Janusz Korczak Communication - Center
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Die schönste Zeit

    Wenn das ganze Waisenhaus schlief, lebte Korczak in seiner Mansarde so "bewußt" wie Thoreau in seiner Hütte in Walden. Weil er sich auf diese mönchische Weise von Ehe und Familie, von Kartenspiel, Diners und Bällen ausgeschlossen hatte, war er frei, sich auf das zu konzentrieren, was für ihn die wesentlichen Dinge des Lebens ausmachte. Wenn Thoreau ein "Inspektor der Regen- und Schneestürme" war, dann war Korczak der Beobachter jener Stürme, die über das Land der Kindheit hinwegfegten.

    Eines Nachts im Jahre 1925 saß er an seinem Schreibtisch und zog Bilanz. Mit siebenundvierzig war die Zeit für ihn zum Begriff geworden, er bewegte sich auf das halbe Jahrhundert zu - kein respektables Alter für ein Kind. Sein Körper hatte ihn betrogen, er war zum Körper eines Erwachsenen geworden - eine der Ironien seines Lebens. Denn sosehr er sich auch unter Erwachsenen in ihrer scheinheiligen Welt bewegte, sosehr er ihnen glich mit seiner "Armbanduhr und dem Schnurrbart und dem Schreibtisch voller Schubladen", so genau wußte er, daß er eigentlich ein Eindringling war. Die Praktikanten mochten jünger sein, aber in vielen Dingen waren sie nicht so jung wie er. Sie hatten nur die Jahre für sich. Wenn er ihnen helfen konnte, sich in jene Zeit zurückzuversetzen, in der all ihre Sinne noch offen waren, wenn es ihm gelang, die Wälle niederzureißen, die sie errichtet hatten, um das weinende Kind in sich abzuschotten, dann konnte er sie auch an die Gründe des scheinbar irrationalen Betragens von Kindern heranführen. Aber wie würde er sie - oder sich selbst - wieder jung werden lassen können? Wenn ich wieder klein bin, schrieb er auf ein Stück Papier und fuhr mit der ersten Zeile aus König Hänschen I fort: "Und das war so . . .". Doch diese Geschichte handelte nicht von einem Märchenkönig, sondern von einem Lehrer mittleren Alters, der Korczak sehr ähnlich ist, im Bett liegt und tagträumt:

      Wenn ich nun wieder einmal ein Bub wäre? Er würde gerne alles wissen, was er jetzt weiß, aber niemand dürfte herausfinden können, daß er schon einmal erwachsen war. Wenn Kinder nur wüßten, wie unglücklich die Erwachsenen sind, würden sie nie groß werden wollen: Erwachsene haben viel weniger Freiheit als Kinder, dafür viel mehr Verantwortung und Sorgen; sie weinen nicht mehr, weil es nichts mehr gibt, um das es sich zu weinen lohnte. Und hier seufzt der Lehrer tief auf.

      Plötzlich wird das Zimmer dunkel. Ein weißglühender Ball schwebt in den Raum, wird kleiner und kleiner und landet auf seinem Kopf. Es ist ein winziges Männlein, nicht größer als sein Finger, mit einem langen, weißen Bart und einem spitzen, roten Hut auf dem Kopf Es trägt eine Laterne in der Hand.

      "Mit dem Seufzer der Sehnsucht hast du mich herbeigerufen. Was wünschest du?"

      "Ich möchte wieder klein sein." Flugs dreht das Männlein seine Laterne im Kreis herum, so daß er für einen Moment lang geblendet ist, murmelt etwas in seinen Bart und ist verschwunden.

      Am folgenden Tag wacht der Lehrer im Haus seiner Kindheit auf. Seine Mutter bereitet ihm das Frühstück, bevor er zur Schule geht. Er ist wieder ein Bub, aber mit einem Unterschied - die Erfahrungen und Erinnerungen des Erwachsenen sind ihm geblieben.

      Zunächst ist es sehr merkwürdig, jedem vormachen zu müssen, daß man die Kindheit zum ersten Mal erlebt. Er muß so tun, als könne er nicht lesen und schreiben. Er kommt sich albern vor, auf einem Eisen herumzuschlagen und wie ein Zug zu pfeifen.

      Doch bald kehrt der alte Zauber der Kindheit zurück - seine klare, dünne Stimme ist wieder da, es macht ihm wieder Spaß, wie der Hund zu bellen und wie der Hahn zu krähen. Und wenn man ganz schnell läuft, ist es wieder der Galopp eines Pferdes, das mit dem Wind um die Wette rennt. Als er am nächsten Tag aufwacht und draußen "die weiße, blendende, zarte Freude" von frisch gefallenem Schnee entdeckt, erinnert er sich, daß er als Erwachsener hauptsächlich an den Matsch gedacht hatte, an nasse Galoschen und an die Mühsal, Kohlen zu beschaffen.

    Wenn ich wieder klein bin zeigt einen gereiften Korczak, der seine Leser durch die Spielplätze und Minenfelder der Kindheit führt. "Ein Kind hat eine andere Uhr, einen anderen Kalender, es mißt die Zeit anders", erklärt der kindgewordene Lehrer. "Sein Tag teilt sich auf in kurze Sekunden und lange Jahrhunderte. Kinder und Erwachsene stören sich gegenseitig. Es wäre schön, wenn man abwechselnd klein und groß sein könnte - wie Sommer und Winter, Tag und Nacht. Dann würden sich Kinder und Erwachsene verstehen."

    Der Einsatz des Werkzeugs Phantasie ist ideal für Korczak den Autor und Korczak den Erzieher. In seiner Doppelrolle als Kind/Mann kann er im Leben nach Gutdünken hin- und herspringen und jedem die andere Seite erklären. Der Lehrer mittleren Alters ist erst seit ein paar Stunden Kind, da fließen schon die ersten Tränen. Er erkennt, daß er die Geringschätzung und die Ungerechtigkeiten, die er als Kind erfuhr, vergessen hatte. Ein richtiges Kind war niemals groß und begreift nicht, warum es seinen Eltern und Lehrern auf die Nerven geht, aber das vermeintliche Kind, das in Wirklichkeit ein Erwachsener ist, weiß recht gut, wie die Dinge für beide aussehen. Und so, nach einer Reihe von Mißverständnissen mit Erwachsenen wie Kindern, läßt der Autor den Kind/Mann Elf bitten, ihn wieder in den erwachsenen Lehrer zurückzuverwandeln.

    Das Buch war für Kinder und Erwachsene gedacht, und Korczak verfaßte deshalb zwei verschiedene Vorworte. In dem für Kinder ist er der Freund, der erklärt, daß sie nicht die übliche Abenteuergeschichte vorfinden werden, sondern eher eine psychologische Erzählung über die Gedanken und Gefühle eines Menschen. Aus dem Vorwort für die Erwachsenen spricht der didaktische Erzieher: "Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß wir uns zu Kindern herablassen müssen, um uns mit ihnen zu verständigen. Im Gegenteil, wir müssen uns nach ihren Gefühlen ausstrecken, müssen uns auf die Zehen stellen."

    Die zwanziger Jahre waren Korczaks fruchtbarste Zeit.

    "Wenn man der Sonne sagen könnte: Bleib stehen, jetzt wäre die rechte Zeit", schrieb er in seinen Erinnerungen über sein Alter zwischen vierzig und fünfzig. "Wenn es nur nicht schlimmer kommt, wenn es nur so bliebe, grad so wie jetzt. . . . Meine Stadt, meine Straße, mein Laden, wo ich immer einkaufe, mein Schneider, aber, was das wichtigste ist, meine Werkstatt." Und seine geliebte Weichsel, die durch seine Stadt strömte, mit den Jahreszeiten ihre Farbe änderte und an deren Ufern er so oft allein oder mit Freunden als Kind und als Mann entlang gelaufen war. "Ich liebe dich, graue Weichsel. Ich würde dich nicht eintauschen für die stolze Themse, den wilden Niagara oder den magischen Ganges. Denn die, wenn sie vielleicht auch hundertmal schöner sein mögen, sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe."

    Im Herbst des Jahres 1926 erfuhren die jüdischen Kinder Warschaus von einem aufregenden neuen Projekt aus Korczaks Werkstatt durch einen Brief in Unsere Rundschau, einer zionistischen Tageszeitung in polnischer Sprache, die ihre Eltern lasen. "An meine künftigen Leser", begann der Brief und kündigte von nun an als Freitagsbeilage die Kinderzeitung Kleine Rundschau an. Janusz Korczak, der Verfasser des Briefes, gab sich als Autor von König Hänschen I zu erkennen und erklärte, wie er auf die Idee mit der neuen Zeitung gekommen war.

      "Als ich aufhörte, ein Doktor zu sein, wußte ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte, also schrieb ich Bücher. Aber Bücher schreiben dauert lange, und soviel Geduld habe ich nicht. Außerdem braucht man viel Papier, und die Hand tut einem weh. Also dachte ich mir, vielleicht sollte ich besser eine Zeitung gründen, denn dann helfen einem die Leser. Allein schaffe ich es nicht."

    Er braucht ihre Mitarbeit, sagt er ihnen. Sie alle müßten Korrespondenten werden und regelmäßig Briefe und Berichte ins Büro Nowolipkistraße 7 schicken, das sei "ein großes Gebäude mit einem Garten dabei und einer Antenne auf dem Dach, die Nachrichten aus aller Welt auffängt".

      Sie sollten über alles schreiben, was sie froh oder traurig machte, und von den Problemen, bei denen sie Hilfe brauchten. Und für die Kinder, die anrufen und eine Geschichte durchgeben wollten, würde es zwölf Telephone geben sowie einen Lektor für die Buben und einen für die Mädchen, und außerdem "einen alten Lektor mit Brille, der dafür sorgt, daß alles auch gemacht wird".

    Das Ziel der Zeitung sei es, die "Kinder zu verteidigen", erklärte er.

      Wenn einer nicht schreiben konnte, sollte er seine Geschichte in der Redaktion einem Lektor diktieren.
      Jeder sollte sich trauen zu kommen, und niemand würde ausgelacht. Es würde Artikel über alle möglichen Themen geben: Fußball, Kino, Reisen, Politik.
      In der Morgenausgabe für die Kleinen sollten viele Bilder sein und Preisausschreiben, bei denen man Schokolade und Spiele gewinnen konnte.
      Es würde Beiträge über Haustiere, Kinderkrankheiten und Hobbys geben, regelmäßige Interviews mit Kindern, die außergewöhnliche Dinge taten und einen Serienbericht, der zunächst das Tagebuch eines Kindes in Fortsetzungen brachte.
      In der Abendausgabe sollten dann die ernsteren Themen behandelt werden, und als Preise winkten Bücher, Taschenuhren und Kinokarten.

      Die Zeitung sollte "unabhängig und überparteilich" sein.

    Was Korczak seinen künftigen Lesern nicht mitteilte, war, daß er sich damit einen alten Traum erfüllte.

    Eine Presse für Kinder war für ihn "das ABC des Lebens".

    "Kinder machen eine ziemlich große soziale Schicht aus, haben viele berufliche und familiäre Probleme, Bedürfnisse, Wünsche und Zweifel", hatte er im Jahr davor im Polnischen Kurier geschrieben. Als Unsere Rundschau ihm für die Freitagsausgabe die Beilage anbot, konnte er nicht widerstehen.

    Das Echo überraschte alle. In wenigen Wochen kamen Hunderte von Briefen von Kindern aus ganz Polen in das Büro der Kleinen Rundschau.

    "Es gibt nette und lustige Briefe über Geburtstage und Feiertage und traurige und ernste Briefe voller Träume, Sorgen und Klagen",

    berichtete Korczak seinen Lesern. Ein Bub beschwerte sich, sein Vater habe ihm trotz seiner guten Noten das versprochene Fahrrad nicht gekauft, ein anderer litt unter dem Spott seiner Schulklasse, weil er zum Schutz seiner Kleider einen Kittel tragen mußte, den seine Mutter extra für ihn genäht hatte. Dem Buben, der von seinen Eltern eine Ohrfeige erhalten hatte, weil er auf dem Teppich herumrutschte, schrieb Korczak: "Eltern schlagen, wenn sie Probleme haben und die Geduld verlieren. Sag ihnen, sie sollen dich nicht gleich schlagen, sondern nur warnen, daß du dir in einer halben Stunde eine Ohrfeige einfängst, wenn du nicht sofort aufhörst.

    Das gibt ihnen Zeit, sich zu beruhigen." Korczak schickte seine kleinen Reporter zur Überprüfung der Briefangaben los und schrieb Leitartikel darüber, wie schlimm es war, Kindern falsche Versprechungen zu machen und ihre Bedürfnisse nicht zu verstehen. Eltern fanden es peinlich, einen Brief ihres Kindes in der Zeitung vorzufinden und vor den Nachbarn blamiert dazustehen. Es dauerte nicht lange, da schrieb der eine Bub, daß er seinen Kittel nicht mehr zu tragen brauche, und andere berichteten über ähnliche Erfolge.

    In jenen ersten Jahren des Erscheinens der Zeitung gab es nichts, was zu unbedeutend gewesen wäre, um gedruckt zu werden. Ein Kind erzählte, wie erschüttert es bei dem Tod eines Huhns gewesen war, ein anderes, wie ein kleiner Hund vom Zug überrollt wurde. Korczak beantwortete die Briefe eine Woche später und erinnerte sich, daß er als Bub wochenlang Alpträume gehabt hatte, nachdem er mit ansehen mußte, wie eine Katze überfahren wurde. Er erzählte sogar von seinem Kanarienvogel, den er und seine Schwester begraben hatten. "Wir weinten, als wir vom Friedhof zurückkamen und den leeren Käfig sahen. Später habe ich viele schreckliche Dinge gesehen, das Leiden von Menschen und Tieren. Heute weine ich nicht mehr, aber ich bin sehr, sehr traurig. Manchmal lachen die Erwachsenen, wenn ein Kind weint. Das sollten sie nicht tun. Ein Kind hat noch nicht viel Leiden gesehen, es ist nicht daran gewöhnt."

    Auch wenn Korczak nicht erwähnte, daß die Beerdigung seines Kanarienvogels die traumatische Erkenntnis gebracht hatte, daß er Jude war, gab es in derKleinen Rundschau eine besondere Rubrik für Kinderbriefe, die über Antisemitismus berichteten.

    Ein Bub schrieb: "Ich bin das einzige jüdische Kind in meiner Klasse, und ich fühle mich wie ein Fremder, ein Außenseiter." Ein Mädchen beschwerte sich, daß einige gemeine Klassenkameraden sie mit einem jüdischen Spitznamen riefen; ein anderes Mädchen schrieb, daß man ihr immer "Juden, haut ab nach Palästina!" nachrief.

    Korczak antwortete ihnen: "Ich weiß, wie es war, wie es ist und wie es sein sollte. Unsere Zeitung wird diesem Thema viele Beiträge widmen. Wir können nicht versprechen, daß wir das Problem lösen oder schnelle Abhilfe schaffen werden, denn es ist eine schwierige und schmerzliche Sache. Doch wenn es die Aufgabe einer Zeitung für Kinder ist, die Kinder zu verteidigen, dann muß eine Zeitung für jüdische Kinder jene in Schutz nehmen, die dafür leiden müssen, als Juden geboren zu sein." In der Abendausgabe der Zeitung schrieb Korczak politische Artikel für die älteren Kinder. Er hatte versprochen, daß sie "nicht langweilig und voll mit solchen langen Wörtern, wie die Erwachsenen sie benutzen", sein würden. In einer ihnen verständlichen Sprache versuchte er zu erklären, wie Jozef Pilsudski, der ständigen Regierungswechsel müde, im Mai 1926 einen Putsch lancierte, nachdem er sich bereits drei Jahre aus der Politik zurückgezogen gehabt hatte. Korczak, der Pilsudski wegen seiner fairen Behandlung aller Minderheiten - und eben auch der Juden - bewunderte, hoffte, daß Polen mit Pilsudski an der Spitze wieder mehr Stabilität erlangen würde.

    Für Korczak war die Zeitung mehr ein therapeutisches als ein literarisches Medium, deshalb störten ihn weder falsche Grammatik noch Rechtschreibfehler. Seine jungen Reporter wurden ermutigt, über ihre eigenen Erfahrungen zu berichten, statt Gedichte oder Geschichten einzusenden. Korczak der Arzt wollte den Kindern eine gesunde Möglichkeit geben, ihren Gefühlen Luft zu machen und ihren aufgestauten Kummer mitteilen zu können. Korczak der Erzieher wollte weitere Aufschlüsse darüber, wie Kinder ihr eigenes Leben sehen. Die Kinder schrieben sehr offen über ihre Gefühle, für sie war die Zeitung ein Blatt, das sie direkt ansprach und durch das auch sie direkt miteinander sprechen konnten. Die Verkaufszahlen von Unsere Rundschau gingen sprunghaft in die Höhe, weil Eltern jetzt die Morgenausgabe und die Abendausgabe für die Familie kauften.

    Kurz nachdem die Kleine Rundschau entstanden war, erschien ein Artikel der vierzehnjährigen Maja Zellinger, in dem sie beschrieb, was sie bei einer Bootsfahrt auf der Weichsel gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder gesehen hatte, Sie war überrascht, einen Brief von Janusz Korczak zu erhalten, in dem er bat, sie besuchen zu dürfen, Als er bei ihr eintraf, war sie enttäuscht, wie gewöhnlich er aussah, mit seinem Bart und den runden Brillengläsern, aber sie akzeptierte seinen Vorschlag, die "offizielle Sekretärin" der Zeitung zu werden.

    Korczak gab ihr überhaupt keine Anweisungen, und zunächst fühlte Maja sich gar nicht wohl bei der Sache. Wenn sie etwas fragte, meinte er: "Ich weiß es nicht", oder: "Du wirst schon sehen," Er las alles, was im Zeitungsbüro eintraf, unterstrich manche Sätze mit einem blauen Stift oder schrieb: "Was ist zu tun?" an den Rand, Er schien dem, was andere taten, nicht die geringste Aufmerksamkeit zu widmen, doch Maja wußte, daß er alles mitbekam. Er sprach langsam und verteilte keinerlei Komplimente oder Schmeicheleien. Sie fühlte sich geehrt, als er ihr die Aufgabe übertrug, die familiäre Situation von Kindern, die Probleme hatten, zu überprüfen oder jene zu beraten, die ins Büro kamen.

    Als immer mehr Briefe von sehr armen Kindern kamen, richtete Korczak einen Sonderfonds für sie ein. Wie bei allen neuen Projekten überprüfte er selbst die Angaben aus den ersten Briefen, die eingetroffen waren, bevor Maja die Aufgabe übernahm. "Die Zeitung wird dir jede Woche einen bestimmten Betrag zur Verfügung stellen", sagte er ihr. "Lies die Briefe durch und stell fest, wie viele tatsächlich Hilfe brauchen."

    "Aber woher soll ich das wissen?" fragte sie.

    "Du wirst es schon wissen."

    Bald reiste sie durch ganz Polen, verteilte Hilfsgüter an bedürftige Kinder und schrieb einen Jahresbericht darüber.

    Im Laufe eines Jahres wurde die Kleine Rundschau von zwei auf vier Seiten erweitert und hatte zweitausend Korrespondenten über das ganze Land verteilt. Sie agierte als Sponsorin für sportliche Wettkämpfe, fungierte als Gastgeberin für vier Filmvorführungen im Jahr und hielt eine Jahreskonferenz ab.

    Jozef Balcerak, damals elf schlich sich in eine dieser Konferenzen, indem er sich mit Hilfe seiner Kamera als Reporter ausgab. Er wunderte sich, daß er in eine hitzige Diskussion darüber geraten war, ob der Brief von Iza aus der Lwowskastraße, in dem sie beschrieb, wie ihr Vater ihren lockeren Zahn entfernte, zu unbedeutend war, um gedruckt zu werden. Korczak wollte ihn abdrucken und erklärte, daß alles, über das ein Kind schrieb, wichtig war. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte Bolcerak einen Erwachsenen sagen, daß einem Kind Respekt und Verständnis zustanden.

    Mit einer Begeisterung und einem Eifer, von denen er nicht wußte, daß er sie überhaupt besaß, begann er, Geschichten für die Zeitung zu schreiben. Doch es kam der Tag, an dem er Korczak gestehen mußte, daß ihm nichts mehr einfiel.

    "Unsinn", meinte Korczak. "Hast du einen Schreibtisch in deinem Zimmer?"

    "Ja, aber von dem gehört mir nur eine Schublade."

    "Ist sie aufgeräumt?"

    "Nein. Meine Mutter schimpft deswegen auch immer."

    "Dann leer' sie einfach mal auf den Fußboden aus, und schau dir an, was drin ist. Ein jedes Stück hat seine eigene Geschichte, du brauchst sie nur aufzuschreiben."

    Und so kam Balcerak zu seiner Serie der Geschichten aus der Schublade.

    Korczak habe immer mit ruhiger und leiser Stimme mit seinen Reportern gesprochen, erinnerte sich Balcerak. Er beugte sich vor, als ob er ein Geheimnis zu erzählen hätte. Seine Hände beschäftigten sich mit seiner Zigarette, aber wenn ihm irgend etwas einfiel, holte er Bleistift und Papier aus der Tasche und schrieb es auf. Wenn er jemanden etwas fragte, sah er ihn oft über die Ränder seiner Brillengläser an, und wenn die Gläser dann beschlagen waren, reinigte er sie sorgfältig mit seinem Taschentuch.

    Nachdem Korczak die Erlaubnis erhalten hatte, Balceraks geheimes Tagebuch zu lesen, und herausfand, daß der Bub einen Wintermantel brauchte, schlug er vor, auch ihn einzustellen, damit er wie die anderen Reporter bezahlt werden könne.

    "Komm am Samstag um elf ins Waisenhaus, bevor die Zeitung vorgelesen wird, und Frau Stefa wird dir etwas geben", sagte er. (Wie bei allem anderen war Stefa natürlich wieder die Organisatorin.) Für Balcerak war Korczak "kein Mensch von dieser Erde, sondern von einem anderen Stern". Er hielt die Kleine Rundschau für "die demokratischste Zeitung der Welt"; jeder konnte für sie schreiben.

    Alexander Ramati, mit neun Jahren Chefkorrespondent in Brest Litowsk, ist davon überzeugt, daß diese Erfahrung maßgeblich dafür war, daß er Schriftsteller wurde. Er kam sich sehr wichtig vor, wenn er mehrmals im Jahr mit dem Zug nach Warschau fuhr, um den Chefredakteur zu treffen. In der Redaktion gab es immer jede Menge Kinder aller Größen, die schrieben, sangen oder Spiele spielten. Ein vorbeikommender Drucker fragte ihn einmal: "Was haben wir denn hier - eine Klinik, einen Club oder einen Bazar?" Auf dem Messingschild an der Tür von Korczaks kleiner Kabine stand: BÜROZEITEN DONNERSTAGS 7-9 UHR. Da saß dann der Doktor in seinem alten grauen Anzug an seinem völlig überladenen Schreibtisch. "Seine Stimme war immer freundlich, aber manchmal klang er etwas abrupt", erinnerte sich Ramati. "Er war wie dein Vater, pünktlich, sah auf die Uhr, wenn man zu spät kam. Aber er gab einem das Gefühl, mit einem Kollegen zu sprechen, und das tat dein Vater nicht."

    Leon Ha' ari war fünfzehn, als er sich an einem Donnerstagnachmittag um fünf um einen Posten bewarb. Er war völlig erstaunt, als Korczak ihn den Mund öffnen hieß, seine Zähne anschaute und ihm empfahl, sich eine Zahnbürste zuzulegen. Das war der Anfang von Ha' aris langer Beschäftigung bei der Zeitung, in der er über arme Straßenkinder schrieb und wie sie sich durchs Leben schlugen.

    "Wir benutzten Korczak als unsere Klagemauer", erinnerte er sich. "In ihm hatten wir unseren richtigen Vater gefunden. Wir kamen aus armen Familien, und unsere Eltern waren völlig überarbeitet. Bei uns daheim waren acht Kinder. Mein Vater kam nach Hause und ging ins Bett. Aber Korczak sprach mit uns. verstand uns. Manchmal schaute er aus wie ein verträumtes Kind, manchmal erschöpft und besorgt. Er trug stets den gleichen alten grauen Anzug. Ich habe ihn niemals ausstaffiert gesehen wie eine Schaufensterpuppe."

    Die Kleine Rundschau war auch für einige nichtjüdische Reporter attraktiv. Kazimierz Debnicki kam mit vierzehn zu der Zeitung. Er war ein rebellischer junger Mann, der schon aus so vielen Schulen herausgeflogen war, daß es über ihn eine "Wolfskarte" gab, eine Akte, die ihm überallhin vorauseilte. Es hieß, er habe einen Lehrer zum Herzinfarkt getrieben, weil er zwei Stunden mit verschränkten Armen dasaß und sich weigerte, eine verlangte Zeichnung auszuführen. Durch den Einfluß eines Bruders seines Vaters, einem Bischof, war er in ein konservatives Gymnasium aufgenommen worden, das unter anderem stolz darauf war, keine jüdischen Schüler zuzulassen. Als sein Biologielehrer ihn ermahnte, nicht "wie ein Jud'" in seinem Stuhl herumzuhängen, wurde er so böse, daß er heimging und einen Artikel über den "Lehrer, der Vorurteile unterrichtet", schrieb. Er war sehr empfindlich in diesem Punkt, weil seine verstorbene Mutter jüdische Vorfahren hatte. Sein Vater lobte den Artikel und schlug ihm vor, er solle ihn Janusz Korczaks Kleiner Rundschau anbieten. Er machte seinen Sohn darauf aufmerksam, daß das jüdische Viertel wie ein fremdes Land sein würde - nicht nur, daß die Leute anders gekleidet waren und anders sprachen, sondern die jüdische Armut roch anders als die polnische wegen der Gewürze in den jüdischen Speisen.

    Die einzige Mauer um das jüdische Viertel herum war damals die Mauer der Sitten und Gebräuche, und nachdem er die einmal überwunden hatte, begann Debnickis "großes Abenteuer" . Als sein Artikel von einem der jungen Redakteure akzeptiert worden war, legte man ihm nahe, zum Waisenhaus zu gehen und sich Dr. Korczak vorzustellen. Er fand schließlich zur Krochmalna und rief einem Kind, das im Hof unter einem Kastanienbaum spielte, zu: "Hör mal, Kleine, wo finde ich denn den Doktor?" Sie sah ihn an, als wäre er ein "faules Ei", und schrie: "Such ihn doch selbst!"

    Erst viel später, als er zum Mitarbeiterstab der Kleinen Rundschau gehörte, nahm Debnicki all seinen Mut zusammen und fragte Korczak, warum das Mädchen so grob gewesen sei. "Weil du sie schlecht behandelt hast", erwiderte Korczak, als er die Einzelheiten hörte. "Warum hast du "Kleine" zu ihr gesagt? Du hättest sie mit "Hochverehrtes gnädiges Fräulein" anreden müssen, und sie hätte gelacht, weil du etwas Gescheites gesagt hättest. Oder du hättest es mit "Meine schöne junge Mademoiselle" versuchen und die Frau in ihr sehen können. Aber du hast "Kleine" zu ihr gesagt, also wie sollte sie dich anders behandeln?"

    Jeden Donnerstagabend nach der Redaktionssitzung lud Korczak Redaktion und Reporter in die Wurstbraterei um die Ecke ein. Sie setzten sich an einen der wenigen Tische und bestellten ihre Wurst mit Senf und Semmel. Die Buben tranken Tee, und manchmal bestellte Korczak sich ein Bier. Er war "wie eine Insel im Meer", weil keine Familienbande ihn beanspruchten und er immer für sie dasein konnte.

    An einem dieser Donnerstagabende, als Korczak und zehn seiner Reporter in der Wurstbraterei die Reparatur einer Lampe feierten, hob er sein Glas: "Ich fühle, daß heute abend alle Berichterstatter der Kleinen Rundschau bei uns sind, selbst die, die sich im Ausland aufhalten. Wir sind wie das Hauptquartier einer großen Jugendarmee."

    Alle drei Monate belohnte die Kleine Rundschau ihre produktivsten Schreiber mit der Privatvorstellung eines Hollywoodfilms in einem Kino, das dem Vater eines Reporters gehörte. Korczaks Lieblingsfilme waren die von Buster Keaton und Charlie Chaplin; mit den Jahren allerdings fühlte er sich auch von romantischen Abenteuergeschichten über Kinder wie "Die Schatzinsel" oder "The Prince and the Pauper "(deutscher Titel: Mit eiserner Faust) angezogen. Seiner Ansicht nach waren diese Filme nicht nur unterhaltend, sondern hatten auch einen erzieherischen Wert. Welches Kind mit einem Alkoholiker als Vater wäre nicht gerührt, wenn in "The Champ" der kleine Jackie Coogan hinter Wallace Berry herläuft, der einen ehemaligen, inzwischen vom Suff besiegten Preisboxer spielt. Es ist eine Szene, die ganz sicher Korczak anrührte: " Ich habe drei Kriege miterlebt", sagte er. "Ich habe Verwundete gesehen, denen die Gliedmaßen weggeschossen wurden, aus aufgeschlitzten Bäuchen die Eingeweide hängen sehen. Aber glaubt mir, das Schlimmste, was man überhaupt zu sehen bekommen kann, ist, wenn ein Säufer sein hilfloses Kind schlägt oder wenn ein Kind hinter seinem betrunkenen Vater herläuft und ihn anfleht: "Papi, Papi, bitte komm nach Hause . . ."."Für ihn bot "The Champ" gerade dem Erzieher die ideale Möglichkeit, dieses schmerzliche Thema in der Klasse zur Sprache zu bringen und den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Meinung dazu zu sagen, "Das Kind schämt sich seines trinkenden Vaters, als ob es selbst, der arme Wurm, schuld daran sei", schrieb Korczak. "Es schämt sich seines Hungers, weil seine Familie so arm ist. Vielleicht macht es sich sogar lustig über seine zerrissenen Schuhe und abgewetzte Kleidung, um damit die tiefe Traurigkeit seines Herzens zu verbergen."

    Manchmal, wenn Korczak einen Film gesehen hatte, der ihm gefiel, blieb er auch zur nächsten Vorführung, um die Reaktionen des jungen Publikums zu beobachten. Er war ganz verblüfft, als ein Dreijähriger, der ruhig neben seiner Mutter gesessen hatte, plötzlich aufsprang und rief: "Ein Hund! Oh, ein kleiner Hund!" Da er selbst den Hund nicht bemerkt hatte, blieb er für eine weitere Vorstellung, um zu sehen, ob er auf der Leinwand erscheinen würde. Fasziniert stellte er fest, daß der Hund tatsächlich ganz kurz am Rande der Szene vorkam, während die Haupthandlung sich in der Mitte abspielte. Der Bub verstand die Handlung nicht, aber er hatte etwas gefunden, was ihn interessierte.

    Korczak wählte nicht nur die Filme für die von der Kleinen Rundschau veranstalteten Vorführungen aus, oft verteilte er auch Eintrittskarten. Zygmunt Kora, der Bub, der so unglücklich über den Tod eines Huhns gewesen war, vergaß in seinem ganzen Leben die große Freude nicht, als er eine Einladung erhielt, nach Warschau zu kommen und sich im Apollo-Theater in der Marszalkowskastraße "Die Nibelungen" anzusehen.

    "Ich war schon früh dort, streifte umher und hielt die Postkarte als Erkennungszeichen in der Hand", erinnerte sich Kora. "Ein älterer Mann kam zu mir und stellte sich als Janusz Korczak vor. Er nahm meine Mütze ab, küßte mich auf die Stirn, und wir redeten miteinander, als ob wir uns schon ewig gekannt hätten. Als er erfuhr, wie arm meine Familie war, sorgte er dafür, daß ich als Berichterstatter genug Lohn erhielt, um weiterhin die Schule besuchen zu können."

    In Warschau kursierte der Witz, die Kleine Rundschau sei eine gute Zeitung mit schlechten Berichterstattern. Was Korczak aber wirklich ärgerte, war, wenn die Leute die Zeitung angriffen, weil sie Rechtschreibfehler und fürchterliche Grammatik fördere. "Die Kinder zeigen Geschreibsel, statt einen literarischen Stil zu entwickeln", meinte ein Kritiker.

    "Geschreibsel ist nicht gefährlich, nur Unbildung", entgegnete Korczak. "In einer kultivierten Gesellschaft ist Geschreibsel ein gesundes Phänomen." Und dann, in der Tradition der Maskilim, der so viele aus der Generation seines Vaters angehört ballen, meinte er, gutes Polnisch sei der Klebstoff, der Juden und Polen zusammenhalte, und er fügte hinzu: "Es ist erfreulich und nützlich, jüdischen Kindern beizubringen, fließend in Polnisch zu schreiben. Dank unserer Zeitung werden ganze Generationen von Kindern gelernt haben, sich in dieser schönen Sprache auszudrücken."

    Einen ungewöhnlich bösen Brief veröffentlichte Korczak unter der Überschrift: "Sollen wir die Kleine Rundschau einstellen?" Der Kritiker, der behauptete, das Wohlergehen aller Kinder läge ihm am Herzen, bezichtigte die Zeitung, "große Köpfe auf kleinen Schultern" zu produzieren und die Kinder in einen ungesunden Zustand nervöser Aufregung zu versetzen, bis sie ihren Brief oder Artikel gedruckt sähen - und alles für den ausschließlichen Zweck, sie dazu zu bringen, die Zeitung zu kaufen. "Wenn die Kleine Rundschau wirklich die Gesundheit der Kinder ruiniert, sollte man Ire Existenz dann nicht besser beenden?" kommentierte Korczak den Vorwurf. Er wußte, daß ihn kein Mensch beim Wort nehmen würde.

    Es war nicht die Kritik von außen, die ihn störte, sondern das, was bei der Zeitung selbst geschah: Die ganz jungen Reporter wurden von den Halbwüchsigen verdrängt, die außer über Politik hauptsächlich über sexuelle Themen schrieben. Für die Probleme der Kinder mit ihren Eltern und Lehrern - Probleme, die Korczak interessierten - blieb wenig Raum. 1930 bat Korczak Igor Newerly, seinen Platz als Chefredakteur einzunehmen. Es war ganz seine Art, ein Projekt, das er begonnen hatte, an andere weiterzugeben - in diesem Fall hatte er sogar vor, immer noch den einen oder anderen Artikel beizusteuern und zu Sitzungen und Filmvorführungen zu gehen -, aber viele verstanden seinen Rückzug als redaktionellen Protest. Er erklärte sein Verhalten seinen Lesern folgendermaßen:

      "Ich dachte mir: Ich bin müde. Laß die Kleine Rundschau erst einmal von jemand anderem leiten, der jünger und lustiger ist."

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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