Janusz Korczak Communication - Center
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Zähmung der Bestie

Das Leben ist wie eine Manege,
manche Augenblicke sind eindrucksvoller als andere.

Theorie und Praxis

    Früher Morgen im Waisenhaus. Die Kinder senken die Köpfe für ein kurzes Gebet vor dem Frühstück und setzen sich dann aufgeregt hin. Sie müssen über einen Neuling abstimmen. der seit einem Monat bei ihnen ist. Korczak geht durch den Speisesaal und gibt jedem drei Karten: eine ist mit einem Plus markiert, eine mit einem Minus und die dritte mit einer Null. Wenn man die Person. über die abgestimmt wird. gern hat. muß man die Plus-Karte in den Schlitz der Holzkiste. die herumgereicht wird.einwerfen, wenn nicht, die Minus-Karte. Wenn es einem egal ist, nimmt man die Null. Und die Anzahl der Kreuze. Striche und Nullen wird die Beurteilung dieses neuen Mitbewohners bestimmen.

    Ein Kind. das mit den andern gut auskommt. wird sicherlich mehr Kreuze erhalten. was ihm den höchsten Rang. nämlich Kamerad. einbringt. Jene mit einer akzeptablen Anzahl an Kreuzen werden zu Bewohnern. die mit nur wenigen Kreuzen zu gleichgültigen Bewohnern und die mit gar keinen zu schwierigen Bewohnern ernannt. Kameraden haben natürlich mehr Privilegien als die anderen: sie sind Parlamentsmitglieder. dürfen mehr Filme sehen und können sich ihre Aufgaben im Haus aussuchen. Wenn es vorkommt. daß ein Bub oder Mädel nur Kreuze erhält. wird er oder sie König oder Königin und hat bei allem die erste Wahl.

    Dadurch. daß über alles abgestimmt wurde. konnten die Kinder innerhalb ihrer Gemeinschaft Selbstverantwortung übernehmen. Statt dem Urteil der Erwachsenen ausgeliefert zu sein, lernten sie. sich selbst durch die Augen ihrer Kameraden zu sehen. Darüber hinaus hatten sie auch das Recht. über die Erzieher und Helfer abzustimmen, von denen erwartet wurde, daß sie die kleinen Bürger der Republik mit Respekt behandelten.

    Über den Neuling wurde in einem halben Jahr erneut abgestimmt und danach jährlich. Korczak verfolgte diese Abstimmungen immer mit großem Interesse. Im Fall eines Mädchens namens Pola wunderte er sich über das ungewöhnlich schlechte Ergebnis. Er wußte, daß Kinder zwar Erwachsene hinters Licht führen können, nicht aber ihresgleichen. Pola machte den Eindruck einer wohlerzogenen jungen Dame, doch hörte er die Kinder häufig sagen: "Faß das nicht an, es gehört Pola." (Und zwar im gleichen Ton, wie er ihnen sagte: "Faßt keine Scheiße an, sie stinkt.") Als er fragte, warum ihr jeder aus dem Weg ging, bekam er zur Antwort: "Wissen Sie denn nicht, daß sie ein stilles Wasser ist?"

    Korczak glaubte, daß Kinder wie Pola, die auf unterer Ebene eingestuft wurden, von der Gruppe akzeptiert zu werden wünschten und nicht wußten, wie sie es anstellen sollten. "Ein Kind empfindet seine Fehler als Last, aber es weiß nicht, was es tun soll", schrieb er. "Und wenn es nicht geführt wird, macht es einige verheerende Versuche, sich zu ändern, und gibt auf, nachdem das nicht gelingt." Die Herausforderung lag darin, seine "Klinik" - wie er das Heim oft nannte - zu einem Ort des "Heilens" zu machen. Wenn das Heim nicht zu einer "Zuflucht des Geistes" wurde, lief es Gefahr, zu einem " Infektionsherd" zu werden.

    Auch wenn er seinen hartgesottenen Straßenkindern saubere Kleidung und ein Bad zukommen ließ, machte Korczak sich keine Illusionen, daß er ihre "üblen Erinnerungen, schlechten Einflüsse und schlimmen Erfahrungen" damit wegwischte. Es gab Grenzen für das, was er erreichen konnte. "Ich kann Normen aufstellen für Wahrhaftigkeit, Ordnung, harte Arbeit und Ehrlichkeit, aber ich werde aus diesen Kindern nichts anderes machen können als das, was sie sind. Eine Birke wird immer eine Birke sein und eine Eiche eine Eiche, eine Distel eine Distel. Es mag mir gelingen, was verborgen ist, hervorzuholen, aber ich werde nichts Neues schaffen können."

    Er hoffte, den Kindern zu helfen, den Kampf mit sich selbst in einer Weise zu führen, daß ihr Stolz nicht verletzt würde. Bis sie gelernt hatten, ihre jahrelang aufgestaute Wut und ihren Haß zu kontrollieren, waren Raufereien zum Beispiel gestattet. Allerdings mit der Auflage, daß man sich vorher dafür eintragen mußte und daß die Gegner sich auch entsprachen. "Wenn du einen hauen mußt, dann tu das - aber nicht zu fest", sagte Korczak. "Wenn du die Beherrschung verlieren mußt, dann tu das, aber bitte nur einmal am Tag." Und mit der ihm eigenen Selbstironie meinte er, daß in diesen beiden Sätzen seine ganze Erziehungsmethode enthalten sei.

    Er vermied den psychoanalytischen Jargon, der bei seinen Kollegen gang und gäbe war, weil er die Kinder nicht auf Formeln reduzieren wollte. ("Ich werde mit Sicherheit ein nachsichtiges Lächeln oder ein schiefes Grinsen provozieren, wenn ich behaupte, daß ein zweibändiges Werk über Wäsche und Wäscherinnen ebenso bedeutsam ist wie eines über die Psychoanalyse.") Seine Meinung zu Freud war ambivalent, ja sogar widersprüchlich: In einem Brief an einen Freund nannte er ihn einen "gefährlichen Irren", weil Korczak glaubte, daß Freuds Betonung der Sexualität das Kind "besudelte" und die Kindheit auf ein psychosexuelles Stadium reduzierte. Doch gab er in demselben Brief - zu, daß Freud "herzlicher Dank" für die Aufdeckung der "unauslotbaren Tiefen des Unbewußten" gebühre.

    Korczak war stolz darauf, eher ein Praktiker als ein Theoretiker zu sein - obwohl er paradoxerweise der Ansicht war, daß es zwischen den beiden keinen Unterschied gäbe. "Dank der Theorie weiß ich", schrieb er, "dank der Praxis fühle ich. Die Theorie bereichert den Intellekt, die Praxis vertieft das Gefühl und schult den Willen."

    Hinter seinen kreativen Strategien für den Umgang mit Kindern steckte ein scharfes psychologisches Verständnis, das auf jahrelanger praktischer Erfahrung basierte, einer Erfahrung, die den meisten Ärzten und eben auch Freud, der mit Erwachsenen arbeitete, fehlte. Ich bin Arzt von Beruf, Pädagoge aus Zufall, Schriftsteller aus und Psychologe aus Notwendigkeit", sagte er einem Freund. Er wußte, daß zwei Streithähne, die sich erst einmal in die Kampfliste eintragen mußten, ausreichend Zeit haben würden, sich zu beruhigen, die Wichtigkeit ihres Streits zu überdenken und schließlich zu lernen, ihre Auseinandersetzungen wohl zu erwägen. Wenn die eine Strategie nicht funktionierte, holte er eine andere aus seinem "pädagogischen Arsenal."

    Es ist Freitagnachmittag. Eine lange Kinderreihe wartet in der Halle vor dem kleinen Vorratsraum, den Korczak jede Woche in ein Spielkasino mit einem einzigen Croupier umwandelt - nämlich ihm selbst.

    "Also, was wettest du?" fragt er Jerzy, einen achtjährigen Lauselümmel, der als erster in der Reihe steht. Die Kinder schließen Wetten über die Häufigkeit der Wiederholungen ihrer schlechten Angewohnheiten ab mit dem Ziel, diese Angewohnheiten abzulegen und dabei ein paar Süßigkeiten als Preis zu bekommen.

    "Ich wette, daß ich mich diese Woche nur einmal prügeln werde", sagt Jerzy.

    "Die Wette kann ich wahrscheinlich nicht annehmen", sagt Korczak, ohne von seinen Büchern aufzuschauen. "Das wäre dir gegenüber ungerecht."

