Janusz Korczak Communication - Center
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Hundert Kinder

Hundert Kinder, hundert menschliche
Individuen nicht erst morgen,
sondern jetzt, hier und heute.

Wie man ein Kind lieben soll

    "Warum hat König Hänschen keine Kinderarmee aufgestellt?" fragte ein Bub eines Abends, als Korczak im Schlafsaal vorlas.

    "Wenn er es nicht einmal verhindern konnte, daß die Kinder mit ihren Bällen die Fenster des Palastes zerschlugen, wie konnte er hoffen, sie im Krieg unter Kontrolle zu haben?" fragte Korczak zurück.

    Die Kinder lachten. Es verging keine Woche, in der nicht ein Kind es fertigbrachte, einen Ball über die Mauer des Waisenhausgartens zu schießen oder zu werfen, und zwar schnurstracks durchs Fenster der Besteckfabrik nebenan. Um die Sache noch schlimmer zu machen, weigerte sich der böse deutsche Besitzer, die Bälle zurückzugeben.

    "Warum ist die Prinzessin Klu Klu schwarz statt weiß wie Hänschen?" wollte ein Mädchen wissen.

    Korczak dachte nach. Die Kinder hatten noch nie einen schwarzen Menschen gesehen. In ganz Warschau gab es zu der Zeit nur einen einzigen: den Chauffeur, den sich ein Diplomat von seinem letzten Auslandsposten mitgebracht hatte.

    "Wo Klu Klu herkommt, sind die Kinder schwarz", sagte er ihnen. "So wie die Kinder in China gelb sind. Aber Hautfarbe spielt überhaupt keine Rolle, Klu Klu war viel gescheiter als viele weiße Kinder in Hänschens Königreich - und sie hielt zu ihm, als andere ihn attackierten."

    Immer wenn ein Kapitel zu Ende war, hörte der Erzieher trotz der Bitten der Kinder mit Vorlesen auf. Dann kehrte der Schriftsteller in seine Mansarde zurück, um die Teile zu überarbeiten, die nicht ihr Interesse gefunden hatten, oder um an einem neuen Buch zu schreiben, Bald hörten die Kinder vom kleinen Jack, einem amerikanischen Buben, der in seiner Schule einen Genossenschaftsladen eröffnete - Jacks Reich war viel kleiner als Hänschens, aber auch er mußte sich mit Problemen der Erwachsenen wie Geld und Buchhaltung herumschlagen- Als sein Geschäft aufgrund der Inkompetenz anderer Leute pleite ging, kam auch Jack aus der ganzen Situation viel reicher hervor- - er hatte den wichtigsten Schatz überhaupt gewonnen Selbsterkenntnis.

    Bevor er sich zum Schlafen zurückzog, ging Korczak gern durch die Schlafsäle der Kinder und machte sich für das Buch, das er über Kinder und die Nacht schreiben wollte, Notizen über ihre Schlafhaltungen- Manchmal begleitete Stefa ihn, doch das Leben war anders geworden als vor dem Krieg, als sie beide sich noch sechzehn Stunden am Tag um die Kinder gekümmert hatten- Stefa war immer noch die stabile, absolut zuverlässige Mutter rund um die Uhr, aber Korczaks Tagesabläufe waren komplizierter geworden durch seine Arbeit mit Maryna Falska in Pruszkow, durch Lehrveranstaltungen an zwei pädagogischen Instituten und durch seine schriftstellerischen und fachlichen Publikationen.

    Das Heim hatte einhundertundsechs Betten, fünfzig für Jungen und sechsundfünfzig für Mädchen- Kinder ab sieben Jahren wurden aufgenommen und blieben bis zum Ende der Volksschule im Haus- Die Kinder gingen in spezielle staatliche Schulen für Juden ("Sabbat-Schulen" genannt, weil der Sabbat am Samstag statt am Sonntag gefeiert wurde) - Unterrichtssprache war Polnisch, und der Lehrstoff unterschied sich mit Ausnahme der Religionsstunden kaum von dem in polnischen Schulen.

    Polen mochte unabhängig sein, doch herrschte deshalb noch lange kein Mangel an bedürftigen jüdischen Kindern- Die Juden, inzwischen verfassungsmäßig gleichgestellt und durch einen Minoritäten-Vertrag geschützt, litten wie alle Polen unter der wirtschaftlichen Depression des vom Krieg verwüsteten Landes- Daß die Regierung, in der Absicht, eine polnische Mittelklasse hervorzubringen, polnische Unternehmen und Händler protegierte, machte es nicht leichter- Da es ihnen nicht gestattet war, Beamte zu werden oder im Post- oder Bahnbetrieb zu arbeiten, konkurrierten Zehntausende verarmte jüdische Arbeiter mit Zehntausenden vom Land hereinströmenden verarmten polnischen Arbeitern um Arbeit und Brot - eine Situation, die nicht zur Verbesserung polnisch-jüdischer Beziehungen beitrug.

    Stella Eliasberg war zu Tränen gerührt, als sie und andere Mitglieder des Komitees für die Aufnahme ins Waisenhaus die Anträge notleidender jüdischer Familien vor Ort überprüften. Sie gewöhnte sich nie an die dumpfen Kellerlöcher, wo drei oder vier blasse, kränkliche Kinder auf schmutzigen Strohmatratzen lagen, im kältesten Winter nur mit Lumpen bedeckt. Sie hatte immer ein Schuldgefühl, weil alle Kinder Hilfe brauchten und doch nur eines aus jeder Familie aufgenommen werden konnte.

    Und wenn ein Kind ausgewählt worden war, mußte es erst noch nach von Korczak festgelegten Richtlinien von einem Psychologenteam untersucht werden, weil geistig behinderte oder emotionsgestörte Kinder nicht in Betracht kamen. Wie ein Gärtner, der "das Unkraut jätet, damit seine Pflanzen überleben", war Korczak nicht gewillt, ein Kind aufzunehmen, das sich schädlich auf die Waisenhausgemeinschaft auswirken könnte. Sollten seine persönlichen Ängste vor Geisteskrankheiten seine Einstellung beeinflußt haben, so war er jedenfalls sehr darum bemüht, diesen Verdacht zu verschleiern, indem er sich auf die unerforschten Geheimnisse der Vererbung berief, die damals die Rassenhygieniker beschäftigten. Es war die bekannte Streitfrage nach den Einflüssen durch Vererbung oder Umgebung: War man mit schlechten Erbanlagen dazu verdammt, ein schlechter Mensch zu werden, oder konnte eine positive Umgebung mit guten Einflüssen das verhindern? War ein Kind nervös, weil es das von seinen Eltern geerbt hatte, oder weil sie es erzogen? Warum hatten gesunde, vernünftige Eltern schwächliche Nachkommen, und warum gab es andererseits außergewöhnliche Kinder von sehr gewöhnlichen Eltern? Und warum diese Frage hatte Ellen Key, die schwedische Verfechterin der Rechte des Kindes, gestellt - verlangte die Gesellschaft keine Lizenz für die Zeugung von Kindern, wenn jeder Getränkestandbesitzer schon eine Lizenz nachweisen mußte? "Wir müssen aufhören, gedankenlos Kinder hervorzubringen", schrieb er.

    "Wir müssen vor ihrer Zeugung über sie nachdenken. Wir müssen sie erschaffen."

    Die von der Gesellschaft für Waisenhilfe angestellten Psychologen waren in der unglücklichen Lage, das Schicksal eines leicht zurückgebliebenen Kindes möglicherweise zu besiegeln. Helena Merenholtz erinnerte sich, daß sie und ihre Kollegen von den Bitten eines Kindes manchmal so angerührt waren, daß sie ihre Berichte fälschten: "Ich war der Ansicht, daß in einer ordentlichen Umgebung und mit ausreichender Ernährung ein Bub oder Mädel seine Entwicklung beschleunigen würde." Manchmal funktionierte der Trick. Wenn Korczak allerdings mißtrauisch wurde, was oft vorkam, ließ er das Kind von Frau Maria Grzegorzewska untersuchen, an deren Institut für besonders Begabte er zweimal wöchentlich lehrte. Meistens sagte auch sie ihm, daß es völlig normal sei. "Es ist unmöglich, bei Ihnen einen Grad in Idiotie zu erwerben", warf er ihr ständig im Scherz vor.

    Obwohl das Waisenhaus behördlich unterstützt wurde, war es nach wie vor hauptsächlich auf Spenden angewiesen, wobei einige der Wohltäter Korczak damit erbosten, daß sie die Aufnahme eines bestimmten Kindes verlangten. "Der Wohltäter hat nur das Recht zu geben", sagte Korczak. Den Kindern sagte er, daß manche reiche Leute sich wirklich um die Waisenkinder sorgten, die meisten aber aus weniger edlen Gründen spendeten: "Der eine stirbt, also braucht er sein Geld nicht mehr. Ein anderer will Gott gnädig stimmen. Der dritte erzählt jedem, wie rechtschaffen er ist." Unerbittlich bestand er darauf, daß die Kinder unter keinen Umständen Süßigkeiten annahmen oder Besorgungen erledigten.

    Korczak hatte für die Philanthropen genaue Besuchszeiten und Regeln festgelegt. Sie mußten ihre Kutschen (später ihre Limousinen) am Ende der Straße stehen lassen, wo die Kinder sie nicht sehen konnten. Besucher, die unangemeldet in Bratenrock und Vatermörder erschienen, um einen Blick auf den berühmten Pädagogen zu werfen, dem sie ihr Geld gaben, wunderten sich über den grünen Kittel, den Korczak gewöhnlich trug. In einer Zeit, als lange Titel und großartiges Gehabe zum guten Ton gehörten, widersetzte sich Korczak jeglicher gesellschaftlicher Affektiertheit, was ihn nach den geltenden Regeln zu einem nicht ernst zu nehmenden Menschen machte.

    Die Kinder waren entzückt, wenn einige der Besucher den Doktor für den Hausmeister hielten. Ein besonders hochnäsiger Mann schickte ihn um seinen Mantel und drückte ihm dann eine Münze in die Hand. Ein anderer begegnete ihm im Hof und fragte: " Wo kann ich Dr. Korczak finden? " Woraufhin Korczak das Gebäude betrat, seinen Kittel ablegte, seinen Rock überzog, in den Hof zurückkehrte und den Mann begrüßte. Der Besucher war so verlegen, daß er das Gelände grußlos verließ.

    Einige der Wohltäter sahen in diesen Mätzchen wie in seiner Weigerung, in der Gesellschaft aufzutreten, eine Form von Arroganz. Aber die meisten entschuldigten ihn, weil sie spürten, daß er keinerlei Bedürfnis nach Ruhm und Ehre hatte. Seine engsten Freunde wie die Eliasbergs und die Mortkowiczes amüsierten sich über ihn und wußten, daß ihr eigenwilliger Freund nicht arrogant, sondern eigentlich schüchtern war.

    Freitags, nachmittags um vierzehn Uhr, wurden die Neuen aufgenommen, wenn Plätze frei geworden waren. Die meisten Kinder waren sieben Jahre alt, und ihre Geschichte war ähnlich der des neunjährigen Israel Zyngman, eines Straßenlümmels, dessen verwitwete Mutter es nicht schaffte, ihn von Banden und dem Aufspringen auf Straßenbahnen fernzuhalten und in die Schule zu schicken. Als sie ihm sagte, daß er in das Heim des berühmten Dr. Goldszmit käme, waren seine Kumpel überzeugt, er käme ins Gefängnis. "Wenn du einen Polizisten siehst und Riegel vor der Tür, dann hau ab, so schnell du kannst", warnten sie ihn.

    Er erinnerte sich noch genau an den Tag, als er mit seiner Mutter in der Krochmalnastr. 92 eingetroffen war:

      Da war tatsächlich ein Eisentor, aber kein Polizist. Wir gingen in den Hof, und eine große Frau, ganz in Schwarz, kam uns entgegen. Ich sah ihr ins Gesicht. Da war ein großes schwarzes Muttermal. Plötzlich wurde aus dem tollen Kerl ein kleiner Bub, der sich hinter seiner Mutter versteckte. Diese Frau, Fräulein Stefa, fragte meine Mutter:

      "Wie heißt er denn?"

      "Israel."

      "Das ist schlecht", sagte Stefa knapp.

      "Wir haben schon zwei Israels. Wir werden ihn Shiya nennen."

      Ich war völlig perplex. Ich hatte mich zigmal wegen dieses Namens geprügelt, und jetzt kommt diese Frau daher und will ihn mir wegnehmen. Ich haßte sie auf den ersten Blick. Das ist hier nichts für mich. Ich geh da nicht rein.

      Dann geschah etwas Unerwartetes. Während meine Mutter versuchte, mich vor sich herzuschieben, rutschte mir die Mütze vom Kopf.

      Stefa kreischte: "Er hat ja seine Haare noch! Sie haben ihm den Kopf nicht geschoren?"

      Meine Mutter war verwirrt. "Das hat mir niemand gesagt. .."

      Meine Kumpel hatten mir gesagt, wenn sie einem den Schädel rasieren, kommt man ins Gefängnis.

      "Ich hau ab hier! " schrie ich und versuchte wegzurennen, aber meine Mutter hielt mich an der Jacke fest.

      "Es wird dir gefallen", meinte sie. "Jeder hat Dr.

      Goldszmit gern." "Wo ist er denn?" knurrte ich. "Ich habe keine Zeit zu verplempern", sagte Stefa ungeduldig. Sie winkte einen anderen Buben herbei, daß er sich um mich kümmern sollte, und ging.

      Der versuchte, mich ins Haus zu bringen, aber ich weigerte mich, bis meine Mutter sagte, sie käme mit mir. Zögernd folgte ich ihm durch die Eingangstür in den großen Speisesaal, wo alles mögliche los war. Aber ich stand da im Eingang und klammerte mich an meiner Mutter fest. Viele Kinder machten blöde Bemerkungen, als sie an mir vorbeikamen. Ich mochte sie nicht. Ich war mir sicher, daß mit dem Haus irgendwas nicht stimmte.

      Dann kam ein Mann in einem langen Kittel zu uns und sagte, er sei Dr. Goldszmit. Er sah eigentlich gar nicht besonders aus. Er war einfach ein alter Mann. Wie andere auch. Er sagte meiner Mutter, daß er uns erwartet hätte, sah dann mich an und meinte: "Ich hab von dir gehört." Ich wandte mich an meine Mutter. "Was, zum Teufel, hat der von mir gehört?"

      Schwierig sei ich, habe er gehört, und das hätte er selbst sehen wollen. Dann sprach er mit meiner Mutter und sah mich gar nicht an dabei. Aber er streichelte meinen Kopf Das hat mich sehr beeindruckt. Seine Haut war weich, und die warme Hand fühlte sich so gut an.

      "Komm mit", sagte er. Er brachte uns in ein kleines Zimmer nach oben und sagte: "Zieh dich aus." Als ich mich nicht rührte, wiederholte er: "Bitte zieh deine Sachen aus."

      Ich rührte mich immer noch nicht. Er zog mein Hemd aus, und ich fror, aber ich hinderte ihn nicht. Er legte ein Ohr auf meine Brust. "Was war da im Hoflos?" wollte er wissen.

      Ich erzählte ihm von dem Problem mit meinem Namen.

      "Und wie heißt du?" "Israel. Aber diese Frau da wollte mich Shiya nennen. Ich kenn da einen auf der Straße, der so heißt. Der ist ein Riesenidiot. Da lacht mich doch jeder aus."

      Der Doktor sagte: "Wir haben auch ein Problem, weil hier schon zwei andere Israel heißen. Wenn jetzt einer von denen was anstellt, woher sollen wir wissen, welcher es war?"

      Meine Mutter wollte vermitteln. "Nennen Sie ihn doch Sami."

      "Nein, das gefällt ihm sicher nicht." Und dann sagte der Doktor zu mir: "Was hältst du von Stasiek?"

      Das gefiel mir - der Name eines Heiligen. "Wie, ich und so ein Name?"

      "Ja, du."

      Damit wurde er zu meinem besten Freund. Ich war einverstanden, meine Mutter konnte gehen.

      "Und was ist da draußen noch passiert?" fragte er.

      Ich erzählte ihm das mit den Haaren. "Alle Kinder haben Haare. Warum soll ich keine haben? "

      "Wenn du deine Haare behalten willst, behalt sie", meinte er. "Aber beschwer dich nicht bei mir."

      "Wieso beschweren?"

      "Du wirst anders sein als die anderen Neuankömmlinge.

      Sie werden dich Stach die Ziege nennen, oder Stach der Hahn. Aber komm dann nicht zu mir deswegen." Ich war sprachlos.

      Er nahm ein Stück Schokolade aus der Tasche und hielt es mir hin. Ich wollte es nicht. Meine Haare waren mir wichtiger. Ich war entnervt und ängstlich. "Wo ist das Friseurgeschäft?" fragte ich mißtrauisch.

      "Zu was brauchst du ein Friseurgeschäft?" Also war er der Friseur.

      "Ist gut, Sie können mir die Haare abschneiden." "Setz dich." Er nahm eine Schere, und bevor ich mich umsah, waren meine Haare ab.

    Für die Mädchen, besonders die mit schönen langen Zöpfen, war diese Erfahrung sehr viel schlimmer, aber man hielt das Scheren der Köpfe für eine unumgängliche hygienische Maßnahme, damit keine Läuse als Typhusüberträger ins Haus geschleppt wurden. Nach der ersten Schur durften Kinder, die auf ihre Sauberkeit achteten, das Haar wieder lang tragen.

      Sara Kramer, deren Vater gerade gestorben war, erinnerte sich an ihre erste Unterhaltung mit dem >Friseur<:

      "Wie fühlst du dich ohne Vater?" fragte er mich.

      "Traurig", flüsterte ich.

      "Meine Tochter", sagte er sanft und legte seine Hand auf meine Schulter. Dann sagte er mir, daß er mir die Haare abschneiden müsse. "Wie soll mich denn da meine Mutter erkennen?" schrie ich.

      Er erklärte, er müsse es aus Reinlichkeitsgründen tun, um sicherzugehen, daß keine Läuse da wären.

    Wie die meisten Neuankömmlinge empfand auch Sara das Haarschneiden nicht allzu schlimm, weil Korczak wie aus allem anderen auch daraus ein Spiel machte. Manchmal nannte er den ersten Schnipp Krochmalna oder gab ihm einen Tiernamen oder bezeichnete ihn mit einem Buchstaben aus dem Namen des Kindes. Obgleich alles nur dazu diente, die Kinder zu entspannen, vollzog Korczak die gesamte Prozedur genauso ernsthaft wie jede andere medizinische Maßnahme. Seine Instrumente waren so blitzblank und scharf wie die eines Chirurgen, und er bestand darauf, daß jeder, der sich um Arbeit in einem Heim bewarb, nachweisen sollte, wie gut er im Auseinandernehmen und Reinigen von Haarschneidemaschinen war. Das gleiche Interesse brachte er der Haarwäsche entgegen. "Man sollte nur mit den Daumen über der Stirn, hinter den Ohren und am Hinterkopf massieren", sagte er seinen Studenten. "Die Seife trocknet da nämlich ein und fördert Pilzinfektionen."

    Stasiek und Sara wurden an ihrem Ankunftstag und danach wie alle Kinder einmal wöchentlich gewogen, die Resultate notierte man genau auf ihren Wiegekarten. Für Korczak war diese Skala ein "vernünftiger, nüchterner und unbefangener Informant und Ratgeber, der nicht lügt". Ein Kind zu wiegen, war nicht nur ein statistischer Vorgang, sondern beinhaltete auch die Freude, die "Schönheit des Wachstums" erleben zu dürfen. Er plauderte und scherzte - ein Bub brachte sogar seine Pflanze zum Wiegen -, hatte aber gleichzeitig die Möglichkeit, sich die Augen und Ohren der Kinder anzusehen, in den Hals zu schauen, ein Stethoskop anzubringen, die Haut zu betrachten und ihre Stimmung wahrzunehmen. Trägheit bei einem sonst aktiven Kind konnte der Vorbote einer Krankheit sein.

    Korczaks Aufmerksamkeit entging nicht das kleinste Detail. Er untersuchte ihre schmutzigen Taschentücher, suchte verlorene Handschuhe - um Erfrierungsgefahren vorzubeugen und machte ein Spiel daraus, ihnen das Schuheputzen beizubringen. Er unterhielt sich mit dem Schuh und erklärte ihm, warum er jetzt diese oder jene Creme auftragen würde, warum er eine Bürste benutzte und die Mitarbeit des Schuhs benötigte. Bevor er fertig war, wollte das Kind unbedingt den Schuh putzen. Nach ihrem Bad am Freitagnachmittag erhielten Neulinge wie Stasiek und Sara Kleider mit der Nummer, die auf allem, was ihnen gehörte, angebracht war. Die Qualität der Kleidung, die die Kinder erhielten, hing davon ab, wie sie mit ihr umgingen. Als Korczak im Krieg war, hatte Stefa eine Schmuddeligkeitsskala von eins bis vier aufgestellt. Ordentliche Kinder erhielten die beste Kleidung, die gespendet oder im Heim genäht worden war; die unordentlichen, die ständig mit Flecken oder Löchern herumliefen, mußten sich mit rauherem und strapazierfähigerem Material zufriedengeben. Doba Borbergow erinnerte sich noch immer an ihr Glücksgefühl, als sie das erste Kleid, das erste Unterhemd und die erste Unterhose erhielt, die sie je besessen hatte: "Am Samstagnachmittag, als ich meine Familie besuchte, hob ich auf der Straße dauernd meinen Rock hoch, damit alle, sogar die Buben, meine wunderschöne Unterhose sehen konnten." Hanna Dembinska, die ein rechter Wildfang war, erinnerte sich ebenso deutlich daran, wie sie sich gefühlt hatte in ihrer dunklen, häßlichen alten Hose, die wie ein Sack an ihr herunterhing, während die "braven Mädchen" in schönen Kleidern umherspazierten. (Man konnte die Kategorie ändern, aber dafür hätte man sich selbst ändern müssen, und das dauerte meistens Jahre.)

    An jenem Abend, beim Sabbatmahl mit dem weißen Tischtuch, der geflochtenen Challah und den unbekannten Gesichtern, fand das neuaufgenommene Kind Trost in dem Gedanken, daß es ja am folgenden Tag seine Familie besuchen könne. Es war immer noch üblich, daß die Kinder am Samstag nach dem Mittagessen zu ihren Familien gingen, wo sie bis um sieben Uhr bleiben durften. Mütter, Großeltern oder ein anderes Familienmitglied brachten das Kind dann meistens wieder zurück, ein Besuch im Haus selbst war aber nur an Chanukka*,

    * Chanukka jüd. Tempelweihfest im Dezember zur Erinnerung an die Erbauung des makkabäischen Tempels (165 v. Chr.): Purimfest - im Februar/März gefeiertes spätjüdisches Volksfest zur Erinnerung an die Errettung der persischen Juden durch Esther; Passahfest Fest zum Gedenken des Auszugs der Kinder Israel aus Ägypten (Anm. d. Übers.)

    zum Purimfest oder zum Passahfest gestattet.

    In den ersten drei Monaten hatte jedes Kind einen "Beschützer" zur Seite, nämlich ein anderes, älteres Kind, das ihm half, sich im Haus und mit seinen Regeln zurechtzufinden, sich einzugewöhnen, und das gleichzeitig auch die Verantwortung für den Neuling übernahm. Weil jeder mit der Schule und anderen Aufgaben mehr als genug zu tun hatte, wurde das neue Kind angehalten, seinem Beschützer zu schreiben. Es gab einen bestimmten Briefwechsel zwischen einem neunjährigen Bengel und einer Zwölfjährigen, auf den Korczak ganz besonders stolz war.

      Bub: Ich habe mich mit R. darüber unterhalten, wie es daheim war. Ich sagte ihm, daß mein Vater Schneider war, R.s Vater war Schuster. Und jetzt sind wir hier in so einer Art Gefängnis, hier bin ich nicht daheim. Wenn du keinen Vater und keine Mutter hast, ist das Leben nichts wert. Ich hab ihm erzählt, wie ich für meinen Vater immer Knöpfe kaufen mußte, R. mußte seinem Vater Nägel holen. Und so. Den Rest hab ich vergessen.

      Beschützerin: Schreib deutlicher.

      Bub: Bitte hilf mir . . . Im Unterricht hatte ich schlimme Gedanken. Stehlen. Aber ich will nicht alle aus der Fassung bringen. Ich versuche wirklich, mich zu bessern und an andere Sachen zu denken wie einen neuen Kontinent zu entdecken oder nach Amerika zu gehen, hart zu arbeiten, ein Auto zu kaufen und durchs Land zu fahren.

      Beschützerin: Es ist gut, daß du mir geschrieben hast.

      Wir werden miteinander reden, und ich kann dir Ratschläge geben. Aber sei nicht böse, wenn ich dir einiges sagen muß.

      Bub: Ich hab mich schon gebessert. G. ist jetzt mein Freund, und der hilft mir. Und ich bemüh mich doch so. Aber könnte ich nicht öfter weggehen als einmal in vierzehn Tagen? . . . Die andern tun das doch auch. Meine Oma möchte, daß ich jede Woche komme, und ich schäme mich, ihr zu sagen, daß ich das nicht darf.

      Beschützerin: Du weißt ganz genau, warum du nicht so oft weg darfst wie die andern. Ich frag mal, aber ich glaub nicht, daß es was nützt.

    Indem er auf das neue Kind aufpaßte, schlüpfte der Beschützer in die Rolle sorgender Eltern und wurde so zum ersten Zweig eines neuen und einzigartigen Familienbaums. Wenn ein Kind dann selbst Beschützer war, wurden die anderen zu Großeltern und schließlich Urgroßeltern. Diese Familieneinheiten wurden sehr ernst genommen und einmal im Jahr gemeinsam photographiert.

    Obwohl das Waisenhaus für damalige Verhältnisse, als Kinder in vielen Heimen geschlagen wurden und nicht satt zu essen bekamen, radikal progressiv war, erscheint es aus heutiger Sicht äußerst streng gegliedert. Eine genaue Struktur, davon war Korczak überzeugt, sei für Kinder von hohem therapeutischen Wert, solange sie ausreichend Freiraum hatten. Das Haus lief ab wie ein Uhrwerk. Für Korczak hatte die Uhr den gleichen wichtigen Stellenwert wie Waage und Thermometer. Ein Mensch, der sich seine Zeit nicht exakt einteilte, war in seinen Augen nicht fähig zu ordentlicher Arbeit.

    Jeden Morgen pünktlich um sechs war Wecken. Jenen, denen das Aufstehen schwer fiel, wurde noch eine Viertelstunde eingeräumt. Die aus dem Bett sprangen, erhielten Pluspunkte, die ewig Langsamen bekamen irgendwann eine Eintragung.

    Nachdem sich die Kinder gewaschen, angezogen und ihre Betten gemacht hatten, gingen sie nach unten, wo um sieben Uhr gefrühstückt wurde, im allgemeinen Kakao, Brot, Obst und manchmal ein Ei. Wenn sie dann aus dem Haus in die Schule gingen, kamen sie an einem großen Korb mit Pausenbroten vorbei, Mittagessen im Heim war erst wieder gegen zwei Uhr. Außerdem stand Stefa in der Tür und inspizierte Ohren und Hals, Schuhe und Knöpfe.

    Mittags nach der Schule gab es die Hauptmahlzeit: Suppe mit einem Stück Fleisch drin, Kascha, Nudeln oder Kartoffeln und ein Gemüse. Stella Eliasberg war meistens unten in der Küche und schmeckte das Essen selbst ab, bevor es in den Speisesaal hinaufgeschickt wurde (mittels Speiseaufzug, in dem sich immer wieder trotz Verbots ein Kind versteckte). Nachdem die Tische abgeräumt waren, nahmen die Kinder ihre Plätze wieder ein, machten ihre Schularbeiten und kümmerten sich anschließend um ihre Aufgaben im Heim. Am späteren Nachmittag gab es dann verschiedene Aktivitäten wie Sport, Spiele und Musikunterricht. Auf Bitten einiger Gönner des Hauses wurde Hebräisch- und Jiddischunterricht erteilt, die Teilnahme war allerdings freiwillig.

    Wenn Korczak Zeit hatte, schaute er bei den Kindern herein. "Wie kommst du weiter?" oder "Warum siehst du so traurig aus?" fragte er dann ganz nebenbei. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß Kinder Fragen nicht leiden können und daß sie nur zögernd oder mit kühler Zurückhaltung antworten: "Ganz gut" oder "Ich bin nicht traurig." Den einen oder die andere streichelte er vielleicht sacht, weil er wußte, daß Kinder überschwengliche Liebkosungen nicht mögen. Wenn jemand blaß war oder erhitzt aussah, ließ er sich die Zunge zeigen. Manchmal beteiligte er sich am Seilhüpfen oder am Ringelreihen, wobei sie "Romazia, der nette Junge mit einem Loch in der Tasche" sangen. Wenn er an der Reihe war, in der Mitte zu stehen, wählte er sich aus dem Kreis immer ein Kind aus, das nicht sonderlich beliebt war oder sonst eine Ermutigung brauchte.

    Oder er saß einfach mit den Kindern im Hof auf der Bank unter einem der Kastanienbäume, um einem Wettlauf oder einem Spiel zuzusehen. " Ich wollte immer mit ihm allein sein", erinnerte sich Sabina Damm, die keinen Vater hatte. "Aber das war unmöglich, weil jeder bei ihm sein wollte. Wenn er sich gesetzt hatte, lief ich um ihn herum und umhalste ihn von hinten. Das war die beste Position. "Du erwürgst mich ja!" hat er dann immer gequiekt." Manchmal kletterte ihm eines der Kleineren auf den Schoß, streichelte seinen Bart, lehnte seinen Kopf an Korczaks Brust und schlief schließlich ein. " Seh ich nicht aus wie ein alter Baum voller Kinder, die wie Vögel in meinen Ästen spielen?" fragte er. Wenn die Spiele vorbei waren, tanzten die Kinder um ihn herum und hänselten ihn wegen des schlafenden Kindes: "Amme, Amme!" Er zog seine Stirn in Falten und tat so, als schimpfe er: "Psst, stört uns nicht. Mein Kleiner hier ist müde. Laßt ihn ausruhen und Kraft für morgen sammeln." Stefa beteiligte sich nur selten an den Spielen - sie war viel zu sehr mit der Tagesroutine beschäftigt. Sie, die inzwischen eine Mittdreißigerin geworden war, hatten die Jahre gegerbt und nicht weicher werden lassen. Ihre in Schwarz gehüllte stattliche Gestalt war ständig in Bewegung. Einzig ihre großen schwarzen Augen, immer noch das Schönste an ihr, ließen die Warmherzigkeit ahnen, die sie hinter ihrem brüsken Verhalten verbarg. Ihr Gesicht war "so breit wie ein Pfannkuchen, mit Warzen wie Rosinen darin". Die Kinder liebten es, die größte Warze an ihrer Nase anzufassen. Wenn sie böse war, wackelte die Warze. Manchmal küßte Stefa ihre Hände, wenn die Kinder nach der Warze langten. Mit großem Vergnügen sahen sie zu, wenn ihr die Brille von der Nase rutschte bis genau - dahin. Sie war eine Mutter mit eisernem Willen, die ihre 106 Zöglinge stets auf Trab hielt, Klapse und Küsse verteilte. Wenn die Kinder wütend auf sie waren, weigerten sie sich zu essen, weil sie wußten, daß Stefa Angst hatte, sie würden abnehmen. Ein Photograph mußte lernen, daß er sie nur dann zum Lächeln bringen konnte, wenn sie ein Kind auf dem Schoß hatte. Sie strahlte, und er drückte auf den Auslöser.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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