Janusz Korczak Communication - Center
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Man kann nicht jede Wahrheit ausposaunen

    Vielleicht hatte Stefas Entschluß, sich von nun an nur noch mit Frau Stefa anreden zu lassen, nichts damit zu tun, daß Maryna Falska als Madame Maryna bekannt war. Allerdings hat sie sich 1928 sicherlich gedanklich mit ihr beschäftigt, denn damals wurde das Kinderheim "Unser Haus" bezugsfertig, bei dessen Planung Korczak Maryna Falska geholfen hatte.

    Maryna war es gelungen, in Aleksandra Pilsudska, der zweiten Frau Jozef Pilsudskis, eine mächtige Verbündete zu gewinnen. Diese einfallsreiche Frau (eine couragierte Untergrundaktivistin vor dem Krieg) hatte sich der Sozialarbeit zugewandt, weil sie damit kaum Gefahr lief, ihren Mann in "prekäre Situationen" zu bringen. Da sie mit der unzureichenden Unterbringung in Pruszkow völlig unzufrieden war, trieb sie für ein großes, modernes Waisenhaus in einem bewaldeten Warschauer Vorort namens Bielany das nötige Geld auf. Ihre ausgezeichneten Verbindungen machten es möglich, daß sie eine Lizenz für einen Alkohol- und Tabakladen erhielt, dessen Gewinne in "Unser Haus" investiert wurden. Außerdem half sie Maryna bei der Organisation eines jährlichen Wohltätigkeitsballes, der natürlich auch gut besucht war.

    Maryna war immer noch die streng zurückgezogene und förmliche Person, die Korczak aus Kiew kannte. Wie Stefa trug sie nur Schwarz - ein Kleidungsstil, dem sich viele Frauen in Erinnerung an die mißlungene Revolution von 1863 verschrieben hatten und den sie auch nach Erlangung der Unabhängigkeit nicht aufgaben. Obgleich diese beiden sozial so stark engagierten Frauen vieles gemeinsam hatten - auch ihre Bindung an Korczak -, sahen sie sich kaum.

    Eine der seltenen Gelegenheiten war die Eröffnung von "Unser Haus", bei der Aleksandra Pilsudska den Vorsitz hatte.

    Es war ein großes Ereignis in Warschau. Die Presse nannte das ausladende Gebäude den "Kinderpalast", weil es über fließendes Wasser, Elektrizität und andere Dinge verfügte, die damals in den Waisenhäusern völlig unbekannt waren. Im Stil eines Flugzeugs gebaut, hatte es zwei Wohntrakte, die im rechten Winkel vom Hauptgebäude abgingen und genügend Raum für einhundertzwanzig Kinder im Alter zwischen vier und vierzehn Jahren boten.

    Die rechten antisemitischen Zeitungen sprachen davon, daß "ein neues Nest für Freimaurer und potentielle Kommunisten im Herzen der Hauptstadt errichtet wurde", und kritisierten das Fehlen eines Gotteshauses. "Nun, es ist ja auch von Korczak", schrieb ein Journalist. "Was will man erwarten, wenn ein Jude den Vorstand im Direktorium hat?" Es wußten nur wenige, daß Korczak versucht hatte, Maryna zum Bau einer Kapelle zu bewegen. In seinem jüdischen Waisenhaus gab es einen Raum, wo die Kinder vor dem Frühstück ein Kaddisch oder anderes Gebet für ihre Eltern sprechen konnten, weil er der Überzeugung war, daß alle Kinder ihren Kummer aussprechen und mit Gott reden können müssen. Oft saß er mit ihnen in diesem Zimmer, eine Jarmulke auf dem Kopf, ein Gebetbuch auf den Knien, mit geschlossenen Augen in stiller Meditation. Aber nichts konnte Maryna, die als überzeugte Atheistin ja auch dem kirchlichen Begräbnis ihres Mannes ferngeblieben war, zu dem Bau einer Kapelle bewegen.

    Maryna hatte Personal - ein "Weiberregiment" - für viele der Aufgaben, die Stefa selber übernahm. Viele dieser Frauen waren treue Freundinnen, die Maryna von Kiew her kannten: Karolina Peretiakowicz (Fräulein Kara), deren Mutter in Kiew die Mädchenschule leitete, kümmerte sich um Verwaltungsaufgaben - eine warmherzige, mütterliche Person, die die Kinder vergötterten; Maria Podwysocka (Fräulein Maria) sah nach den Finanzen.

    "Wir waren befreundet, aber Maryna hielt selbst bei uns ihre Distanz", erinnerte sich Eugenka, eine andere Kollegin aus Kiew. "Sie diskutierte dienstliche Probleme mit uns, sprach aber niemals über Privates. Nur einmal, am Anfang des Krieges, als sie sehr deprimiert war, sagte sie zu mir, daß es Momente gäbe, in denen sie die Gegenwart ihres verstorbenen Mannes und anderer toter Freunde spüre, und daß diese Geister ihr wirklicher vorkamen als die lebenden Menschen."

    Marynas Tagesablauf war kaum anders als der Stefas. Jeden Morgen um halb sechs oder sechs auf den Beinen, wich sie nie von ihrer Routine ab. Um sieben war sie in der Küche und beaufsichtigte die Zubereitung des Frühstücks, und wenn die Kinder dann zur Schule gingen, stand sie in der Tür und kontrollierte Knöpfe, Kragen und Schultaschen. Sie inspizierte sämtliche Räume, ging anschließend in ihr Büro, um den Speiseplan mit der Köchin durchzugehen und verschiedene Arbeiten zu organisieren. Um zwei, wenn die Kinder zum Mittagessen zurückkamen, saß Maryna stets auf ihrem Platz am Kopf des hufeisenförmigen Tisches, von dem aus sie alles überblicken konnte. (Die Tür zu ihrem Büro im Erdgeschoß hatte ein Fenster, durch das sie die vorbeilaufenden Kinder beobachten konnte.) Zwischen drei und fünf Uhr nachmittags zog sie sich in ihr Zimmer zurück und durfte nicht gestört werden.

    An jedem Freitagnachmittag um fünf Uhr hielt sie die "Schuldstunde" ab, wie die Kinder sagten. Jeder, der in der vorangegangenen Woche irgend etwas angestellt hatte, mußte in ihr Zimmer kommen und das in einem Buch unterschreiben, das extra für diesen Zweck angelegt worden war. Sie lud nie jemanden ins Waisenhaus ein, aber freitags abends ging sie in das Haus von Verwandten und empfing dort alte Freunde. Samstags abends, nachdem sie und die Kinder gebadet hatten, nahm sie, ähnlich wie Korczak, Wetten über schlechtes Betragen entgegen, verteilte Süßigkeiten und erzählte anschließend Geschichten vor dem Kamin.

    Maryna sprach ruhig und gemessen, als ob sie jedes Wort abwöge. Die Kinder und die Praktikanten liebten und fürchteten sie. Sie brauchte nur zu sehen, was sie taten, schon wußte sie, was sie dachten. "Sie war nicht verzeihend wie Korczak", sagte Igor Newerly. "Bei Maryna gab es keine Chance. Jeder war für seine Taten auch verantwortlich. Wer zu spät kam, für den gab es keine Entschuldigung. Wenn sie einen nicht mochte, dem konnte sie das Leben schon schwer machen. Sie war eine harte Frau." Maria Taboryska, eine der Waisen, erinnerte sich an Marynas blaue Augen, die "wie Eisstücke" in ihrem blassen Gesicht gewesen seien, daß sie aber ebenso einem kleinen Mädchen im Gang zärtlich die Locken von den Augen streichen konnte. Nur ein Bub kam ihrem Herzen wohl etwas näher. Sie hatte ihren eigenen Kosenamen für ihn, Lomulek. Doch wenn er ungezogen war, konnte sie ihn zum Weinen bringen, wenn sie ihn mit seinem Nachnamen ansprach.

    Manchmal machte Maryna mit den älteren Buben und Mädchen einen Spaziergang durch den Wald hinter dem Haus. Verdutzt sahen sie sie eine Zigarette drehen, im Heim rauchte Maryna in ihrer Gegenwart nie. Sie erzählte ihnen dann von ihren früheren politischen Aktivitäten, von ihren Jahren im Gefängnis und im Exil und gab ihnen den Rat, sich niemals im Leben vor Schwierigkeiten zu fürchten.

    Igor Newerly betreute ein Jahr lang auch in " Unser Haus" eine Tischlerwerkstatt für die Kinder. "Maryna ging in ihrem schwarzen Kleid mit dem steifen Kragen und den weißen gestärkten Manschetten durch dieses Kinderland, als ob sie eine Rüstung gegen die Außenwelt und sich selbst angelegt hätte, wie eine Nonne, wie eine Richterin in ihrer Robe. Sie lächelte den Kindern, die mit ihren kleinen, aber sehr realen Problemen zu ihr kamen, freundlich zu, aber dieses Lächeln erreichte ihre Mundwinkel nicht. Sie konnte durchaus lustig sein - aber sie hatte keinen Humor. Ihr scharfer, konzentrierter Blick nahm alles wahr, was uns vielleicht entgangen war, obgleich sie nicht so eloquent war wie Korczak. Sie war der einsamste und verlassenste Mensch, der mir je begegnet ist."

    Kurz vor Ostern arbeitete Newerly einmal die halbe Nacht durch an einer Truhe, die er dem Waisenhaus zum Fest schenken wollte. Maryna geriet außer sich, weil er ins Bett gegangen war, ohne vorher die Werkstatt auszufegen. Sie tat es selbst und war danach so böse auf ihn, daß er ausziehen mußte. Erst ein Jahr später, als Korczak auch im Hause war und er vorbeikam, um die Kinder einmal wiederzusehen, reichte sie ihm erneut die Hand.

    Die Kinder in "Unser Haus" warteten am Fenster oder unten am Tor auf Korczak. Ein Bub wollte vielleicht einen lockeren Zahn verkaufen; ein schon älteres Mädchen brauchte seine Unterstützung, daß sie für ihren nächsten Haarschnitt zu einem richtigen Friseur gehen durfte; andere wollten vielleicht bloß einmal bei ihm Huckepack reiten oder in seinen Taschen nach den Süßigkeiten kramen, die er immer bei sich trug. In manchen Wochen kam Korczak ziemlich früh, um mit Maryna und dem Personal zu beratschlagen, und rühmte sich, den ganzen Weg nach Bielany zu Fuß gegangen zu sein, um das Geld für die Tram zu sparen. Er setzte sich auf die Veranda vor dem Haus und überlegte, daß er ja außerdem noch zusätzlich Geld gespart hätte, weil er die Tageszeitungen im Kaffeehaus an der Ecke Marszalkowskastraße gelesen hatte, das auf dem Weg lag.

    "Ich werde Ihnen nicht die beste Gesundheit wünschen", sagte er zu Herrn WIadyslaw Cichosz, dem Hausmeister, der genauso sehnsüchtig auf ihn wartete wie die Kinder. "Seien Sie ein bißchen krank, legen Sie sich mal ins Bett, Sie arbeiten viel zuviel." Und dann meinte er: "Natürlich nicht ernsthaft krank, einfach mal eine Erkältung oder sowas."

    Die Kinder hingen mit der gleichen Fröhlichkeit an ihm wie die in der Krochmalnastraße. Er scherzte mit ihnen, während er sie untersuchte, küßte den kleinsten Mädchen mit größter Galanterie die Hand, alberte mit ihnen herum und stellte Fragen wie: "Hast du schon einmal eine Kuh mit einem grünen Schwanz gesehen?" Alle seine Freunde hörten seitdem zigmal die Gegenfrage, die ihm ein Mädel gestellt hatte: "Und Sie? Haben Sie schon mal einen Kuchen mit einem Hering drin gesehen?" Obwohl er nur einmal in der Woche in "Unser Haus" übernachtete, war er zu Feiertagen wie l. Mai oder Ostern immer zur Stelle. Und am Weihnachtsabend tanzte er mit ihnen um den Weihnachtsbaum.

    Als ein Kind ihn einmal fragte, warum er keine Frau habe, antwortete er: "Ich habe drei: Frau Maryna, Frau Stefa und Fräulein Kara." Aber nicht alle Frauen in "Unser Haus" fühlten sich wohl mit ihm. "Ich respektierte ihn, aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn gern gehabt hätte", meinte Eugenka. "Er war wirklich sehr außergewöhnlich. Wenn er mir Fragen stellte, hatte ich immer das Gefühl, wirklich gescheit antworten zu müssen."

    Maria Podwysocka ging ungern mit ihm spazieren, weil er ständig seine Taschen durchwühlte, um jedem Bettler etwas zu geben. "Warum geben Sie diesen Leuten Geld?" wagte sie einmal zu fragen. "Die haben wahrscheinlich mehr als Sie."

    "Vielleicht", antwortete er. "Aber vielleicht hat auch einer unter ihnen nicht soviel."

    Maria stellte Korczaks Absichten nie in Frage und verteidigte ihn, wenn jemand anders ihn angriff. Als ein gemeinsamer Freund kritisierte, daß Korczak die Kinder nicht auf die draußen existierende Welt vorbereitete, sagte sie ärgerlich: "Sie verstehen überhaupt nichts. Der Doktor weiß sehr gut, daß die Welt ungerecht ist; deshalb hat er eine Oase der Güte geschaffen. Er möchte Kinder großziehen, die nicht fähig sind, Böses zu tun, und das Böse mit Anstand und Freundlichkeit bekämpfen." Nachdem "

    Unser Haus" nach Bielany übersiedelt war, hatte es Platz für zwanzig Praktikanten. Wie ihre Kollegen in der Krochmalnastraße waren sie begierig gewesen, mit dem berühmten Janusz Korczak zu arbeiten, aber auch sie waren durch seine Art sehr verwirrt. Stanislaw Rogolowski erzählte, daß bei seinem Vorstellungsgespräch in Maryna Falskas Büro "ein kleiner Mann mit Bart" war, der an einem Tisch am anderen Ende des Raumes saß und sich Notizen machte. Rogolowski, der die Direktorin beeindrucken wollte, referierte über seinen Wunsch, mit schwierigen Kindern zu arbeiten, als der Mann seinen Stuhl heftig zurückschob und schrie: "Dafür gibt es Spezialeinrichtungen!" Auf seinem Weg nach draußen hörte Rogolowski von einem der Kinder, daß dieser wütende Mann niemand anders als der berühmte Dr. Korczak war. Er war völlig erstaunt, als er in die Bursa aufgenommen wurde.

    Auch die Praktikanten in "Unser Haus" erhielten zur Einführung wenig Informationen. "Entweder man behauptete sich, oder man ging unter", sagte Henrietta Kedzierska und erinnerte sich, wie enttäuscht sie war über den "schmalen, unauffälligen älteren Herrn im grauen Kittel", der ihnen die Hände schüttelte, sie gleichgültig unter seiner Brille heraus ansah und dann seines Weges ging. Madame Maryna sagte nur wenige Worte über das, was man von ihnen erwartete, und verwies sie dann an einen erfahrenen Praktikanten, der ihnen das Haus zeigen sollte. Man sagte ihnen, daß donnerstags abends, nachdem die Kinder im Bett waren, das Seminar mit Dr. Korczak stattfände.

    "Immer wenn der Doktor sein Büro verließ, scharten sich die Kinder sofort um ihn wie die Kücken um die Henne", schrieb Henrietta in ihr Tagebuch. "Und der Griesgram lachte mit ihnen, hörte ihrem Geschnatter mit großem Interesse zu, aber für die neuen Praktikanten brachte er noch nicht einmal ein paar Minuten auf."

    Sie hoffte auf einen Willkommensgruß zum Seminar am Donnerstagabend, aber "keine Chance". Er behandelte sie alle völlig gleichgültig und fuhr mit einem Thema der letzten Woche fort, als ob die Neuen gar nicht da wären. An dem Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: "Der sogenannte Philosoph ist ein richtiger Spinner."

    Henrietta hatte den Drittkläßlern bei den Schulaufgaben zu helfen und mußte den Flur vor den Schlafsälen im zweiten Stock bohnern, den jemand anders vorher geputzt hatte. Bohnerbesen und Lappen in der Hand, eilte sie den Korridor entlang, als sie Korczak begegnete. Verlegen begann sie, mit dem Bohnerbesen den Flur zu bearbeiten. Er blieb stehen, sah ihr einen Moment zu und fragte: "Neu?"

    "Neuer Besen - oder Mensch?" gab sie zurück.

    "Mensch", kam die Antwort.

    Sie fürchtete, zu frech gewesen zu sein, und meinte etwas höflicher. "Ein neuer Mensch." Und wagte sich weiter. "Der allerdings seit gestern in diesem Dschungel hier verloren ist." Sie wußte nicht, daß sein herzliches Lachen hieß, daß er etwas im Schilde führte.

    "Na, was haben wir denn hier?" meinte er fröhlich. "Haben Sie jemals in Ihrem langen Leben einen Fußboden gebohnert?" "Ja, hab ich", wagte sie sich weiter vor. "Aber die Zimmer waren wie Streichholzschachteln."

    Etwas weniger wohl fühlte sie sich, als er ihre leuchtendrot lackierten Nägel betrachtete. Was er auch dachte, seiner Freundlichkeit war nichts anzumerken: "Da Sie neu hier sind, werde ich Ihnen zeigen, wie man es am besten macht. Erst einmal ist Ihr Bohnertuch viel zu klein für diesen langen Flur. Eine Decke wäre besser." Er schlug vor, sie solle eine ihrer Bettdecken nehmen, aber nicht vergessen, den Bezug vorher abzuziehen.

    Sie brachte die Decke, er faltete sie der Länge nach, sagte ihr, sie solle sich auf das eine Ende setzen, während er an dem anderen zog. Auf diese Weise sauste sie "wie auf einem Schlitten" einige Male den Korridor hin und her, bis man sich in dem Fußboden spiegeln konnte. Als sie fertig waren, gab er ihr die Decke zurück, die inzwischen aussah wie ein alter Lumpen.

    Mit gespieltem Entsetzen und spöttischem Gesicht meinte er dann: "Also so respektiert das neue Personal das Eigentum des Hauses. Innerhalb von zehn Minuten wird eine neue Decke zum Lumpen.

    Ungeheuerlich! Beschämend! Ich werde das sofort weiterleiten! " "Aber Sie haben es mir doch selber gesagt", protestierte Henrietta kläglich.

    Nun schien er wirklich verärgert zu sein. "Was sind Sie für ein unschuldiges Lämmchen! Eine Neunmalkluge! Man kann immer jemand anders die Schuld in die Schuhe schieben." Und er eilte den Korridor hinunter.

    Henrietta stand da, völlig durcheinander. Sie fand sich damit ab, bei Korczak in Ungnade gefallen zu sein. Aber am folgenden Donnerstag beim Seminar schien er den Zwischenfall vergessen zu haben, als er sich mit einigen Praktikanten befaßte, die sich von den Kindern zu Unrecht vor Gericht gebracht fühlten. "Also sie klagen und bringen Sie vor Gericht", sagte er. "Sie fragen, warum, Sie behaupten, unschuldig zu sein. Sie schieben anderen die Verantwortung zu." Seine Stimme wurde zornig." Sie können einen Weisen nicht zum Narren machen. Man braucht Mut, sich zu weigern."

    Die anderen konnten Korczaks Diskurs nicht ganz folgen, Henrietta aber wußte, daß sie gemeint war. Sie begriff, daß er hatte prüfen wollen, wie weit sie in ihrem blinden Gehorsam zu gehen bereit war. Die Prüfung hatte sie nicht bestanden, aber sie hatte etwas gelernt. In Zukunft würde sie denken, bevor sie handelte, und ihrem eigenen Urteil vertrauen.

    Wie Stefa kommunizierte auch Maryna durch die täglichen Aufzeichnungen mit ihren Praktikanten. Wenn ihr an einem Thema etwas lag, brachte sie viele Seiten darüber zu Papier. 1929 schrieb Stanislaw Zemis auf, wie wütend er war, weil die Buben im Pfadfinderlager dauernd fluchten. Nachdem er sie zur Rede gestellt hatte, besserten sie sich, aber kaum zurück in Bielany, ging nun alles wieder von vorne los. Ob Madame Maryna sie sich bitte deswegen vornehmen könnte?

    "Es ist nicht leicht für mich, Ihnen hier zu raten", schrieb Maryna in sein Aufzeichnungsbuch. "Ich erinnere mich nicht, die Mädchen je fluchen gehört zu haben. Ich glaube, sie haben Angst vor mir, deshalb zanken sie nicht in meiner Gegenwart. Aber Pan Doktor hört die Buben im Schlafsaal fluchen, weil sein Zimmer ja nebenan ist. Und er sagt nichts. Natürlich denken sie, daß er es akzeptiert. Seit ich mich so lange im Schlafsaal aufhalte, bis die Buben eingeschlafen sind, betragen sie sich besser. Sie haben von mir strikte Anweisung, ihre Sachen in Ordnung zu halten und nicht zu fluchen. Eines Abends allerdings war ich nicht im Schlafsaal und stellte fest, daß sie einen Besen in die Toilettentür geklemmt hatten. Das heißt, die Buben fürchten sich genauso vor mir wie die Mädchen und verhalten sich anders, wenn ich da bin. Sie wissen, daß ich reagieren werde. Man sollte reagieren. Pan Doktors bevorzugte Beobachterrolle ändert einen Maulhelden wie Oleg nicht, der sich den Schwächeren gegenüber als Herr aufspielt."

    Eine weitere Seite Kommentar strich Maryna durch, wahrscheinlich war sie der Ansicht, Korczak gegenüber zu kritisch geworden zu sein. Obgleich sie erst ein Jahr vorher eine Schrift über die auf Korczaks System der Selbstverwaltung basierenden Erziehungsmethoden in "Unser Haus" mit einer von Korczak verfaßten Einleitung veröffentlicht hatte, wurde sie immer ungeduldiger mit seiner Art, die aggressiven Buben zu tolerieren. Sie war nicht der Ansicht, geduldig warten zu müssen, bis ein Lauselümmel begriffen hatte, wie notwendig es war, ein guter Mitbewohner des Hauses zu sein. Tatsächlich war sie in vielem anderer Meinung als Korczak. Nicht einverstanden war sie damit, daß die Kinder über ihr eigenes und das Verhalten ihrer Erzieher abstimmen können sollten; sie hörte ziemlich schnell auf damit und belohnte die Kinder statt dessen für gutes Betragen. Auch war sie dagegen, daß es ihnen erlaubt sein sollte, Erwachsene vor Gericht zu bringen. Die Praktikanten hörten sie häufig mit Korczak über diese Dinge streiten. Und mehr als einmal drohte sie zu kündigen und ihm das Heim zu übergeben. "Er war so weichherzig", meinte eine der früheren Erzieherinnen über die Art und Weise, wie Korczak Maryna zu beschwichtigen suchte. Doch bei seinen Erziehungsstrategien blieb er hart und wich keinen Zollbreit davon ab.

    Stanislaw Rogolowski erzählte, wie er sich über Korczaks vage Beantwortung vieler Fragen der Praktikanten gewundert hatte: "Statt einer klaren Antwort sagte er "ich weiß es nicht" oder "vielleicht" oder "das kann ich nicht sagen, mir ist dazu auch noch nichts eingefallen." Oder er meinte: "Ich habe zwar eine Erklärung dafür, aber ich weiß nicht, ob sie ausreicht." Und wenn er bedrängt wurde, sagte er. "Man kann nicht jede Wahrheit ausposaunen."

    Aber es gab auch Seminare, in denen Korczak jeden mit einer definitiven, wenn auch unqualifizierten Antwort überraschte. Einer der Praktikanten gab zu, die Geduld verloren zu haben, als einer der Buben ihm drohte: " Du traust dich nicht, mich zu schlagen! Du weißt, daß Pan Doktor dich achtkantig rausschmeißen würde!" Der Praktikant packte ihn beim Kragen und zischte: "Nein, ich schlage dich nicht. Aber ich mach dich so fertig, daß du dich nie mehr so aufführen wirst." Und er zerrte ihn in den Keller und drohte ihm, ihn da einzusperren, wo er die Ratten so viel anschreien mochte, wie er wollte. Die Behandlung brachte das erwünschte Resultat: Der Bub wurde sofort fügsam und folgte von dem Moment an willig.

    Alle warteten auf Korczaks Reaktion. Der Doktor schien vor ihren Augen zu schrumpfen, sein Kopf verschwand zwischen seinen Schultern, und er flüsterte wie zu sich selbst:

      " Ein boshaftes Kind ist frech, weil es unglücklich ist. Nervös. Ihre Aufgabe als Erzieher ist, herauszufinden, was ihm fehlt.
      Vielleicht hat es Zahnweh und hat Angst, das zu sagen, weil es weiß, Sie werden den Zahnarzt rufen.
      Vielleicht hat es Fieber und will das nicht sagen, weil es doch morgen mit ins Kino möchte. Vielleicht hatte es eine schlechte Nacht, weil es an seine Mutter dachte, die weit weg ist oder tot.
      Vielleicht hat es von ihr geträumt und ist weinend aufgewacht.
      Vielleicht war es überzeugt, daß niemand es gern hat. Und Sie, der Erzieher, sind derjenige, an dem es das alles ausläßt, all die Ungerechtigkeiten, den Verlust seiner Mutter.
      Diese ferne Mutter, traurig, wütend, bitter - aber immer noch seine Mutter.

      Sie sind stark, gesund, Sie lächeln aber Sie sind ein Fremder.

      Das boshafte Kind weiß nicht, daß Sie es wirklich mögen,
      daß Sie es vor einer kalten, bösen Welt beschützen wollen.

      Es weiß nicht, daß Sie die anderen Kinder, die Ihnen vertrauen und Sie brauchen, vor seinen Streichen bewahren müssen.

      Der Bub begreift nicht, daß er Ihnen und sich selbst schadet.

      Aber Sie wissen es.

      Also in den dunklen Keller mit ihm! Mach dem Balg richtig Angst! Vielleicht wünschen Sie sich tatsächlich, daß er sich weh tut.

      Aug' um Aug'!"

    Korczak flüsterte weiter zu sich selbst:

      "Es gibt so viele schreckliche Dinge auf dieser Welt,

      aber das Schlimmste ist, wenn ein Kind sich vor seinem Vater, seiner Mutter oder seinem Lehrer fürchtet.

      Er fürchtet sie, statt sie zu lieben und ihnen zu vertrauen."

    Jetzt war seine Stimme voller Schmerz und Bitterkeit. Er schloß die Augen. Betretenes Schweigen folgte. Keiner wußte, was tun. Was dachte er? Weinte er? Schlief er? Der Praktikant, der die Begebenheit gebeichtet hatte, wünschte, er hätte es seinlassen. Doch Korczak war nicht eingeschlafen. Plötzlich rief er.

      "Lieber Gott, vergib ihm, daß
      er das arme Kind so erschreckt hat!"

    Und ohne einen Gutenachtgruß stand er von seinem Stuhl auf und verließ den Raum.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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