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Die harte Wahrheit des Moses

Lerne das Leben kennen, kleiner Moses,
denn es ist schwierig, mein Kind.

Moses

    "Man braucht Zeit, eine Erfahrung in sich aufzunehmen, bis man sie nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen versteht", sagte Korczak seinen Zuhörern Anfang Oktober 1936 bei einem Vortrag über seine Palästinareise am Institut für jüdische Wissenschaften.

    In scheinbar zusammenhanglosen Vignetten erzählte er ganz im Stil des " alten Doktor" von einer arabischen Mutter und ihrem Sohn, die er um sechs Uhr früh völlig unbekümmert mit zwei Eseln und vier Hunden in ein jüdisches Dorf zum Brunnen hatte schlendern sehen, "als ob die Gegend ihnen in der Vergangenheit gehört hätte und das auch in Zukunft tun würde" ; er berichtete von seiner Überraschung über die Einheitspreise der Busfahrkarten, ganz gleich, wie groß die Entfernung war' , von den lästigen Moskitos (in seiner ersten Nacht wurde er vierzigmal gestochen); vom ungleichen Lebensstandard der verschiedenen Regionen, wobei manche Siedler sich an Obst, Gemüse und bunten Blumen erfreuten und andere hungern mußten; von seiner Enttäuschung, als er feststellte, daß die schwarzen Punkte auf den Steinen, die er gesammelt hatte, nicht vom Blut der Gefallenen herrührten, sondern vom Teer der Straßen, Wie alle anderen Orte hatte auch Palästina seine guten und schlechten Seiten, sagte er und warnte seine Zuhörer davor, zu glauben, sie könnten ihren Problemen dadurch entfliehen, daß sie dorthin auswanderten, denn das Leben sei überall schwierig.

    "Der Doktor hat einen wunderbaren Vortrag gehalten", schrieb Stefa an Feiga, "schade, daß er ihn vom Blatt las, Er war sehr aufgeregt, Ich werde dir den Vortrag schicken," Wer geglaubt hatte, eine politische Analyse der Geschehnisse in Palästina zu hören, wurde enttäuscht. Nur einmal streifte der berühmte Erzieher die politische Situation: " Palästina ist wie ein langes Seil, das eine Ende halten die Juden und das andere die Araber", sagte er. " Sie ziehen beide daran und kommen sich dadurch immer näher. Und wenn sie sich fast schon berühren, kommt ein Dritter daher und zerschneidet das Seil. Und dann fängt alles wieder von vorne an.

    " Das gleiche Beispiel hätte man auch auf Polen und Juden anwenden können, deren Beziehungen mit Zunahme der faschistischen Einflüsse des "Dritten Reiches" immer schlechter wurden. Die Nürnberger Gesetze hatten 1935 die Juden zur minderwertigen Rasse erklärt und den extremen Nationalisten in Polen (wie zum Beispiel dem Radikalnationalen Lager und der patriotischen Jugend) Auftrieb gegeben, die Juden wirtschaftlich zu boykottieren und zu verlangen, daß ihre Plätze in den Hörsälen der Universitäten von den anderen getrennt wurden (Ghetto-Bänke).

    Die rechte Presse benutzte diesen Vortrag über Palästina als Vorwand, Korczak in zahlreichen Artikeln zu verunglimpfen, die erneut den "alten Doktor" als Janusz Korczak, den vermeintlichen Polen, entlarvten, der in Wirklichkeit Henryk Goldszmit war, der Jude. Weswegen sei Korczak in Palästina gewesen? fragten die Zeitungen. Wieso war es ihm erlaubt, polnische Kinder zu erziehen?

    Wenn die Bösartigkeit der Presseangriffe wegen seiner Palästinareise Korczak betrübte, so war er von dem, was ihn bei der nächsten Sitzung des Verwaltungsrates von "Unser Haus" erwartete, völlig niedergeschmettert. Bis heute ist sehr wenig von dem an die Öffentlichkeit gedrungen, was Korczak an jenem Nachmittag im Spätherbst des Jahres 1936 veranlaßte, von seiner Arbeit mit Maryna Falska zurückzutreten. Unüberwindbare Differenzen in ihrer Auffassung von Kindererziehung, heißt es offiziell. Korczak wollte den Kindern soweit wie möglich die Sicherheit und Geborgenheit einer Familienatmosphäre geben, während die mehr ideologisch ausgerichtete Maryna der Ansicht war, "Unser Haus" solle den Bedürfnissen der progressiven Arbeiterklasse dienen. Sie hatte sich über Korczaks Einwände hinweggesetzt, die Bibliothek und den Hof auch für die Nachbarskinder geöffnet und sich an Projekten der Gemeinde beteiligt.

    Man hätte Maryna niemals Antisemitismus vorwerfen können - einmal wollte sie ein Waisenkind wegen einer abfälligen Bemerkung aus dem Haus werfen, als Korczak intervenierte -, aber es war bekannt, daß sie unter Beschuß antisemitischer Gruppen stand, weil sie einem Juden gestattete, polnische Kinder zu erziehen. An jenem schicksalhaften Tag, als ein Mitglied des Verwaltungsrats Korczak mit der Frage "Sind Sie Zionist?" konfrontierte, hatte sie geschwiegen.

    Korczak hatte die Gruppe fassungslos angesehen. Er verließ den Raum und kam sich verraten vor, weil jene, mit denen er so viele Jahre zusammengearbeitet hatte, ihn tatsächlich fragten: Gehört deine Loyalität wirklich Polen und nicht etwa Palästina? Die meisten Mitglieder des Verwaltungsrats akzeptierten Korczaks Rücktritt mit einem philosophischen Achselzucken - assimiliert hin oder her, er war und blieb ein Jude. Um einen Skandal zu vermeiden, blieb sein Name auf der Liste des Verwaltungsrats. Den Kindern sagte man lediglich, daß Pan Doktor nicht mehr so oft würde kommen können wie bisher.

    In ihren nach dem Krieg geschriebenen Memoiren vermied Madame Pilsudska es taktvoll, Antisemitismus als Grund für Korczaks Bruch mit dem Waisenhaus anzugeben: "Einige seiner Methoden kamen uns sehr merkwürdig vor. Dr. Korczak ließ die Kinder zum Beispiel selbst ihre Erzieher beurteilen und richtete sich nach ihrer Meinung. Die Kinder hatten überhaupt keinen Respekt mehr vor ihren Erziehern, und wir hatten das Chaos. Also mußten wir uns mit größtem Bedauern von dem Erzieher Dr. Korczak trennen. Aber er blieb im Verwaltungsrat."

    In jenem Jahr verlor Korczak nicht nur sein Radioprogramm und seine Zugehörigkeit zum polnischen Waisenhaus, sondern auch seinen Gutachterposten am Jugendgericht. Einer der Rechtsanwälte, der seiner Entlassung beiwohnte, schrieb Jahre später. "Bis heute habe ich mir mein Schweigen damals nicht verziehen. Jene Repräsentanten polnischen Rechts und polnischer Gerechtigkeit informierten Korczak mit den Worten: >Kein Jude kann die Verantwortung für unsere jugendlichen Straffälligen haben.<"

    Der Verlust von so vielem, was seinem beruflichen und persönlichen Leben Bedeutung gegeben hatte, ließ Verluste aus seiner Kindheit wiederaufleben. "Ich habe mich nie eng an das Leben gebunden gefühlt - es ist einfach so an mir vorbeigeflossen", schrieb er Ester Budko. "Seit meiner Jugend habe ich mich alt und überflüssig gefühlt. Ist es ein Wunder, daß dieses Gefühljetzt noch stärker geworden ist? Ich zähle nicht die Tage, sondern die Stunden, die mir noch bleiben. Die Reise nach Palästina war wahrscheinlich mein letzter Versuch. Und jetzt gar nichts." Wie immer wechselten sich Hoffnung und Verzweiflung bei ihm ab, als er hinzufügte: "Ich glaube an die Zukunft der Menschheit. Wenn ich meinen unschuldigen Glauben an Gott bewahrt hätte, würde ich wahrscheinlich für die Errettung dieser Welt beten, in der als erste die Kinder leiden. Das Kind erhält die Hauptrolle bei der geistigen Erneuerung des Menschen - auch ich wollte eine Rolle dabei spielen, aber ich wußte nicht, wie."

    Palästina könne nicht seine persönliche Rettung sein, schrieb er an einen anderen Briefpartner, denn er habe "keine vierzig Jahre mehr, um sie in der Wüste zu verbringen". Aber er blieb ambivalent."

    Der Doktor ist so deprimiert, daß alles um ihn herum ihn gleichgültig läßt", schrieb Stefa an Feiga. "Stell dir vor, diesen Monat wollte er plötzlich nach Jerusalem. Einfach losfahren. Erzähl niemandem was davon, denn wenn einer ihn nicht kennt, könnte er einen falschen Eindruck bekommen. Er wollte nach Jerusalem ziehen, nicht in den Kibbuz. Er ist todunglücklich und macht andere todunglücklich."

    Die Unentschlossenheit in ihrer beider Leben - in ihrem und in dem Korczaks - war zuviel für Stefa. Im Alter von fünfzig Jahren entschied sie sich, Feigas Rat zu folgen und Polen zu verlassen. In ihrem Brief vom 4. November 1936 bat sie sie, im Kibbuz ihre Aufnahme zu beantragen. Ob sie ihr bei der Beschaffung der Papiere behilflich sein könnten, falls ihr Antrag angenommen würde? Sie wußte, daß es dauern würde, aber sie wollte endlich die Dinge in Bewegung bringen - und zwar sofort.

    Stefas Entschluß scheint Korczak noch mehr deprimiert zu haben, aber vielleicht war es die gleiche "Verlustangst", die er schon einmal in ihrer Abwesenheit empfunden hatte, die ihn schließlich dazu brachte zu handeln. Am 29. März 1937 vertraute er einem Freund in Jerusalem an: "Nachdem ich mehrere Monate lang völlig deprimiert war, habe ich mich nun endlich entschlossen, meine letzten Jahre in Palästina zu verbringen. Zuerst werde ich nach Jerusalem gehen, um Hebräisch zu lernen und mich auf ein Leben im Kibbuz vorzubereiten. Meine Familie hier besteht nur aus meiner Schwester, die sich als Übersetzerin ernähren kann. Aber ich habe so wenige Ersparnisse und frage mich, ob es mir dort reichen wird." Korczak war sehr bestimmt: Er würde innerhalb der nächsten vier Wochen abreisen, weil er "die unsichere Situation in Polen" nicht mehr ertragen konnte.

    Am 30. März schrieb er mehrere Briefe nach Palästina. Er gratulierte Moshe Zertal zur Geburt seines Kindes - " Es ist gut, daß du ein Kind hast" - und offenbarte seine Zweifel an seiner früheren Entscheidung, Kindern zu dienen und ihre Rechte zu verteidigen, statt zu heiraten und selbst Kinder zu haben. Jetzt, wo es ihm mißlungen war, seine Waisen gegen den Ansturm des Antisemitismus zu schützen oder sie auch nur ausreichend zu ernähren, sah er, wie naiv er gewesen war. Sie, die dunklen Kräfte, hatten die Macht auf ihrer Seite, er nur die Gerechtigkeit. Wenn er seinen Kindern, die auf dem Weg zur Schule die Straße hinunterliefen, nachsah, überwältigte ihn seine Unfähigkeit, sie vor den Angriffen anderer Kinder, die sie mit Steinen bewarfen und schlugen, zu schützen. "Für alles Böse, was ihnen geschieht", fühlte er sich verantwortlich.

    Er versuchte, an seinem Glauben festzuhalten - "Trotz allem, ich glaube an die Zukunft der Menschheit, der Juden, des Landes Israel" -, doch müsse die wirkliche Gegenwart aus einer mehr allgemeinen Perspektive gesehen werden. Als er an einem für Ärzte vorgeschriebenen Kursus für den Kriegseinsatz von Gas teilnahm, erinnerte ihn das " ans Mittelalter - an Pest und Seuche - an die Angst vor dem Ende der Welt". Jetzt waren da das Gas und die Angst vor dem Weltkrieg. " Selbst wenn unsere Raketen den Mond erreichen, selbst wenn wir in der Atomspaltung weiter und weiter fortschreiten und das Geheimnis der lebenden Zelle entdecken, wird es nicht über diese Geheimnisse hinaus immer noch etwas anderes geben?"

    Aber immer wieder kam er dahin zurück, von wo er ausgegangen war: er kämpfte mit seiner Unentschlossenheit, nach Palästina auszuwandern oder nicht. "Ich versuche nicht, mich durch meine Gedanken zu retten", schrieb er. Er konnte sich nur schwer vom Kontakt mit der polnischen Realität lösen. "Ich werde wach liegen und auf jeden Ruf, auf jedes Geräusch lauschen. Ich möchte das, was war, mit dem, was ist, verknüpfen. Ich kann nicht anders." Er wollte abreisen, sobald er sich entschieden hatte, ob er ein Touristen- oder ein Einwanderervisum beantragen sollte, und seine Finanzprobleme gelöst waren. Er besaß nur tausend Zloty aber davon würde er sich nicht beunruhigen lassen. "Nur die kleinen Dinge stören." Das Schwierigste war die Entscheidung selbst gewesen, und nachdem er die einmal getroffen hatte, war er ungeduldig, in Palästina anzukommen. "Ich würde gerne morgen in Jerusalem sein, allein in meinem kleinen, engen Zimmer sitzen mit einer Bibel und ein paar Lehrbüchern, einem Hebräischlexikon, Papier und Bleistift damit ich sagen kann: neue Seite, letztes Kapitel."

    In einem anderen Brief schrieb er: "Ich habe Respekt für die Kinder verlangt, aber jemand hat mich zu Recht gefragt, wer denn heutzutage die Erwachsenen respektiere. Vielleicht mache ich mir etwas vor, wenn ich meine, daß es von Palästina aus leichter sein wird, Gerechtigkeit oder zumindest Mitleid zu verlangen." Und dann meinte er in einer Anspielung auf den japanischen Krieg gegen China, die italienische Invasion Äthiopiens und den spanischen Bürgerkrieg. "China, Äthiopien, Spanien, sie sind die Stationen meines Unglücks."

    In seinem Brief an die Freunde in Ein Harod erklärte Korczak, daß nur seine Unkenntnis des Hebräischen ihn davon abhielte, sich sofort im Kibbuz niederzulassen. Nachdem er die Sprache in Jerusalem erst einmal gelernt, etwas frische Luft geatmet, seine Glieder gestreckt und seinen Humor wiedergefunden hätte, wollte er zu ihnen kommen. Und in einer merkwürdigen gedanklichen Wendung, als ob er ahnte, daß all dies nie eintreffen würde, fügte er hinzu: " Es klingt vielleicht unverständlich, aber ich glaube, wenn ich nicht als müder, gequälter alter Mann zu euch komme, um das, was von meinen Fähigkeiten noch übrig ist, mit euch zu teilen, dann werde ich als ein Kind zu euch kommen, das seine Lebenswanderung neu beginnt".

    Nur Arnon gegenüber sprach er von seinem Mangel an Überzeugung, ob er sich wirklich "auf Dauer" in Palästina niederlassen wollte. Er würde sich an ein anderes Leben, anderes Klima, eine andere Sprache und andere Umgebung gewöhnen müssen. "Wenn man sechzig ist, ist es unmöglich, die Dinge anders zu betrachten, das ist verboten. Der Mensch ist für seinen Geist verantwortlich, für seine eigene t zu denken - das ist seine Werkstatt." Sein Trost war, daß er schließlich doch reisen würde. "Ich habe mich gefragt: Ist es zu spät? Nein. Wäre ich früher gefahren, wäre ich mir wie ein Verräter vorgekommen. Man muß bis zum letzten Moment auf seinem Posten ausharren." Diese "letzte Pilgerfahrt", auf die er sich begab, brachte eine ebenso schwere ethische Bürde mit sich wie die, die er ablegte. Für ihn hatten die Juden die "moralische Verpflichtung", den unterdrückten Rassen in China, Südafrika, Amerika und Indien zu helfen. Palästina sollte zu einem zweiten Völkerbund werden. So wie Genf als Parlament diente, das solch weltliche Gelegenheiten wie Krieg, Weltgesundheit und Erziehung überwachte, so sollte Jerusalem die Rechte des einzelnen auf ein geistige s Leben vertreten.

    Im Mai 1937 sollte er abreisen, aber er tat es nicht, sondern schrieb Zertal, daß sein Gewissen es nicht zuließe, die Kinder gerade jetzt allein zu lassen. Dem Dichter Zerubavel Gilead schrieb er in seiner üblichen ironischen Art, einer der Grunde für sein endloses Zögern, nach Palästina zu kommen, sei die Sprache. "Ich bin alt. Mir fallen die Zähne aus, meine Haare sind schon ausgefallen. Euer Hebräisch ist eine harte Nuß. Die braucht junge, starke Zähne."

    Wie dem jüdisch-polnischen Dichter Julian Tuwim war auch ihm die polnische Sprache "Heimatland". Die Muttersprache war "kein Stück aus Regeln und moralischen Geboten, sondern die Luft, die die Seele atmet".

    Statt sich auf seine Abreise vorzubereiten, verbrachte Korczak den Juni und Juli jenes Sommers in den polnischen Bergen, "um mich an die Berge Palästinas zu erinnern". Auf einem entlegenen Bauernhof sollte er Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben haben. Seine widerstreitenden Bedürfnisse - in Polen zu bleiben und für das zu kämpfen, woran er glaubte, oder sich nach Palästina in ein Leben ruhiger Betrachtungen zurückzuziehen - zeigen sich in den beiden Bändchen über Louis Pasteur und Moses, die dort entstanden sind.

    "Das Leben großer Männer ist wie eine Legende - schwer, aber schön", schrieb er in dem Band über Pasteur, der als der erste einer Serie von Kurzbiographien gedacht war, die sich mit Pestalozzi, Leonardo, Pilsudski, Fabre, Ruskin, Mendel, Waclaw Nalkowski und Jan Dawid befassen sollten. (Es war ein ähnliches Projekt, wie es sein Vater und sein Onkel vor siebzig Jahren in Angriff genommen hatten.)

    Korczak identifizierte sich mit Pasteur, dessen "schönes Leben im Kampf um die Wahrheit verbracht wurde" und dessen Haltung Kindern gegenüber der seinen so ähnlich war. "Wenn ich ein Kind sehe, empfinde ich zwei Dinge - Zärtlichkeit für das Kind jetzt und Respekt für den Menschen, der es werden kann", hatte Pasteur geschrieben. Er lehrte die Welt vieles von dem, was Korczak seinen Kindern beibrachte: sich die Hände zu waschen, abgekochtes Wasser zu trinken, die Fenster zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. Er hatte den Mut, bei seinen Experimenten "Ich weiß nicht" zu sagen, und gab niemals auf, selbst nicht bei den größten Schwierigkeiten.

    Das Buch über Pasteur widmete Korczak seiner Schwester Anna Lui, erzählte Freunden allerdings, er habe es für Kinder geschrieben in einer Zeit, in der der "Hitler-Wahnsinn" die Macht über alles ergriffen hatte, was anständig war. Er wollte sie wissen lassen, daß es auf der Welt Leute gab, die ihr Leben für die Menschheit einsetzten.

    Wenn Korczak sich Pasteur ausgesucht hatte, diesen Wissenschaftler und Heiler, der gegen allen Widerstand seinen einsamen Weg ging, um sich von ihm Kraft für diese schweren Zeiten zu holen, so wandte er sich der "harten Wahrheit des Moses" zu, des Gesetzesspenders der seelischen Kräfte. Auch das Buch über Moses war der erste Band einer Reihe, die er zu schreiben plante, und zwar über die frühen Jahre der biblischen Helden. David, Salomo und Jeremia waren auf seiner Liste, auch Jesus, doch es überrascht nicht, daß er sich entschied, mit Moses zu beginnen - dem Findelkind, das unter Fremden hatte leben müssen, bis es schließlich zu seinen eigenen Leuten zurückfand.

    Wie Freud, schrieb Korczak sein Buch über Moses gegen Ende seines Lebens. Es war nicht seine Absicht, Moses' Ursprünge in Frage zu stellen, wie Freud es getan hatte, sondern es ging ihm darum, wie ein guter Geschichtenerzähler jene Fragen zu stellen, die die fehlenden Stücke der ersten Geschichte ergänzen würden. Warum hatte seine Mutter das Kind nach drei Monaten versteckt statt nach zwei oder vier? Was haben sein Vater und seine Mutter vor und nach seiner Geburt wohl miteinander besprochen? Man kann Moses verstehen, auch wenn er vor viertausend Jahren gelebt hat, denn er ist nicht anders, als die Kinder heute sind, sagte Korczak seinen Lesern. Wenn wir uns an unsere eigene Kindheit erinnern, können wir zu Moses werden, und wenn wir unsere Erfahrungen als Erwachsene betrachten, ahnen und verstehen wir, warum Moses' Eltern diese schwierigste aller Entscheidungen trafen: ihr Kind aufzugeben.

    Korczak sah Moses als ein Kind, das in einer schrecklichen Zeit unter Todesdrohungen lebte. Er sah ihn im Schilf verloren, dann gefunden und im Palast des Feindes erzogen. Er sah ihn mit Alpträumen und Sehnsucht nach seinem verlorenen Zuhause. Er kannte Kinder, also kannte er Moses - denn Moses war ein Kind, bevor er zum Gesetzgeber wurde, und hatte die ewiggültigen Gefühle der Kindheit erfahren.

    "Während er schläft", schrieb Korczak, "weiß er nicht, daß seine Mutter ihn ans Flußufer bringen wird . . . Er weiß nicht, daß sich das Meer vor ihm teilen und daß er ein Führer werden wird und ein Gesetzgeber. Er weiß nicht, daß er in der Wüste sich bei Gott beklagen wird: >Warum liebst du mich so wenig, daß du mir ein ganzes Volk aufbürdest? . . . Ich kann diese Bürde nicht tragen, sie ist zu schwer für mich. Bitte töte mich."< Als Korczak im August mit seinen beiden Manuskripten nach Warschau zurückkehrte, schien sich seine Stimmung durch diesen Umgang mit Pasteur und Moses gehoben zu haben. Bis Ende des Jahres unternahm er nur noch "halbherzige Versuche", nach Palästina zu kommen. Geld und Sprache seien immer noch Hemmschwellen, schrieb er Joseph Arnon, aber er müsse sich auch innerlich "reinigen", alle flüchtigen Gedanken verbannen und "durch die Stille in der Stille" noch einmal all das erleben, was ihm je widerfahren war. Manchmal habe er das Gefühl, sein Kopf "platze". Dann wiederum höre er häufig einen strengen Vorwurf: "Du kannst die Welt nicht so lassen, wie sie ist." Wieder kehrten seine Gedanken zu jenem Kind zurück, das er nie gezeugt hatte. "Das Schicksal hat es bestimmt, daß alles, was ich tat, für ein Waisenhaus geschah und nicht für eine Familie. Ist es deshalb jetzt für mich so schwer? Auch dies ist ein endloses Thema." Er entschuldigte sich für seine "wilden" Gedanken. Er sollte von seinem Gedankenaustausch mit Zertal berichten, über Stefa, über das Tagesgeschehen. Und doch stellte er sich immer noch vor, daß er eines Tages in einem Brief wie diesem plötzlich auf das "magische Wort" stoßen würde, "das der heimatlosen Menschheit eine Zuflucht bringt".

    Am 4. November 1937 verlieh die Polnische Literaturakademie Janusz Korczak den Goldenen Lorbeer für herausragende literarische Verdienste. Es war gut zu wissen, daß er immer noch als polnischer Schriftsteller geschätzt wurde.

    Die gleiche enge Bindung an polnische Geschichte und Kultur empfand er im darauffolgenden Monat, als er bei der Beerdigung des führenden Sozialisten und alten Dichterfreundes aus den Tagen der Fliegenden Universität, Andrzej Strug, die Grabrede hielt. Tausende der politischen Linken, deren Untergrundkampf gegen das zaristische Reich er in seinem Werk Ludzie podziemni (Die Leute des Untergrunds) unsterblich gemacht hatte, folgten Strugs Sarg."

    Als Nalkowski starb", begann Korczak seine Rede, "waren die Zeiten auf andere Weise grausam, düster und gefährlich. Damals war unsere erste Reaktion: Was nun?" Er zitierte den Protagonisten aus Ludzie podziemni, der am Grab seines gefallenen Kameraden klagte: "Warum läßt er uns als Waisen zurück? Er hat sich ruhig schlafen gelegt, als wir ihn am meisten brauchten, das hätte er nicht tun sollen. Was wird aus uns?"

    Jetzt, wo es diesen Mann, der "in seinen Gedanken, in jedem Atemzug und dem Pulsschlag seines Herzens wachsam gewesen war", nicht mehr gab, würde alles schwieriger werden. Ohne ihn würde die Welt kälter sein.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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