Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Die traurige Dame

Das Leben gewährt nie mehr als eine Teilfreiheit.
Errungenschaften sind immer nur Fragmente.

Erzieherische Momente

    Es war nicht nur Stefan, von dem sich Korczak im März 1917 trennte, sondern auch Walenty, der mit dem Feldlazarett weiterzog. Als seine Augen besser wurden, bat Korczak um seine Versetzung zu einem Regiment in Kiew, einer Stadt, an die er oft gedacht hatte, seit er vor zwei Jahren einmal einen dreitägigen Urlaub dort verbracht hatte.

    Kiew, die alte Hauptstadt der Ukraine, gehörte schon seit Mitte des siebzehnten Jahrhunderts nicht mehr zu Polen, aber ein Großteil der Bevölkerung war noch polnisch. Am Tag vor Weihnachten 1915 war Korczak dort eingetroffen und - mit einem Empfehlungsbrief in der Tasche - schnurstracks vom Bahnhof zu Waclawa Peretiakowicz geeilt, der Gründerin des ersten polnischen Mädchengymnasiums. Sie hatte die Tür zunächst nur mißtrauisch einen Spalt weit geöffnet, weil sie fürchtete, es wäre die Polizei auf der Suche nach ihrer Tochter Janina. Statt dessen stand da ein schmächtiger Mann in russischer Offiziersuniform, dessen Uniformjacke ihm zu lang war, wie sie feststellte. Er stellte sich als Henryk Goldszmit vor, aber die beiden Frauen fanden rasch heraus, daß es sich um den berühmten Schriftsteller und Erzieher Janusz Korczak handelte.

    Frau Peretiakowicz konnte Korczak an Maryna Falska verweisen, eine Polin, die gerade zur Direktorin eines vom Roten Kreuz eingerichteten Heimes für sechzig polnische Buben ernannt worden war, die man aus Warschau evakuiert hatte, bevor die Deutschen die Stadt eroberten. Korczak eilte in die Bogontowskastraße in Erwartung eines ärmlichen Quartiers in einer schlechten Gegend und war überrascht, eine große, von Bäumen umgebene Datscha hoch über den Ufern des Dnjepr vorzufinden. Das Innere des Hauses jedoch war ein heilloses Durcheinander. Die Buben, verwirrt durch die neue Umgebung, waren über alles hinweg getobt, einschließlich ihrer neuen Heimleiterin. überwältigt von den Problemen der Kinder und den Tragödien ihres eigenen Lebens, hat Maryna Falska kaum ahnen können, daß der gewandte Militärarzt, der da unangemeldet an jenem Tag in ihrem Kinderheim auftauchte, ihr Leben nicht nur ändern, sondern auch festigen würde.

    In dem Moment, als er das Haus betrat, befand es sich gerade inmitten einer Krise. Ein Fürsorgebeamter war eingetroffen, um einen Dreizehnjährigen mitzunehmen, der eine Armbanduhr gestohlen haben sollte. Korczak bat um etwas Zeit, das Kind zu befragen und die Angelegenheit aufzuklären, wobei es ihm gelang, die Unschuld des Buben nachzuweisen. Die Kinder beruhigten sich sofort, weil sie spürten, daß sie in diesem so bestimmt auftretenden fremden Mann einen Verbündeten hatten. In den zwei verbleibenden Tagen dieses Kriegsweihnachtsurlaubs gelang es Korczak, die Buben für ihre Selbstverwaltung zu begeistern, für einen Kindergerichtshof und eine handgeschriebene Zeitung, für die er den Leitartikel verfaßte. Als sich der Zeitpunkt näherte, an dem er zu seiner Einheit in Tarnopol zurückkehren mußte, wußte die scheue und zurückhaltende Maryna Falska ihre Dankbarkeit nicht anders auszudrücken als damit, ihrem neuen Freund zu versichern, daß sie seine Arbeit fortsetzen werde. Korczak mit seinem Charme und seinem Humor war einer der wenigen, dem es jemals gelang, ihre ungeheure Reserviertheit zu durchbrechen.

    Die ""traurige Dame", wie einige sie boshaft nannten, war in der polnischen Emigrantenkolonie, wo zwar jeder eine mehr oder weniger bewegte Vergangenheit hatte, aber kaum jemand so verschlossen war wie sie, zum Objekt vieler Gerüchte geworden. Es hieß, der Tod ihres Mannes vor einigen Jahren sei der Grund für die Traurigkeit in den Augen der traurigen Dame, für ihre zusammengepreßten Lippen und ihre langen, schwarzen Kleider.

    Als Maria Rogowska war sie als Tochter einer polnischen Landadelsfamilie am 7. Februar 1877 in Dubno Podlanskie in Südostpolen auf die Welt gekommen und hatte eine Lehrerausbildung absolviert, bevor sie ihren Brüdern in den politischen Untergrund folgte. Unter ihrem Decknamen "Hilda" wurde sie häufig verhaftet, als sie für die Sozialistische Partei Polens eine illegale Druckerei betrieb, und einmal teilte sie die Zelle mit Jozef Pilsudski, dem zukünftigen Marschall des freien Polen.

    Maryna hat niemandem erzählt, wo oder wann sie ihren Mann, den polnischen Arzt Leon Falski, traf, aber man glaubt, daß es in London war, wohin beide vor der Polizei geflohen waren. Nach ihrer Rückkehr nach Polen verbarg sie ihre Schwangerschaft so lange sie konnte. Als Falski seinen ersten Posten als Mediziner in der armen litauischen Stadt Volozhyn übernahm, die berühmt war für ihre jahrhundertealte Jeschiwa*,

    * Jeschiwa -jüdische Talmudschule (Anm. d. Übers.).

    erfreute er sich einer großen Praxis mit polnischen, litauischen und jüdischen Patienten. Arme Talmudschüler behandelte er kostenlos, philosophierte mit den Rabbinern und jagte mit den Gutsbesitzern. Doch als Maryna darauf bestand, in eine Stadt zu übersiedeln, wo sie politisch aktiv sein könnte, war er einverstanden. Noch während sie Pläne schmiedeten, brach eine Typhusepidemie aus. Bis an ihr Lebensende fühlte Maryna sich schuldig, unabsichtlich für den Tod ihres Mannes verantwortlich zu sein: Sie hatte darauf bestanden, daß er eine alte Frau begleitete, die eines Nachts vor ihrer Tür erschien und um Hilfe für ein krankes Familienmitglied bat. Er steckte sich bei dem Patienten mit Typhus an und starb wenige Tage später.

    Marynas Schuldgefühle hinderten sie jedoch nicht daran, der Beerdigung ihres Mannes fernzubleiben. Als überzeugte Atheistin hatte sie mit ihrer strenggläubig katholischen Mutter gebrochen und lehnte es ab, an der Beisetzung teilzunehmen, die ein Priester, ein Rabbiner und ein Pastor gegen ihren ausdrücklichen Willen gemeinsam vornahmen. Während Gutsbesitzer, Bauern und Juden in nie dagewesener Eintracht dem verehrten Doktor, der ihnen so selbstlos gedient hatte, ihre Reverenz erwiesen, blieb die Witwe mit ihrer zweijährigen Tochter in ihrem Haus hinter verschlossenen Fensterläden.

    Maryna begab sich mit ihrer Tochter nach Moskau, wo sie Freunde hatte. Doch die strengen Winter und ihre wirtschaftliche Notlage forderten ihren Preis: innerhalb von zwei Jahren starb das Kind. Da sie wegen des Krieges nicht nach Warschau, zurück konnte, bewarb sich Maryna beim Roten Kreuz um den Posten der Leiterin des Heimes für polnische Jungen in Kiew.

    Als Korczak zwei Jahre nach seinem ersten Besuch wieder nach Kiew kam, leitete Maryna das Haus seinen Richtlinien entsprechend. Sie und die Buben waren glücklich, ihn zu sehen, und zeigten ihm stolz die neue Schuhwerkstatt, Schneiderei, Buchbinderei, Klempnerei und Näherei. Inzwischen waren einige junge Mädchen im Heim, die wie die Buben von ihren Familien getrennt worden waren; außerdem hatten sich einige Frauen von der Universität als freiwillige Helferinnen eingefunden.

    Korczak sollte wenig Zeit für Maryna und ihre Waisenkinder haben. Durch Vermittlung eines polnischen Intellektuellen, der für die russischen Lokalbehörden arbeitete, hatte er den Posten des Zweiten Kinderarztes in drei städtischen Heimen für ukrainische Kinder erhalten. Er bezog einen Kellerraum und hungerte ebenso oft wie die meisten anderen in dieser belagerten Stadt. Auf den Märkten gab es nur Kascha und steinhartes B rot, dessen Teig häufig mit Sand gemischt war. Wenn Maryna Falskas Kinder einen Laib Brot brachten, den sie gebacken hatten, schickte er ihn stets zurück, weil er ihnen von ihrem Wenigen nicht auch noch etwas nehmen wollte. Einmal, als er in einem billigen Restaurant Kutteln aß, ""weinte er sich die Augen aus", weil es ihn an daheim erinnerte.

    Es war ein schwieriges, einsames Leben, das durch die Zustände in den ukrainischen Heimen, die noch unbeschreiblicher waren als jener ""Müllkübel", in dem er Stefan aufgelesen hatte, noch schlimmer wurde. Die Kinder waren mit Schweren und Schorf bedeckt; sie hatten entzündete Augen; sie hatten Hunger. Sie litten unter schlechter Ernährung und schlechter Behandlung. Er tat, was er konnte, schlief häufig bei ihnen, um sie durch seine Gegenwart zu trösten. Seine empörten Proteste über die inkompetente Verwaltung der Heime verärgerte die korrupten Direktoren (die für ihren Posten ebensowenig qualifiziert waren wie "eine Handarbeitslehrerin"). Er sah sich als den, der ""die Kinder rettete" für die Direktoren war er der, der ihre Position bedrohte. "Sie hielten mir denselben Revolver unter die Nase, mit dem die kranken Pferde erschossen wurden, und warnten mich, daß ich zur falschen Zeit am falschen Platz sei. Schieberei! Infamie! Die menschliche Sprache kennt keine Wörter, die stark genug wären, diese Situation anzuprangern." Aber es war immer noch besser, in Kiew zu sein und zu versuchen, Kinder zu retten, als draußen auf dem Schlachtfeld. Und dann war da der Trost der Schönheit dieser "grünsten aller Städte" mit ihren alten Kirchen und Palästen, errichtet über den steilen Ufern des Dnjepr. Teile von Kiew waren Warschau ähnlich, besonders die Arbeiterviertel am Fluß, der Korczak an seine geliebte Weichsel erinnert haben muß. Das jüdische Viertel, genannt Podol, war voll von orthodoxen Juden, die mit ihren Schläfenlocken und langen Kaftanen jenen sehr ähnlich waren, die am unteren Ende der Krochmalnastraße wohnten.

    Manchmal ging er während seiner Spaziergänge durch die Stadt in eines der Cafés, wo all die polnischen und jüdischen Schriftsteller und Intellektuellen saßen, die die nach den Aufständen von 1905 gegründete polnische Universität nach Kiew gezogen hatte. Leute jeglicher politischer Couleur fanden sich dort ein, unter ihnen Spione aller Seiten. Die deutsche Offensive in der Ukraine hatte Hunderttausende polnischer Flüchtlinge nach Osten getrieben, von denen viele sich den Revolutionären und Konterrevolutionären anschlossen, aus denen sich Kiews polyglotte Emigrantenkolonie zusammensetzte. Man war sehr vorsichtig mit Meinungsäußerungen, Morde gehörten zum kommentarlos akzeptierten Alltagsgeschehen. Die einen wollten Kiew als Hauptstadt einer unabhängigen Ukraine sehen, andere den ukrainischen Zusammenschluß mit Rußland, wieder andere wünschten erneut eine polnische Ukraine.

    Jeder Tag brachte Artilleriefeuer und Straßenkämpfe. Pferdekarren voll mit Leichen waren ein alltäglicher Anblick. "Kiew Chaos" nannte es Korczak. "Gestern die Bolschewiken. Heute die Ukrainer. Die Deutschen kommen näher und näher, und es heißt, ganz Rußland sei in Aufruhr." In all dem Chaos arbeitete er immer noch an Wie man ein Kind lieben soll "absolut jeden Tag". Und als Frau Peretiakowicz ihn um den Gefallen bat, sich die neu eröffnete Montessori-Schule anzuschauen, fand er auch dafür noch Zeit. Es war eine gute Gelegenheit, etwas über die italienische Ärztin zu erfahren, deren Schriften, wie man Kindern das Lesen und Schreiben beibringen sollte, in den europäischen Hauptstädten kursierten. Auch wenn sie sich niemals begegnet sind, hatten Janusz Korczak und Maria Montessori vieles gemeinsam. Beide waren Ärzte, die sich für die Seele des Kindes einsetzten; beide betonten die Bedeutung der frühkindlichen Erfahrungen; und beide waren von Pestalozzis Idee der "rechten Methode" beeinflußt, einem Kind zu helfen, sich durch die Anwendung seiner Hände, Augen und Ohren zu entwickeln. Doch damit endeten die Gemeinsamkeiten. Montessori konzentrierte sich auf ihre speziellen Lehrmaterialien, Korczak sorgte sich hauptsächlich um die soziale Interaktion von Kindern.

    Korczak erklärte sich bereit, in Intervallen von zwei oder drei Stunden über zwei Tage hinweg seine Beobachtungen im Montessori-Kindergarten zu machen. Er kam mit seiner eigenen Ausrüstung: Bleistift und Papier. Er wollte die Gelegenheit nutzen, eine Technik zu entwickeln, wie man sich in Lehranstalten am besten Notizen machte. Seiner Ansicht nach war es gerade für jeden Lehrer besonders wichtig, Dinge wahrnehmen und aufzeichnen zu können: ""Notizen sind die Samenkörner, aus denen Wälder und Kornfelder wachsen, die Tropfen, aus denen Bäche werden. . . . Notizen sind die Eintragungen deiner Lebensbilanz und der Nachweis, daß dein Leben nicht verschwendet war.

    " Seinen "Beobachtungsposten" erkundend - ein großer Raum mit einem Piano in der Ecke, sechs Tischen mit je vier Stühlen, einer Kiste mit Spielsachen und Montessori-Materialkästen -, war er bereit für die Dinge, die da kommen sollten. Es gab sicher in ganz Kiew keinen Agenten, der sich so emsig Notizen machte wie dieser Erzieher, für den das politische Szenario da draußen gar nichts war im Vergleich zu dem Drama, das sich drinnen abspielte. Hätte die Polizei seine Unterlagen beschlagnahmt, hätte sie sie vielleicht für eine verschlüsselte Botschaft in Scriptform gehalten:

      DIE DARSTELLER: Die charmante dreieinhalbjährige Heldin Helcia, an die Bewunderung ihrer Intelligenz und ihres Liebreizes gewöhnt, muß sich mit mehreren Konkurrenten messen: mit Jurek, einem dreijährigen Tyrannen mit schlechtem Ruf, der schon einmal mit der Peitsche auf seine Mutter losgegangen ist, mit der spitzbübischen, gescheiten fünfjährigen Hanna, die genau weiß, wie weit sie gehen kann, und mit dem sechsjährigen Nini, einem typischen kleinen Intriganten, der am liebsten mit jüngeren Kindern zusammen ist und sich jeglicher Charakterisierung entzieht.

      ERSTE SZENE: Was haben sie vor?

      Helcia: (ein Bild betrachtend) Der Hund hat eine rote Zunge. Warum?

      Nini: Weil es ein Hund ist.

      Helcia: Haben Hunde rote Zungen - manchmal?

      Beobachter: Ich verstehe durchaus, daß ein Kind, das sich dieses Bild anschaut, den Schwanz, die Ohren, Zunge und Zähne separat betrachtet. Details, die ein Erwachsener übersehen würde, obgleich derselbe Erwachsene die Gemälde einer Kunstgalerie ebenso genau betrachten würde. Wenn wir uns ständig über die Wahrnehmung bei Kindern wundern - was bedeutet, daß wir sie nicht ernst nehmen -, sind wir eigentlich darüber erstaunt, daß sie Menschen sind und keine Marionetten. Ich nehme an, Helcias Frage über Hundezungen ist ihr Versuch, mit Nini über irgend etwas ins Gespräch zu kommen, denn Nini, der Ältere, hat ein höheres soziales Prestige. Das Schlüsselwort war hier für mich das am Rande eingeworfene "manchmal". Auf die gleiche Weise handelt ein einfacher Mensch, der bei der Begegnung mit einem sozial Höherstehenden ein zusammenhangloses oder weit hergeholtes Wort fallen läßt, um zu beweisen, daß auch er kein Narr ist.

      ZWEITE SZENE: Jurek und Hanna nehmen Helcia ihre Klötze weg. Sie wehrt sich schüchtern, denn sie weiß, das Leben ist grausam und sie wird nicht ungeschoren davonkommen. Aber sie will auch nicht davonlaufen. Jetzt sind es nicht die von ihr benutzten Wörter, auf die es ankommt, sondern ihre ruhige, unendlich traurige Stimme, ihr Gesichtsausdruck, ihre Körperhaltung. Keine Schauspielerin hätte so überzeugend um Hilfe, Nachsicht und Mitleid bitten können. . . . Und die Worte? So geradeheraus. "Bitte, Hanna, nimm meine Klötze nicht weg." Hanna - das Leben kennt kein Erbarmen - packt zu.

      Helcia schlägt sie mit ihrem letzten Klotz auf den Kopf Sie fürchtet Vergeltung. Man beachte den dramatischen Klang ihres "Nimm ihn!", als sie Jurek den Klotz in die Hand drückt. Genauso übergibt der sterbende Fahnenträger die Standarte dem nächsten seiner Leute, damit sie nicht in die Hände des Feindes fällt.

      Jurek, passiver Zeuge der Ereignisse, wendet sich mir mit gefühlvoller Stimme zu. Er bittet für das Mädchen, dem man Unrecht getan, dem man alles weggenommen hat und er selbst, mit dem letzten Klotz in der Hand, weiß gar nicht mehr weiter. Indem er sich an mich wendet, teilt er Helcia sein Verständnis und seine Unterstützung sowie seine Verurteilung Hannas mit.

      Hanna hat begriffen. Der Klotz trifft sie am Kopf, sie reibt nur leise über die Stelle - kein Gedanke an Vergeltung. Schuldbewußtsein - sie gibt mehr zurück, als sie wegnahm, und bittet Jurek um Verzeihung.

    Am Ende des ersten Tages notierte Korczak, daß " Kinder ein viel reicheres Gefühlsleben haben, weil sie mit ihren Gefühlen denken". Er hatte sich außerstande gesehen, ihre Bewegungen und Gesten festzuhalten, und daher nur ihre Worte aufgeschrieben, "wunderbar in ihrer Einfachheit, kraftvoll durchs Wiederholen". Als Helcia Jurek den Klotz gereicht hatte, sagte sie dreimal "Nimm ihn". Jurek verwies zweimal darauf daß Helcia nichts zum Bauen hatte, und Hanna wiederholte, daß sie die Klötze zurückgegeben hatte. "Mir scheint, daß ein Schriftsteller oder Schauspieler eine hoch dramatische Situation durch Wiederholungen vielleicht viel effektvoller gestalten kann als durch endlose Tiraden."

    Da ihm die Beobachtung wichtiger war als die Einmischung, ärgerte sich Korczak darüber, daß ihm einige wichtige Details entgangen waren, wieso nämlich zum Beispiel die Kiste mit den Klötzen plötzlich auf Helcias Pult stand. Außerdem fand er, daß einige seiner Kommentare, die "wie eine Theaterkritik abgefaßt" seien, es an Klarheit fehlen ließen. "Wenn man einen Artikel über ein Stück von Shakespeare oder Sophokles liest, hat man den Vorteil, Hamlet oder Antigone zu kennen, hier aber kennt der Leser weder die Hauptperson - Helcia - noch überhaupt das Stück."

    Irgendwie wurde der Plan für eine Aufzeichnungstechnik nie verwirklicht, doch kam Korczak ganz unabsichtlich zu einer "Lehrformel" für sich selbst - ein Verfahren, wie man ein bestimmtes Detail, das einem aufgefallen war, auf größere Zusammenhänge anwenden und damit bestimmte allgemeine Probleme erläutern konnte. Dieses Verfahren und das Manuskript für "Wie man ein Kind lieben soll" waren die Beute, die er aus dem Krieg mit nach Hause brachte.

    Als Präsident Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 ein freies und unabhängiges Polen zu einem seiner Vierzehn Punkte für eine Friedenslösung machte, brachen in Kiew die Exilpolen in Jubel aus. Und im März, nachdem Rußland und die Mittelmächte im Vertrag von Brest-Litowsk die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannt hatten, halfen Korczaks Freunde ihm bei der Beschaffung von Reisepapieren, damit er nach Warschau zurückkehren konnte. Im Frühsommer war es dann soweit.

    Als er sich von Maryna und den Buben verabschiedete, erkannten sie an seinem leuchtenden Blick und seinem leichten Gang, was es für ihn bedeutete heimzufahren. Korczak versprach den Kindern, daß sie bald folgen würden. Madame Maryna, wie sie sie nannten, wartete auf die Papiere, um die Kinder nach Warschau zu bringen, wo sie zu den Verwandten, sofern sie noch welche hatten, zurückkehren konnten. Ihre eigene Zukunft war noch ungewiß; sie wußte nicht, ob es Arbeit für sie gab in dieser Stadt, die einmal ihre Heimat gewesen war.

    Aber eins stand fest - an heimatlosen Kindern würde es nicht mangeln.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «