Krankenhaus mußte. Entschlossen, professionelle Distanz zu wahren, statt zu glauben, daß der Bub sich wirklich um ihn sorgte, schrieb Korczak: "Ich nehme an, daß es ihn an seine Familie erinnert - wer ins Spital kommt, der stirbt."

    Stefan kam ihn mit Walenty besuchen.

    " Sind die anderen Offiziere auch krank? "

    "Ja."

    "Augen?"

    "Nein, alles mögliche."

    "Und spielen sie Karten um Geld?"

    Als Korczak sich entschlossen hatte, mit einem Kind zu arbeiten, hatte er sein Notizbuch gefragt: "Was wird dabei herauskommen?" - eine Frage, die er niemals zu beantworten suchte. Seine innigen Gefühle für Stefan (und für all die anderen Übeltäter, die er im Waisenhaus favorisierte) mögen dem Freudianer ebenso suspekt vorkommen wie Lewis Carrolls Gefühle für Alice Liddell oder James Barries für die Llewellyn-Davies-Buben, die ihn zu Peter Pan inspirierten. Das Zusammenleben mit Stefan auf engem Raum hat Korczak vielleicht an seine eigene Kindheit erinnert - wie man aus einigen seiner notierten Gedanken schließen könnte - oder väterliche Sehnsüchte nach jenem Kind in ihm geweckt, das er beschlossen hatte, niemals zu haben; oder er hatte tatsächlich zu Jungen eine besondere Zuneigung, die er sein Leben lang unterdrückte. Vielleicht war es auch eine Mischung aus allen dreien. Jedenfalls notierte er ihre gemeinsamen Erfahrungen als ein pädagogisches Experiment:

      "Ich habe festgestellt, daß es genauso ärgerlich und beglückend ist, mit einem Kind zu arbeiten wie mit einer ganzen Gruppe.
      Im einzelnen Kind entdeckt man mehr, kann feinere Unterscheidungen machen, jedes Ding sorgfältiger bedenken.
      Der erschöpfte Gruppenerzieher hat das Recht, ja sogar die Pflicht, diese Art von "Fruchtwechsel" in seine Arbeit einzubringen."

    Er schloß den Absatz mit der knappen Erklärung: "Ich verbrachte nur zwei Wochen mit ihm. Ich wurde krank und mußte weg, doch der Bub blieb noch eine Weile. Dann wurde die Front verlegt - mein Bursche schickte ihn ins Heim zurück."

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «