Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Kreuzwege

    "Andere Waisenhäuser bringen Kriminelle hervor, unseres brütet Kommunisten aus", meinte Korczak oft scherzhaft.

    Die Scherzhaftigkeit verbarg seine ernste Sorge in den frühen dreißiger Jahren darüber, daß viele der Praktikanten zu Untergrundversammlungen verschiedener Zellen der verbotenen Kommunistischen Partei gingen. Das starke Anwachsen der Arbeitslosigkeit in Polen nach der großen Weltwirtschaftskrise hatte zu vermehrten antisemitischen Aktionen faschistischer Rechtsgruppen geführt. Die jungen Praktikanten wandten sich dem internationalen Kommunismus mit seiner Forderung nach einer Brüderlichkeit zu, die religiöse Unterschiede überwinden würde, und sie hofften, dort eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Sie drückten den Kindern kommunistische Schriften in die Hand, die sie unter dem Kopfkissen versteckten. Als sich Lehrer bei Stefa beschwerten, daß die Kinder politische Pamphlete mit in die Schule brachten, fürchteten sie und Korczak, daß das Waisenhaus geschlossen werden könnte, falls eine Meldung über kommunistische Aktivitäten erginge.

    Auf der Suche nach einem Sündenbock für die in der Armut begründete Kriminalität und Prostitution und aus Angst vor der zwar kleinen, aber deutlich vernehmbaren Stimme der kommunistischen Bewegung hatte die Regierung ein mißtrauisches Auge auf die entwurzelten jungen Leute aus den Waisenhäusern. Um dem Einfluß der Radikalen gegenzusteuern, wurden Freiwillige organisiert, die in ihre früheren Anstalten zurückgingen, um der jungen Generation die wahren Werte beizubringen. Der Fehler an diesem Plan lag darin, daß dieser "Kreis ehemaliger Waisen", wie er sich nannte, häufig die Gelegenheit zur Verbreitung gerade jenes politischen Gedankengutes ergriff, das die Regierung ausmerzen wollte.

    Die kommunistischen Agitatoren aus dem Kreis ehemaliger Waisen, die, arbeitslos und verbittert, in die Krochmalna zurückkehrten, brachten die kommunistischen Praktikanten dazu, mit Korczak, den sie als "naiven Humanisten" oder "Feind des Volkes" bezeichneten, eine deutlichere Sprache zu sprechen."

    Für mich war er ein typisch bourgeoiser Erzieher, der zwar gute und anständige, aber schwache Leute hervorbrachte", erinnerte sich Bolek Drukier, der eher auf der Suche nach einer Unterkunft als aus pädagogischem Interesse zur Bursa gestoßen war. "Damals wußte ich viel besser, was ich haßte, als was mir gefiel. Ich war gegen den Kapitalismus und für eine Kultur für die Massen. Und ich glaubte, daß wir im Namen unserer Idee aggressiv und grausam sein mußten." Als ein Praktikant ihn mit der Frage konfrontierte, warum er nicht mit der Partei sympathisiere, entgegnete Korczak: "Ich respektiere die Idee, aber sie ist wie pures Regenwasser. Wenn es die Rinne der Realität hinunterläuft, wird es schmutzig." Weniger Geduld hatte er mit einem anderen, der ihm vorschlug, doch einmal Karl Marx zu lesen: "Den hab ich gelesen, bevor Sie geboren wurden."

    Manchmal versuchte er, ihnen von seinen eigenen Untergrundaktivitäten um die Jahrhundertwende zu erzählen, und wie er nach den Grausamkeiten der Revolutionen von 1905 und 1917 desillusioniert von jeder Ideologie Abstand genommen hatte. "Mit den Revolutionen ist es wie im Leben, die Schlauen und Berechnenden kommen nach oben, die Naiven und Vertrauensvollen werden weggedrückt", sagte er. Revolutionäre Programme seien nicht nur "selbstgerecht bis zum Stumpfsinn", sondern "ein blutiger und tragischer Versuch, die Gesellschaft zu ändern und umzustrukturieren - eine Mischung aus Wahnsinn, Gewalt und Wagemut, die eine abgrundtiefe Mißachtung der menschlichen Würde zeigt".

    Es war nicht seine Absicht, irgend jemandes Überzeugung zu ändern, schließlich glaubte er, daß jeder aus seinen eigenen Erfahrungen lernen müßte und nur seinen eigenen Erkenntnissen trauen sollte. Aber am l. Mai 1931, als der Kreis der Ehemaligen die Praktikanten der Bursa aufrief, mit ihnen und anderen Kommunisten unter dem Banner der neu formierten Lehrergewerkschaft zu marschieren, konnte Korczak nicht ruhig bleiben. An jenem Abend bat er sie, ihre Loyalität dem Waisenhaus gegenüber an die erste Stelle zu setzen - was bedeutete, es nicht durch ihre politischen Aktivitäten in Gefahr zu bringen. Als die Praktikanten verkündeten, daß die Gewerkschaft einen Achtstundentag für alle Sommerkolonien verlangte, entgegnete Korczak ruhig, daß es - selbst wenn sie das Recht hätten, eine solche Forderung zu stellen, was nicht der Fall sei, da sie ja keine Gehälter bezögen - der Berufung des Erziehers widerspräche, zu streiken. Stefa beherrschte sich weniger: "Wie könnt ihr es wagen, einen kurzen Arbeitstag zu verlangen, wenn andere Erzieher, ohne zu klagen, vierzehn oder mehr Stunden in Waisenhäusern gearbeitet haben? "

    In der Hoffnung, die Spannungen im Haus mildern zu können, setzte Maximilian Cohen, damals Vorsitzender der Gesellschaft für Waisenhilfe, ein Treffen für die Ehemaligen, die Bursa und die Verwaltung an. Korczak erschien zu der Sitzung geschwächt von einer Hals-Nasen-Erkrankung und einem neuerlichen Ausbruch seiner Augenentzündung. Er war traurig, als er einige seiner Ehemaligen von einem jungen Mann angeführt sah, der einst zu Artikel 1000 verurteilt worden war.

    Einer nach dem anderen standen Korczaks Angreifer auf und formulierten ihre Klagen: er führe das Waisenhaus wie ein Labor statt mit Liebe und Wärme; er wiege und messe die Kinder wie Versuchskaninchen; sobald sie das Waisenhaus verlassen hätten, verlöre er das Interesse an ihnen; er habe ihnen nichts beigebracht, womit sie in der Welt da draußen ihren Unterhalt bestreiten könnten.

    Korczak stand auf und versuchte, sich in jedem Punkt zu verteidigen: "Es ist richtig, dies ist sowohl eine wissenschaftliche wie auch eine erzieherische Institution", begann er. "Doch ich hatte gehofft, daß unsere Tabellen über Gewicht und Größe anderen Waisenhäusern als Richtlinien dienen könnten. Wenn ihre Ergebnisse unseren nicht entsprachen, dann vielleicht deshalb, weil sie die Kinder nicht richtig ernährten, die Schlafräume nicht die richtige Temperatur hatten oder nicht genügend frische Luft. Was die anderen Fähigkeiten betrifft, so war ich immer der Meinung, eine Lebensausbildung sei wichtiger als eine Berufsausbildung in den kurzen Jahren, in denen sie bei uns waren."

    Als einige der ehemaligen ihn unterbrechen wollten, ging er zum Angriff über. " Glaubt ihr, daß es falsch von uns war, kleine und vernachlässigte Pflanzen aufzunehmen und aufzupäppeln, bis sie stark und gesund waren, auch wenn wir dazulernen mußten und Fehler gemacht haben? Für euch ist es leicht zu kritisieren, aber ein Mensch, der mit sich selbst zufrieden ist, macht weder seine Lehrer noch seine Eltern für die Schwierigkeiten seines Lebens verantwortlich. es ist unfair, mein System zu einer Zeit anzugreifen, in der selbst qualifizierte Arbeiter keine Arbeit finden."

    Die meisten der Praktikanten und ehemaligen waren besänftigt; nur einige murmelten, er habe ihre Kritik nicht ernst genommen und sie wie Kinder behandelt. Der Abend endete mit verhärteten Fronten, da der Vorsitzende der Gesellschaft für Waisenhilfe einen kompromißlosen Standpunkt einnahm. er erinnerte die jungen Leute, die mit der Kommunistischen Partei sympathisierten, daran, daß sie noch nicht alt genug seien, das Land zu regieren, und in der Zwischenzeit sei die Gesellschaft für die Leitung des Waisenhauses zuständig.

    Einige Tage später erschien Korczak aufgeregt und zitternd in Igor Newerlys Wohnung. Newerly, inzwischen mit Basha verheiratet, einer Praktikantin, die im jüdischen Waisenhaus aufgewachsen war, glaubte, Korczak habe vielleicht schlechte Nachrichten von seiner Schwester aus Paris erhalten. erst als er sich zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatte, war Korczak in der Lage, ihnen zu erzählen, was geschehen war. Während seiner Vorlesung am Institut für Pädagogik war an diesem Nachmittag einer der ehemaligen Praktikanten im Auditorium aufgestanden und hatte ihn angegriffen. Als Korczak versucht hatte, vom Podium aus mit ihm zu argumentieren, hatte der junge Mann ins Publikum geschrien, Korczak sei gefährlich, und es müßte ihm verboten werden, Einfluß auf Kinder nehmen zu können. Newerly hatte Korczak niemals so fassungslos gesehen.

    Aber Korczak war nicht nachtragend. "An welchem Laternenpfahl werdet ihr mich nach der Revolution aufhängen? " fragte er seine Kritiker spöttisch. Er inszenierte sogar einen Scheinprozeß, in dem er die Rollen von drei kommunistischen Funktionären übernahm, die einmal Janusz Korczaks Schüler gewesen und jetzt dazu abgestellt waren, ihm den politischen Prozeß zu machen. Ein jeder von ihnen schrieb ein großes SCHULDIG quer über die Akte. Der erste Funktionär fällte dieses Urteil, weil er Angst hatte, es könne herauskommen, daß er in Korczaks Heim gearbeitet hatte, der zweite nach einigen Schnäpsen und der dritte, weil er Korczak für einen Reaktionär und Konterrevolutionär hielt.

    Trotz der Auseinandersetzungen mit den kommunistischen Praktikanten gab Korczak Bolek Drukier und anderen Empfehlungsschreiben mit auf den Weg, wenn sie das Heim verließen und auf Arbeitssuche gingen. Und von Stefa weiß man, daß sie den jungen Frauen, wenn sie verhaftet worden waren, Lebensmittel ins Gefängnis brachte. Vielleicht als Antwort auf ihre Vorwürfe und auf die öffentliche Kritik an seinen Methoden im Waisenhaus, publizierte Korczak eine Folgestudie über die Kinder, die in den bisherigen einundzwanzig Jahren im Waisenhaus erzogen worden waren. Nachdem er ihre Berufe und die Länder, in die einige ausgewandert waren, aufgezählt hatte - Argentinien, Brasilien, Kanada, Amerika, China, England, Frankreich, Belgien, Spanien und Palästina -, schloß er seinen Bericht: "Es ist mir peinlich, anführen zu müssen, daß drei des Diebstahls überführt wurden, zwei Bettler geworden sind und zwei Prostituierte." (Daß eine dieser Prostituierten versucht hatte, ihn einmal auf der Straße als Kunden zu gewinnen, bevor sie ihn erkannte, erwähnte er nicht.)

    Es gab auch junge Erzieher, die sich als Ausweg aus dem jüdischen Problem dem Zionismus zugewandt hatten; auch sie kritisierten Korczak - in ihrem Falle aber deshalb, weil er die Kinder nicht für ein Leben in Palästina erzog.

    Korczaks skeptische Einstellung dem Zionismus gegenüber ging auf die Zeit seines Medizinstudiums zurück. 1899, als er als Reiseberichterstatter durch die Schweiz fuhr, hatte er "zufällig" beim Dritten Zionistischen Kongreß in Basel vorbeigeschaut, um einen Freund zu treffen, der dort Delegierter war. Er fand die ganze Atmosphäre "bourgeois", schrieb er, und der Gedanke, das Problem der osteuropäischen Juden in den Wüsten des Mittleren Ostens zu lösen, kam ihm absolut "utopisch" vor. Er haßte die "hochtrabenden" Reden auf dem Kongreß und erkannte, daß die einzige Sprache, die ihn interessierte, die des Kindes war.

    Als er 1925 eingeladen wurde, in Warschau an der Konferenz des Jüdischen Nationalfonds teilzunehmen, lehnte er aus demselben Grund ab, obgleich er in seinem Schreiben anerkannte, daß "etwas sehr Großes, sehr Mutiges und sehr Schwieriges" sich ereignete. Er bat die Förderer, darüber nachzudenken, ob ihr Plan "eine Rückkehr oder eine Flucht" bedeutete, ob er in ihrem " Schmerz um die Vergangenheit oder ihrer Sehnsucht nach der Zukunft" begründet war. Als ein Mann, "der seine eigene, einsame Straße geht", empörte ihn ihre Propaganda, obwohl er wußte, daß sie für die Sache notwendig war. Seiner Ansicht nach mußte ein Messias in der Stille geboren werden.

    Er boykottierte die Konferenz, erklärte sich aber bereit, den Aufruf des Jüdischen Nationalfonds zu unterzeichnen, daß die Juden die Einkünfte eines Tages bereitstellen sollten, um so ihre Solidarität "mit ihren Brüdern, die ein jüdisches Land aufbauen", zu bekunden. Allerdings hielt er an seiner universalistischen Haltung fest und schrieb einem Freund in Palästina: "Das Problem des Menschen, seiner Vergangenheit und seiner Zukunft auf Erden, scheint mir das Problem des Juden etwas in den Schatten zu stellen." Christen und Juden seien "Kinder desselben Gottes". In Palästina wie in Polen würden "die edelsten Absichten" durch Haß und Rassenkampf zertreten. (Er bezog sich auf den Konflikt mit den Arabern.) So waren die Menschen. Und immer seine Frage: Warum?

    Einige von Korczaks Schülern hatten sich der linken zionistischen Organisation Hashomer Hatzair angeschlossen, die junge Leute auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Der neunzehnjährige Moshe Zertal, der dafür verantwortlich war, Gastvortragende einzuladen, war recht nervös, als er eines Abends über die brüchigen Pflastersteine der Krochmalna im trüben Schein der Straßenlaternen seinen Weg zu Janusz Korczak nahm, um ihn zu bitten, der Gruppe einen Vortrag über Erziehung zu halten. " Ich stellte mir vor, er wäre ein Mann mit ausgebreiteten Schwingen", erinnerte sich Zertal. " Ich konnte einfach nicht glauben, daß dieser Mensch in seinem Kittel über der Arbeitskleidung der große Dr. Korczak war. Er sah eher wie ein Mönch aus."

    Korczaks Zurückhaltung und sein übliches Mißtrauen Fremden gegenüber machten es Zertal nicht leichter. "Ihrer Gruppe einen Vortrag halten? Nein. Unmöglich. Da gibt's nichts, was ich Ihnen sagen könnte." Der junge Mann war sich nicht sicher, ob der Doktor es ernst meinte oder scherzte, als er hinzufügte: "Sie wissen mehr als ich." Doch ließ Korczak die Tür wie immer einen Spalt offen, um die Ernsthaftigkeit des Anliegens seines Besuchers zu prüfen: "Wenn Sie am Samstagmorgen kommen wollen, wenn wir die Waisenhauszeitung vorlesen, sind Sie willkommen."

    Zertal war nicht der erste, der herausfand, daß der Weg zu Korczak über seine Zöglinge ging. Nachdem er an einigen Samstagvormittagen im Heim gewesen war, raffte er seinen ganzen Mut zusammen und fragte Korczak, ob einige der Kinder den jährlichen Bootsausflug der Jungen Pioniere am Lag B' Omer, einem Frühlingsfest, das mit Zeltfahrten und Lagerfeuern begangen wird, teilnehmen dürften. Der Doktor gab nicht nur seine Erlaubnis, sondern brachte die Kinder auch noch zum Bootssteg an die Weichsel. Zertal erinnerte sich, daß er "eine beeindruckende Figur machte in seinem schwarzen Hut mit der breiten Krempe, seiner runden Brille und der Zigarette, die er immer im Mund hatte. Er war das Musterbeispiel eines Intellektuellen und darüber hinaus eines polnischen Intellektuellen der Jahrhundertwende."

    Die Hashomer-Hatzair-Gruppe versuchte alles, damit sich die Waisen bei den Hunderten anderer jüdischer Kinder aus ganz Warschau, die auch die Nacht im Zelt verbringen wollten, wohl fühlten. Sie erhielten Zelte zum Tragen und eine Portion Reis für ihre Rucksäcke. Korczak stand abseits, doch seine durchdringenden Augen beobachteten genau, wie die Kinder, vollbepackt, vom steilen Ufer auf das Boot sprangen. Er ging als letzter an Bord. Als zwei betrunkene Polen auf den Bootssteg gestolpert kamen und die Kinder belästigen wollten, redete Korczak mit ruhiger Stimme in einem ähnlichen Gossenpolnisch auf sie ein, wie sie selber es sprachen, worauf sie sich beruhigten und ihres Weges gingen.

    Auf der Bootsfahrt nach Hause sah Zertal die Veränderung an Korczaks Zöglingen. Der "Stempel", der allen Waisenkindern anhaftete - blasse Gesichter, ganz kurze Haare, graue Kleidung -, war nicht mehr so offensichtlich. Sie bewegten sich gerade und stolz, ihre Kleidung war bunt geworden mit den Blumen, die sie gepflückt hatten, ihre Wangen waren rosig, und sie lächelten.

    Es war nur natürlich, daß die Kinder die blauweißen Wimpel der Jungen Pioniere mit ins Waisenhaus brachten, ebenso wie die hebräischen Lieder über soziale Gerechtigkeit, die sie gelernt hatten. Und sie brachten den Traum vom Heimatland schon bald gab es am Schwarzen Brett eine Karte von Palästina, und im Speisesaal wurden zwei "hebräische" Tische eingerichtet.

    Korczak war von dem Lag-B'Omer-Ausflug so beeindruckt, daß er jedem erzählte, er wünschte sich, daß Kinder aller Glaubensrichtungen daran teilhaben könnten. Kurz danach war er einverstanden, Zertal, der inzwischen zum Freund geworden war, den persönlichen Gefallen zu tun und vor einer Gruppe nervöser Eltern zu sprechen, die nicht wußten, ob sie ihren Kindern gestatten sollten, "Söhne der Wüste" zu werden. Zertal, dem nicht klar gewesen war, was er zu erwarten hatte, war erstaunt, einen bewegenden und originellen Vortrag über die Bedeutung der Jugendbewegung von diesem Mann zu hören, "der noch nicht einmal dazugehörte".

    Im Juni 1929 starb Izaak Eliasberg, der in unermüdlichem Einsatz das Waisenhaus zwanzig Jahre lang über Wasser gehalten hatte. Vor seinem Tod saß Korczak an seinem Bett und erzählte ihm Anekdoten und witzige Dinge von den Kindern, um ihn zum Lachen zu bringen. In seiner Grabrede nannte er den Freund einen "Enthusiasten der Verantwortung": ein Mann, der es vorgezogen hatte, für andere zu leben statt für sich selbst.

    Zwei Jahre später, im August 1931, nahm sich Korczaks Herausgeber Jakub Mortkowicz in seiner Warschauer Wohnung das Leben. Er war gerade von der Internationalen Buchmesse in Paris zurückgekommen und war verzweifelt über den Niedergang des Verlagswesens und seine wachsenden Schulden. Stets ein Mann von rasch wechselnden Stimmungen, sperrte er sich in sein Zimmer ein und schoß sich eine Kugel in den Kopf. In der dunklen Zeit des Verlustes seiner beiden besten Freunde, als Polen nach der großen Weltwirtschaftskrise politisch und wirtschaftlich ins Schleudern geraten war, hatte Korczak die Arbeit an seinem zweiten und letzten Stück Senat der Verrückten begonnen, das in einem Irrenhaus spielt.

    Das erste Stück Wohin? hatte sich mit dem Wahnsinn des Vaters beschäftigt; jetzt nahm Korczak das Irrenhaus selbst als Metapher für die Gesellschaft. Er hatte wieder seine alten Themen angepackt: der Wahnsinn des einzelnen und der Welt, der Kampf des Menschen um Glaube und Vernunft und das Kind als gottgewählter Erlöser. Diesmal allerdings hatte der Dramatiker den Wahnsinn unter Kontrolle. Nicht nur, daß das Irrenhaus von einem guten Doktor, ihm selbst verdächtig ähnlich, geleitet wurde; er ließ auch seinen Vater wieder auferstehen, der geheilt wird und zu Beginn des Stückes freiwillig zurückgekehrt ist, um Tischlerarbeiten zu erledigen, begleitet von seinem Sohn Janek, der seine Bauklötze mitgebracht hat.

    Dieses demokratische Asyl, dessen Geisteshaltung ähnlich der in der Republik der Kinder ist, hat seine eigenen Beamten und ein Parlament, das zusammenkommt, um über die Schuld der menschlichen Rasse zu befinden. Wer ist verrückt, fragt das Stück, die in der Anstalt - der Restaurateur, der mit jeder Mahlzeit Abführmittel servieren möchte, der Homosexuelle, der findet, daß die Leute zur Reproduktion um eine Lizenz ansuchen müßten, der Möchtegern-Mörder, der auf eine Frau schoß, weil sie in der Straßenbahn unhöflich zu ihm war, der traurige Mönch, der die ganze Nacht wie Jakob mit dem geheimnisvollen Unbekannten ringt, der sadistische Oberst mit seinem ständigen Refrain "Zerstören und niederbrennen! " - oder die draußen?

    Es könnte Pirandello sein, der fragt: Was ist Illusion, und was ist Wirklichkeit? Aber es ist auch die Stimme eines Dramatikers, der nicht damit fertig wird, von einem wahnsinnigen Vater verlassen worden zu sein. "Jeder Verrückte ist bloß ein Schauspieler, der mit dem Leben nicht fertig wurde und den einfachsten Ausweg gewählt hat", sagt der jüdische Kaufmann. Und eine andere Figur. "Wahnsinn ist eine der vielen Masken des Lebens. Wie bei Hamlet - Wahnsinn als Verkleidung." Und ein Dritter, bei dem klar wird, daß der Dramatiker sich immer noch davor fürchtet, die Krankheit des Vaters geerbt zu haben, sagt: "Der, der wahnsinnig geworden ist, kann zumindest in Frieden leben. Er braucht keine Angst mehr zu haben, seinen Verstand zu verlieren."

    Und wo ist Gott in dieser wahnsinnigen Welt?
    Vielleicht kam Er sich nutzlos vor und ist geflohen. Der Gedanke der göttlichen Flucht vor der menschlichen Dummheit keimte im Kopf des Dramatikers, bis er schließlich als Prolog, fast im Stil eines drolligen chassidischen Märchens, Ausdruck fand. Der traurige Mönch (dem traurigen König aus König Hänschen I sehr ähnlich) kommt auf die Bühne und erzählt dem kleinen Janek von der Zeit, in der Gott versuchte, sich von der Welt zurückzuziehen. Die Menschen waren so verzweifelt auf der Suche nach Ihm, daß sie in Zeitungsinseraten für Informationen über seinen Aufenthalt Belohnungen offerierten. Es gab keine Fingerabdrücke oder Photographien, nur Gerüchte: Man hatte Ihn die Vögel füttern sehen; man hatte Ihn mit Prostituierten reden hören. Als ein kleines Mädchen Ihn schließlich im Nest einer Lerche entdeckte, erklärte Gott sich einverstanden, zu dem vergoldeten Marmorschrein zu kommen, den man gerade für Ihn errichtet hatte. Er ließ sich in einen Mantel aus Hermelin hüllen und in einer von vier weißen Rössern gezogenen offenen Kutsche durch Triumphbögen fahren, damit Ihn jeder sehen konnte. Einmal ließ Er die Kutsche vor einer alten Frau mit Namen Glaube anhalten, die mit der blinden Gerechtigkeit und der Hoffnung gegen eine Wand gedrückt stand und murmelte: "Also erlebe ich es doch noch, Ihn zu sehen." Er schien sich erheben zu wollen, doch dann winkte Er nur mit Seiner Hand und fiel in die Kissen zurück. Die Prozession war ein Erfolg, es gab nur einige Raubüberfälle, und ein oder zwei Leute fielen in Ohnmacht. Gottes langerwartete Botschaft beim Schrein zeugte von der Tugend der Tapferkeit - "Liebet euch, meine Kinder' ." -, aber ein hoher Beamter des Außenministeriums fand sie vage und unklar. In jener Nacht erhob sich Gott von Seinem Thron, seufzte, warf Seinen schweren Hermelinmantel ab und verschwand durch eine Seitentür. Es war ein Skandal! Das ganze Geld, all die Arbeit - umsonst! Die Jagd begann von neuem. Dieses Mal verwandelte sich Gott in eine Blaubeere, um ein Nickerchen zu halten, saß in einer Kutsche und plauderte mit dem jüdischen Kutscher, ritt auf einer Feldmaus über einen Acker, weinte bei einem Schlachthaus und schloß sich in die Blütenblätter eines Maiglöckchens ein. Er stand an einem Zaun und sah Kindern beim Spielen zu, als ein Geheimagent Ihn entdeckte. In dem Moment erhob Gott sich in die Lüfte und verschwand in einem Perlenregen, der in die Herzen der Kinder fiel.

    Als der Schauspieler Stefan Jaracz, damals der Laurence Olivier Polens, im Haus einer bekannten Schauspielerin einer Lesung des Stückes beiwohnte, sah er sich selbst in der Rolle des traurigen Mönches. Die erste Probe wurde in Jaracz' Theater, dem Athenäum, gehalten, das nicht weit von der Altstadt entfernt in der Nähe der Weichsel stand. Von der Eisenbahnergewerkschaft finanziert, hatte sich das Theater auf Programme mit sozialem Inhalt spezialisiert. Korczak saß mit den Schauspielern an einem großen runden Tisch und las mit leiser, ausdrucksloser Stimme sämtliche Rollen vor, stets eine Zigarette zwischen den Lippen.

    "Wir waren alle erstaunt, Korczak in einer schäbigen Jacke und hohen Arbeiterstiefeln zu sehen, so gar nicht der berühmte Schriftsteller, den wir erwartet hatten", erinnerte sich Henryk Szletynski, einer der Schauspieler. " Selbst seine runden Brillengläser hatten eine billige Metallfassung. Als er die Brille abnahm, sah ich, wie rotgerändert seine Augen waren, als ob er nicht genug geschlafen hätte. Nachdem die Lesung zu Ende war und wir das Stück diskutierten, sagte Korczak zu uns, daß die einzigen interessanten Menschen Wahnsinnige und Kinder seien. Als er aufstand und ging, hatte er schon wieder eine neue Zigarette in der Hand."

    Die meisten Mitglieder der Truppe folgten Korczaks Vorschlag, die Anstalt in Tworki zu besuchen. Als sie ankamen, waren die Patienten draußen vor dem Haus. Einer stand mit ausgestreckten Armen wie eine Statue da; ein anderer, ein dreizehnjähriger Bub, saß in völlig starrer Haltung mit zur Seite gedrehtem Kopf da. Jaracz war vom Anblick der wirklich Wahnsinnigen so zermürbt, daß er im Zug zurück nach Warschau kein Wort von sich gab. Niemand ahnte, daß Korczaks Vater dort Insasse gewesen war.

    Die Proben fanden jeden Tag nach der laufenden Vorstellung und Räumung der Bühne um elf Uhr abends statt. Jozef Balcerak erinnert sich, daß er einmal mit Korczak eineinhalb Stunden in dem dunklen, leeren Zuschauerraum saß und auf Stefan Jaracz - einen trinkfreudigen und den Frauen sehr zugetanen Mann wartete, der dann auf etwas wackligen Beinen erschien. Korczak verließ das Theater um zwei Uhr morgens, weil er wegen der Kinder früh aufstehen mußte. Balcerak aber, der noch nie eine Theaterprobe gesehen hatte, blieb bis um vier.

    Bei der Premiere des Stückes am l. Oktober 1931 saß Korczak mit Igor Newerly in der letzten Reihe auf dem Balkon, weil er von da aus die Zuschauer besser beobachten konnte. Die Bühnenausstattung war dürftig: ein großer Globus aus Papiermaché unter einer Uhr mit einem schwertförmigen Zeiger. Es war ein statisches Stück trotz der schrulligen und pfiffigen Verrückten, und jeder, der Korczak kannte, sah ihn in dem verzweifelnden traurigen Mönch, als Jaracz von der Bühne herunterkam, um die Menschheit zu segnen und ihr zu vergeben: "Freunde nah und fern, Berühmte und Namenlose, Cousins, Schwestern, Brüder, Schwache, Traurige, Hungrige und Sehnsuchtsvolle, ihr habt Fehler gemacht, aber nicht gesündigt. Ihr wußtet es nicht besser, doch ihr seid nicht vom Wege abgekommen. Ich lege meine warme Hand auf eure müden Häupter.

    Am Ende der Vorstellung rief das Publikum: " Autor! Autor!" Korczak erhob sich zögernd aus seinem versteckten Balkonsitz und verbeugte sich auf der Bühne gemeinsam mit Jaracz und dem ganzen Ensemble. Viele Mitglieder der Warschauer Intelligenzija hatten Korczak in seiner ersten Theaterproduktion unterstützt. Doch trotz der positiven Premierenaufnahme waren die Kritiken recht unterschiedlich, wobei die meisten den Prolog dem Stück selbst vorzogen.

    Der Poet Antoni Slonimski, dessen Familie zum Katholizismus übergetreten und der damals der einflußreichste Theaterkritiker war, schrieb: "Da haben wir eine gute Theatertruppe das Athenäum, einen ausgezeichneten Schauspieler - Jaracz, einen charmanten Autor - Korczak. Gemeinsam haben sie jedoch ein unglückseliges Gebräu produziert. Korczak will alle Fragen, die die moderne Welt plagen, in zwei Stunden Gerede lösen. er spricht sehr viel von Gott, aber keiner weiß, ob das ein christlicher, heidnischer oder jüdischer Gott ist."

    Ein anderer Kritiker verglich das Stück mit Werken der beiden berühmtesten polnischen Dramatiker Zygmunt Krasinski und Stanislaw Ignacy Witkiewicz und nannte die Charaktere "philosophische Irre mit kosmischer Qual, menschliche Wesen, die die Bürde des Wahnsinns auf sich genommen haben, um Millionen ihrer Brüder zu retten. . . . Wenn man diese Irren dazu bringen könnte zu handeln, etwas zu tun, hätte man vielleicht ein interessantes modernes Stück."

    Ein rechtsstehender Kritiker, der jede Gelegenheit nutzte, einen jüdischen Dramatiker anzugreifen, beschwerte sich: "Janusz Korczak (Goldszmit) behauptet, daß die meisten Verrückten unsere Gesellschaft auslachen. er kritisiert das Militär und nimmt eine regierungsfeindliche Haltung ein."

    Warschau, von seinen Bewohnern für die "lachende Stadt" gehalten, war nicht in der Stimmung, sich von philosophischen Irren belustigen zu lassen. Das Stück wurde nach einundfünfzig Vorstellungen abgesetzt und noch für eine kurze Zeit in Lwow gespielt. In einem Zeitungsinterview wurde Korczak gefragt, ob er das Stück veröffentlichen wolle, und er antwortete, für ihn sei es ein unfertiger Entwurf, an dem er noch weiter zu arbeiten hoffe, Doch Igor Newerly erinnert sich an Korczaks Niedergeschlagenheit, weil das Publikum für seine Ideen nicht aufgeschlossen war, Erst viel später sollte klarwerden, daß die Irrenanstalt das Spiegelbild der Welt vor dem Zweiten Weltkrieg war und daß jener Oberst, der dafür eintrat, Bücher zu verbrennen und alle Erfinder, Idealisten, Juden und Parlamentarier gnadenlos aufzuhängen, dem Wahnsinnigen glich, der Mein Kampf schrieb.

    Wenn der "Senat der Verrückten" den Versuch darstellte, ein der Kontrolle entgleitendes Universum zu ordnen, dann sollten die Regeln des Lebens, an denen Korczak zur gleichen Zeit arbeitete, jungen Leuten einen Weg zeigen, ihre eigene Welt zu ordnen, In Hast geschrieben - "Ich hätte das Manuskript zerrissen, wenn ich auch nur eine Pause gemacht hätte" -, gibt das Buch Ratschläge, wie man mit den verschiedenen Anliegen von Eltern, Lehrern, Geschwistern und Freunden umgehen soll, Der Gedanke zu dem Buch kam ihm durch den Brief eines Buben, der geschrieben hatte: "Kinder wie ich sind wütend und unglücklich, weil wir die Regeln des Lebens nicht kennen."

    Der Titel war vermutlich von Tolstojs Lebensregeln inspiriert, Doch scheint der Inhalt das Ergebnis eines Werkes zu sein, das Korczak gerade beendet hatte: Das Recht des Kindes auf Achtung, worin er erklärte: "Das Kind ist wie ein Fremder, der die Sprache des Straßenplans nicht versteht, der die Gesetze und Bräuche nicht kennt. Manchmal möchte er Besichtigungen allein unternehmen; und wenn er auf Schwierigkeiten trifft, will er sich erkundigen und fragt um Rat. Gewünscht wird - ein Führer, der Fragen höflich beantwortet."

    Diesen Führer stellte er jetzt her, Traut euren eigenen Erkenntnissen, sagt er seinen jungen Lesern. "Jeder Mensch trägt eine ganze Welt in sich, und alles existiert zweimal: einmal so, wie es ist, und das andere Mal so, wie es jeder sieht und empfindet."

    Ihr müßt eure eigenen Träume träumen, aber seid bereit, das Leben, wie es ist, zu akzeptieren. "Ein Tag ist glücklich, ein anderer traurig. Manchmal habt ihr Erfolg, manchmal nicht. Manchmal scheint die Sonne, und manchmal regnet es. Was soll man machen?"

    Also, was sind die Regeln des Lebens? fragt er. Das muß jeder für sich selbst herausfinden. Das Geheimnis liegt darin, sich von Fehlern nicht entmutigen zu lassen und ehrlich zu sein. "Wer aufrichtig ist, nach Gerechtigkeit strebt und auf andere Rücksicht nimmt, wird von allen am meisten geliebt werden."

    Einige Jahre später veröffentlichte Korczak ein weiteres Kinderbuch, Kajtus der Zauberer eine bunte Abenteuergeschichte für ruhelose Buben, die Schwierigkeiten haben, sich zu bessern. "Das Leben ist wie ein merkwürdiger Traum", informierte er sie. "Aber wer einen starken Willen hat und den Wunsch, anderen zu dienen, für den kann es ein schöner Traum sein - selbst wenn der Weg zum Ziel sich windet und die eigenen Gedanken sehr verworren sind."

    Kajtus ist einer jener boshaften Buben, die Korczak bevorzugte. Als er sich plötzlich im Besitz magischer Kräfte findet, richtet er großes Unheil an, indem er Leute rückwärts gehen läßt, Uhren verstellt und den Verkehr lahmlegt. Er muß viele Prüfungen bestehen, bis er lernt, weise mit der Macht umzugehen. Das Schlimmste ist seine Gefangenschaft im Schloßkerker eines bösen Zauberers. Eines der Waisenkinder, an dem Korczak das Kapitel erprobte, klammerte sich an seinen Arm und schrie:

    "Das ist ja schrecklich!"
    "Aber Märchen über Zauberer sind immer zum Fürchten", beruhigte ihn Korczak.
    "Ja, aber das hier ist was anderes", sagte das Kind mit Schaudern.

    Weil der Bub in jener Nacht Alpträume hatte, strich Korczak alles, was ihn erschreckt hatte. Das Buch wurde mit vielen weißen Stellen in diesem Kapitel veröffentlicht und mit einer Erklärung, warum die unheimlichen Teile weggelassen worden waren.

    Auch nachdem Kajtus aus dem Schloß des Zauberers entfliehen konnte, sind seine Prüfungen noch nicht vorüber. Um Bescheidenheit zu lernen, wird er in einen Hund verwandelt. Als er sich die Rückverwandlung in seine menschliche Gestalt wieder verdient hat, muß er Zeuge menschlichen Leidens in den Hospitälern und Gefängnissen Chinas und Afrikas werden. Als er sich zum Land der Eskimos durchkämpft, hört er aus dem Grab eines Furchtlosen eine Stimme: " Sei züchtig, sei tapfer!." Er schwört es.

    Kajtus war der letzte polnische Bub, der Korczaks Phantasie entsprang: ein Held, der lernen muß, kühn und doch klug zu träumen. Danach wird es nur noch polnische Buben geben, die Juden sind - wie Hershkele in Die drei Reisen des Hershkele - und die vom Gelobten Land träumen.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «