Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Recht und Gerechtigkeit

Das Gericht verliert die Beherrschung nicht.
Es beleidigt nicht. Es spricht ruhig.

Wie man ein Kind lieben soll

    "Eine Gerichtsverhandlung sagt mir mehr über ein Kind als ein Monat der Beobachtung", sagte Korczak. Dieser Gerichtshof aus Gleichen war für ihn die Säule seines Systems. Während er im Krieg war, ließ er eine Gesetzessammlung erstellen, die den Richtern Hilfe bei ihrer Urteilsfindung sein sollte. Sie ähnelte dem Code Napoléon, auf dem das polnische Recht basierte - mit dem Unterschied, daß Korczaks Code die Vergebung propagierte.

    In der Präambel steht Korczaks Auffassung von Recht:

      "Wenn jemand etwas Schlimmes getan hat, vergibt man ihm am besten.

      Wenn er es aus Unwissen tat,
      dann weiß er es jetzt besser.

      Wenn er es absichtlich tat,
      wird er in Zukunft vorsichtiger sein. . . .

      Aber das Gericht muß die Schüchternen vor den Aggressiven schützen und die Gewissenhaften vor den Gleichgültigen und Faulen."

    Korczak hoffte immer noch, seinen Waisenkindern den Gedanken von Gerechtigkeit, wie unvollkommen auch immer, vermitteln zu können. Er wollte ihnen verständlich machen, daß es ebenso gerechte und ungerechte Gesetze wie Menschen gab.

      "Das Gericht ist nicht die Gerechtigkeit,
      aber es hat sie zu suchen",

    fährt die Präambel fort,

      "Das Gericht ist nicht die Wahrheit, aber die Wahrheit ist sein Ziel."

      Weil die Gerechtigkeit von Menschen abhängt, in deren Mitte der Richter steht, wird gewarnt:

      "Richter machen Fehler. Vielleicht bestrafen sie eine Tat, deren sie selbst schuldig sind.

      Schändlich ist es jedoch, wenn ein Richter bewußt ein ungerechtes Urteil ausspricht."

    Die fünf Richter, jede Woche neu aus den Kindern ausgewählt, bei denen kein Verfahren anstand, kannten jeden der tausend Artikel des Gesetzeswerks auswendig. Nach den Artikeln 1 bis 99, die kleinere Vergeben behandelten, wurde dem Beklagten sofort vergeben: "Du hast falsch gehandelt, aber es war dir nicht bewußt" oder. "Es war das erste Mal, und du hast versprochen, es nicht wieder zu tun." Artikel 100 war die Grenze zwischen Vergebung und Verweis. Er lautete: " Ohne zu vergeben, stellt das Gericht fest, daß du die Tat, der du beschuldigt wirst, begangen hast." Noch immer war aber die einzige Strafe die Mißbilligung durch das Gericht.

    Von 100 bis 1000 ging die Numerierung im Hunderterblock, wobei die moralische Verurteilung von Artikel zu Artikel strenger wurde. Unter den Artikeln 200 bis 800 wurde der Name des Kindes in der Waisenhauszeitung veröffentlicht oder am Schwarzen Brett bekanntgegeben, oder ihm wurden für eine Woche sämtliche Privilegien entzogen, und seine Familie wurde herbeigerufen. Artikel 900 enthielt die strenge Warnung, das Gericht habe "die Hoffnung verloren": Der Angeklagte mußte ein anderes Kind finden, das bereit war, sich für ihn zu verbürgen. Der gefürchtete Artikel 1000 bedeutete Ausweisung aus dem Heim. Die schuldige Partei hatte die Möglichkeit, nach drei Monaten die Wiederaufnahme zu beantragen, allerdings mit geringen Erfolgschancen, da bereits am Entlassungstag ein neues Kind den leergewordenen Platz eingenommen hatte.

    Korczak hatte erwartet, daß die Kinder vom Code begeistert waren, aber sie zögerten, ihn anzuwenden. Es dauerte eine Weile, bis es über die Flure schallte: "Ich werde dich verklagen!" Ein Kind, das glaubte, Grund zu einer Klage zu haben, schrieb seinen Fall auf und bangte die Information ans Schwarze Brett. Stefa, die als Gerichtsschreiberin fungierte, trug die Sache in ihr Buch ein. Haufig jedoch kühlte der Zorn des Betroffenen bis zum Gerichtstag wieder ab, und wenn Stefa die Angelegenheit bei der Verhandlung verlas, zog das Kind die Klage zurück. In den ersten Wochen stellte Korczak fest, daß fast alle Kläger bei Gericht den Beklagten verziehen hatten und die Richter Artikel 1 zitierten: "Die Klage wurde zurückgezogen."

    Bis zu 150 Falle wurden an solch einem Samstagmorgen verhandelt, wobei die meisten Beklagten nach Artikel 1 bis 100 verurteilt wurden. Die Verhandlungen fanden im Stillen Zimmer statt (wohin die Kinder sich zurückziehen konnten, wenn sie allein sein wollten), wobei die Länge der Debatte von der Schwierigkeit des Falles abhing. Es gab Klagen wegen Beleidigungen, Schubsen, Ärgern, weil jemand einem anderen etwas weggenommen hatte, fürs Türenschlagen, Bäumeklettern, den Hof ohne Erlaubnis verlassen zu haben, das Tintenfaß zerbrochen zu haben, fürs Fluchen, Fratzenschneiden beim Beten, Spiele nicht an ihren Platz zurückgebracht zu haben. Die Richter fragten den Beklagten dann vielleicht: "Wie oft hast du das schon getan?" oder: "Nach welchem Paragraphen bis du das letzte Mal verurteilt worden?"' bevor sie ihr Urteil sprachen.

    Vergehen, die unter die ersten hundert Artikel fielen, waren unter anderen: jemanden im Hof mutwillig aussperren, andere bei der Arbeit stören, sich nachmittags bei den Schulaufgaben schlecht benehmen, sich die Hände nicht waschen, bei Spielen schummeln. Wenn der Schuldige nicht auszumachen war, wurde der Fall trotzdem verhandelt; falls die Tat der Republik schadete, kam ein schwarzer Trauerflor ans Schwarze Brett.

    Das Gericht war "ein psychologisches Drama auf der Basis der Erkenntnisse aus der Kinderpsychologie", meinte ein Erzieher, doch Korczaks Kritiker von außen waren sich einig, daß dieses Gericht die Kinder zu streitsüchtigen Menschen machen würde. Korczak entgegnete, daß es sie im Gegenteil lehren würde, Gesetze und die Rechte anderer zu respektieren und zu begreifen, wie "lästig, schädlich und sinnlos" Gerichtsprozesse sind.

    Allerdings war er nicht darauf vorbereitet, wie schnell die größten Rüpel im Heim das Gericht ablehnen würden und es zu sabotieren versuchten. "Ich laß mich doch nicht von irgend so einem Anfänger verurteilen!" protzten sie. "Zum Teufel mit diesem Gericht. Lieber laß ich mich an den Ohren ziehen oder auf die Finger schlagen!" Die Rädelsführer, die ständig das Gericht angriffen, waren schlau genug zu begreifen, daß sie ohne Verhandlungen besser davonkamen.

    Sie lancierten eine Kampagne, verlangten, daß Schuldige sofort gehängt würden, und inszenierten Wutanfälle, als das Gericht sich weigerte, die Todesstrafe einzuführen. Ihr Benehmen hatte den gewünschten Effekt. Die anderen Kinder hörten lieber auf, sich gegenseitig zu verklagen, als den ständigen Zank zu ertragen, und die Richter verfügten Freisprüche oder sehr milde Urteile ungeachtet der Schwere des Vergehens. Als schließlich ein Richter einen anderen, der nach seinem Gewissen urteilen wollte, verprügelte, mußte Korczak sich eingestehen, daß das Gericht, das "unvernünftige Argumente durch ruhiges Nachdenken" hatte ersetzen sollen, nur Unordnung und Durcheinander brachte. Er hatte sogar den Verdacht, daß es dem Heim schadete. Ein Fragebogen, den er von den Kindern ausfüllen ließ, bestätigte diesen Verdacht: "Das Gericht ist notwendig, aber es erreicht gar nichts." "Für manche Kinder ist es gut, für andere aber nicht." "Vielleicht ist das Gericht in der Zukunft einmal nützlich, jetzt jedenfalls nicht." "Nur wenn das Gericht anders wäre, wäre es gut."

    Korczak war von der Notwendigkeit eines solchen Gerichtes nach wie vor überzeugt (und davon, daß in fünfzig Jahren jede Schule so etwas haben würde), mußte aber zugeben, daß seine Waisen noch nicht soweit waren. " Sie sind eindeutig lieber Sklaven als frei", schrieb er bitter in sein Notizbuch, als er das Gericht endgültig auflöste. Er stellte fest, daß einige Kinder sehr erleichtert waren, den aufmerksamen Wachhund los zu sein; andere wollten beweisen, daß das Gericht überflüssig sei, und betrugen sich besser als vorher. Eine kleine Gruppe fragte immer wieder, wann denn das Gericht wieder zusammentreten würde, die Mehrheit allerdings zeigte - "wie bei allen menschlichen Beziehungen" - wenig Interesse.

    Vier Wochen nach seiner Auflösung wurde das Gericht wieder eingesetzt, aber erst nachdem drei Forderungen der Kinder erfüllt worden waren: daß eine Entscheidung nach drei Monaten in Revision gehen konnte; daß ein Rechtsausschuß aus zwei Richtern und einem Erwachsenen, in geheimer Wahl auf drei Monate gewählt, die schwierigsten Fälle verhandeln sollte; daß die Kinder das Recht hatten, die Erwachsenen zu verklagen. Diese letzte Bedingung versetzte Korczaks Kritiker erneut in Rage: Wie konnte er einem Kind gestatten, einen Erwachsenen vor Gericht zu zitieren? Doch Korczak respektierte die Forderungen der Kinder. "Es gibt immer genug Schwänze, die wackeln, aber zuwenig Köpfe, die denken", sagte er zu den Mitgliedern des Philanthropenausschusses.

    Korczak unterstützte sogar den Buben, der seine Grundschullehrerin verklagte, weil sie seine Zeichnung zerrissen hatte. Als die Lehrerin mitteilen ließ, daß sie es als unter ihrer Würde betrachte, vor diesem Gericht zu erscheinen, wurde sie in Abwesenheit verurteilt. Korczak ging in die Schule und hängte das Urteil nach Artikel 300 im Lehrerzimmer auf: "Das Gericht erteilt dir einen Verweis für falsches Handeln." Die Lehrerin riß das Dokument von der Wand, und erst als der Direktor sich einschaltete, schickte sie dem Buben eine Entschuldigung.

    Korczak sorgte dafür, daß er selbst innerhalb eines halben Jahres fünf Mal vor Gericht erscheinen mußte. Er gab zu, einen Buben an die Ohren geboxt, einen aus dem Schlafsaal geworfen, ein Kind in die Ecke gestellt, einen Richter beleidigt und ein Mädchen des Diebstahls bezichtigt zu haben.

    Für jeden Fall reichte er eine schriftliche Verteidigung ein.

    In den ersten drei Fällen entschieden die Richter nach Artikel 21 :
    "Das Gericht ist der Auffassung, daß du das Recht hattest, so zu handeln."

    Im vierten Fall nach Artikel 71:
    "Das Gericht verzeiht dir, weil du dein Handeln bereust "

    und im letzten Fall nach Artikel 7.:
    "Das Gericht akzeptiert dein Schuldeingeständnis."

    In einem inzwischen legendär gewordenen Fall gab es keine Vergebung für den gerissenen Pädagogen. An einem düsteren, grauen Tag kehrte Korczak ins Heim zurück und wollte die Gemütsverfassung der Kinder testen. Helenka stand in einem kleinen Seitenraum und war zu schüchtern, um mit den anderen zu spielen. Korczak, entschlossen, den Dingen ein wenig nachzuhelfen, hob sie auf, setzte sie auf den Schrank und ging davon. Kaum hatte er sich umgedreht, als sie auch schon zu schreien anfing: "Laßt mich runter, laßt mich runter!"

    Wie er gehofft hatte, erwachte nun das Interesse der anderen Kinder an ihr. Sie sollte springen, riefen sie ihr zu. Als sie sich weigerte, bestanden sie darauf, daß Korczak ihr half. Zunächst wollte er nichts davon wissen, als die Kinder ihn aber umringen, ging er zum Schrank zurück und hob Helenka herunter. Sie schien's zufrieden zu sein, doch einige der Kinder drängen sie, ihn zu verklagen. Geschmeichelt von soviel Aufmerksamkeit, tat sie es.

    Korczak verfaßte eine lange Verteidigung, die er dem Gericht präsentierte, doch die Sympathie der Richter galt Helenka, die er durch sein Handeln erschreckt und in Verlegenheit gebracht hatte.
    Er wurde nach Artikel 100 verurteilt; ihm wurde nicht verziehen. Für eine lange Zeit danach hatte er den Spitznamen Setka (Einhundert).

    Es kam zwar selten vor, doch einige Male konnten weder Korczak noch das Gericht ein Kind davor retten, nach Artikel 1000 aus dem Heim verwiesen zu werden.