    "Warum?"

    "Weil du ganz sicher verlieren wirst. In der vergangenen Woche hast du fünf Buben verprügelt und sechs in der Woche davor, also wie willst du so schnell damit aufhören?"

    "Ich schaff das."

    "Wie wär's denn mit vieren?"

    "Zwei", argumentiert Jerzy.

    Sie handeln noch ein wenig weiter und einigen sich dann auf drei. Korczak trägt es ins Buch ein und gibt Jerzy einen Bonbon aus dem Korb. Wenn Jerzy gewinnt, kriegt er drei weitere Bonbons am folgenden Freitag. Wenn er verliert, kriegt er einen verständnisvollen Blick, Mut zugesprochen und vielleicht ein Stückchen Schokolade zum Trost. Jerzy weiß, daß, ganz gleich wie viele Kämpfe er zugibt, Korczak seine Angaben niemals überprüfen wird - es ist Ehrensache.

    Der nächste in der Reihe ist Antek.

    "Was wettest du? "

    "Daß ich in dieser Woche nur fünfmal fluchen werde."

    "Zuwenig."

    "Sechsmal." "Wie wär's denn mit sieben, ein Fluch für jeden Wochentag?" schlägt Korczak vor.

    Antek nimmt das Angebot an und trollt sich strahlend - wild entschlossen, die Wette zu gewinnen.

    Als nächstes kommt Pola.

    "Und was wettest du?"

    "Daß ich meine Rechenhausaufgaben jeden Tag machen werde."

    "Wie wär's mit drei Tagen?"

    Sie zuckt die Achseln: "Dann eben drei Tage."

    Er schreibt es auf, gibt ihr einen Bonbon, und das nächste Kind steht vor ihm. Das Spielcasino bleibt geöffnet, bis auch das letzte Kind seine Wette abgegeben hat oder der Gong ankündigt, daß es Zeit sei, das Bad für den Sabbat zu nehmen, und die ganze Schar in die Schlafsäle rennt.

    Nicht jede Strategie war bei jedem Kind erfolgreich. Manchmal hatte Korczak Schwierigkeiten, sich für einen besonders hartnäckigen Lümmel eine passende Methode auszudenken. Es war weniger seine Absicht, die Kinder zu ändern als sie zu befähigen, ihren Willen zu lenken und zu schulen, wie auch er es einst hatte lernen müssen. Das hieß, Zwänge abzubauen und Wunden heilen zu lassen. "Lösungen sollte man nicht nur in der Psychologie, sondern in medizinischen Büchern, in der Soziologie, Ethnologie, Poesie, in der Kriminologie, dem Gebetbuch und im Handbuch für Tierdressuren suchen", schrieb er. Und das letztere war nicht als Witz gedacht. Tatsächlich war er überzeugt, daß ein großer Teil seiner Fähigkeit, das wilde Tier in sich selbst zu zähmen, von seinen Beobachtungen im Zirkus herrührte: "Die Arbeit eines Dompteurs ist sehr direkt und voller Würde. Das Ungestüm der wilden Instinkte wird durch die Kraft des unerschütterlichen menschlichen Willens überwunden." Und er fügte hinzu: "Ich verlange nicht, daß ein Kind sich ergeben soll. Ich zähme nur seine Bewegungen."

    Korczak glaubte, daß ein Erzieher auch Schauspieler sein müsse, und tat bei einem unverbesserlichen Kind manchmal so, als ob er die Geduld verloren hätte. Er brüllte, sein Gesicht und seine Glatze liefen rot an, doch seine Worte waren nicht die einer offensichtlichen Ermahnung "Schäm dich!" oder "Laß das sein!". Mit einem Griff in sein "Glas voller Scheltworte" holte er "Du Torpedo! Du Hurrikan! Du Perpetuum mobile! Du Rattenmensch! Du Lampe! Du Tisch!" hervor.

    Häufige Wiederholungen weichten die Wirkung eines Ausspruches auf; das wußte er und erweiterte ständig sein Repertoire, lieh sich Begriffe aus Natur und Kunst: "Du Stein! Du Dudelsack! Du Hackbrett!" Außerdem versuchte er, genau den Begriff herauszufinden, auf den ein bestimmtes Kind ansprechen würde. Es gab einen Racker, bei dem nichts zu wirken schien. Er gebrauchte jedes nur erdenkliche Wort - vergebens. Und dann eine plötzliche Inspiration: "Ach, du F-Dur!" Für den Rest des Tages war der Bub gebändigt.

