Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Palästina

Wenn ich die Mittel hätte, würde ich gerne
ein halbes Jahr in Palästina verbringen, um über
das, was war, nachzudenken, und ein halbes Jahr
in Polen, um das, was noch ist, zu erhalten.
Brief an Josef Anno, 1933

    1929 waren Stefans Gedanken von Palästina erfüllt, weil ihre Lieblingspraktikantin Feiga Lipshitz in einen Kibbuz auswanderte. Sie wollte gerne für einige Monate mitkommen und ihr helfen, sich dort einzugewöhnen, und unterwies deshalb einige Erzieher in ihren mannigfaltigen Aufgaben. Sie sorgte sogar für den Fall vor, daß ihr im Heiligen Land etwas zustoßen würde, und klebte einen Zettel innen an ihre Schranktüre: "Kinder, wenn ich tot bin, weint nicht und geht zur Schule. Ich vermache meinen Körper der Wissenschaft."

    In letzter Minute entschied sie sich dann gegen die Reise, weil der Gesundheitszustand ihrer Mutter sich verschlechtert hatte. Durch einen merkwürdigen Zufall kam Feigas erster Brief aus Palästina an dem Tag an, an dem Stefas Mutter starb. "Ich wäre sehr unglücklich gewesen, wenn ich mit dir gefahren wäre", schrieb sie Feiga. "Du weißt, was eine Mutter bedeutet. Aber jetzt kann ich Pläne machen. Mein Bruder und meine Schwester brauchen mich nicht, und das Waisenhaus kommt sehr gut ohne mich aus."

    Der Tod ihrer Mutter führte bei Stefa zu großer seelischer Erschöpfung und dem Gefühl ihrer eigenen Sterblichkeit. "Ich habe den Mut, mir einzugestehen, daß vierundvierzig der Beginn des Alters ist", schrieb sie Feiga. "Ich bin erschöpft, und meine Nerven sind noch vom Krieg durchgescheuert. Ich brauche eine ruhigere Arbeit. Ich bin müde und einsam." Als ob es mit ihrer Erschöpfung nichts zu tun hätte, fügte sie wie nebenbei hinzu: "Der Doktor hat sich oben vergraben - er schreibt nämlich ein neues Buch. Es ist nicht leicht ohne ihn."

    Stefa konnte nicht wissen, welche Sorgen sie Feiga mit diesem Brief bereitete, der ihren Besuch ankündigte. Der Kibbuz Ein Harod, acht Jahre vorher von dreihundert jungen russischen Zionisten im Norden gegründet, war viel primitiver und gefährlicher, als Feiga erwartet hatte. Sie konnte sich Stefa in der kahlen Gegend, der gnadenlosen Sonne und sporadischen arabischen Angriffen ausgesetzt, nicht vorstellen.

    Die ursprünglichen Gründer hatten es sich romantisch vorgestellt, an der Quelle (auf Hebräisch harod) im Tal Jezreel zu siedeln, wo Gideon einst gelagert hatte, bevor er die Midianiter schlug. Doch sie fanden sich in malariaverseuchten Sümpfen und waren dort die perfekte Zielscheibe für arabische Banden, die über die Gilboa-Berge kamen. Nach einem Jahr waren über hundert von ihnen an Krankheiten, durch Selbstmord oder in Scharmützeln gestorben. Jene, die nicht aufgegeben hatten und zurückgekehrt waren, hatten sich einen neuen Platz auf einem Hügel mit Sicht auf den Gilboa gesucht, wo sie zwei festungsähnliche Gebäude errichteten, um ihre Kinder zu schützen.

    Nachdem sich die jungen Siedler Traktoren beschafft hatten, pflanzten sie Eukalyptusbäume, um die Sümpfe trockenzulegen, Pinien- und Zedernhaine auf den Bergen, um den Wind zu brechen. und einen Zitronenhain im Tal Jezreel, um sich durchzubringen. Als Feiga dort hinkam, waren die Zelte durch spartanische Blockhütten ersetzt worden. in denen es nur das Notwendigste gab. Feiga schrieb Stefa, daß das Leben dort so anstrengend war, daß ihr manchmal die Kraft fehlte, mit den Kindern zu arbeiten. "Deine Mutlosigkeit wird vorübergehen", hatte Stefa sich beeilt ihr zu versichern und schrieb von ihren eigenen Schwierigkeiten während des Krieges, als sie die volle Bürde des Waisenhauses allein zu tragen hatte. "Später wußte ich nicht, ob es richtig gewesen war zu bleiben", schrieb sie, "aber damals hatte ich so viele Verpflichtungen, daß ich gar nicht zum Denken kam."

    Zwei Jahre lang gelang es Feiga, Stefa von einer Reise nach Palästina abzuhalten, aber im Winter 1931 schrieb Stefa: "Ich komme!" und traf am zehnten Jahrestag der Kibbuzgründung ein.

    Feigas Befürchtungen über das Durchhaltevermögen ihrer Freundin erwiesen sich als unbegründet. Stefa, die in ihrem Leben soviel durchgemacht hatte, war keine, die vor harten Lebensumständen kapitulierte. Am Abend, als sie ankam und sie den Tee auf russische Art mit Marmelade tranken, suchte Feiga krampfhaft nach einem Teelöffel für sie, als Stefa, praktisch wie immer, schon längst den Griff ihres Blechmessers verwendet hatte. " Du hast geglaubt, ich weiß mir nicht zu helfen, nicht wahr? " rief sie triumphierend.

    Während der drei Monate ihres Besuches arbeitete Stefa in den Kinderhäusern, wo die Kleinen von Geburt an versorgt wurden, während ihre Mütter gleichberechtigt mit den Männern auf den Feldern arbeiteten. Sie machte viele praktische Vorschläge, zum Beispiel, die Waschbecken in den Badezimmern niedriger anzubringen und Aufhänger an beiden Enden der Handtücher anzunähen, damit ungeduldige Kinder sie schneller aufhängen könnten. Manchmal arbeiteten Feiga und sie eine Gemeinschaftsschicht, manchmal wechselten sie sich ab, wobei beide den anderen Korczaks pädagogische Ideen vermittelten. Stefa kam als völlig neuer Mensch nach Polen zurück. Ihr sonnengebräuntes Gesicht leuchtete. Sie wunderte sich, daß man in drei Monaten Abwesenheit sich "so weit von seinem gewohnten Alltagsleben entfernen konnte". In jenem Sommer trug sie in der Sommerkolonie kurzärmelige weiße Blusen, wobei sie am Hals sogar einige Knöpfe offenließ. Sie lächelte öfter, schien mit sich selbst in Frieden zu leben und ging mit den Kindern beinah spielerisch um. Aber in Gedanken beschäftigte sie sich mit einer Rückkehr nach Palästina und zu Feiga, falls sie ein Visum bekommen würde.

    Im Herbst, als die Kinder in der Schule waren, begann Stefa in Vorbereitung auf ihre Reise mit Hebräischunterricht und sprach endlos mit Korczak über das experimentelle Erziehungssystem im Kibbuz. Er mußte unbedingt selbst dort hinfahren und die Kibbuznik weiter beraten.

    Korczak hörte höflich zu, aber er suchte keine neue Heimat. Er hatte schon eine. In einem Briefwechsel mit Ester Budko, einer ehemaligen Praktikantin, hatte er das zum Ausdruck gebracht. "Palästina ist für die Kinder immer noch eine Legende", schrieb er - und, so hätte er hinzufügen können, für ihn selbst auch. Jene, die vom Auswandern sprachen, kamen ihm bitter vor und voller Sehnsüchte - Rebellen, im Gegensatz zu jenen, die sich mit einem Leben in Polen abgefunden hatten. Die Schwierigkeiten der Emigranten, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen, bestätigten nur seinen Verdacht, daß bittere Enttäuschung und jugendliche Illusionen mit diesem Land verbunden waren - daß es für Europäer zu spät war, eine verlorene Vergangenheit zu suchen: "Wir haben uns körperlich und seelisch an ein Land mit Kiefern und Schnee gewöhnt. Die Anstrengung, jene beiden Enden wieder miteinander zu verknüpfen, die vor zweitausend Jahren auseinandergerissen wurden, ist enorm." Er selbst hatte zuwenig Zeit, die zehn Jahre zu " opfern". die es brauchen würde, sich nicht nur physisch, sondern auch psychisch an die neuen Bedingungen anzupassen.

    Stefa spottete über seinen Einwand, daß er ohne Hebräisch ja nicht mit den Kindern kommunizieren könne. Er solle sich auf die Säuglinge konzentrieren und bei den Kleinkindern Zeichensprache anwenden. Als er entgegnete, daß er mit den Erwachsenen auch nicht würde reden können, erinnerte sie ihn daran, daß die meisten Siedler russische oder polnische Einwanderer waren. Als er meinte, es gäbe eigentlich wirklich nichts, was er beitragen könne, hielt sie ihm den Strom von Besuchern vor, der aus den Kibbuzim in die Krochmalnastraße kam, um ihn zu konsultieren. Und das stimmte - es kam und ging eine so große Zahl von Kibbuzniks, daß Korczak häufig spöttelte, Warschau werde langsam zu einem Vorort von Palästina.

    Vielleicht war es Stefas Einfluß, vielleicht war es auch seine wachsende Sorge um die Kinder, die auf ihrem Weg durch die von Christen bewohnten Straßen verhöhnt und geschlagen wurden, daß Korczak im Winter 1932 an seinen ehemaligen Schüler Joseph Arnon, der nach Palästina ausgewandert war, schrieb:

      "Wenn es ein Land gibt, wo das Kind eine ehrliche Chance hat, seine Träume und Ängste, seine Sehnsüchte und Verwirrungen zu äußern - dann ist das vielleicht wirklich Palästina. Man sollte dort dem unbekannten Waisenkind ein Denkmal errichten."

      Und weiter meinte er:

      "Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die letzten Jahre, die mir noch bleiben, in Palästina zu verbringen und mich dort nach Polen zu sehnen . . . Sehnsucht stärkt und vertieft die Seele."

    Im darauffolgenden Frühling war die Reise nach Palästina immer noch nicht mehr als eine angedeutete Möglichkeit. "Wenn das Schicksal es fügt, daß ich nach Palästina gehe, würde ich nicht zu den Menschen gehen, sondern zu den Gedanken, die ich dort finde", schrieb er an Arnon. "Was würde der Berg Sinai mir sagen? Oder der Jordan? Das Grab Jesu, die Universität, die Höhle der Makkabäer, Galiläa? Ich würde zweitausend Jahre europäischer Geschichte wiedererleben, polnischer Geschichte, jüdischer Wanderungen. . . . Die Welt braucht keine Arbeitskräfte und keine Orangen, sondern einen neuen Glauben. Glauben an das Kind, das die Quelle aller Hoffnung ist."

    Im Herbst 1933, verärgert über den "billigen Klatsch" in einer rechten Zeitung, daß er nach Palästina gehen würde, entschloß sich Korczak, so bald wie möglich im Winter abzureisen. Stefa beeilte sich, einen Brief nach Ein Harod zu schicken:

      "Bitte nehmt Dr. Korczak einige Wochen bei euch auf. Er würde gerne in der Kinderkrippe mit den Neugeborenen arbeiten oder mit den Krabbelkindern, und er wird sämtliche Arbeiten erledigen, die getan werden müssen. Was er nicht weiß, wird er sofort lernen. Er möchte lieber nicht im Kinderhaus arbeiten, weil er die Sprache nicht spricht. Er möchte das Kibbuzleben kennenlernen, und alles, was er braucht, ist ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Er ist sogar bereit, Fußböden zu putzen."

    Die Antwort kam wie erwartet: Der Kibbuz würde sich geehrt fühlen, Dr. Janusz Korczak als Gast zu haben.

    Zu jener Zeit gab es eine Änderung in Korczaks Leben, die aber nichts mit Palästina zu tun hatte. Er übersiedelte aus dem Waisenhaus in die Wohnung seiner Schwester Anna in der Zlotastraße 8 an der Ecke zum Judenviertel. "Ich war müde, fühlte mich alt und im Waisenhaus überflüssig, deshalb bin ich gegangen, oder um genauer zu sein, ich wurde vertrieben", schrieb er an Arnon. "Du wirst das kaum verstehen können, und ich werde nicht noch einmal versuchen, es zu erklären." Es war offenbar eine sehr schmerzliche Entscheidung. "Alles, was mir bleibt, sind meine Gedanken und mein Glaube an die Zukunft, bei der ich meine Zweifel habe, ob ich sie erleben werde."

    Nicht nur die Konflikte im Waisenhaus ließen ihn verzweifeln: "Wir befinden uns mitten in einem hundertjährigen Krieg, immer noch im Mittelalter", fuhr er fort. "Unbeschreibliche Ungerechtigkeit wird der menschlichen Rasse zugefügt, und besonders den Kindern. . . . Jahrelang habe ich empfindsame Kinder beobachtet, ihre Hilflosigkeit, ihre stille Traurigkeit gesehen ebenso wie die krampfhafte Überheblichkeit des homo rampax." Es hatte den Anschein, daß "alles Feine und Zarte wahllos zerstört wird, daß die Schafe von den Wölfen zerrissen werden". Er gab zu, daß er "die Welt der Gedanken zu fliehen versuchte", indem er sich in die Arbeit stürzte - er suchte Zerstreuung im Haareschneiden und Köpfewaschen, doch auch das funktionierte nicht mehr.

    In dieser Zeit, als er zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankte, war Korczak intensiv mit einem neuen Projekt beschäftigt. Seit einem Jahr hatte er ein Grundschulexperiment für Erst- und Zweitkläßler in "Unser Haus" eingeführt, weil die Kinder in den überfüllten Schulen Bielanys keinen Platz mehr fanden. Korczak hatte die Schulglocke, die feste Sitzordnung und andere konventionelle Rituale abgeschafft, die den Tagesablauf der Kinder regelten, und einen progressiven Lehrplan erstellt, nach dem jedes Kind. individuell behandelt wurde und selbst auswählen konnte, womit es sich wie lange beschäftigen wollte, sei es Lesen, Rechnen, Malen und Basteln oder Musik. Es gab keine Noten, nur Punkte, die wie bei einem Spiel addiert wurden. Einmal in der Woche fuhren die Kinder mit ihren Lehrern in eine Fabrik oder auf einen Bauernhof, um zu sehen, wie Dinge gemacht werden oder wie sie wachsen. Zwar unterrichtete Korczak nicht selbst an dieser Schule, aber er kam immer wieder vorbei, um Geschichten zu erzählen und Beobachtungen anzustellen.

    Im Winter 1933 wurde Korczak das Silberne Kreuz der Polonia Restituta verliehen, was seine Gemütsverfassung verbesserte. Diese Auszeichnung erhielten nur sehr wenige als Dank für ihren Einsatz für die polnische Gesellschaft. Die Verleihung wurde mit großer Feierlichkeit durch den Sozialminister Dr. Stefan Hubnicki vor einem geladenen Publikum aus hohen Beamten des Gesundheitssektors sowie der Presse vorgenommen. Der Minister, ein Studienkollege Korczaks, hatte kaum begonnen, Korczaks hervorragende Arbeit mit den armen Kindern aus den Elendsvierteln zu würdigen, als Korczak den Raum verließ. Die verdutzten Ehrengäste konnten sich nicht erklären, ob dies nun wieder ein Beispiel für Korczaks berühmte Exzentrik war oder eine bewußte Beleidigung. Erst als er den höflichen Beifall nach der Rede des Ministers hörte, erschien Korczak wieder und entschuldigte sich. Er erklärte, daß er sich so viel Lob nicht anhören könne, weil er es nicht verdient habe. Er würde die Auszeichnung der polnischen Republik annehmen, aber nicht als persönliche Huldigung, sondern als Auftrag, noch mehr zu arbeiten. Der Minister umarmte ihn herzlich.

    Die Reise nach Palästina war noch immer nicht gebucht, aber Korczak las Bücher über die alten Griechen und das Römische Reich und studierte die Bibel. "Man kann sich nicht nur auf eine Generation von Kindern in diesem alten Land konzentrieren", schrieb er an Arnon, "man muß die Jahrhunderte mit einbeziehen." Als Arnon, der ungeduldig auf Korczaks Ankunft wartete, ihn fragte, ob die instabile politische Situation Palästinas ihn von der Reise abhielte, kam postwendend die Antwort, daß seine Zweifel nicht von äußeren Umständen abhingen, sondern aus ihm selbst heraus kämen. Mit sechsundfünfzig Jahren sei er "zu alt, um ziellos in der Welt umherzueilen oder bloß seine normale menschliche Neugier zu befriedigen". Er mußte darüber nachdenken, was er den Siedlern über Polen sagen wollte und was er den Menschen mit zurückbringen wollte. "Ich bin nicht untätig oder gleichgültig. Nur, hier ist mein Klima, hier bin ich aufgewachsen. Ich kenne die Traditionen der Leute. Ich spreche ihre Sprache - dort wird alles fremd und schwierig sein." Aber er versicherte Arnon, daß sie sich Mitte August sehen würden, es sei denn, er müsse die Reise noch einmal verschieben.

    Als der Sommer näherrückte, gelang es Stefa, Korczak auf ein genaues Datum festzunageln: im Juli würde er nach Palästina fahren, weil dann die Kinder in der Sommerkolonie waren und er auch keine Vorlesungsverpflichtungen hatte. Doch unmittelbar vor der Abreise bestand er darauf, daß er nur drei Wochen würde bleiben können.

    "Wenn der Mensch eine Reise unternimmt, kann es sein, daß er auf der Suche nach sich selbst oder auf der Suche nach Gott ist", schrieb Korczak gegen Ende seines Lebens. Auch auf dem Schiff von Athen nach Palästina hätte er noch nicht sagen können, was seine wirkliche Absicht war. Adolf Hitler war jetzt deutscher Reichskanzler, und einige Monate vorher war der deutsch-polnische Nichtangriffspakt unterzeichnet worden. Für Hitlers Emissär, Joseph Goebbels, hatte Warschau gerade den roten Teppich ausgerollt. Korczak wußte, daß die Situation der Juden in Polen sich nur verschlechtern konnte. War diese Reise eine " Flucht", wie er sich manchmal bei den frühen Zionisten gefragt hatte, oder eine "Rückkehr"?

    Am 24. Juli 1934 traf er in Haifa ein, zwei Tage nach seinem sechsundfünfzigsten Geburtstag. Der Kibbuz hatte David Simchoni, dessen Frau mit Feiga im Kinderhaus arbeitete, ausgewählt, ihn zu betreuen und vom Schiff abzuholen. Während die beiden Männer auf den Bus nach Ein Harod warteten, spazierten sie durch die Altstadt von Haifa. Korczak war trotz der Hitze voller Energie und Neugier und konnte nicht widerstehen, den arabischen Straßenhändlern Zuckerwerk abzukaufen. Nachdem er es gekostet hatte, gab er es an einen kleinen arabischen Buben weiter, der gerade vorbeikam.

    Korczak plazierte seine mit vielen Markierungen versehene Bibel auf seine Knie und suchte nach historischen Stätten, als der Bus von Haifa aus nach Norden fuhr, vorbei am Berg Karmel und ins Tal Jezreel. Während er an blühenden Obstgärten und gepflügten Feldern vorbeifuhr, bemühte er sich um Objektivität und schrieb in sein Notizbuch: "Na und? Ist nicht auch in der australischen Wüste Ähnliches erreicht worden? Was ist mit Hollands Kampf gegen das eindringende Meer und dem der Japaner gegen Vulkanausbrüche? Hier brauchen sie sich bloß mit Sümpfen und Moskitos herumzuplagen."

    Als sie am späten Nachmittag im Kibbuz ankamen, war er müde, doch tief gerührt von dem überwältigenden Empfang, den man ihm bereitete. Seine erste Frage, als er sein kleines Zimmer sah, lautete: "Wie könnt ihr Besuchern eine solch feine Unterkunft bieten, ohne sie dafür zahlen zu lassen?" Als man ihm riet, Sakko und Krawatte abzulegen, wenn er lebend nach Warschau zurückkehren wollte, meinte er spöttisch: "Aber wenn ich die ablege, was bleibt denn dann von Korczak noch übrig?" Er trennte sich dann sehr schnell davon. Zunächst verstand er nicht, warum alle kurze Hosen trugen, statt ihre Beine vor der brennenden Sonne zu schützen, dann aber mußte er zugeben, wie angenehm es war, wenn er seine Hosenbeine hochkrempelte.

    Früh am nächsten Morgen fand der erschreckte Simchoni Korczaks Zimmer leer vor. Er sah im ganzen Kibbuz nach, suchte in den Kinderhäusern und entdeckte ihn schließlich in der Küche beim Kartoffelschälen mit einigen der alten Eltern von Kibbuzmitgliedern. Korczak erklärte, der Geruch frischen Brotes, der bei Morgengrauen in sein Zimmer geströmt sei, habe ihn an seine Kindheit erinnert, als er neben einer Bäckerei wohnte. Er hatte sich mit dem Bäcker unterhalten und dann, als er das Geschirrklappern vernahm, der Küchenmannschaft angeschlossen.

    Simchonis Protest, daß er seine Ruhe brauche, wischte Korczak vom Tisch: "Ich möchte mir meinen Aufenthalt verdienen." Doch seine Hinwendung zu den alten Kartoffelschälern hatte auch noch andere Beweggründe als die, daß er sich auf Polnisch oder Russisch mit ihnen unterhalten konnte. Er hörte sich ihre Geschichten über das Leben im Kibbuz an, aber er hörte auch, was nicht gesagt wurde. Aus scherzhaften Bemerkungen wie: "Was ist denn das für ein Land, wo es noch nicht einmal Himbeeren gibt?" oder: "Mein einziger Traum ist eine Schüssel voll Erdbeeren, bevor ich sterbe!" zog er Schlüsse über den emotionalen Preis, der zu bezahlen war, wenn man sich in diese "alteneue Heimstätte" verpflanzte. "Ja, es ist ein schwieriges Land", sagten die Leute von der Küchenmannschaft, "aber unseren Kindern gefällt es hier."

    Wie Stefa vermutet hatte, zeigte sich Korczak fasziniert vom Kibbuz, der wie seine eigene Kinderrepublik die konventionelle Familieneinheit durch eine Gemeinschaft ersetzt hatte, die soziale Gerechtigkeit, die Bedeutung des Kindes und die Würde körperlicher Arbeit betonte. Er war erstaunt, den Juden als Bauern zu sehen, der unter der unbarmherzigen Sonne schuftete, um Olivenbäume und Rebstöcke hervorzubringen, und der in der abweisenden Erde Kartoffeläcker und Getreidefelder anlegte. "Jüdische Hirne ruhen aus", bemerkte er. "Hier haben Axt und Säge den europäischen intellektuellen Hochmut ersetzt."

    Die Kinder, die den Erwachsenen bei der Feldarbeit halfen, so stellte er fest, bewegten sich anders als seine Kinder in Warschau, die sich unter den Schmähungen und Steinen duckten, die man ihnen nachschleuderte. Die Kinder hier, aufgewachsen mit "der Sonnenhitze in ihrer Seele" und mit dem "brennenden Wind im Blut", gehörten in einem "biologischen Sinne" in dieses Land, was für ihre Eltern, die in anderer Erde wurzelten, nicht galt. Sie waren eine neue Züchtung, diese Sabras, ebenso hart und unverwüstlich wie der heimische Kaktus, nach dem man sie benannt hatte.

    Korczak streifte "mit der Begeisterung eines jungen Detektivs an seinem ersten Fall" durch die Kinderhäuser, stellte den Hauswarten endlose Fragen und war scheu bei den Kindern, weil er die Sprache nicht verstand. Um die Situation zu erleichtern, erfand er Strategien für nonverbale Kontakte. Er betrat ein Klassenzimmer und rief: "Sheket!", das heißt auf Hebräisch: Ruhe - ein Wort, das er sich gemerkt hatte. "Sheket!" Die Kinder waren erstaunt, als sie aber sein verschmitztes Lächeln sahen, wußten sie, daß er einen Scherz gemacht hatte. Dieser lustige Fremde ging die Bankreihen auf und ab, während sie malten, und nahm seinen Stift, um bei einer Jacke Knöpfe aufzumalen, einer Katze den Schwanz zu verlängern und einer Ziege ihre Hörner zu verpassen. Die Kinder fühlten sich wohl mit ihm; ein Bub schenkte ihm seine Zeichnung zur Erinnerung.

    Die Siebenjährigen einer anderen Klasse hatten von ihren Lehrern erfahren, daß zum Mittagessen ein so berühmter Gast wie der englische Hochkommissar bei ihnen sein würde. Siebenundzwanzig Augenpaare waren zitternd auf ihn gerichtet, als Korczak seinen Platz am Lehrertisch einnahm. Siebenundzwanzig kleine Körper saßen kerzengerade und wagten kaum zu atmen. Um die Dinge etwas aufzulockern, bedeutete Korczak einem Buben in seiner Nähe, sich umzudrehen, und zog ihm dann seinen Teller mit Fleischklößchen weg. Der Bub verdächtigte sogleich seinen Nachbarn und ganz schnell regten sich Stimmen und Fäuste. Genau in dem Moment, als der Kampf auszubrechen drohte, stellte Korczak den Teller wieder an seinen Platz zurück. Die Spannung war gelöst: siebenundzwanzig Kinder brachen in Gelächter aus und verloren von dem Moment an ihre Scheu.

    An jedem zweiten Abend versammelten sich Kibbuzbewohner trotz ihrer Müdigkeit im Speisesaal, um an Vorlesungen des berühmten Erziehers aus Warschau teilzunehmen. Er stand leicht gebeugt vor ihnen, den Kragen seines kurzärmeligen Hemdes geöffnet, seine helle Haut von der Sonne gefleckt, und bestand darauf, ihnen durch seinen hebräischen Übersetzer in seiner bescheidenen Art mitzuteilen, daß er, der ihre Sprache und Sitten nicht kenne, auf die vielen Fragen, die man ihm seit seiner Ankunft gestellt hatte, nicht antworten könne. Er könne nur aufgrund seiner eigenen Erfahrungen Vorschläge machen.

    Er hielt Vorträge über seine Hauptthemen: die Schlafgewohnheiten der Kinder, Vererbung, Ernährung, die verschiedenen Typen von Kindern, Lernschwierigkeiten, kindliche Sexualität und die Aufgabe des Erziehers. Die Forderung, ein Kind zu respektieren, wurde von ihm so häufig wiederholt, daß die Kibbuzniks Jahre später sagten, Korczak habe ihnen fünf Gebote zurückgelassen: Liebe das Kind, nicht nur dein eigenes, Beobachte das Kind. Setze das Kind nicht unter Druck. Sei ehrlich mit dir selbst, damit du mit dem Kind ehrlich sein kannst. Kenne dich selbst, damit du ein wehrloses Kind nicht ausnutzt.

    Ganz gleich wie spät es wurde, einige Eltern blieben immer noch, um Korczak zu fragen, wie die Kinderhäuser am besten zu führen seien. Ein Harod war einer der wenigen Kibbuzim, in denen die Kinder ab dem ersten Schuljahr nicht im Kinderhaus, sondern zu Hause übernachteten. Aber die Frage war noch nicht gelöst, wer sich tagsüber um die Kindergruppen kümmern sollte: besonders ausgebildete Erzieher oder jede Frau, die sich freiwillig meldete. Feiga war der Ansicht, daß nur Berufserzieher die Kinder betreuen könnten. Was meinte der Doktor dazu?

    Korczak antwortete, daß im Idealfall sowohl Männer als auch Frauen in den Kinderhäusern arbeiten sollten (eine Idee, die nie verwirklicht wurde), daß es aber besser sei, einige Experten in Kinderbetreuung auszubilden, als das Jungvolk mit den kulturellen Befangenheiten verschiedener Betreuer zu belasten. Außerdem sei es notwendig, die Regeln der Elternhäuser und die des Kinderhauses aneinander anzugleichen, damit die Kinder nicht verwirrt wurden.

    Da er sich eine Bosheit nicht verkneifen konnte, hinterließ er seinen wichtigsten Ratschlag - eine Dosis Humor für jedes Problem - in einem Brief an den Kibbuz, der nach seiner Abreise vorgelesen werden sollte. Da ich weiß, daß ihr euch ärgert, weil die Kinder immer zu spät zur Schule kommen, laßt mich fünf Lösungen vorschlagen:

      l. Stellt einen Hahn in einem Korb in jedes Zimmer. Wenn er kräht, werden die Kinder rechtzeitig aufwachen. Wenn nicht, schlage ich vor.

      2. eine Kanone abfeuern. Falls die Kinder dann nach dem Aufwachen so langsam machen, daß sie trotzdem zu spät kommen, schlage ich vor: 3. sie von einem Flugzeug aus mit Wasser bespritzen. Falls ihnen das zuviel Spaß macht, schlage ich vor:

      4. die Namen der Zuspätkommenden aufschreiben. Falls den Kindern das egal ist, weil die sowieso jeder kennt, schlage ich vor:

      5. eine Anzeige in einer großen Zeitung aufgeben. Doch vielleicht sagen die Kinder. "Wen kümmert's, uns kennt sowieso keiner! " Und so weiter. Wenn diese Vorschläge nicht eure Zustimmung finden, schlage ich vor, daß jemand anders etwas Besseres vorschlägt.

      Ich gebe mein Einverständnis, daß dieser Brief ans Schwarze Brett kommt, und zwar unter der Bedingung, daß die Kibbuzbewohner folgende Erklärung dazuschreiben: Wir sind immer pünktlich und wünschen, daß unsere Kinder unserem Beispiel folgen.

    Während seiner kurzen drei Wochen in Ein Harod saß Korczak häufig mit der Bibel in der Hand am Spätnachmittag unter den neugepflanzten Palmen und wartete auf einen Windhauch, der selten genug über die Berge von Haifa herblies. Er wußte, daß der Berg Gilboa, den David nach der Schlacht gegen die Philister verflucht hatte, dürr und trocken geblieben war. Saul hatte sich vor Schmerz darüber, daß Jonathan von den Philistern getötet wurde. in sein Schwert gestürzt, und David hatte geklagt: "Gefallen, gefallen sind die Männer des Krieges; und ihre Rüstung liegt auf dem Feld." Die biblische Geschichte verwob sich nun mit der Gegenwart; viele der Kibbuzgründer waren auf derselben Erde gefallen.

    Eines Morgens bei Tagesanbruch tappte Korczak mit Hilfe einer Taschenlampe zwei Meilen über die steinigen Hügel zum Friedhof des Kibbuz. Der Flickschuster, der ihn begleitete, zeigte ihm die Gedenksteine für Joseph Trumpeldor und andere, die in den Kämpfen mit den Arabern zu legendären Helden geworden waren. Es störte Korczak, daß die meisten Toten anonym bestattet waren. "Es ist eine Verdrehung der Gerechtigkeit, daß einige nicht vergessen werden, andere aber doch", sagte er. Er nahm etwas Erde auf vom Friedhof der vergessenen Pioniere, um sie nach Polen mitzunehmen.

    Gegen Ende seines Aufenthalts lehnte Korczak Simchonis Vorschlag ab, ihm Palästina zu zeigen. "Es ist wichtiger, sich gründlich über das Leben hier zu informieren", sagte er. "Leuten, die sich für Tel Aviv interessieren, kann ich immer noch Postkarten mitbringen." Doch erklärte er sich mit einer Rundreise durch das Jordantal und Galiläa einverstanden. Nazareth faszinierte ihn, und er unterhielt sich längere Zeit mit einem alten polnischen Priester, den er in Tiberias fand. Für Jerusalem blieben nur noch einige Stunden, die jedoch ausreichten, durch die engen Gassen zur Klagemauer und dem Felsendom zu pilgern und um festzustellen, daß er in diese alte, ewige Stadt und nicht in den Kibbuz zurückkehren würde, falls es jemals eine Rückkehr nach Palästina geben sollte.

    Er packte für seine Abreise und weigerte sich, seine Laken, die Schere und den Rasierapparat wieder mitzunehmen, die er hergebracht hatte. Auf diese Weise konnte er der Familie Simchoni ein paar kleine Geschenke dalassen, ohne zu ahnen, daß sie die Dinge wie Reliquien behandeln würden. "Du schläfst auf Korczaks Laken", sagte Simchoni seinen Gästen. "Schau, das hier ist Korczaks Schere."

    Joseph Arnon reiste von einem anderen Kibbuz herbei und brachte Korczak nach Haifa. "Wer weiß, vielleicht komme ich zurück, wenn ich tausend Zloty zusammenbringe", vertraute Korczak ihm an. "Aber was meinst du, soll ich allen Leuten in Warschau jetzt über Palästina erzählen?"

    Arnon antwortete, ohne zu zögern: "Sag den Polen, daß dieses Land keinesfalls eine Hölle für die Juden ist, denen sie gesagt haben: >Haut ab nach Palästina! < Und sag den Juden, daß hier eine neue Welt aufgebaut wird und daß es sich lohnt, ein Risiko einzugehen."

    "Joseph, das kann ich ihnen nicht sagen", entgegnete Korczak. " Ich kann nur über das berichten, was ich gesehen habe."

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «