Janusz Korczak Communication - Center
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Unabhängigkeit

Polen - nicht nur Äcker, Kohlengruben,
Wälder oder Munitionsfabriken,
sondern mehr als alles andere seine Kinder.

Kinderfürsorge

    Korczaks Mutter hatte zu jedem gesagt, daß sie nur "für den Tag lebt, an dem Henryk wieder da ist". Und jetzt war er also wieder da, nach vier Jahren, schlank und muskulös, sah trotz allem, was er mitgemacht hatte, recht gesund aus. Sein schmales, blasses Gesicht wurde von einem rötlichen Bart umrahmt, seine noch nicht gänzlich geheilten rotgeränderten Augen hatten ihren ironischen Blick nicht verloren. Er war immer noch ihr Henryk..

    Die Deutschen hatten Warschau noch nicht verlassen, aber es war nur eine Frage weniger Monate, bis es zum Waffenstillstand kommen und man die Belagerungstruppen geschlagen zurückbeordern würde. Als Als es hieß, daß Korczak am nächsten Tag kommen würde.

    konnten die Kinder in der Krochmalnastraße 92 - selbst jene, die sich nur dunkel oder gar nicht an ihn erinnerten - vor Aufregung die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Morgen warteten sie mit Stefa und den Erziehern in Reih und Glied im Hof auf die Ankunft von Korczak und Dr. Eliasberg, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Waisenhilfe, der auch gerade von der Ostfront zurückgekehrt war. Als die beiden den Hof betraten - der eine groß mit dunklem Haar und Schnurrbart, der andere kleiner, schmaler, glatzköpfig und mit rötlichem Bart -, waren sich viele Kinder nicht im klaren, wer denn eigentlich wer sei. Erst als der eine sie über seine Brille hinweg verschmitzt anblinzelte, konnten sie sicher sein, daß es Korczak war. Mit großem Geschrei rannten sie auf ihn zu.

    "Wie sie auf mich zuliefen und mich umringten, als ich vom Krieg zurückkam", notierte er. Und mit dem schlauen, selbstironischen Humor eines Mannes, der Kinder kennt, meinte er: "Aber wären sie nicht noch begeisterter gewesen, wenn statt meiner plötzlich weiße Mäuse oder Meerschweinchen aufgetaucht wären?" Seine Gefühle nur mühsam zurückhaltend, fing er sie auf, wirbelte sie herum, kitzelte und neckte sie.

    Wir wissen nicht, wie er Stefa begrüßte, die wie immer in ihrem schwarzen Kleid mit dem weißen Kragen und den weißen Manschetten dastand, ihr kurzes Haar zur Seite gekämmt. Mit enormer Willenskraft war es Stefa gelungen, die Kinder durch die langen, harten, elenden Jahre voll Hunger und Typhus zu bringen, und jetzt hatte sie das Heim für ihn so in Ordnung gebracht, als wäre er gestern erst abgereist.

    An jenem Abend eilten die vier Eliasberg-Töchter zur Tür, um ihren verehrten Freund zu begrüßen, dessen Glatze sie vor dem Krieg mit Buntstiften bemalt hatten. Äußerlich hatten sie sich in den vier Jahren sicher verändert - Helena war inzwischen achtzehn, Irena sechzehn, Anna dreizehn und Marta neun Jahre alt -, aber ihre Gefühle für Korczak waren dieselben geblieben. Doch statt sie ihren Erwartungen entsprechend in der Halle herumzuwirbeln, wie er es früher immer getan hatte, begrüßte er die beiden entgeisterten Ältesten förmlich mit "Fräulein", schüttelte ihnen höflich die Hand und nahm den ganzen Abend über wenig Notiz von ihnen. "Wir interessierten ihn nicht mehr", erinnerte sich Helena später. Sie waren keine Kinder mehr. An jenem Abend weinten sich die Schwestern in den Schlaf.

    Am 11. November 1918 hängten die Kinder wie alle Nachbarn zur Feier der polnischen Unabhängigkeit die rotweiße Fahne aus den Fenstern. Sie hörten zu, als Korczak ihnen die wunderbarste seiner Geschichten erzählte: Nach 120 Jahren der Unterdrückung war ihr Land wieder frei, und der unermüdliche Patriot Jozef Pilsudski, der sein Leben dem Erreichen der Unabhängigkeit verschrieben hatte, war jetzt Staatsoberhaupt.

    Da er wußte, daß viele Eltern sich nicht die Mühe machen würden, ihren Kindern die Ereignisse zu erklären, begann Korczak mit der Kolumne "Was geschieht auf der Welt?" für die Zeitschrift Im Sonnenschein. Die Kinder sollten verstehen, was Unabhängigkeit bedeutete, wie ihr Land von seinen drei gierigen Nachbarn aufgesogen worden war, was bei der Pariser Friedenskonferenz beschlossen wurde, wie man Wahlen abhielt und ein Parlament bildete. Er erklärte die Weltpolitik: "Es ist schön, wenn du deinen eigenen Schrank oder eine eigene Schublade hast, denn die gehören dir wirklich, da darf ohne deine Erlaubnis keiner hineinschauen. Es ist schön, einen eigenen Garten, ein eigenes Zimmer und ein Haus zu haben, wo du mit deiner Familie lebst und wo dich niemand stört. Aber dann kommt unglücklicherweise jemand vorbei, der stärker ist, kommt einfach herein und nimmt dir deine Sachen weg, macht das Zimmer schmutzig und schert sich gar nicht um dich."

    Es war die erste Berichterstattung dieser Art für Kinder. Die Kolumne wurde so populär, daß die Lehrer sie schon ziemlich bald als Hilfsmittel benutzten, um ihren Schülern die politischen Tagesgeschehnisse zu erläutern. Doch wußte niemand besser als Korczak, daß er keineswegs für alles, was sich ereignete, eine Erklärung hatte, denn Polen wieder zusammenzufügen, ähnelte dem Versuch, den Struwwelpeter zur Ordnung zu bringen. über ein Jahrhundert lang hatten die Polen für die Unabhängigkeit gekämpft, jetzt hatten sie mit ihr zu kämpfen. Nicht nur daß ihr Land vom Krieg zerstört war - die Fabriken waren Ruinen, die meisten Felder nicht bestellt, die Inflation war noch schlimmer als während des Krieges -, sondern auch die früheren Teilungen hatten ihre Spuren hinterlassen. Es gab vier verschiedene Rechtssysteme, sechs verschiedene Währungen und drei Eisenbahnsysteme, deren unterschiedliche Schienengrößen die Verbindungen symbolisierten, die noch herzustellen waren, wenn das Land wirklich vereint werden sollte.

    Nur die Freude, wieder ihr eigener Herr zu sein, hielt die Polen davon ab, angesichts der vor ihnen liegenden riesigen Aufgaben in Verzweiflung zu versinken. Hunger und Kälte starrten Korczak aus jeder Ecke des Waisenhauses an. Es war kein Geld da, und keiner gab ihm Kredit. Amerikanische Hilfsprogramme mit Hoover-Carepaketen voll Reis, Mehl und Stoffballen hielten Institutionen wie die seinige am Leben. Aber es reichte nicht aus.

    Und dann das Wunder. Der Winter hatte erst "einen vorsichtigen Fuß auf die Türschwelle" gesetzt, als die Vereinigung der Bergleute aus der Kohlengrube - "Gott segne ihre schmutzigen Hände und kristallklaren Seelen" - eine ganze Waggonladung Kohlen stiftete. Diese Großzügigkeit - " die einen Stein zu Tränen rühren könnte" - war besonders ergreifend, weil die Bergleute selbst so arm waren. Plötzlich fühlte er sich reich: die knappe Kohle galt als "schwarzes Gold". Die einzige Schwierigkeit war der Transport, denn die Kohle mußte sofort vom Bahnhof geholt werden, und Korczak verfügte über keinerlei Gefährt.

    Noch ein Wunder. Die ganze Nachbarschaft beteiligte sich. Pferdekarren tauchten aus dem Nichts auf, und die Kohle fand ihren Weg in den leeren Kohlenkeller. Die Kinder holten sie in Schubkarren, Körben und Eimern. Selbst die Kleinsten schleppten Stücke "So groß wie ihre Köpfe".

    Der Bäcker hörte von ihrem Glück und sandte frisches Brot, das mit dem "schwarzen Gold" bezahlt werden konnte. Einer der Buben, dessen Beine von der Rachitis gekrümmt waren, aß fast einen halben Laib der "wertvollen Ladung" allein auf und bedeckte den Rest mit Kohlenstaub. Er rannte zum Bahnhof zurück und schrie: "Jetzt kann ich hundert Körbe tragen!" Es gab keine Körbe mehr, und er war nicht stark genug, einen Eimer zu tragen, so daß Korczak ihm das einzig vorhandene leere Gefäß in die Hand drückte - einen Nachttopf. Als er dem glücklich davonstolpernden Kind nachsah, nahm er sich vor, irgendwo Lebertran aufzutreiben, um seine Beine in Ordnung zu bringen.

    Kurz nachdem Maryna Falska Anfang des Jahres 1919 nach Warschau zurückgekehrt war, bat der Erziehungsminister Korczak, in der ungefähr zwanzig Kilometer südlich gelegenen kleinen Stadt Pruszkow ein Waisenhaus für polnische Arbeiterkinder einzurichten. Korczak dachte sofort an Maryna für den Posten der Direktorin, und sie zögerte nicht, ihn anzunehmen und das Haus nach seinen Ideen zu führen.

    Sie fanden ein kleines dreistöckiges Mietshaus in der Nähe der Pruszkower Schule; allerdings reichte das Geld nicht für eine ordentliche Möblierung, geschweige denn für den Kauf des Hauses. Und einen philantropischen Verein, ähnlich der Gesellschaft für Waisenhilfe, gab es nicht.

    Sie kamen auf die Idee, bei den Gewerkschaften Hilfe zu suchen, weil viele ihrer Mitglieder im Krieg umgekommen waren und Waisen hinterlassen hatten. Die Arbeiter waren von der Idee so angetan, daß sie nicht nur die Sammelbüchsen füllten, die in jedem Laden und in jeder Fabrik aufgestellt wurden, sondern auch die ersten fünfzig Kinder auswählten, die in das Waisenhaus einziehen sollten. Außerdem möblierten sie das Haus: einer wußte, wo man Betten leihen konnte, ein anderer, wo es Tische und Stühle gab, ein Dritter hatte Zugang zu einer Kücheneinrichtung. Einige stellten sich sogar um Brot und Kartoffeln an und trieben irgendwo Mehl auf.

    An einem kalten Novembertag jenes Jahres bezogen die Kinder ihr Waisenhaus. "Unser Haus", wie es genannt wurde, war im Vergleich zur Krochmalnastraße vollgepfercht. Es hatte so kleine Räume, daß man noch nicht einmal um die Betten herumgehen konnte. Die Kinder allerdings hatten so etwas Großartiges noch nie gesehen. Sie waren kein fließendes Wasser gewöhnt, und so fehlte es ihnen nicht; sie wußten nicht, daß ihr ganzer Stolz, die Toilette aus Holz im ersten Stock, eine Spülung hatte. Dieses kleine Klo war besser als die übelriechenden Plumpsklos, die sie kannten, und war es wert, saubergehalten zu werden, zumal das noch Extrapunkte einbrachte.

    Obwohl die Gewerkschafter halfen, war es schwer, Essen auf den Tisch zu bringen. Maryna bemühte sich, zwischendurch kleine Brotstücke, die sie in der Küche aufbewahrte, auszuteilen; ein Bub küßte das Brot jedesmal. Leute aus der Umgebung brachten Kartoffeln, aber es reichte nicht. Maryna verbrachte die meiste Zeit damit, Kohlen und Kartoffeln zu einem Preis aufzutreiben, den sie sich leisten konnten. "Wir hatten noch kein Spielsachen oder buntes Papier, um welche daraus zu machen." Doch Maryna Falska war unermüdlich. Während ihrer Zeit in Kiew hatte sie gelernt, mit Bauunternehmern umzugehen und sich mit Arbeitern über so notwendige Dinge wie Fensterreparaturen herumzustreiten. Sie ging selbst in jedes Geschäft und fragte nach preisgünstigen Lebensmitteln, die sie dann in Säcken auf dem Rücken nach Hause trug. Die Kinder waren in alte Sachen aus Amerika gekleidet.

    Selbst wenn das Haus in Pruszkow noch Platz für ein weiteres Bett gehabt hätte - was nicht der Fall war -, hätte Korczak keine Zeit gehabt, über Nacht zu bleiben. Er kümmerte sich nicht nur um die Kinder in der Krochmalnastraße, sondern beriet außerdem noch Wohlfahrtsverbände bei der Errichtung von Institutionen für die Tausende von Waisenkindern, die sich auf den Straßen herumtrieben.

    Er schrieb warnende Artikel für Erwachsene in der Polnischen Gazette. Polen war frei, aber der skeptische Doktor hatte zuviel Leiden und Blutvergießen gesehen, um sich über die Zukunft keine Sorgen zu machen. Der Waffenstillstand vom 11. November 1919 hatte zwar Frieden, aber kein Ende der Kämpfe gebracht. Nach dem Zusammenbruch der Teilermächte war in den östlichen Regionen das Chaos ausgebrochen, die Juden wurden Opfer von Aufständen, Massakern und sogar Pogromen durch einige polnische Armee-Einheiten - besonders jene unter General Haller - sowie durch bewaffnete zivile Banden. Und während die Alliierten in Versailles Polens Forderung diskutierten, in seine Grenzen vor der Teilung auf die Landkarte Europas zurückzukehren, versuchte Jozef Pilsudski auf seine Weise, mit der Geschichte fertig zu werden. Im Osten gab es Grenzscharmützel mit den Sowjets, in Galizien Kämpfe mit den Ukrainern und Territorialauseinandersetzungen mit den Deutschen und Tschechen. Konnte man sich darauf verlassen, daß die Natur des Menschen fähig ist, die Welt zu verbessern? fragte sich Korczak. Er hatte seine Leser ermahnt, den Dauerfrieden zu einem ihrer nationalen Ziele zu machen.

    "Die Geschichte mag die Herrscherin der Nationen sein, aber sie ist ein unredlicher Lehrer, ein schlechter Erzieher, der einen geordneten Fortschritt nur vortäuscht", begann er einen Artikel. "Wir müssen die Geschichte beherrschen und nicht sie uns; sonst wird es mehr von dem geben, was es immer schon gab - Krieg und Gewalt. Das Schwert, Giftgas - und der Teufel weiß, auf was sie sonst noch alles kommen werden. Denn es ist keine Kunst, Blut zu zapfen - stich ein kleines Loch, und das Blut fließt von selbst. Jeder Schreiberling kriegt ohne weiteres eine ganze Schüssel voll. Es reicht auch nicht, Artikel zu schreiben - es muß gebaut, gepflügt, aufgeforstet werden; es müssen, meine Lieben, die Waisenkinder ernährt und erzogen werden; wir brauchen . . . muß ich wirklich weiterreden?"

    Natürlich redete er weiter, denn zu seinem Hauptanliegen war er noch gar nicht gekommen: Was immer die Polen sich wünschen mochten, einen neuen Hafen oder einen anderen Grenzverlauf, sie mußten lernen, nach dem Gesetz vorzugehen. "Wir tragen unseren Kindern gegenüber die Verantwortung für die Kriege, die waren und noch sein werden, und dafür, daß im vergangenen Krieg Zehntausende von ihnen gestorben sind. Es ist also noch nicht an der Zeit, das Frühlingsfest zu feiern. Es ist immer noch Allerseelen - der Tag des gemarterten Kindes." "Vergeßt nicht", warnte er, " Polen wird nicht nur für zwanzig Jahre gebaut."

    Im März 1919 hatte Marschall Pilsudski die allgemeine Wehrpflicht ausgerufen, weil er eine schlagkräftige Streitmacht aufbauen wollte. Polen, von Rußland und Deutschland umklammert, brauchte Stärke, und ihm schwebte eine polnisch-litauische Föderation vor, mit der Ukraine und anderen kleinen Staaten als Alliierten. Dieser Plan geriet in Gefahr, als die Sowjets das heillose Durcheinander in Osteuropa nutzten, um ihrem kommunistischen Reich neue Territorien einzuverleiben. Im April schickte Pilsudski seine Truppen los, um die alte litauische Hauptstadt, seine geliebte Heimatstadt Wilna, von den Sowjets zurückzuerobern. Die polnische Armee traf auf wenig Widerstand, eroberte Minsk und andere große Städte während des Sommers, was schließlich zur Intensivierung des sogenannten poInisch-sowjetischen Krieges führte.

    Gegen Ende des Jahres erhielt Korczak seine Order, als Major der Reserve in der neuen polnischen Armee seinen Dienst zu tun. Erneut ging es ans Abschiednehmen, aber diesmal brauchte er nicht weiter als bis ins militärische Seuchenspital von Lodz zu fahren. Nach kurzer Zeit wurde er dann in gleicher Funktion nach Warschau zurückversetzt.

    Immer wenn er die Krankenstation verließ, um nach Hause zu gehen oder seine Mutter oder die Waisen zu besuchen, wusch er sich gründlichst und wechselte die Kleidung. Aber an einem Spätnachmittag gab er dem Drängen der Familie eines Offiziers nach, die nicht länger mit ihm in Quarantäne bleiben wollte, händigte ihnen die Entlassungspapiere aus und unterließ seine gründliche Reinigung.

    Wenige Tage später wachte er auf und sah doppelt. Er sah den Tisch an - zwei Tische. Zwei Lampen, zwei Stühle. Er war schweißgebadet und fiebergeschüttelt. Sein Kopf hämmerte. Er kannte die Symptome - Typhus. Die Familie des Leutnants hatte ihn also doch angesteckt. Seine Mutter bestand darauf, daß er bei ihr blieb und sie ihn pflegen konnte. Tagelang lag er im Delirium, ohne zu merken, daß er sie angesteckt hatte. Sie starb, bevor er wieder zu sich gekommen war. Ihr letzter Satz war die Bitte, ihre Leiche durch die Hintertür hinauszutragen, damit ihr Sohn nicht gestört würde.

    Als Korczak erfuhr, daß seine Mutter tot war, verlor er vor Gram fast den Verstand. Er fühlte sich für ihren Tod verantwortlich, er hatte ihn leichtsinnig verursacht. Sein Vater hatte recht gehabt - er war " ein Idiot und ein Tropf". Nur daß diesmal seine Mutter das unschuldige Opfer war. Havelock Ellis, dessen Mutter unter ähnlichen Umständen an Scharlach starb, tröstete sich, indem er rationalisierte: "Sie hätte gar nicht glücklicher sterben können, in voller Rüstung, wie sie es wollte, in Fürsorge für ihr eigenes Kind." Obwohl man das gleiche über Korczaks Mutter hätte sagen können, gab es für ihn diesen Trost nicht. Nach seines Vaters Tod hatte er Selbstmordgedanken, und auch jetzt dachte er wieder darüber nach.

    "Als ich meiner Schwester nach ihrer Rückkehr aus Paris vorschlug, gemeinsam Selbstmord zu begehen, war das weder eine Demonstration noch das Programm einer Bankrotterklärung", schrieb er später. "Ich hatte einfach zu wenig Platz auf der Welt und im Leben."

    Seine Schwester scheint von der Idee nicht so angetan gewesen zu sein. "Der Handel war wegen Meinungsverschiedenheiten nicht zustande gekommen", war Korczaks lakonische Erklärung. Aber er gestand auch: "Es gab Jahre, wo ich Sublimat und Morphiumtabletten in einer tiefen Ecke meiner Schublade aufbewahrte. Damals nahm ich sie nur, wenn ich zum Grabe meiner Mutter auf den Friedhof ging." Das Grab befand sich in einer entfernten Ecke des jüdischen Friedhofs, wo die Typhusopfer hinkamen. Vielleicht hat er bei einem seiner ersten Besuche einige dieser Pillen genommen. "Es gibt keinen abstoßenderen Vorfall (Abenteuer) als einen mißlungenen Selbstmord. Seine Planung sollte ganz ausreifen, so daß die Ausführung mit Sicherheit Erfolg hat." Und mit wahrem Galgenhumor zieht er den Schluß: "Es kommt doch vor, daß ein Mensch, der einmal den Reiz und die Lust des Selbstmordes kennengelernt hat, es bis ins hohe Alter hinein nicht wieder versucht."

    Als er im Typhusfieber lag, hatte er eine "Vision". Er hielt eine Rede über "Krieg und Hunger, vom Dasein der Waisen und von Not. Ich spreche Polnisch. Ein Dolmetscher übersetzt ins Englische. (Das Ganze spielt in Amerika.) Plötzlich versagt meine Stimme. Stille. Im Hintergrund schreit jemand auf "" - Regina, eine Waise die nach Amerika geheiratet hatte, läuft auf ihn zu. "Sie bleibt vor dem Pult stehen, wirft eine Uhr aufs Podium und ruft: "Ich will Ihnen das alles geben!" Und dann regnet es Banknoten, Gold und Schmuck. Ringe, Armreifen und Halsketten werden mir zugeworfen. Jungen aus dem Waisenhaus springen auf die Bühne . . . - und sie stopfen alles in Säcke. Zurufe, Beifall und das Schluchzen gerührter Zuhörer erfüllen den Saal."

    Dem Tode nahe, war Korczak nach wie vor entschlossen, für seine Waisen "unbegrenzte Mittel" aufzutreiben. Und er wußte, daß er kein Recht auf Selbstmord hatte, solange es noch Kinder gab, die ihn brauchten.

    "Wenn ich meinen eigenen Plan, der bis ins Letzte durchdacht war, ständig aufschob, dann darum, weil immer im letzten Augenblick irgendein neues Traumbild erschien, das ich nicht einfach beiseite schieben konnte, ohne mich mit ihm beschäftigt zu haben, Das waren gleichsam Themen für Novellen, Ich gab ihnen den gemeinsamen Titel >Sonderbare Dinge<."

    Diese "Traumbilder" waren wie die Kapitel einer Erzählung, die ihm Kraft gaben, wenn er sich völlig machtlos fühlte:

    " Etwas beschämt gestehe ich, daß ich in unruhigen Nächten auch heute noch zu diesem Thema zurückkehre. Den Gefängnisnächten verdanke ich die interessantesten Kapitel dieser Erzählung. Mehr als ein Dutzend solcher Träume lagen in meiner Werkstatt bereit - ich brauchte nur zu wählen. Zum Beispiel:

    Ich hatte eine magische Formel gefunden, Ich war unumschränkter Herrscher über die Bildung.

    Ich schlief so sehr von Sorgen bedrückt ein, daß sogar Empörung in mir aufwallte.

    >Warum ausgerechnet ich? Was wollt ihr denn gerade von mir? Es gibt doch Jüngere, Gescheitere, Sauberere, die diese Mission besser erfüllen können,

    Laßt mich den Kindern, Ich bin kein Soziologe. Ich verpfusche und kompromittiere beides: diesen Versuch und auch mich selbst.<"

    Als auch die Traumbilder nicht mehr halfen, wandte er sich Gott zu.

    Er war nie praktizierender Jude, aber stets ein Mann des Glaubens gewesen. Der Gott, an den Korczak glaubte, war der Gott Spinozas, der Freie Geist, eine mystische Kraft, die das Universum durchdrang.

      "Es wundert mich nicht, daß Gott ohne Anfang und ohne Ende ist, denn für mich ist er eine unendliche Harmonie", hatte er einmal geschrieben, "Die Sterne, das ganze Universum und nicht der Priester beweisen mir die Existenz eines Schöpfers. Ich habe meine eigene Form des Glaubens gefunden: es gibt einen Gott. Aber der menschliche Geist kann ihn nicht fassen. Sei anständig und tue Gutes. Bete, nicht um Gott um etwas zu bitten, sondern um ihn nicht zu vergessen, denn wir sollten ihn in allen Dingen sehen."

    Jetzt, in seinem Schmerz, fühlte Korczak sich von dem Gott verlassen, dem er vertraut hatte. Da er keinen Sinn im Tod seiner Mutter sehen konnte und auch nicht begriff, warum sie statt seiner gestorben war, verfaßte er ein Gebetbuch - Allein mit Gott: Gebete eines Menschen, der nicht betet -, in das er seine Trauer und sein Verlassenheitsgefühl einfließen ließ. Nach Martin Buber sind Menschen, die auf so intime Art und Weise mit Gott reden, ihm sehr nahe.

    Das Buch enthält insgesamt achtzehn Gebete, geschrieben für Menschen in Not. Eine junge Mutter bittet Gott, ihr das Kind nicht zu nehmen, das er ihr schenkte; ein Bub handelt mit Gott: "Ich bete, wenn Du dafür sorgst, daß mein Vater mir ein Fahrrad schenkt" ; ein alter Mann überläßt sich dem letzten Geheimnis; ein Künstler ist der Meinung, Gott sei betrunken gewesen, als er ihn geschaffen hat (man kann in nüchternem Zustand keinen Künstler erschaffen); ein Erzieher will nichts für sich selbst, sondern bittet um Gottes Führung und Segen für seine Kinder. Wenn auch jedes Gebet in der Alltagssprache des Bittenden geschrieben ist, hört man doch Korczaks eigene Stimme. Aus der Widmung des Buches spricht der junge Henryk Goldszmit:

      "Für meine geliebte Mama und meinen geliebten Papa: Wir haben uns für den Augenblick getrennt, um uns wiederzufinden . . .Aus den Steinen eurer und unserer Vorfahren Pein und Qual möchte ich einen Schutzturm für andere errichten. Ich danke euch, daß ihr mich gelehrt habt, das Flüstern der Toten und der Lebenden zu vernehmen. Ich danke euch, daß ihr mir geholfen habt, das Geheimnis des Lebens in der schönen Stunde des Todes zu erkennen."

    Im Sommer des Jahres 1920 hatte Polen ein besonderes Gebet geradezu verzweifelt nötig, als die Russen im polnisch-sowjetischen Krieg in die Offensive gingen. Die polnische Armee mußte das im Mai eroberte Kiew räumen und wurde vom berüchtigten General Michail Tuchatschewskij vor die Tore Warschaus verfolgt. Polens Untergang schien besiegelt zu sein.

    Jozef Pilsudski jedoch, der bis dahin bereits geradezu unglaubliches Glück gehabt hatte - er überlebte Sibirien, entkam aus verschiedenen Irrenhäusern und Gefängnissen des russischen Reiches und brachte es sogar fertig, in einem verwegenen Überfall auf den Zug des Zaren das versteckte Gold und Silber an sich zu bringen -, hatte noch mehrere Leben zu leben. Als am 16. August 1920 die Bolschewiken vor den Toren Warschaus standen, trennte Pilsudski durch einen Angriff von Süden her die hinteren Linien ab und hatte sie in zwei Tagen komplett umzingelt. überrascht von dem, was als das "Wunder von der Weichsel" in die Geschichte eingegangen ist, flohen die Russen in völligem Durcheinander über ihre Grenzen zurück.

    Polen war noch nicht verloren, Warschau wurde verschont.

    "Schmutziges, zerrissenes, vernachlässigtes Warschau, dein Herz ist deine Altstadt, dein Hirn wohnt in jedem Stein, jedem Ziegel und in jedem zeitungverkaufenden Bengel", schrieb Korczak. Nie hatte er seine Stadt mehr geliebt. "Warschau ist mein, und ich bin sein. Ich gehe noch weiter: ich bin Warschau. Mit dieser Stadt war ich fröhlich und traurig, ihre Heiterkeit war meine Heiterkeit, ihr Regen und ihr Schmutz waren mein Regen und mein Schmutz. Mit Warschau bin ich großgeworden. Warschau war mein Boden - die Werkstätte meiner Arbeit, hier bin ich daheim, hier sind meine Toten begraben."

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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