Janusz Korczak Communication - Center
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Der alte Doktor

    Korczak mochte wegen der "Gedanken", die sich dort bei ihm einstellen würden, nach Palästina gegangen sein, doch als das Schiff in Richtung Heimat zunächst Griechenland entgegenstampfte, dachte er immer noch an seine neuen Freunde. Als er in der ersten Nacht kurz vor Morgengrauen plötzlich erwachte, hatte er das Bedürfnis, an Deck zu gehen und ihnen einen Brief zu schreiben. Es sei nicht der wunderbar lebendige und ungeduldige Gischt, der ihn in dieser sternenlosen Nacht gefangen hielt, schrieb er, sondern der Rauch aus ihrer Bäckerei, die Silhouette des Berges Gilboa, wo ihre Toten begraben sind, und das Grün des Sees Kinerett.

    Zurück in Warschau, war er so entschlossen, die Verbindung zu ihnen nicht abreißen zu lassen, daß er monatlich einen Tag dafür einplante, nach Palästina zu schreiben. Manchmal schrieb er bis zu dreißig Umschläge, die aber selten alle abgeschickt wurden. In einem Brief an Simchonis kleine Tochter Mia schrieb Korczak von seinen Tagesabläufen, die "die Wochen vorbeifliegen" ließen. Montags untersuchte er Kinder am Jugendgericht; dienstags und mittwochs hielt er Vorlesungen und Seminare an den pädagogischen Instituten; von Donnerstag bis Freitagmittag war er in " Unser Haus" in Bielany, von Freitagnachmittag bis Samstag im Waisenhaus, und sonntags widmete er sich dem Schreiben.

    Einem erwachsenen Freund schrieb er: "Mein Programm hier ist so dicht, wie könnte ich jemals ein anderes Leben in einem anderen Land in Betracht ziehen? " - als ob es einer Entschuldigung bedurft hätte. Selbst als er Stefan Jaracz und andere Freunde drängte, sich dieses "mutige und ehrliche Experiment" anzuschauen, wußte er, daß er selbst die ganze Erfahrung noch verarbeiten mußte. " Ich habe auf einen Augenblick der absoluten Ruhe gewartet, um mir darüber klarzuwerden, was der Aufenthalt in Palästina mir gegeben hat", schrieb er in einem Brief. "Es ist eine schwierige Aufgabe, und ich frage mich immer. Waren meine Gefühle aufrichtig?"

    Dieser "Augenblick der absoluten Ruhe" ließ auf sich warten: Kurz nach seiner Rückkehr nach Warschau bot man Korczak eine eigene Radiosendung an, die er einfach nicht ablehnen konnte. Ende der zwanziger Jahre hatte er einige seiner Geschichten in Hörspiele umgeschrieben und war fasziniert von den erzieherischen Möglichkeiten des Rundfunks. Hier war die Chance, gleichzeitig Tausende von Kindern zu erreichen statt bloß einhundert. "Das Radio wird das Buch nie ersetzen", sagte er einem Interviewer, "aber es ist eine neue Sprache." Durch das Radio wurde es möglich, daß nichts mehr verlorenging, daß alles "unsterblich" werden konnte; doch brachte das neue Medium auch große Gefahren mit sich, weil es sich "in die Häuser, in die intimen Bereiche des Lebens und in das menschliche Herz" einschleichen konnte.

    Korczaks Freunde von der Kinderprogrammabteilung hatten seine Sendung unter der Bedingung einrichten können, daß er mit einem weiteren Pseudonym arbeitete, um damit jene hohen Beamten zu beschwichtigen, die sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, einem jüdischen Erzieher zu gestatten, auf polnische Kinder Einfluß zu nehmen. (Damals war es schon überall bekannt, daß Janusz Korczak ein Pseudonym für Henryk Goldszmit war.) Korczak überlegte eine Weile hin und her und faßte dann den praktischen Entschluß, daß es besser wäre, anonym auf Leute einzuwirken als überhaupt nicht. Er erklärte sich mit der Bezeichnung "der alte Doktor" einverstanden, von der er dann ironisch behauptete, dies sei sein Untergrunddeckname.

    Es dauerte nicht lange, und die warme, persönliche Stimme des "alten Doktors" wurde in Polen berühmt. An Donnerstagnachmittagen beeilten sich die Leute, aus ihren Büros pünktlich zu seiner fünfzehnminütigen Sendung zu Hause einzutreffen. Im Gegensatz zum formellen Ton der anderen Radiosprecher gab die herzliche und natürliche Stimme des "alten Doktor" seinen Zuhörern das Gefühl, persönlich angesprochen zu werden.

    Korczaks Radiostil ähnelte seinem Schreibstil. Die Syntax wurde nicht beachtet, Worte und Ideen in schöpferischem Durcheinander angeordnet, bis er, einem Zauberer gleich, zum Schluß alles auflöste. Die Originalität dieser Methode war so provokativ, daß ein Zuhörer, der sich mitten in der Sendung eingeschaltet hatte, beim Rundfunk anrief und sich beschwerte, daß der Sprecher betrunken sei.

    Immer wenn er das überzeugende Grunzen eines Schweines oder ein Kikeriki brauchte, bat Korczak seine Kinder, für die Rolle vorzusprechen. An solchen Tagen hörte es sich in den beiden Waisenhäusern wie auf dem Bauernhof an. Der jüdische Waisenbub Adam Dembinski erinnerte sich, einmal dazu auserwählt worden zu sein, mit einem nichtjüdischen Buben, einem Schneiderlehrling, ins Rundfunkstudio zu kommen: " Ich sollte wie ein Hund bellen. Also bellte ich einmal ganz laut und bekam dafür fünf Zloty. Es war wundervoll!"

    Die Fans des "alten Doktor" wußten nie, was sie erwartete, wenn sie das Radio einschalteten: Vielleicht interviewte er kleine Hospitalpatienten oder arme Waisen in einer Sommerkolonie. vielleicht grübelte er über Kinder und Flugzeuge nach, analysierte das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen oder von Kindern untereinander oder stellte Betrachtungen zu den Tagesereignissen an. Oder vielleicht erzählte er ganz einfach ein Märchen. Die richtige Zeiteinteilung für den "Gestiefelten Kater" erwies sich als eine solche Herausforderung, daß er ihm im Herbst 1935 drei Sendungen widmete, bevor er zufrieden war.

      "Wenn ich mit einer Gruppe Kinder zusammen bin, kann ich mich immer darauf einstellen, ich weiß genau, wann sie lachen, weinen oder Fragen stellen werden", gestand er einem Interviewer. "Aber allein in dem kleinen Raum, wo mir die Zeit davonläuft, sorge ich mich, ob ich deutlich genug spreche und wann die Musik eingeblendet wird. Sobald das rote Licht >Sprechen< anzeigt, fühle ich mich wie ein Nichtschwimmer, der ins Wasser geworfen wird. Es ist die gleiche Panik wie im Krieg, wenn jemand das Gewehr auf einen richtet oder wenn man auf einem sinkenden Schiff ist."

    Den Vergleich mit dem sinkenden Schiff sollten die polnischen Juden ab Mitte der dreißiger Jahre noch oft anstellen. Polens ethnische Minderheiten (nach den Ukrainern waren die Juden die zweitgrößte Gruppe) wurden von einer Welle der Angst erfaßt. als die Regierung im September 1934 das Minderheitengesetz aufhob. das ihnen die rechtliche Gleichstellung gebracht hatte. Solange Jozef Pilsudski - offiziell nur Kriegsminister und Generalinspekteur der Streitkräfte - inoffiziell das ganze Land regierte. hatten sie sich sicher gefühlt. Mit den Jahren war der Marschall zwar zunehmend repressiver geworden. zweifelte er an der polnischen Tauglichkeit zur Demokratie und schockierte viele damit. daß er nach der Ermordung des Innenministers ein Sonderlager für seine politischen Feinde errichtete; seine Sicht von Polen als einer multinationalen Föderation hatte er jedoch nie aufgegeben. Als Pilsudski am 12. Mai 1935 im Alter von siebenundsechzig Jahren an Magenkrebs starb. fürchteten viele Juden. daß die Zukunft des polnischen Judentums mit ihm begraben wurde.

    Der einbalsamierte, mit der Paradeuniform bekleidete Leichnam Pilsudskis wurde zwei Tage lang in der St.-Johannes Kathedrale aufgebahrt. Unter den Trauergästen, die an ihm vorbeidefilierten, waren auch viele Rabbiner. Anschließend wurde der Sarg in einem Plattformwaggon mit einer Ehrenwache aus Generälen nach Krakau überführt, und Hunderttausende von Polen säumten die dreihundert Kilometer lange Bahnstrecke. Einhundert jüdische Delegationen aus allen Gegenden Polens nahmen an der Beerdigung auf dem Schloß Wawel teil, der historischen Grabstätte der polnischen Könige.

    Korczak, der Pilsudski nie persönlich kennengelernt hatte (aus Zeitmangel hatte er vor Jahren die Bitte abgelehnt, seine Biographie zu schreiben), wollte ihm jetzt Tribut zo1len und bereitete einen innig verfaßten Nachruf mit dem Titel " Ein Pole weint nicht" für seine nächste Sendung vor. Es stimmt schon, wollte er seinen Zuhörern sagen, polnische Helden weinen nicht; ob sie aber auch wußten, daß ihr geliebter Jozef Pilsudski tatsächlich zweimal in seinem Leben geweint hatte? Einmal, als in Lwow seine Armee von den Kosaken eingekesselt war, und das zweite Mal, als seine Lieblingsstute, ein dunkler Fuchs, starb.

    Der "alte Doktor" wollte sein Publikum damit trösten, daß auch Pilsudski - wie alle mutigen Führer - ein Mensch war, der weinen konnte, so wie sie jetzt seinen Tod beweinten. Doch die Zensoren, die mit der Nationalisierung des Radios ein Jahr zuvor an die Macht gelangt waren, lehnten sein Porträt von Pilsudski als einem Mann der Tränen ab. Trotz der Einwände einer großen Zahl von Korczaks einflußreichen Freunden mußte der " alte Doktor" das Manuskript durch ein anderes mit dem unverfänglichen Titel "Eine Geschichte über Kinder" ersetzen.

    Korczak entschloß sich, mit einigen seiner Kinder zur Enthüllung des Pilsudski-Denkmals nach Krakau zu fahren, als er hörte, daß jeder Erwachsene, der im Monat Juli nach Krakau fuhr, vier Kinderfreifahrkarten von der Eisenbahn bekommen konnte. Shimon Agassiz, eines der vier glücklichen Judenkinder, die mitfahren durften, erinnerte sich, daß sie die Nacht vorher in der Wohnung verbrachten, die Korczak sich mit seiner Schwester teilte. Sie blieben lange auf, packten etwas zum Essen ein und kicherten über Korczaks alberne Pläne für alles mögliche, was ihnen eventuell passieren könnte. Falls sie nicht alle im selben Abteil Platz fanden, sollte einer der Buben zu Korczak laufen und jammern, daß ihn ein tollwütiger Hund gebissen habe. Die anderen Fahrgäste würden dann aus dem Abteil flüchten, und sie hätten es für sich alleine. Als sie am nächsten Tag dann im Zug saßen, fing der Bub mitten in seiner Geschichte zu lachen an, und keiner der Fahrgäste glaubte die Sache. Die Kinder mußten sich auf dem einen Platz neben Korczak abwechseln. Sie vertrieben sich die Zeit mit einem tragbaren Schachspiel und halfen Korczak beim Zigarettendrehen. Die sechsstündige Fahrt nach Süden durch flaches Land mit grünen Wiesen in die alte Königsstadt ging rasch vorüber.

    Korczak ließ sich von der Reiseinformation im Bahnhof eine Zimmeradresse geben, und sie machten sich mit der Trambahn auf den Weg. Sie ließen ihr Gepäck in der Pension und suchten sich ein Restaurant, wo die vier Waisenkinder zum ersten Mal in ihrem Leben sich ein Essen selbst aussuchen durften. Sie bestellten sich alles mögliche außer Fleischklößchen, weil die im Waisenhaus immer aus Resten bestanden. Am nächsten Tag wanderten sie über das Kopfsteinpflaster der schönen alten Renaissancestadt, die einmal Hauptstadt gewesen war, und besuchten das Stadtmuseum, den Platz, wo Kosciuszko den Eid geschworen hatte, sein Volk von den Teilermächten zu befreien, das Denkmal des großen romantischen Dichters Adam Mickiewicz und Schloß Wawel, wo Jozef Pilsudski an der Seite der polnischen Könige begraben war. Während der Zeremonie der Denkmalsenthüllung begriffen die Kinder schließlich, warum Korczak aus dem Hof des Waisenhauses einen großen Stein mitgebracht hatte, als er ihnen winkte, ihn zur Niederlegung dieses Steins am Denkmal zu begleiten.

    Einige Stunden bevor der Zug sie nach Warschau zurückbringen sollte, nahm Korczak seine jungen Begleiter mit zum Flughafen. Mit dem gleichen todernsten Gesicht, das er während der Geschichte vom tollwütigen Hund aufgesetzt hatte, fragte er dort den Mann am Schalter nach vier Freikarten für die ihn begleitenden Kinder. Als man ihm erklärte, dies sei unmöglich, entgegnete Korczak mit Unschuldsmiene, er sei der Ansicht, da die Fluggesellschaft wie die Eisenbahn der Regierung gehöre, müßten bei beiden auch die gleichen Angebote gültig sein. Der Beamte befragte einige Kollegen, die wiederum weitere fragten, doch die Antwort lautete nein. Als Korczak und die Kinder an jenem Abend im letzten Zug nach Warschau saßen, lachten sie immer noch.

    Nachdem sich Madame Pilsudska beim Rundfunk für ihn verwendet hatte, durfte Korczak " Ein Pole weint nicht" in der Sendung vom 5. Dezember vorlesen. Inzwischen hatten jedoch rechte Zeitungen die Identität des "alten Doktor" gelüftet und bezichtigten ihn, Teil einer jüdischen Verschwörung zum Verderben der polnischen Kinder zu sein. Kurz danach wurde der "alte Doktor" informiert, daß seine Sendung vom 26. Dezember wegen eines besonderen Feiertagsprogramms in der Woche ausfallen müsse. Von dieser Absage in letzter Minute gedemütigt offensichtlich wagte der Sender es nicht, in der Weihnachtszeit einen Juden ans Mikrophon zu lassen -, erinnerte Korczak seine Vorgesetzten daran, daß sein Vertrag ihn nur bis Ende Februar band. es war eine ebenso klare wie erfolglose Drohung. Trotz seiner Popularität wurde der Vertrag des "alten Doktor" nicht verlängert. Nach seiner letzten Sendung am 27. Februar 1936 verschwand er aus dem Leben seiner treuen Zuhörer ebenso geheimnisvoll wie er gekommen war.

    Auch wenn er versuchte, seinen Schmerz über die Ereignisse beim Sender - und überhaupt in ganz Polen - nicht zu zeigen, vertraute Korczak in seinen Briefen Joseph Arnon seine Angst, seinen Schmerz und seine Selbstzweifel an. Am 7. Februar 1936 schrieb er kurz vor der Beendigung seines Radioprogramms: "Wenn einen ein Gefühl von Taubheit überkommt, wenn man sich selbst als überflüssig und sein ganzes Leben als nutzlos betrachtet, wenn man sich in einer dunklen ecke verkriechen möchte, um zum letzten Mal über alles nachzudenken, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr länger zu existieren dann erreicht einen von irgendwoher ein gutes Wort, ein freundliches Echo aus der Vergangenheit. Man ändert ungeduldig seine Meinung: >Was für ein Unsinn!< Und dann zögert man:>Vielleicht doch! . . .< Jeder möchte noch einmal etwas zustande bringen! Du schreibst, daß ich mich täusche, wenn ich glaube, versagt zu haben. Mein Fehler liegt darin, daß alles, was mir früher Freude gebracht hat, zu überwältigender Mühsal geworden ist; alles, was früher lohnend und vorstellbar schien, bringt jetzt nur noch Zweifel, Besorgnis, Scham. Das Wenige, das ich erreicht habe, erscheint mir unwichtig. Ich habe geschworen, das Kind zu unterstützen und seine Rechte zu verteidigen, doch alles, was ich tun kann, ist, zu beten oder seine unsicheren Schritte zu segnen."

    Arnon beschwor Korczak nach wie vor, nach Palästina auszuwandern. und Korczak dachte auch immer noch darüber nach: "Wo gäbe es einen Ort, um die Kleinen und Schwachen (mit Worten) zu verteidigen, wenn nicht im Land Israel? Und deshalb bin ich auch voller Sehnsucht. Doch zu meinem Kummer bin ich hier durch meine wirkliche Arbeit, die langsam zu ende geht, gebunden (und überlastet)." Am Schluß des Briefes versicherte er Arnon jedoch, daß er vielleicht nach Palästina käme, wenn er sicher sein könne, daß er "keine Last für das Land" sein würde.

    In dieser schwierigen Zeit, als seine Radiosendungen abgesetzt wurden, war Stefa in Palästina bei Feiga und ihrem Mann, einem russischen Lehrer, den sie kürzlich geheiratet hatte. Im April sollte Stefa zurück sein, und Korczak erwartete sie voller Ungeduld. Aber er hörte weder am Tag, als sie ankommen sollte, noch am folgenden Tag etwas von ihr. Es war ganz und gar nicht ihre Art, ihn nicht zu benachrichtigen. Er fragte eine Reihe Leute nach ihr, aber niemand hatte sie gesehen.

    "Stefa scheint noch nicht gekommen zu sein", sagte er zu Natalia Wislicka. Im Laufe der Jahre war das Ehepaar Wislicki zu Förderern und Vertrauten geworden. Es war nichts Ungewöhnliches, daß Korczak für einen Plausch zwischen zwei Terminen oder auf ein ruhiges Abendessen bei den beiden vorbeischaute. "Ich weiß nicht, was mit ihr los ist."

    Sie tranken im Garten Tee, und Natalias kleiner Sohn Alfred kam dauernd herbeigerannt, um sicherzugehen, daß sie auch noch da war.

    "Das ist ein Zeichen dafür, daß er dich wirklich liebt", kommentierte Korczak.

    "Das ist keine Liebe, das ist Verlustangst", meinte sie achselzuckend.

    "Und was ist Liebe anderes als Verlustangst? " fragte er.

    Es war diese Angst vor Verlust, die Natalia Wislicka aus seiner Stimme heraushörte, wenn er sich beklagte, von Stefa noch gar nichts gehört zu haben. Zum erstenmal erkannte sie, wie erfolgreich er seine tiefe Bindung an Stefa vor ihr zu verbergen verstand.

    Einige Tage darauf erschien Stefa schließlich und erklärte, sie sei von der Reise sehr erschöpft gewesen, die sieben Tage und sieben schlaflose Nächte gedauert hatte, einschließlich eines Aufenthalts in Athen. Sie war erst einmal in die Wohnung ihres Bruders gegangen, hatte ein Bad genommen, vierundzwanzig Stunden geschlafen und sich dann noch einmal drei Tage gegönnt, bevor sie sich wieder den Anforderungen des Waisenhauses stellte.

    Stefa plante im Waisenhaus eine kleine Ausstellung all der bunten Tücher, Federmäppchen aus Stroh, Lineale aus Olivenholz, Muscheln und anderen Schätze, die sie mitgebracht hatte. Als sie sich mit Korczak über das Photoalbum beugte, das der Kibbuz ihr zum Abschied geschenkt hatte, sprach sie von Palästina als einer Zukunft für sie beide. Sie war erstaunt, wie interessiert er an ihren Vorschlägen war, obgleich er einwandte, wie denn das Waisenhaus ohne sie beide überleben solle. Sie sprachen über die verschiedenen Möglichkeiten, und Stefa schrieb aufgeregt an Feiga, daß Korczak die Idee gehabt hätte, sich in ihren Reisen abzuwechseln und jeweils ein halbes Jahr in Polen und in Palästina zu verbringen, so daß einer von ihnen immer im Waisenhaus wäre. "Die Unruhen an der nationalen wie an der religiösen Front werden täglich stärker", schrieb Stefa weiter, wobei sie sich auf den jüdischen Arbeiterstreik gegen die antisemitische Politik der Regierung bezog. "Das Böse, das hier die ganze Atmosphäre durchdringt, ist schlimmer als die Wirtschaftskrise. Und es sieht so aus, als könnte man gar nichts tun."

    Als Korczak sich einverstanden erklärte, in jenem Sommer 1936 für sechs Wochen nach Palästina zu gehen - als Auftakt für einen längeren Aufenthalt , griff Stefa wiederum zu Papier und Feder, um Feiga zu informieren. Ans Ende dieses Briefes setzte Korczak in seiner präzisen Handschrift gutgelaunt die Worte: "Ich spreche schon Hebräisch - Netzyan Hetzyan >ausgezeichnet<. Shalom, Korczak."

    Auf seiner zweiten Reise flog Korczak von Athen nach Palästina. Von der Fliegerei ebenso begeistert wie von Radio und Film, war er in den späten zwanziger Jahren in Warschau einer der ersten gewesen, der Rundflüge mitmachte. "Wenn man von da oben herunterschaut, erkennt man, was für ein winziger Teil des Universums der Mensch ist", sagte er zu seinen Freunden. Jetzt, als er bei Haifa auf die Küste heruntersah, begriff er plötzlich, daß hier "das Exil endet". Wiederum hatte er "das Privileg, das Gelobte Land zu sehen", und wiederum war er verblüfft, welche starken Gefühle ihn ergriffen.

    Auf dieser zweiten Reise konnte er sich mit abnehmender Skepsis eingestehen, daß Palästina aus mehr als einem Grund ein gelobtes Land war: Es gab den Menschen, die Juden waren, einen Platz, wo sie ohne Erschütterungen und Stigmatisierung leben und arbeiten konnten, es versprach den Kindern Sonne und gesundes Wachstum und die Sicherheit einer wirklichen Gemeinschaft. Doch dieses Mal wurde ihm noch deutlicher klar, daß es auch für die Araber ein gelobtes Land war, die es als ihr Land betrachteten. Wenn Palästina die Lösung der jüdischen Frage bringen sollte, so fand er sich im Einklang mit Martin Buber und anderen, die der Ansicht waren, daß auch die arabische Frage gelöst werden mußte. Als er hörte, daß in Tel Aviv ein neuer Hafen gebaut wurde, weil die Araber dagegen protestierten, daß Juden in Jaffa arbeiteten, verdutzte er seine Freunde mit der Frage: "Und was ist mit den arabischen Kindern?" Mußten sie hungern, wenn der Hafen von Jaffa geschlossen wurde?

    In Palästina herrschten große Spannungen in jenem Sommer, nachdem es seit einem Jahr im ganzen Land arabische Aufstände gegeben hatte. Kurz vor seiner Ankunft hatten marodierende Araberbanden die Weizenfelder von Ein Harod in Brand gesetzt, die Grapefruit-Bäume gefällt und vom Berg herunter auf die Siedler geschossen. Korczak wunderte sich, als er den Kibbuz wie eine Festung vorfand. Er meldete sich freiwillig zur Nachtwache und war beleidigt, als man sein Angebot ablehnte.

    "Wißt ihr nicht, daß ich polnischer Offizier bin, der in drei Kriegen gedient hat? " fragte er seine Gastgeber. Als auch diese Information nichts an ihrer Entscheidung änderte, versuchte er es mit seiner Theorie des Zufalls: Man sollte sich der Gefahr klar stellen, und zwar mit der Einstellung, daß das Schicksal vielleicht das eigene Los bereits gezogen habe, vielleicht aber auch noch nicht. Dieses Risiko wäre er bereit zu tragen. Doch die Kibbuzniks wollten das Risiko nicht übernehmen, ihren großen Gast zu verlieren.

    Einige Tage später hatte Korczak beim Besuch eines seiner ehemaligen Waisenkinder in Haifa mehr Erfolg mit seiner Theorie. Moses Sadek bat ihn, auf keinen Fall am folgenden Tag in den Kibbuz zurückzukehren, weil das Gerücht ging, auf die Busse würde geschossen werden. Korczak entgegnete: "Wer sagt denn, daß die Araber morgen, wenn ich den Bus nehme, mit dem Schießen anfangen werden? Und wenn das so ist, wer sagt denn, daß es auf meiner Route sein wird? Und selbst wenn, wer sagt, daß sie irgend jemanden treffen werden? Und wenn das der Fall sein sollte, wer sagt, daß ich das sein muß?" Und erklärte dann dem sprachlosen Sadek: "Da es wirklich nur wenige Risiken sind, werde ich fahren."

    Wenn sie sich auch weigerten, ihn zu Wachdiensten einzuteilen, so drängte Korczak die Kibbuzniks, ihren älteren Kindern zu erlauben, diese gefährliche Aufgabe mit ihnen zu teilen, so wie sie Nahrungsmittelmangel und harte körperliche Arbeit teilten. "Packt die Kinder nicht in Watte", sagte er. "Der Kampf, sich hier ein Leben aufzubauen, ist ihr Schicksal."

    Dieses Mal verbrachte er weniger Zeit in Ein Harod und bemühte sich, auch in anderen Kibbuzim zu unterrichten und seine Beobachtungen zu erweitern. Alle stellten fest, daß Korczak sich offenbar viel wohler fühlte und nicht mehr mit Selbstverachtung die Mundwinkel verzog, wenn er die wenigen hebräischen Sätze sagte, die er beherrschte, bevor der Übersetzer weitermachte.

    Er interessierte sich ganz besonders für die Moschawim, jene landwirtschaftlichen Siedlungen auf der Basis freien Unternehmertums, wo er die Initiative eines jeden Bauern auf seinem eigenen Stück Land sehen konnte. Die Verwandlung der jungen Leute, die er gekannt hatte, in Menschen des Ackerbaus war ihm ein Quell ständigen Staunens, allerdings war es für ihn mehr eine geistige als körperliche Veränderung. Der Erfolg eines seiner Waisenkinder, das von seiner Mutter keinerlei Zuwendung gekannt hatte, war ihm eine besondere Genugtuung. Korczak hatte geglaubt, daß der Bub sein Leben lang dadurch belastet und benachteiligt sein würde, doch hatte er hier offenbar ein konstruktives Ventil für seine Gefühle gefunden. Korczak erkannte, daß ein Spezialist nicht in der Lage ist, das tatsächliche Schicksal eines Kindes vorauszusagen. Ein Land wie Palästina hatte die versteckten Fähigkeiten dieses Kindes zum Vorschein gebracht, von denen er in Warschau noch nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte.

    Auf dieser Reise hatte er den Wunsch, viel herumzukommen und viel zu sehen, als ob er geahnt hätte, daß er keine weitere Gelegenheit mehr erhalten würde. Als er Hillman traf, einen sibirischen Mechaniker und " alten Wanderer", war er versucht, sich "einen Rucksack zu schnappen" und ihn zu fragen, ob man nicht gemeinsam das ganze Land bereisen könne. Vielleicht würde aus diesem Gedanken ein Robinson Crusoe-ähnliches Buch für Kinder werden - bloß daß der Held dann "Eretz Israel Robinson" hieße.

    Er stellte sich sogar vor, mit dem "alten Gilson" als Führer durch die Berge zu wandern, einem Freund aus dem Kibbuz. Alle großen Dinge waren auf den Bergen geschehen - auf dem Berg Ararat, dem Sinai und jetzt dem Berg Scopus (wo die hebräische Universität stand) -, schrieb er Arnon. Er hatte die Lösung für das jüdisch-arabische Problem: "Laßt die Araber die fruchtbaren Täler behalten und das Meer, die Berge werden die Juden ernähren."

    Seine Gefühle müssen auch in seinen Briefen an Stefa zum Ausdruck gekommen sein, denn zu einem Freund meinte er: "Stefa hat Angst, daß ich vor lauter Begeisterung überhaupt nicht mehr zurückkomme - aber ich glaube, sie wird vor mir hier sein und für immer bleiben."

    Soweit es ging, vermied Korczak ein Zusammentreffen mit Beamten und Bürokraten. Er weigerte sich, Tel Aviv zu besuchen, das für ihn für den Traum von Palästina nicht repräsentativ war. Es sei eine "ungesunde Stadt", die von "ehrgeizigen Gaunern" kontrolliert wurde. Jerusalem zog ihn an - Jerusalem in seiner Zeitlosigkeit und seinem rosafarbenen Licht, das die Kalksteingebäude vor den judäischen Hügeln reflektierte. In dieser Stadt, wo es ganz natürlich war, davon zu träumen, in den Himmel aufzusteigen, fühlte er sich wohl. Er durchstreifte die schmalen Straßen des jüdischen Viertels in der Altstadt und mischte sich unter die orthodoxen Juden, die kaum anders aussahen als die armen Juden am anderen Ende der Krochmalna und in noch größerer Verwahrlosung lebten. Nie vergaß er die Mittelalterlichkeit eines der orthodoxen jüdischen Waisenhäuser, das er in dieser "Stadt der Gnade" besuchte.

    Allen Warnungen zum Trotz wanderte Korczak durch ganz Jerusalem, besuchte die heiligen Stätten der Christenheit und besonders jene, die mit dem Leben Jesu zu tun hatten. Mit der Bibel in der Hand schloß er sich einmal einigen Franziskanermönchen an, um nach dem Leben Jesu zu suchen, ein andermal ging er am Dung-Tor und der Klagemauer vorbei, weil er auf das arabische Dorf Silwan schauen wollte, das einst die Stadt Davids war, dessen Leben er ebenfalls zu ergründen suchte.

    Die letzten Tage seines Palästina-Aufenthaltes verbrachte Korczak mit seinem Freund und jungen Pionier Moshe Zertal, der vor einigen Jahren eingewandert war. Nach dem letzten Brief Korczaks - " Ich bin ein alter Mann, ich schaffe nichts Neues mehr, sehe nur noch von der Seite aus zu" - hatte Zertal nicht gewußt, was er erwarten sollte. Er war erleichtert, als der Doktor jünger aussah als je zuvor, als ob Palästina ihm wirklich guttäte. Die beiden Männer stiegen in einem kleinen Hotel in Haifa ab und spazierten durch die Stadt, bis das Schiff eintraf, das Korczak wieder mit nach Griechenland nahm, der ersten Station auf seiner Heimreise. Korczak war ganz erstaunt, als Zertal ihm vorschlug, ein kleines Paket, das er trug, in einem Laden zu deponieren und später dort wieder abzuholen. Er konnte nicht glauben, daß das Paket noch da sein würde. Obwohl müde und verschwitzt, war er immer noch der alte ironische Korczak. Als er nahe am Meer im Fenster eines Hauses ein Schild zu VERMIETEN entdeckte, konnte er der Gelegenheit nicht widerstehen und klopfte an die Tür. Mit Zertal als seinem verdatterten Übersetzer gab er vor, ein neuer Einwanderer auf der Suche nach einem Zimmer zu sein, fragte die Vermieterin nach ihren Hausregeln und inspizierte Bad und Balkon.

    Nachdem sie sich an den Strand geflüchtet hatten, "lachten sie wie die Kinder", doch Zertal begriff, daß Korczak versucht hatte, sich ein anderes Leben hier vorzustellen. Als sie so ruhig dasaßen, den Kindern zuhörten, die in ihrer Nähe spielten, und die Wellen beobachteten, fragte sich Zerta1, ob Korczak jemals zurückkehren werde, um dieses andere Leben zu leben.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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