    Eine weitere Strategie: Er sagte zu einem Kind, das sich schlecht benahm: "Ich bin dir bis zum Mittagessen oder Abendessen böse" Wenn es wirklich etwas ausgefressen hatte, konnte diese Frist auch bis zum nächsten Tag gehen; in dieser Zeit sprach er mit dem Kind kein Wort. Wenn ein Freund des Kindes als Übermittler fragte. "Darf er den Ball haben?", antwortete Korczak: "Sag ihm, er kann einen kleinen Ball haben, aber er darf nicht damit schießen." Das Kind verstand, daß es bestraft wurde, aber auch, daß diese Strafe ein Ende hatte, nachdem ihm vergeben wurde, und daß es von neuem beginnen konnte.

    Und so arbeitete sich Korczak "mit Murren, Knurren, Tadeln, selbst mit Verweisen" durch seine "Pharmakopöe". Er achtete darauf, niemals " Das habe ich dir schon hundertmal gesagt! " zu verwenden, denn das war ungenau und nörglerisch, und das Kind würde es ohnehin leugnen. Statt dessen sagte er. "Ich habe es dir am Montag oder Dienstag oder Mittwoch und so weiter gesagt." Oder. "Im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter." Nicht nur, daß dies eine präzise und faire Angabe war; er erreichte zwei Dinge gleichzeitig: er lehrte das pflichtvergessene Kind die Wochentage, die Monatsnamen oder Jahreszeiten und erweiterte so sein Vokabular.

    Falls gar nichts wirkte, was selten vorkam, mußte sich das Kind vielleicht in die Ecke hinter dem Klavier auf dem Podium am Ende des großen Saales setzen, und zwar von fünf Minuten bis zu einer Stunde, Einer der Buben, Johann Nutkiewicz, erinnerte sich, daß er sich in der Ecke immer wie ein "Gefangener" vorkam, wenn er den anderen Kindern im Saal beim Spielen zusah. Und Hanna Dembinska, die einmal für eine Stunde in die Ecke verbannt wurde, weil sie eine Woche lang vom Schulbesuch ausgeschlossen worden war, schlich sich nach draußen und kaufte sich mit ein paar Groschen, die sie von ihrer Mutter hatte, ein Rosinenbrötchen. Rotzfrech saß sie da und aß ihre Semmel und wurde von einer Biene, die sich auf den Rosinen niedergelassen hatte, gestochen. Ihr Gesicht schwoll fürchterlich an. "Wir werden doch noch einen Menschen aus dir machen", tröstete Korczak sie, als er sie ins Spital brachte.

    Ganz gleich wie unverbesserlich ein Kind war, Korczak griff niemals zu den sonst üblichen Waisenhausmethoden wie Schläge oder Essensentzug - Strafen, die er für "ungeheuerlich, sündhaft und kriminell" hielt. Aber wenn keine seiner Bemühungen Erfolg zeigte, kam dann irgendwann doch der schmerzliche Augenblick, in dem eine Tracht Prügel in Erwägung gezogen werden mußte. Schmerzlich deshalb, weil Korczak glaubte, daß Prügel eher zu einer Sucht für den Erwachsenen werden als eine erzieherisch sinnvolle Maßnahme abgeben würden. "Aber wenn es denn sein muß, niemals ohne Warnung und auch nur als einmalige notwendige Verteidigungsmaßnahme. Und auch dieses eine Mal ohne Wut." Der Erzieher, der ein Kind versohlte, glich dem "Chirurgen, der mit einer unheilbaren Krankheit kämpft: nur die gewagte Operation kann das Leben des Patienten noch retten - oder es beenden." Das Risiko mußte man eingehen. Drei Warnungen mußten abgegeben werden, und erst wenn auch die dritte nichts nutzte, sollte es eine Tracht Prügel setzen - denn die Ankündigung einer Strafe sollte niemals nur eine leere Drohung sein. Während der Verabreichung hatte der Erzieher ruhig und entschieden vorzugehen, niemals aber zornig.

    In zwei Fällen, in denen Korczak den Kindern selbst den Hintern versohlte, waren die beiden "beeindruckt und besserten sich", in zwei anderen Fällen nützten auch die Prügel nichts, und die Kinder mußten das Heim verlassen.

    Wenn ein Kind sein Betragen oder seine Leistungen verbesserte, bekam es eine Bildpostkarte mit Korczaks Unterschrift. Wenn es sich nicht besserte, erhielt es vielleicht zum Ansporn trotzdem eine Karte. Die Postkarte hatte den Vorteil, bunt und billig zu sein; außerdem nahm sie keinen Platz weg, und ihr Besitzer konnte sie ohne weiteres zu seinen Schätzen geben. Die Entscheidung, wer eine solche Karte verdient habe, wurde von den zwanzig Angehörigen des Parlaments getroffen, die aus der Gruppe jener Kinder gewählt worden waren, die im laufenden Jahr sich in keinem Gerichtsprozeß wegen Unehrlichkeit zu verantworten hatten. Die Bilder auf den Karten paßten zu den Leistungen, für die ein Kind eine solche Karte erhielt: Wer im Winter nach dem Wecken sofort aus dem Bett sprang, hatte eine Schneelandschaft auf seiner Karte; im Frühling war es eine Frühlingsansicht. Fürs Kartoffelschälen gab es Blumen. Fürs Raufen, Zanken und zuviel Ausgelassenheit eine Tigerkarte. Ein Bild von Warschau erhielten jene Kinder, die ihren Aufsichtspflichten sorgfältig nachkamen. (Für Korczak war das Waisenhaus ein "Bezirk" von Warschau, und die Kinder waren dessen "Einwohner".)

    Als eine Besucherin fragte: "Was ist denn an diesen Karten so Besonderes, die bekommt man doch überall für ein paar Pfennige?", meinte Korczak barsch: "Manche Dinge sind für manche wertvoll, für andere nicht. Ich kenne Leute, die die Bilder ihrer Mutter als Kochplatten verwenden."

    ***

    Für Korczak war alles kostbar, was von seinen Kindern kam; er verwahrte sogar ihre Milchzähne. Häufig sah man ein Kind zu ihm laufen mit einem Zahn, der ihm gerade herausgefallen war. Korczak nahm den Zahn, begutachtete ihn, gab sein Urteil über die Anzahl der Löcher und den Gesamtzustand ab und dann ein Angebot, was er dafür zahlen würde. Auf diese Weise konnte er den Kindern ein wenig Taschengeld zukommen lassen und gleichzeitig das wichtige Ritual des Milchzahnverlustes wahrnehmen. Die Kinder wußten, daß er seine neue Errungenschaft mit nach oben nehmen und dort auf die Zahnburg kleben würde, an der er baute. "Wir stellten uns vor, das Schloß wäre so wie das von König Hänschen", erinnerte sich eins der Waisenkinder. "Wir konnten es kaum erwarten, daß bei einem wieder ein Zahn locker wurde." Manchmal baten die Kinder Korczak, mit ihren Zähnen zu wackeln und nachzusehen, ob nicht bald wieder einer herauskommen würde. Wenn ein Kind versuchte, ihm einen erst wackligen Zahn bereits zu verkaufen, meinte er nur: "Ich kaufe keine Katze im Sack." Bevor der Zahn heraus war, wurde kein voller Preis bezahlt, aber manchmal ließ er sich zu einer Anzahlung bewegen. Einmal, als ein Bub mit einem Kieselstein zu ihm kam, verlangte er mißtrauisch, die Zahnlücke zu sehen; der Missetäter platzte vor Lachen und gestand.

    Alles, was ein Kind sammelte, war für Korczak sehr wichtig. Scheinbar wertlose Gegenstände - ein Stück Schnur, Perlen, Briefmarken, Federn, Tannenzapfen, Kastanien, Trambahnkarten, trockene Blätter, Bänder - hatten vielleicht eine Geschichte oder sonst einen unschätzbaren emotionalen Wert: " Das alles sind Erinnerungen an die Vergangenheit oder Sehnsüchte nach der Zukunft. Eine kleine Muschel ist der Traum einer Reise ans Meer. Eine kleine Schraube und ein paar Stücke Draht sind ein Flugzeug und der stolze Traum, eins zu fliegen. Das Auge einer vor langer Zeit zerbrochenen Puppe ist die letzte Erinnerung an eine verlorene Liebe. Man findet vielleicht auch die Photographie der Mutter eines Kindes oder zwei Pfennige in einer rosa Schleife, die der inzwischen längst verstorbene Großvater dem Kind einst gab."

    Harte Worte hatte er für den respektlosen Erzieher, der die Frechheit besaß, diese Schätze wegzuwerfen, als wären sie Abfall: "Ein grober Machtmißbrauch, ein barbarisches verbrechen. Wie können Sie es wagen, Sie Flegel, über den Besitz eines anderen zu verfügen? Wie können Sie nach solch einem Verbrechen erwarten, daß das Kind irgend etwas respektiert oder irgend jemanden gern hat? Sie verbrennen keine Papierschnitzel, sondern hochgehaltene Traditionen und Träume von einem schönen Leben."

    Um die Besitztümer seiner Waisen zu schützen, sorgte Korczak dafür, daß jedes Kind eine eigene Schublade hatte, mit Schloß und Schlüssel, und zwar im Speisesaal. Wenn die Kinder irgendeinen ihrer Schätze tauschen wollten, konnten sie am Schwarzen Brett eine Notiz anbringen. Von Ankündigungen, Warnungen, Bitten, Listen, Bildern, Danksagungen, Kreuzworträtseln, Schlagzeilen der Tageszeitung, Wetterberichten sowie Gewichts- und Wachstumslisten übersät, hatte das Schwarze Brett sein eigenes Schicksal. Für die Kinder war es wie ein Schaufenster, immer wenn sie Zeit und Lust hatten, schauten sie vorbei. Selbst ein Kind, das nicht lesen konnte, lernte, seinen eigenen Namen zu erkennen und Buchstaben zu unterscheiden. Korczak richtete eine Kiste für Fundsachen ein, um daran zu erinnern, daß "jeder kleine Gegenstand einen Besitzer hat". Die Kinder waren beruhigt, weil sie wußten, daß ihre Besitztümer ebenso wie sie selbst nicht gänzlich verlorengehen würden.

    1921 erfüllte sich Korczaks Traum von einer Sommerkolonie für sein Waisenhaus. Dr. Eliasberg hatte ein wohlhabendes Ehepaar, dessen Tochter Rosa gestorben war, veranlaßt, dem Heim fünf Hektar Land in einer Gegend namens Goclawek, fünfzehn Kilometer südlich von Warschau, zu schenken. Im Gedenken an das verstorbene Kind wurde das Lager Rozyczka (Röschen) genannt. Korczak bat die Gesellschaft für Waisenhilfe, das angrenzende Land für eine kleine Landwirtschaft zu pachten. Ein Stall für eine Kuh, zwei Pferde, eine Ziege und Hühner wurde gebaut. Das einzige, was der Kolonie fehlte, war ein Teich oder ein Fluß; zum Schwimmen mußten die Kinder mit dem Zug in eine andere Stadt fahren.

    Auf dem Land war das Leben weniger anstrengend als in der Stadt. Nach dem Frühstück lief Korczak mit winzigen Stückchen Butterbrot herum und rief: "Eis! Eis! Wer will Eis!" (Es war eine gute Gelegenheit, die Kinder ein wenig zu "mästen".) Jeden Tag gab es Sport, Spiele und Ausflüge in die Kiefern- und Birkenwälder der Umgebung, wo Blumen und Beeren gesammelt wurden. Manchmal lag Korczak glücklich auf dem sandigen Waldboden und ließ sich von den Kindern Beeren in den Mund stopfen. Um seine Herde zusammenzurufen, blies er zur Freude der Kinder auf einer Spielzeugtrompete, wobei die Qualität der Vorführung seiner Liebe zur Musik in keiner Weise entsprach. Ameisen faszinierten ihn, und er saß stundenlang mit den Kindern vor einem Ameisenhaufen, um sie zu beobachten. "Vom Fleiß und Organisationstalent der Ameisen könnt ihr viel lernen", sagte er seinen kleinen Kameraden. Auch nachts gab es Dinge zu lernen. Oft zeigte er den Kindern, daß das phosphoreszierende Leuchten an den Bäumen von kleinen Insekten oder von Pflanzen herrührte, und sie verstanden, daß es keine unheimlichen Geister waren, die da glühten.

    Doch auch in diesen Sommermonaten mit etwas mehr Muße hatte die kleine Republik die gleiche Struktur und folgte den gleichen Regeln wie in der Stadt. Jeder hatte seine eigene Aufgabe. Die kleineren Kinder fütterten die Hühner und hielten den Hof sauber; die Älteren hatten die schwereren Arbeiten zu verrichten. Gemüsebeete und Blumenrabatten mußten angelegt, gedüngt und gepflegt werden wie die Tomaten und Gurken im großen Treibhaus. Der Stall mußte ausgemistet werden, und irgend jemand hatte darauf zu achten, daß die Ziege nicht auf die Äcker kam. Wenn die Älteren sich beklagten, sie seien müde oder es sei zu heiß, konterte Korczak: "Gebratene Tauben fliegen euch nicht von selbst in den Mund, die müssen schon zubereitet werden."

    Als die Kinder wegen des Pflückens der Äpfel von der Apfelbaumallee, die beim Tor begann und den Pfad entlangführte, einen Sitzstreik veranstalteten, berief Korczak eine Versammlung ein und bot den Streikenden an, statt der Kleinen den Hof mit Stockspießen von Papierfetzen und ähnlichem zu reinigen. Sie waren einverstanden, hielten es dann aber doch für unter ihrer Würde, versteckten sich in den Blaubeerbüschen, kicherten und futterten Beeren. Als Korczak sie entdeckte, versammelte er sie noch einmal.

    "Also gut, Kinder. Ich habe euch schwere Arbeiten angeboten. Die wolltet ihr nicht. Ich habe euch leichte Arbeiten angeboten. Die wolltet ihr auch nicht. Jetzt sagt ihr mir, was ihr tun wollt."

    Sie wußten es nicht. Dann fiel ihnen ein, daß es auf dem Kiesweg vor der Veranda weh tat, barfuß zu gehen, und einer der Buben schlug vor, Erde auf den Kies zu schaffen. Korczak war einverstanden. In der folgenden Woche mühten sich die Streiker, die Erde mit Schubkarren von den Feldern herbeizuschaffen. Es gelang ihnen, einen weichen Weg herzustellen, auf dem man schmerzlos barfuß gehen konnte. Doch als nach dem ersten schweren Regen eine einzige Matschpiste entstanden war, begriffen sie den praktischen Wert von Kies und daß es für vieles, was sie als selbstverständlich ansahen, ganz bestimmte Gründe gab.

    Um drei Uhr früh hörte Korczak eines Morgens einige Buben, die klagten, wegen der Stechmücken nicht schlafen zu können. Er raunte ihnen zu, sich schnell anzukleiden und ihn dann bei der Kartoffelhütte zu treffen. Die Tür der Hütte war verschlossen, und Korczak bat den kleinen, dünnen Srulik, durchs Fenster zu kriechen und sie hereinzulassen. Jeder nahm sich einige Kartoffeln, und sie schlichen durch den Wald auf eine Lichtung, wo sie öfters picknickten. Sie spielten einige Spiele, erzählten sich Geschichten und machten dann ein Kartoffelfeuer. Als einer der Buben Srulik fragte, was geschehen würde, wenn jemand merkte, daß Kartoffeln fehlen, antwortete Korczak an seiner Stelle: "Für alles, was wir gemacht haben, bin ich verantwortlich, nicht Srulik."

    Sobald sie ins Lager zurückkamen, es war schon lange nach dem Frühstück, trug sich Korczak in die Liste für Gerichtsverhandlungen ein. Er bekannte, das Lager nach Einbruch der Dunkelheit verlassen und ohne Erlaubnis Lebensmittel mitgenommen zu haben. Auch die Buben trugen sich ein, weil sie schließlich Komplizen gewesen waren. Der Kindergerichtshof, der auch hier wie in Warschau samstags morgens tagte, befand sie alle für schuldig. Aber die Richter verziehen Korczak, weil er aus edlen Motiven gehandelt hatte, und setzten die Strafe für die Buben aus, weil sie das Frühstück versäumt hätten und dadurch bereits genug gestraft worden seien.

 

 

 


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