    Abraham Pieklo, dessen Nachname passenderweise Hölle bedeutete, war ein bösartiger, rothaariger, sommersprossiger Bub, genannt der kleine Teufel. Er verhöhnte die kranken Kinder, hänselte die Bettnässer und quälte die Behinderten. Korczak entschied sich für die Schock-Methode und bedachte den Störenfried mit ähnlich schlimmen Namen, wie er sie selbst verwendete. Höllenbrut, Schwarzes Schaf, Beulenpest. Zunächst zahlte es ihm der Bub in gleicher Münze heim, dann ignorierte er den Doktor und zerrte ihn schließlich vor Gericht, weil er ihn nervös mache. Alle waren überrascht, als Setka vom Gericht noch ein setka ausgesprochen bekam, weil er den Kläger schlecht behandelt habe. Ebenso charmant wie diabolisch gelang es dem kleinen Teufel sogar, die stocknüchterne Stefa, die einmal sein Bein verband, zu erweichen, als er fragte: "Wieso krieg ich eine Beule und kein Loch, wenn mich einer auf den Kopf schlägt?" Doch das grausame Betragen des kleinen Teufels brachte ihm schließlich Artikel 1000 ein. Keiner weinte ihm eine Träne nach, noch nicht einmal Korczak, dem das Gemeinwohl des Heims wichtiger war als das Wohlergehen eines seiner Insassen.

    Korczak hatte sein Bestes getan, für seine kleine Republik ein gerechtes System zu schaffen. Aber in der Schule und in ihren Familien kamen die Kinder mit der Außenwelt und den Ungerechtigkeiten dieser Welt in Berührung.

    An einem Samstagnachmittag besuchte Stasiek (der ehemalige Israel) seine Familie und brachte mit Korczaks Erlaubnis seinen Distelfinken mit zurück. Aufgeregt kletterte er mit dem Käfig in die Trambahn. Der Wagen war überfüllt, und er mußte auf der Plattform stehen, wo ihn ein Polizist entdeckte, der an der nächsten Haltestelle zustieg.

    "Wo hast du denn den Vogel her?" fragte er mißtrauisch.

    "Der gehört mir!" sagte Stasiek.

    "Es ist gegen das Gesetz, Waldvögel in einem Käfig zu halten", sagte der Polizist. "Ich werde ihn freilassen." Stasiek begann zu weinen, doch der Polizist zerrte ihn an der nächsten Haltestelle aus dem Wagen. Er ergriff ihn am Arm und zog ihn in den Hof hinter der Polizeistation, wo er die Käfigtür öffnete und den Vogel fliegen ließ.

    "Und nun verschwinde!" Stasiek rührte sich nicht, der Polizist nahm ihn wieder am Arm und brachte ihn ins Heim. Es war wie am Tag seiner Ankunft, als seine Mutter noch bei ihm gewesen war: Stefa stand im Hof und schrie ihn an.

    "Was ist das denn - ein Polizist mit einem Vogelkäfig?" Er erzählte ihr, daß er den Buben mit einem Waldvogel im Käfig angetroffen und den Vogel freigelassen habe.

    "Sie haben uns einen Gefallen getan", sagte Stefa. "Er war von Anfang an ein Unruhestifter." Der Polizist nahm Haltung an und salutierte.

    In dem Moment kam eine Männerstimme vom Fenster der Mansarde: "Augenblick, bitte!" Stefa ging. Stasiek begann zu weinen.

    "Wer ist das?" fragte der Polizist.

    "Dr. Janusz Korczak", sagte Stasiek stolz.

    Der Polizist machte ein sehr unbehagliches Gesicht, als Korczak kam und fragte, was los sei.

    "Dieser Bub hat gesetzeswidrig einen Waldvogel in einem Käfig gehalten, also hab ich den Vogel fliegen lassen." Korczak sah ihn sehr ruhig an. "Nach welchem Gesetz? Sie sprechen über Gesetze für Erwachsene, aber die treffen auf Kinder nicht zu. Für sie gibt es andere Gesetze und Gerichte. Sie als Repräsentant der Regierung sollten das wissen. Ich wollte dem Buben helfen und ihn dazu bringen, den Vogel freiwillig freizulassen. Jetzt haben Sie mit einem Schlag alles zerstört."
    Stasiek war begeistert, daß Korczak den Polizisten zurechtwies. Der entschuldigte sich vielmals, murmelte etwas, daß er die Sache wiedergutmachen wolle und eilte davon. Eine halbe Stunde später kam er mit einer Tüte zurück, in der ein Distelfink vom Vogelmarkt war. Korczak und Stasiek setzten den Vogel in den Käfig und stellten den Käfig an ein Fenster, wo Stasiek sich um ihn kümmern mußte.

    "Glaubst du, daß er in seinem Käfig singen wird?" fragte Korczak, als sie den hin- und herhüpfenden Vogel beobachteten. "Eigentlich weint er nämlich. Es gibt ein altes polnisches Gesetz in lateinischer Sprache, von dem ich möchte, daß du es auswendig lernst: "Neminem captivabimus nisi jure victum". Was das bedeutet, sage ich dir, wenn du den Satz fünfundzwanzigmal wiederholen kannst."

    Nach drei Tagen konnte Stasiek den lateinischen Satz aufsagen. Korczak übersetzte das alte Gesetz: "Niemand wird ins Gefängnis geworfen, ehe er nicht durch ein ordentliches Urteil seine Freiheit verloren hat." Und er fügte hinzu: "Stell dir vor, dieses Gesetz war für Leute, die sich selbst verteidigen konnten. Dein Vogel ist unschuldig und wehrlos. Sein Bewußtsein ist so klar wie ein Diamant. Er hat keine Vergnügungen wie Kino oder ein Fahrrad. Seine Freiheit ist sein einziges Glück. Und das hast du ihm genommen."

    "Aber Sie haben gesagt, Sie hätten einmal einen Kanarienvogel gehabt", erinnerte ihn Stasiek.

    "Ja, ich hatte einen Kanarienvogel, aber das ist nicht dasselbe", erklärte Korczak. "Ein Kanarienvogel ist zahm wie eine Katze oder ein Hund. Wenn er freigelassen wird, findet er keine Freunde und kein Futter. Die Menschen, die vor über fünfhundert Jahren die Kanarienvögel mitbrachten, haben ein Verbrechen begangen. Das ist eine Tatsache, die wir nicht ändern können. Aber ich habe einen Plan. Dieser Distelfink hat schon lange gelitten. Laß uns aufs Dach gehen und ihn fliegen lassen. Später kaufen wir wieder einen Vogel, behalten ihn für zwei Wochen und lassen ihn dann auch frei. Und das machen wir dann weiter so. Das Geld dazu kannst du dir mit Artikeln für unsere Zeitung verdienen."

    Stasiek war ganz ergriffen, als er die Käfigtür öffnete, zumal der Vogel ihn nur anlugte, ohne sich zu rühren. Er war ganz erleichtert und zufrieden, als das Tier schließlich mit einem Satz durch die Öffnung des Käfigs davonflog. Er und Korczak wiederholten das Ritual mit einem Dompfaff, einem Hänfling und einem Buchfinken, bis Stasiek einen Kanarienvogel haben wollte. Als er auf dem Vogelmarkt keinen fand, den er sich leisten konnte, schlug Korczak vor, er solle sich statt dessen zwei Tauben zulegen, für die er unter der Dachtraufe einen Verschlag bauen könnte. Von nun an flogen Tauben frei in ihrem Taubenhaus ein und aus.

    Stasiek mußte lernen, daß es einfacher war, Vögel freizulassen als sich von den schlechten Angewohnheiten zu trennen, die er auf der Straße gelernt hatte. Dauernd wurde er von irgend jemandem verklagt, weil er fluchte, raufte oder Vorschriften mißachtete. In jenem Sommer in der Kolonie Rozyczka ließ er sich von vier älteren Buben dazu bringen, mit ihnen gemeinsam Obst bei einem Bauern zu klauen. Sie wurden alle erwischt und kamen vors Kindergericht. Die anderen Buben wurden nach Artikel 300 verurteilt: "Das Gericht stellt fest, daß ihr euch fehlverhalten habt." Stasiek jedoch erhielt wegen seiner langen Liste von "Vorstrafen" die gefährliche 900: "Das Gericht verlangt, daß du innerhalb der nächsten beiden Tage jemanden findest, der sich für dich verbürgt. Ansonsten wirst du des Heimes verwiesen." Das Urteil wurde im Gerichtsblatt veröffentlicht.

    Der Bub, der sich für ihn hatte verbürgen wollen, machte einen Rückzieher, hinter dem Stasiek Stefa vermutete, insbesondere da sie seiner Mutter die Nachricht zukommen ließ, er möge unverzüglich abgeholt werden. Er konnte sich nicht an Korczak wenden, weil der in Warschau war, wohin er einige Male in der Woche fuhr, um seine Vorlesungen zu halten und Nachschub zu besorgen. Stasieks Mutter, eine resolute Frau mit einem Süßwarenladen, weinte und bat Stefa vergebens, Stasiek zu behalten. Stasiek hatte die Hoffnung schon aufgegeben, doch seine Mutter, nachdem sie ihn im Ferienlager abgeholt hatte, setzte ihn unter einen Baum und sagte: "Warte hier. Ich werde versuchen, Dr. Korczak in Warschau zu finden. Geh nicht von diesem Baum weg . . ."

    Nach einigen Stunden kam seine Mutter mit dem Doktor zurück, der dafür sorgte, daß Stasiek wieder einen Bürgen fand und noch eine Chance erhielt. Stasiek bemühte sich redlich, doch seine Fäuste waren einfach zu schnell. Als er wieder wegen Raufens vor Gericht stand, erklärte Stefa, daß er seine Bewährung verwirkt habe und gehen müsse. Diesmal konnte seine Mutter sich nicht an Korczak wenden, denn der hatte Warschau für einige Wochen verlassen, um in einem Landgasthof zu schreiben. Also mußte Stasiek weg aus dem Heim. Er war überzeugt, daß Stefa dahintersteckte, und hat ihr niemals verziehen.

    Die meisten Kinder verbrachten die vollen sieben Jahre im Heim. "Ich nehme ein Kind mit sieben Jahren von zu Hause und bringe es dann wieder zurück", sagte Korczak, wenn es Zeit wurde, daß einer seiner flügge gewordenen Vogel das Waisenhaus wieder verließ, nachdem das siebte Schuljahr vorbei war. Es war ein völlig verändertes Kind, das sich mit vierzehn Jahren aus Korczaks Kokon entpuppte. Ein Kind, das fließend Polnisch sprach und auf die täglichen Ungerechtigkeiten der Welt gänzlich unvorbereitet war. Stefa und Korczak taten alles, was sie konnten, für diesen jungen Menschen, der sich "auf die lange Reise, genannt Leben" machte. Nachdem ein Elternteil oder ein Verwandter hergebeten worden war, mit dem Korczak über die Zukunft des Kindes sprach, erhielt es noch einige Kleidungsstücke zur Überbrückung, eine Erinnerungspostkarte und die Abschiedsbotschaft, die Korczak allen Kindern mit auf den Weg gab:

      Leider können wir dir nichts anderes geben als diese wenigen armen Worte. Wir können dir keine Liebe zu deinen Mitmenschen geben, weil es keine Liebe ohne Verzeihen gibt, und Verzeihen ist etwas, was jeder lernen muß.
      Wir können dir nur eins geben: die Sehnsucht nach einem besseren Leben, das es jetzt vielleicht noch nicht gibt, eines Tages aber geben wird - ein Leben voller Wahrheit und Gerechtigkeit. Vielleicht wird dich diese Sehnsucht zu Gott, Vaterland und Liebe führen.
      Lebewohl, und vergiß nicht.

    Manche Kinder vergaßen rasch und verschwanden "wie der Wind". Aber die meisten hingen sehr an dem Heim, in dem sie mit soviel Sorgfalt großgezogen worden waren. Einige wenige Glückspilze konnten als Helfer bleiben oder durften im Heim ihre Mittagsmahlzeit einnehmen, aber die anderen konnten nur am Samstagmorgen kommen und zuhören, wenn Korczak die Heimzeitung vorlas, und dann mit Stefa reden, von der sie wußten, daß sie immer dasein würde, ein offenes Ohr für sie hatte und ihnen Ratschläge gab. Es war ihnen schmerzlich bewußt, daß jetzt ein anderes Kind in ihrem Bett schlief. Und ein Mädchen meinte: "In einer richtigen Familie ist dein Bett immer für dich da."

    Sie fühlten sich nicht nur verlassen, sondern auch völlig unvorbereitet auf die Außenwelt. Gelegentlich konnten Stefa oder Korczak bei einem Friseur oder Tischler eine Lehrstelle vermitteln, aber die meisten mußten gehen, ohne zu wissen, wie ihre Zukunft aussah. Die Mädchen versuchten, sich als Gouvernanten, Haushälterinnen und Kindermädchen zu verdingen. Die Buben kamen, wenn überhaupt, als Verkäufer oder Boten unter; einer von Stefas Lieblingen fand nur im Schlachthaus Arbeit.

    "Ich erinnere mich noch an mein Heimweh", erzählte Itzhak Belfer. "Abends bin ich am Heim vorbeigegangen, nur um die Lichter zu sehen. Einige von uns versuchten, gemeinsam ein Zimmer zu mieten, damit wir nicht allein waren."

    Als Johann Nutkiewicz das Waisenhaus an einem Freitagnachmittag des Jahres 1929 verließ, war ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos und der Antisemitismus im Vormarsch. Johann hatte fast keine Verwandten. Sein Vater war an Tuberkulose gestorben, bevor er ins Heim kam, und seine Mutter hatte sich umgebracht, während er dort war. Stefa hatte immer wieder gebohrt, bis seine verheiratete Schwester schließlich zögernd zustimmte, ihn so lange aufzunehmen, bis er eine Beschäftigung fand. Aber sie arbeitete jeden Tag bis sieben Uhr abends. Johann hatte also keine andere Wahl, als den ganzen Tag in dem fremden Warschau herumzulaufen, bis sie heimkam.

    "Schließlich fand ich eine Bank am Fluß und schlief ein", erinnerte er sich. "Plötzlich rüttelte mich jemand, und ich hörte einen Polizisten sagen: >He, Judenjunge, was machst du denn hier? Weißt du nicht, daß es gegen das Gesetz ist, auf öffentlichen Bänken zu schlafen?< Ich erklärte die Situation, was den Polizisten allerdings nicht rührte: >Entweder du stehst jetzt sofort auf und verschwindest, oder ich bring dich sofort in die Besserungsanstalt.<

    Bis zu dem Moment war ich mit wundervollen Werten aufgewachsen, und jetzt war ich hier in dieser grausamen Welt. Ich saß bloß da und dachte: Also das ist jetzt was anderes - das ist jetzt die Wirklichkeit."

    Die Wirklichkeit war nicht viel besser, als er um sieben Uhr in dem kleinen Zimmer ankam, das seine Schwester mit ihrem Mann bewohnte. Als er bat, sich Gesicht und Hände waschen zu dürfen, fauchte seine Schwester: "Bild dir nicht ein, daß du dich hier wie ein kleiner Prinz aufführen kannst. Wenn du jetzt Wasser holst, weckst du die Hauswirtin, und wir fliegen raus."

    Das war der zweite Schlag an jenem Tag, aber es sollten weitere folgen. Nachdem er in einer Kartonfabrik seine Arbeit verloren hatte, weil er darauf bestand, seine zwei Zloty Lohn wie vereinbart am Ende der Woche ausbezahlt zu bekommen, schrie seine Schwester. "Erzähl mir nichts von Anständigkeit! Du fängst besser mal an zu lernen, was andere Burschen in deinem Alter ihr ganzes Leben lang schon wissen über die Welt, in der wir leben." Langsam begriff Johann, daß er nicht nur anders war, sondern auch verletzbarer aufgrund jener "Treibhausatmosphäre", in der er aufgewachsen war. Er verglich seine Erfahrungen mit denen anderer Kinder aus dem Heim und stellte fest, daß sie alle unaggressiv waren, ihren Ehrgeiz nicht bis zum Gebrauch der Ellenbogen trieben und idealistisches Verhalten von sich selbst und anderen erwarteten. Er war sicher, daß er ohne die moralischen Grundsätze, die er durch Korczak und Stefa erfahren hatte, niemals gewußt hätte, daß es auf der Welt auch Gerechtigkeit geben konnte.

    Korczaks Auffassung, daß alle Kinder durch faire Gesetze geschützt werden sollten, beschränkte sich nicht nur auf die Welt seiner kleinen Republik. Die gebeugte Gestalt des berühmten Pädagogen in seinem alten grauen Anzug wurde zum gewohnten Anblick im Kreisjugendgericht, wo er einmal wöchentlich als Gutachter tätig war. Die Gerichtsverwaltung war nicht nur von Korczaks Einsatz für gestrauchelte Jugendliche beeindruckt, sondern vor allem von der gleichgültigen Art, wie er mit seinen Honorarforderungen umging. Er sandte nie eine Rechnung, während man sich bei allen anderen Gutachtern darauf verlassen konnte, daß sie sofort zur Kasse stürzten. Problematisch war allerdings, daß dieser berühmte Erzieher die Bedürfnisse der Angeklagten über die Anliegen des Gerichtes zu stellen schien. Als Korczak einmal darauf bestand, ein hungriges und erschöpftes Kind erst dann zu befragen, nachdem es sich ausgeruht und etwas zu essen bekommen hatte, holte sich das Gericht einen anderen Arzt, der nicht von solchen Skrupeln geplagt war.

    Stets auf der Seite der Kinder aus den Elendsvierteln - die in den meisten Fällen wegen geringfügiger Vergehen verhaftet worden waren -, versuchte er, sie davor zu bewahren, in Warschaus üble Besserungsanstalt für Jugendliche eingewiesen zu werden. "Das straffällige Kind ist immer noch ein Kind", schrieb er. "Es ist ein Kind, das noch nicht aufgegeben hat, aber nicht weiß, wer es ist. Ein Strafurteil könnte seine zukünftige Vorstellung von sich selbst und seinem Verhalten negativ beeinflussen. Da es die Gesellschaft ist, die das Kind im Stich ließ und sein Fehlverhalten verursacht hat, sollte das Gericht nicht den Täter, sondern die gesellschaftliche Struktur verantwortlich machen."

    An dieser Auffassung hielt Korczak selbst in einem Mordfall fest, als er sich 1927 für Stanislaw Lampisz einsetzte, der seinen Schuldirektor erschossen hatte. Es ist kaum zu sagen, was sensationeller war. der Mord oder Dr. Janusz Korczaks Aussage bei dem Prozeß.

    Korczak, der sich im Gefängnis lange mit Lampisz beschäftigt hatte, sprach über eine halbe Stunde. Er bat die Geschworenen, den Burschen als Einzelgänger zu begreifen, der aus einem kleinen Dorf gekommen war, um in Warschau auf die Oberschule zu gehen; er lebte bei seiner Tante. Sein einziger Freund war ein Mädchen aus seiner Klasse. Er hatte sich auf den Schulabschluß gefreut. Einige Tage vorher hatte er eine Kleinigkeit verbrochen, wurde von der Schule suspendiert, und der Direktor, Dr. Lipka, ordnete an, daß er sich den Kopf scheren ließ. Lampisz brach in Panik aus. Wenn das geschah, würde er das Zimmer im Haus seiner Tante sowie seine Freundin verlieren und mit Schimpf und Schande in sein Dorf zurückkehren müssen. Lampisz bat Lipka, seine Strafe zu ändern, doch der Direktor war nicht gewillt, die Gründe des jungen Mannes zu erwägen, und lehnte ab.

    Da seine Welt zusammengebrochen war, beschloß Lampisz, sich umzubringen. Er trank einige Wodka und ging mit einem Gewehr in der Hand über die Weichselbrücke auf der Suche nach einer geeigneten Stelle, wo er sich erschießen könnte, als zufällig Lipka des Weges kam. Er versuchte, dem Direktor die Hand zu küssen und noch einmal für sich zu bitten, doch die Hand wurde ihm entzogen. Lampisz griff zum Gewehr, um sich zu erschießen, erschoß aber statt dessen Lipka. Lampisz richtete dann das Gewehr auf sich selbst, fiel zu Boden und erwartete seinen Tod. Ein Polizist fand die beiden und ließ sie ins Krankenhaus bringen. Als der nur leicht verwundete Lampisz hörte, daß der Direktor tot war, wünschte er, an seiner Stelle zu sein, und sagte, wie sehr er diese Tat bereue.

    "Ich kann hier kein Verbrechen sehen";, schloß Korczak.

      "Lipka starb wie der Chemiker, dem eine unachtsam gebraute Lösung explodiert. Er starb wie der Chirurg, der sich bei einer Operation eine Blutvergiftung holt. Und bitte bedenken Sie, als Lampisz auf Lipka schoß, hat er gleichzeitig auf sich selbst geschossen."

    Das Gericht zog sich mittags für eine kurze Zeit zur Beratung zurück. Dann verkündeten die beiden Richter das Urteil: Schuldig. Viele waren nach Korczaks bewegendem Plädoyer von der Härte des Urteils überrascht: fünf Jahre schweres Zuchthaus.

    Korczak war wohl seiner Zeit voraus mit seinem psychologischen Gutachten für die Verteidigung in einem Mordfall - und schadete damit dem Angeklagten dieses Prozesses -, doch für ihn war Lampisz das Opfer: ein Kind, das durch einen gleichgültigen Erwachsenen brutalisiert worden war. Für ihn lag es in Lipkas Verantwortung als Schuldirektor, sich zu bemühen, die Schwierigkeiten seines Schülers zu verstehen und ihm zu helfen.

      Mit dieser extremen Haltung zeigte Korczak erneut seinen leidenschaftlichen Glauben an das Recht der Kinder, von den Erwachsenen, die die Macht über sie haben, gehört und respektiert zu werden.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «