Janusz Korczak Communication - Center
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Lang lebe der Hering !

Versuche nicht. über Nacht zu einem Lehrer
mit psychologischer Buchhaltung im Herzen und
Erziehungstheorien im Kopf zu werden.

Wie man ein Kind lieben soll

    Mitte der zwanziger Jahre, als Korczak und Stefa klar wurde, daß sie bei der Erziehung der Kinder Hilfe brauchten, suchte er Studenten, die gegen freie Kost und Logis sowie ein Seminar in der Woche eine Teilzeitbeschäftigung im Heim ausüben würden.

    Das Waisenhaus war sehr schnell belagert von Studenten. die sich darum rissen. mit dem berühmten Janusz Korczak zu arbeiten. Einige hatten bereits an seinen Kursen über Kinderpsychologie teilgenommen. die er an einem der beiden pädagogischen Institute Warschaus hielt. Seine Lehrmethoden galten als ebenso eigenwillig wie seine Strategien mit den Kindern. Die erste Lektion eines Kurses betitelte er einmal mit "Das Herz des Kindes" und versammelte seine Studenten im Durchleuchtungsraum des Kinderspitals. Die Studenten waren überrascht. Als Korczak mit einem kleinen Buben hereinkam. der sich an seiner Hand festklammerte. Wortlos zog der Doktor ihm das Hemd aus. setzte ihn hinter den Durchleuchtungsapparat und drehte das Deckenlicht ab. Jeder konnte das hastige Pumpen des kleinen Herzens sehen.

    "Vergessen Sie diesen Anblick niemals". sagte Korczak zu ihnen. "Bevor Sie Ihre Hand gegen ein Kind erheben. irgend eine Strafe verabreichen. denken Sie daran. wie sein geängstigtes Herz aussieht." Und dann. den Buben wieder an der Hand, wandte er sich zur Tür und sagte: "Das war alles für heute."

    Korczak benutzte in seinen Seminaren keine Lehrbücher und ließ auch keine Arbeiten schreiben. Die Hausaufgabe konnte daraus bestehen. eine Kindheitserinnerung aufzuschreiben. Die Studenten waren erstaunt herauszufinden. daß die meisten Anlässe, an die sie sich erinnerten, traurig gewesen waren und gewöhnlich mit den Eltern oder einem Lehrer zu tun hatten, die nicht auf ihre Gefühle eingegangen waren. Indem er in jedem seiner Studenten das verletzbare Kind beschwor, half er ihnen, eine seiner Prämissen zu begreifen: Erwachsene haben kein Empfinden für das Leid von Kindern.

    Feiga Lipshitz, die als Siebzehnjährige aus einer kleinen Stadt in Rußland gerade in Warschau angekommen war, erinnerte sich zeitlebens an die Aufregung, mit der ihre Zimmerkameradinnen an dem Tag aus dem Bett sprangen, an dem Korczak sein Seminar hielt: "Heute haben wir Korczak!" riefen sie. Sie beeilten sich, pünktlich dort zu sein, weil man sonst draußen stehen und zuhören mußte. Als Korczak verkündete, daß er drei Studenten suchte, die als Helfer im Sommerlager Rozyczka arbeiten und bei Eignung auch ins Waisenhaus in die Ausbildungsgruppe aufgenommen werden sollten, nahm Feiga ihren ganzen Mut zusammen und bat um einen Vorstellungstermin. Sie war enttäuscht, als Stefa auf sie wartete und nicht Korczak. Stefa fühlte sich jedoch sofort zu diesem jungen Mädchen hingezogen, das mit seinen langen Zöpfen fast noch wie ein Kind aussah - und tatsächlich Esterka Weintraub glich, die im Krieg an Typhus gestorben war -, und stellte sie ein.

    Die schwierige Aufgabe, die richtigen Leute für die Bursa so wurde die Ausbildungsgruppe genannt - zu finden, wurde durch Stefas und Korczaks unterschiedliche Auffassungen über die Anforderungen an die Qualifikationen der Bewerber nicht gerade erleichtert. Stefa, die die meisten Vorstellungsgespräche führte, war beeindruckt von sauberen, gut gekleideten jungen Leuten, die begeistert über ihre Liebe zu Kindern zu reden vermochten, Korczak hingegen nahm gar nicht wahr, was jemand anhatte, und wurde ungeduldig mit "schwärmerischen Romantikern", die seiner Meinung nach sofort flüchten würden, wenn sie die harte Wirklichkeit der Arbeit mit vernachlässigten Kindern erfuhren. Die pädagogische Liebe, sagte er, sei kein leeres Gefühl, sondern wirkliche Selbsthingabe. Seiner Ansicht nach waren alte Ammen und Bauarbeiter häufig bessere Pädagogen als eine Diplompsychologin. Gefragt, ob er einen zukünftigen Erzieher auf Anhieb erkennen würde, erwiderte Korczak, daß er nicht voraussagen könne, wer ein guter Erzieher werden würde, sicherlich aber, wer es nicht würde. (über dieses Talent verfügte auch Neska, eines der Kinder, die im Ferienlager schon immer wußte, wen die Kinder für die Bursa in der Krochmalnastraße wählen würden. "Im Winter werden wir sie nicht sehen" , sagte Neska dann. Oder. "Im nächsten Sommer ist er nicht mehr bei uns.")

    Bei Korczak eine Ausbildung zum Erzieherzu machen, war nicht einfach. (Er zog den Begriff Erzieher der Bezeichnung Lehrer vor: Ein Lehrer war jemand, der nach Stunden bezahlt wurde, um einem Kind etwas einzubleuen, der Erzieher jedoch sollte die Begabungen des Kindes wecken.) Er verlangte die absolute Hingabe an die Aufgabe. Seine in ihrer Intensität manchmal beunruhigenden Augen konnten seine wahren Gefühle verbergen und die Studenten verunsichern, ob er scherzte oder ernst war - eine schwierige Aufgabe bei einem Mann, dessen Ironie sich darin äußerte, daß er das Gegenteil von dem sagte, was er meinte.

    Die Praktikanten wurden ohne Einweisung sofort auf die Waisenhausroutine losgelassen. Sie lernten rasch, daß die Regeln der Republik den Kindern dienten, nicht den Erwachsenen. Sie hatten die gleichen Aufgaben zu erfüllen wie die Kinder Fußböden schrubben, Kartoffeln schalen, Fenster putzen -, weil Korczak vom Erzieher erwartete, das gleiche tun zu können, was von den Kindern verlangt wurde. Sie mußten akzeptieren, daß die Kinder über sie abstimmten und, schwieriger als alles andere, daß sie sich dem Kindergericht zu stellen hatten.

    Ida Merzan kam aus einer kleinen Stadt in der Nahe von Hrubieszow in Ostpolen. Sie erinnerte sich, daß sie ankam, von einer Praktikantin das Zimmer gezeigt bekam, das sie mit anderen teilte, und ermahnt wurde, pünktlich zu den Mahlzeiten zu erscheinen. Dann war sie allein. "Die ersten Tage waren sehr schwer", erzählte sie. "Ich war verlegen, weil Korczak sich mir dauernd in den Weg stellte - manchmal scherzhaft, manchmal verärgert -, wenn wir uns im Flur begegneten. Ich wußte nicht, was er meinte oder wollte. Später fand ich heraus, daß ich eine Regel verletzt hatte - dieser Flur auf diesem Stockwerk war ein "Einbahn-Flur" -, aber das hatte mir niemand gesagt."

    Als sie an ihrem ersten Abend im Heim in den Speisesaal kam, saßen die Kinder schon an ihren Tischen, die für acht Personen bestimmt waren, davon zwei Erzieher, die jeweils an einem Ende des Tisches Platz genommen hatten. "Ich sah mich hilflos um", erinnerte sie sich, "aber Stefa wies mir mit der Hand einen Platz an Tisch Neun zu. Ich hörte Gelächter, als ich an Korczaks Tisch vorbeikam, aber er sah nicht auf. Später sah ich, daß die Kinder, die an den Tischen bedienten, sich nicht in die Quere kamen: die, die servierten, gingen eine Reihe entlang, und die, die abräumten, eine andere."

    Misha Wroblewski kam aus Minsk. Auch er erinnerte sich an seine Hilflosigkeit am ersten Tag als Praktikant im Heim. Man hatte ihm gesagt, er könne mit den Kindern am Nachmittag nach der Schule machen, was er wolle, und er hatte ein Wettrennen mit zwei Mannschaften veranstaltet. Verwirrt von der hitzigen Auseinandersetzung zwischen den zwei Mannschaften, wußte er nicht, was er mit den beiden Buben machen sollte, die sich gegenseitig mit den Fäusten traktierten. Die anderen Kinder hatten sich hingesetzt, um den beiden zuzusehen, also setzte er sich auch dazu. Die beiden Kampfhähne wurden bald müde und setzten ihren Streit mit Schimpfnamen fort. Gerade als Misha aufstand, um das Rennen fortzusetzen, ertönte der Gong zum Abendbrot. Die Kinder rannten sofort los, sich die Hände zu waschen. Korczak stand in der Tür und beobachtete alles, und Misha war überzeugt, seine Chance verspielt zu haben, bei dem berühmten Erzieher zu lernen.

    Korczak sagte nichts zu ihm bis um zehn Uhr an jenem Abend beim Praktikantentreffen, das immer um diese Zeit "unter der Treppe" hinten in der Halle bei Kaffee und Brötchen stattfand. "Wissen Sie, das war ganz großartig, das war perfekt", sagte er dann und nahm ihn zur Seite. "Aber sagen Sie mir, warum haben Sie die Buben mit ihrem Streit das Rennen abbrechen lassen, warum haben Sie nicht eingegriffen?"

    Misha schoß das Blut in die Wangen, er wußte nicht, was der Doktor meinte oder was er antworten sollte. Er entschied sich für eine ehrliche Antwort: "Ich habe nicht eingegriffen, weil ich genauso müde war wie die Kinder und froh, mich hinsetzen zu können. Und ich war sicher, daß die sich schon nicht umbringen würden."

    Korczak kratzte sich an der Glatze und rieb in einer für ihn charakteristischen Geste wie gedankenverloren noch mit dem Finger über die Stelle. "Wenn jemand noch nicht sehr viel älter ist als die Kinder, kann er so fühlen wie sie", sagte er leise, wie zu sich selbst. "Kinder wissen besser als wir, wann es genug ist. Sie hatten recht, die Buben in Ruhe zu lassen. Wenn plötzlich eine Rauferei ausbricht, ist es besser, nichts zu tun, solange die Kontrahenten sich einigermaßen ebenbürtig sind und sich nicht ernsthaft verletzen. Wenn man einen Kampf unterbricht, werden die Kinder ihn nur an anderer Stelle erneut austragen." "

    Das war meine erste Lektion in Erziehung", sagte Misha später. "Und mein erstes Gespräch mit dem Doktor. Er sagte mir, daß Männer bessere Kindergärtner seien als Frauen, weil sie den Kindern erlaubten, sich zu gegebener Zeit zu zanken." Aber Misha lernte auch, daß Korczak, der dieser Begebenheit seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte zuteil werden lassen, mit seinen Gedanken ganz woanders sein konnte, wenn er an einem Buch schrieb: manchmal begegnete er ihm dann mehrmals hintereinander auf dem Gang, und Korczak begrüßte ihn jedesmal herzlich mit Handschlag, als ob sie sich an dem Tag noch gar nicht gesehen hätten.

    Joseph Arnon war achtzehn Jahre alt, als er in einer Bibliothek in Lwow (Lemberg) Korczaks pädagogische Schriften entdeckte und bei ihm anfragte, ob er bei ihm lernen dürfe. Obgleich der freundliche Antwortbrief keinerlei Zusage enthielt, packte Arnon seine Sachen und machte sich auf den Weg nach Warschau.

    Als er im Waisenhaus ankam, empfing ihn eine große, schwarzgekleidete Frau, die ihn barsch fragte, ob der Doktor ihn erwarte, und ihm sagte, er möge in dem kleinen Raum vor ihrem Büro neben der Haustür warten. Als Korczak ungefähr eine halbe Stunde später mit einer Kindergruppe herbeigeeilt kam, erkannte Arnon verblüfft den Mann im grünen Kittel wieder, den er im Hof gesehen hatte.

    "Er schüttelte mir die Hand und brachte mich in die kleine Abstellkammer am anderen ende des Speisesaals", erinnerte sich Arnon. "Wir setzten uns da an einen kleinen Tisch, und dann sah er mich mit seinen durchdringenden blauen Augen an, ohne etwas zu sagen. Ich fragte mich, was ich denn nun machen sollte, als er mich mit Fragen zu bombardieren begann: Warum wollte ich Lehrer werden? Warum nicht etwas anderes? Was ich hier zu tun wünschte? Ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe, aber Korczak lächelte und sagte mir, ich solle mein Hemd ausziehen. Ich konnte es nicht fassen. er wollte mich untersuchen. er legte sein kaltes Ohr auf meine Brust, hörte Herz und Lungen ab und fragte mich nach meinen Kinderkrankheiten. Ich kam mir vor wie im Spital. Als er fertig war und ich mein Hemd wieder anzog, meinte er. "Nun, wir werden sehen, was daraus wird." Ich war völlig verdattert. Ich hatte eine tiefe, ernste Unterhaltung über Kinder und Erziehung erwartet, das hier war alles so - normal."

    Anschließend wurde ihm die unangenehme Nachricht überbracht, daß er vor der endgültigen Entscheidung noch ein Gespräch mit Stefa haben müsse. Sein Mut sank, als er das Büro der großen Frau in Schwarz betrat. Ob er Geld habe, wollte sie wissen, da keine Gehälter gezahlt würden. Ob ihm klar sei, was von ihm erwartet wurde? Würde er sich nach den Vorschriften des Hauses richten?

    Arnon willigte in jede von Stefas Bedingungen ein, erfuhr allerdings nur, daß er bis zu einem endgültigen Bescheid sich ungefähr vier Wochen würde gedulden müssen. er hatte naiverweise geglaubt, gleich dort bleiben und anfangen zu können, und mußte sich jetzt erst einmal ein Zimmer suchen. Zu seiner Erleichterung erhielt er bereits nach zwei Wochen positive Nachricht - Stefa ließ die Leute meistens recht lange auf eine Antwort warten, damit sie froh waren, daß sie überhaupt eine bekamen -, aber er brauchte noch sehr viel länger, um ein positives Verhältnis zu Stefa zu entwickeln.

    Wie die anderen Praktikanten war er zunächst verwirrt, als Korczak es seiner Entscheidung überließ, was er mit den Kindern machen würde. Schließlich entschloß er sich zum Hebräischunterricht für jene, deren Verwandte hofften, nach Palästina auszuwandern. Er begriff, daß Korczak seinen neuen Praktikanten absichtlich keine konkreten Anweisungen für den Umgang mit den Kindern gab, weil er glaubte, daß man Pädagogik nicht lehren könnte, sondern "jeder seinen persönlichen Weg zum Kind finden muß".

    Es faszinierte Arnon, daß Korczak nach den irrationalen Gründen für das Verhalten eines Kindes suchte und häufig die Phantasie zu Hilfe nahm. Die Kinder durften ihre Portionen beim Essen selbst bestimmen, mußten sie dann aber auch aufessen, Arnon war verblüfft, als die siebenjährige Halinka, die an seinem Tisch saß, ihre Brotkrusten nicht aß, Nach dem Essen kam Korczak am Tisch vorbei und steckte sich mit einer ulkigen Bewegung die Brotkrusten in den Mund, was die Kinder zum Lachen brachte. Später zog er Arnon auf die Seite und fragte ihn, warum seiner Ansicht nach ausgerechnet die sonst so brave Halinka ihre Brotkrusten nicht essen wollte. Arnon wollte Korczak beeindrucken und spekulierte über alle möglichen Ursachen, aber Korczak wischte sie alle vom Tisch. "Wissen Sie, vielleicht sieht das Mädchen geheimnisvolle Kräfte in ihnen. Suchen wir mal nach der Möglichkeit."

    Es gelang Korczak, ihr zu entlocken, daß sie Angst vor den Hexen habe, die in Brotkrusten leben. Die Großmutter hatte ihr das gesagt. Er mußte sie vom Gegenteil überzeugen, ohne ihre Großmutter ins Unrecht zu setzen, weil Halinka auf der ganzen Welt sonst keinen Menschen mehr hatte. "Nein, Halinka, in diesen Krusten wohnen keine Hexen", tröstete er sie. " In einem so bescheidenen Hause wie unserem würden sie niemals dinieren. Hexen essen Kaviar auf den Schlössern in den Bergen, ganz weit weg von hier, oder in den Palästen, in denen früher auch unsere Könige gelebt haben. Du kannst also dein Brot ruhig ganz aufessen."

    Korczak spielte den scheinbar distanzierten Beobachter und griff plötzlich dann ein, wenn man es am wenigsten von ihm erwartete. Einmal trat er im Hof hinter eine Helferin, die einem Kind den Kopf tätschelte, während sie mit einem anderen sprach. "Mein Fräulein", sagte er, "Sie streicheln hier keinen Hund, sondern einen Menschen." Ein anderes Mal fragte er eine neue Praktikantin, die ein Bub überredet hatte, ihm die Schuhe zu binden: "Sagen Sie, meine Liebe, wollen Sie Erzieherin werden, oder vertreiben Sie sich nur ein wenig die Zeit?" Dann zeigte er ihr, wie man einem Kind beibringt, die Schnürsenkel selbst zu lösen. Tatsächlich lehrte er sie, wie ein Kind selbständig wird. "Ich ziehe euch die Splitter aus dem Mund oder dem Popo heraus", war sein ständiger Spruch den Kindern gegenüber, "aber nirgendwo, wo ihr sie selbst rausholen könnt." Yanka Zuk erinnerte sich daran, wie Korczak einmal aus dem Nichts auftauchte, als sie auf achtzig Kinder aufpaßte, die in einem Nebenzimmer warten mußten, bis der Speisesaal geputzt war. Sie tobte mit ihnen herum, als Korczak ohne ein Wort auf sie zukam und sie zurückweichen mußte, wenn sie nicht mit ihm zusammenprallen wollte. Nachdem er sie zwischen zwei Schränke manövriert hatte, stand er mit den Händen in der Tasche vor ihr, Schalk in den Augen, und meinte: "Jetzt bleiben Sie mal ganz ruhig stehen, meine Kleine. Und schauen Sie. Was sehen Sie?"

    Als sie nicht antwortete, meinte er im gleichen Ton: "Ist es nicht erstaunlich, daß achtzig Kinder auf so engem Raum spielen können, ohne zu streiten und zu raufen? Wenn Sie sich ruhig hier hinstellten, könnten auch Sie sehen, was los ist." Er sah ihr noch fünf Minuten zu, wie sie den Umgang der Kinder miteinander beobachtete, dann ließ er sie gehen.

    Durch diese Begebenheit lernte Yanka aus erster Hand, daß die Kunst der Beobachtung ein wichtiger Teil ihrer Ausbildung zur Erzieherin war. Wenn die Kinder um Rat oder Hilfe baten, konnte man diese erteilen; ansonsten sollte man sie in Ruhe spielen lassen. "Die Wahrheit über Kinder findet sich nicht in Büchern, sondern im Leben", sagte Korczak zu ihr. Darüber hinaus lernte Yanka, daß unter seiner rauhen Schale eine große Herzlichkeit wohnte, die dann zum Vorschein kam, wenn man sein Vertrauen gewonnen hatte, daß auch seine Zornesausbrüche Teil seiner pädagogischen Strategie waren. "Rennen, immer nur rennen! " rief er ihr nach, wenn sie auf den Gängen an ihm vorbeisauste, "Wie lange wollen Sie sich überanstrengen? Sie müssen noch fünfunddreißig Jahre arbeiten können!" Doch war seine vorgebliche Ungeduld mit den Praktikanten häufig nicht mehr als Theaterdonner, " Wenn ich euch anschreie, versucht herauszufinden, ob ich nur mit dem Mund brülle - mit Zunge und Kehle , oder ob ich von Herzen brülle", schrieb er Jahre später an eine von ihnen, " Schaut, ob ich wirklich wütend bin oder nur so tue, Aber ich liebe euch, und deshalb muß ich einfach schimpfen."

    Für viele der Praktikanten war Korczak eine unberechenbare Mischung aus Vater und Berater. Andere ärgerten sich, daß er mit den Kindern eine Engelsgeduld hatte, mit ihnen aber nicht, Als junge Erwachsene gehörten sie zu einer Altersgruppe, der es seiner Ansicht nach an Ernsthaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit mangelte - im Gegensatz zu den Kindern, die offen und ehrlich waren. Es ärgerte ihn, daß manche der Praktikanten trotz seiner und Stefas ständiger Ermahnungen immer noch unpünktlich zu den Mahlzeiten erschienen oder nachts zu spät ins Heim zurückkehrten, Mehr als einmal war für die Spätaufsteher der Speisesaal versperrt. Ein noch schlimmeres Schicksal erwartete sie, wenn sie abends zu spät heimkamen - nach 22 Uhr an Wochentagen und 23,30 Uhr an Wochenenden. Misha erinnert sich heute noch an den schrecklichen Augenblick, als er Stefa wartend an der Haustür vorfand, "Sie brauchte gar nichts zu sagen, Ihr Blick genügte,"

    Korczak gab zu, daß die Bursa einem Kloster gleichkam, Aber nicht er und Stefa bestanden auf diesen strikten Regeln, sondern "die gesichtslose Notwendigkeit, das Leben selbst", sagte er ihnen, "Wir würden euch gern mehr geben, Wir wissen, daß ihr euch danach sehnt, am Warschauer Leben teilzuhaben. Aber wenn ihr lange ausbleibt, seid ihr am nächsten Morgen zu müde, um mit der unerschöpflichen Energie der Kinder Schritt halten zu können,"

    Korczak mochte ab und zu die Geduld verlieren, seinen Humor verlor er höchst selten, Er schrieb eine Parodie über die "Leiden der Bursa", in der eine der Praktikantinnen sich beklagt: "Ich dachte, Korczak wäre jung und gutaussehend und daß man sich mit ihm unterhalten könnte. Und wenn ich krank würde, säße er an meinem Bett und würde mir aus seinen Büchern vorlesen. Das wäre auch gar nicht unschicklich, weil er ja Arzt ist. Aber er ist alt und hat eine Glatze. Ich dachte, er wäre voller Poesie. Aber der predigt bloß und putzt sich die Schuhe."

    Igor Newerly war zwei Jahre lang Korczaks Privatsekretär, bevor er 1928 ins Waisenhaus übersiedelte, um die Kinder im Tischlern zu unterrichten. Als Sohn eines russischen Offiziers und einer polnischen Aristokratin hatte Newerly in Polen und Rußland gelebt, bevor er als Dreiundzwanzigjähriger nach Warschau kam. Er erwarb sich die nötigen Kenntnisse, um sich als Sekretär durchzubringen, und war froh, als ein Freund der Familie ihn Korczak vorstellte. Jeden Morgen diktierte ihm Korczak zwei Stunden lang seine Privatbriefe, Artikel und Geschichten. Er träumte davon, selbst Schriftsteller zu werden, und schätzte es, wie Korczak jeden Satz peinlich genau auf das Notwendige zurechtstutzte. Doch eines Morgens blieb er nach einer unglücklichen Liebesaffäre im Bett liegen und sann darüber nach, ob er sich umbringen oder nach Abessinien auswandern sollte. Er machte sich nicht einmal die Mühe, Korczak zu informieren, daß er an jenem Tag nicht zur Arbeit erscheinen würde, und es kam ihm auch gar nicht in den Sinn, daß Korczak sich vielleicht um ihn sorgen und vorbeischauen könnte. Am späten Nachmittag öffnete er im Schlafanzug die Tür, vor der zu seinem Entsetzen Korczak stand und ihn fragte: "Was ist los? Sind Sie krank?"

    Kaum bejahte er die Frage, als Newerly sich daran erinnerte, daß er es ja mit einem Arzt zu tun hatte. Korczak fühlte ihm den Puls, untersuchte ihn und fragte schließlich mitfühlend : "Was fehlt Ihnen denn?" Als Newerly ihm von seinem gebrochenen Herzen berichtete, meinte Korczak: "Da gibt es nur eine Lösung - ins Kloster " "Ins Kloster?"

    "Ja, das Waisenhaus", sagte Korczak. "Langfristig gesehe ist es das gleiche. Sie können Ihr Leben mit Stundenplänen und Gongs regulieren. Und Sie können Seminare an der Universität besuchen."

    "Ich habe kein Geld für ein Studium", gestand Newerly.

    "Sie haben Kost und Logis frei sowie 150 Zloty für das, was Sie den Kindern beibringen."

    "Aber ich bin kein Lehrer. Ich kann nichts."

    "Was machen Sie gerne? " "Ich arbeite gerne mit meinen Händen. Ich bin so eine Art Faktotum." "Also gut", meinte Korczak. "Sie können die Tischlerwerkstatt einrichten. Wir brauchen eine."

    "Aber" - Newerly wußte nicht recht, wie er es sagen sollte er war kein Jude, und ihm war nicht klar, wie er in das Waisenhaus hineinpassen würde. " Und wenn ein Kind mit mir Jiddisch reden will?"

    Korczak lachte. "Sie wissen, daß die Kinder im Heim Polnisch sprechen. Und davon abgesehen kann ich auch kein Jiddisch.

    " Newerly war sich nicht sicher, ob das die Antwort auf seine Probleme war. "Und wenn die Kinder mich nicht mögen?"

    "Das finden wir bald heraus", sagte Korczak zu ihm. "Nach drei Monaten stimmen die Kinder über einen neuen Erzieher ab. Sie entscheiden, wer bleibt und wer nicht."

    Aber es hatte natürlich auch noch jemand anders ein Wort mitzureden. "Kommen Sie besser so bald wie möglich vorbei, und reden Sie mit Stefa", fügte er hinzu.

    Newerly wußte noch sehr genau, wie er sich vor Stefa gefürchtet hatte, als er Korczaks Sekretär geworden war. Sie hatten wenig miteinander zu tun; wenn er überhaupt an sie dachte, dann als an eine riesige Säule, auf der das gesamte Haus ruhte. Doch das Gespräch verlief gut. Als Stefa über einen Witz lachte, den er geistesgegenwärtig erzählte, sah er, daß ihr Gesicht zwar immer noch nicht schön war, aber durchaus freundlich aussehen konnte. Sie war nicht so furchtbar, wie er gemeint hatte. Einige Tage später übersiedelte er ins Waisenhaus und belegte einen Kurs in Soziologie bei Korczaks altem Freund und Zellengenossen Ludwik Krzywicki an der Freien Polnischen Universität. Es fiel ihm schwer, sich an all die "Klosterregeln" zu gewöhnen, besonders an das pünktliche Erscheinen zum Frühstück. Aber schließlich kaufte er sich einen Wecker. Auf dem kleinen Balkon über dem Speisesaal richtete er die Tischlerwerkstatt ein und war wie alle Praktikanten nervös, als die Kinder schließlich über seinen Verbleib abstimmten. Zu seiner großen Erleichterung erhielt er hauptsächlich Ja-Kreuze und wurde einer der beliebtesten Lehrer des Hauses.

    Die Praktikanten waren angehalten, tägliche Aufzeichnungen über ihre Beobachtungen bei den Kindern zu machen und auch Fragen zu notieren, die sie selbst hatten. Stefa ging die Aufzeichnungen jeden Abend durch und schrieb ihre Empfehlungen an den Rand. Korczak sah sich ihre Fragen vor jedem Bursa-Seminar an, das freitags abends um neun Uhr stattfand, und schrieb sich Stichwörter auf kleine Zettel, die er immer bei sich trug.

    Jene jungen Leute, die gehofft hatten, der berühmte Erzieher würde sie mit akademischer Brillanz beeindrucken, waren von seinem trockenen und einfachen Stil enttäuscht. Er betrat das Zimmer still und ohne Aufsehen, häufig gedankenverloren. Er setzte sich an einen kleinen Tisch, sah die Gruppe aufmerksam an, holte einen Zettel aus der Tasche und begann zu referieren. Er sprach aus dem Stegreif, verwob häufig so viele Ereignisse und Begebenheiten aus seinem eigenen Leben, daß sein Gedanke verloren schien, bis er gegen Ende des Seminars den Faden plötzlich wiederaufnahm. Manchmal sprach er den ganzen Abend über einen einzigen Punkt aus einer Aufzeichnung, oder er führte die Diskussion der letzten Woche fort."

    Wem gehören Laibuschs Ohren?" fragte er in einem Seminar. Yanka Zuks Gesicht und Ohren liefen rot an, als Korczak eine Nachricht der Schulschwester vorlas, in der sie sich beschwerte, daß der neunjährige Laibusch schmutzige Ohren hatte. Der Bub, ein trauriges Kind, dessen Großmutter gerade gestorben war und ihn völlig allein zurückgelassen hatte, gehörte zu Yankas Gruppe. Es gab zwar eine Schlafsaalaufsicht, die darauf zu achten hatte, daß alle Kinder sich jeden Morgen wuschen, aber es gehörte zu ihren Aufgaben zu kontrollieren, ob er sauber und ordentlich aussah, warm genug angezogen war und sein Butterbrot aus dem Korb in der Halle mit in die Schule nahm.

    "Wo haben wir den Fehler gemacht? " fragte Korczak. "Wenn jeder hier seine Aufgabe erfüllt hat, was ist dann schiefgegangen? Im Laufe eines Tages ist Laibusch an vielen Plätzen. Waren seine Ohren schon schmutzig, als er das Waisenhaus morgens verließ, oder sind sie es erst in der Schule geworden?" Die Diskussion wurde zu einer philosophischen Frage darüber, wer für Laibuschs Ohren verantwortlich war, und nicht, wer schuld an ihrem Schmutz hatte. Wie konnten seine Ohren jedermanns prüfendem Blick entgehen? Am nächsten Tag hörte Yanka, wie Korczak mit Stefa immer noch in eine lebhafte Unterhaltung über Laibuschs schmutzige Ohren vertieft war.

    Korczak war stolz auf seine penible Genauigkeit in allen Dingen - das betraf auch die Sauberkeit der Ohren. Ida Merzan erinnerte sich, daß die Praktikanten ungenaue Begriffe wie "häufig", "selten", "viele" oder "wenig" nicht verwenden durften. Er fragte dann: "Also ganz genau, wie oft hat er den Buben geschlagen?" Oder. "Wie lange hat er geweint?" Wenn einer der jungen Leute beim ersten Mal keine präzise Antwort parat hatte, beim zweiten Mal hatte er sie sicherlich.

    Wenn seine Studenten allerdings zu besorgt waren, einen Fehler gemacht zu haben, beruhigte Korczak sie. "Ihr müßt aus großen Sorgen kleine machen", sagte er ihnen. "Und die kleinen vergeßt ihr am besten. Auf die Weise ist es leichter."

    An einem Freitagabend verkündete Korczak, daß ein Stück schlichter gesalzener Hering auf einem trockenen Stück Brot besser sei als eine feine Erbsensuppe. "Es ist besser, zu kämpfen und zu leiden, als alles zu haben und sich zu langweilen. Ein schwieriges Leben, selbst mit seinen Leiden, hat den Geschmack von Hering."

    Stefa saß wie immer hinten im Zimmer und sah die Aufzeichnungen der Praktikanten durch. Um zehn schaute sie auf ihre Armbanduhr und verkündete: "Wir haben jetzt ungefähr eine Stunde geredet. Morgen ist ein langer Tag. Wir machen jetzt besser Schluß." Korczak nahm dieses allwöchentliche Stichwort auf und beendete die Sitzung mit "Lang lebe der Hering!".

 

 


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