Janusz Korczak Communication - Center
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Einsamkeit

    "Es gibt wenig von mir außerhalb des Waisenhauses", hatte Stefa an Feiga geschrieben, nachdem Korczak zu seiner Schwester gezogen war. Eine Zeitlang sorgte sie für einige Veränderungen im Haus - nach dem fünften oder sechsten Schuljahr erhielten manche Kinder Unterweisungen in praktischen Berufen, das Gebet vor dem Frühstück und nach dem Abendbrot wurde abgeschafft -, dennoch schien alles die gleiche Routine zu sein. Die jungen Erzieher, die sie ausgebildet hatte, in ihrer Abwesenheit das Haus zu führen, kamen durchaus ohne sie zurecht. Sie empfand keine Herausforderung mehr und fühlte sich auch nicht gebraucht. Und während sie auf ihr Visum für Palästina wartete, entschied sie sich im Januar 1937, ihre Position im Waisenhaus aufzugeben und sich ein Zimmer zu suchen.

    Unfähig zur Untätigkeit, übernahm sie eine Aufgabe bei CENTOS, einer Wohlfahrtsorganisation, die einhundertachtzig progressive Waisenhäuser in Polen betreute. An drei Wochentagen reiste sie durchs Land und inspizierte die verschiedenen Häuser.

    Stefas Abkehr von der Arbeit mit Kindern scheint Feiga bedenklich vorgekommen zu sein, denn Stefa versicherte ihr."Selbstverständlich werde ich ein Büro in der Krochmalna behalten." Nie würde sie den Platz aufgeben, wo sie sich mit "ihren Kindern" traf, die immer noch jede Woche mit ihren Familien hereinschauten, ebensowenig wie sie je aufhören würde, mit denen zu korrespondieren, die ihr von überall her in der Welt schrieben; aber jetzt brauchte sie Raum für sich selbst, brauchte eine Veränderung. "Ich kann dir egoistischerweise eingestehen, daß ich lerne, mein bescheidenes, ruhiges und sonniges Zimmer zu schätzen. Niemand klopft an die Tür, niemand kommt, den ich nicht eingeladen habe. Ich muß keine guten Ratschläge erteilen, Telefonanrufe erledigen, Fragen beantworten. Ich kann schlafen gehen, wann ich Lust habe, und heimkommen, so spät ich will. Ich weiß, daß ich meiner neugewonnenen Freiheit nach einem Jahr oder so entsagen werde, aber jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren im Geschirr, genieße ich sie ungemein."

    Stefas Einzimmerwohnung mit Küche und Bad war klein und schlicht, erzählte Misha Wroblewski, der sie dort besuchte.Sie war ihrem Zimmer im Waisenhaus sehr ähnlich, mit wenigen persönlichen Dingen - außer ihren Kakteen. Sie tranken Tee miteinander, und es fiel Misha auf, daß er sie noch nie hatte still sitzen sehen, noch nie wirklich mit ihr geredet hatte. "Wie halten Sie es aus, das Waisenhaus nach all den Jahren zu verlassen?" hatte er sie gefragt.

    Und sie hatte in ihrer offenen und direkten Art geantwortet:

    " Schau, alle paar Jahre wechseln die Kinder. Nach einer gewissen Zeit kann man sich mit den Neuen nicht mehr so intensiv beschäftigen, wie man es früher tat. Und mit den Kindern zu arbeiten, ohne sie sehr zu lieben, ist etwas, was man nie tun so11te." Sie sagte nichts von dem, was für viele der Wahrheit näherkam: daß nämlich das Waisenhaus ohne Korczak nicht mehr dasselbe war.

    Für CENTOS empfand Stefa keine ähnliche Verpflichtung wie für das Waisenhaus. Sie arbeitete nur, um ihre Miete zu bezahlen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und kleine Geschenke für ihre "Kinder und Enkelkinder" kaufen zu können, bis ihr Visum genehmigt war. Wie Korczak, hatte auch sie immer nur ein minimales Gehalt bezogen und verfügte über so gut wie keine Ersparnisse.

    Obwohl ihre Aufgabe sie nicht besonders begeisterte, erfüllte sie sie mit großer Sorgfalt. Viele ihrer Charakterzüge zeigten sich in der Art und Weise, wie sie die Waisenhäuser des CENTOS inspizierte. Sie war fair. Sie kam nie unangemeldet, sondern informierte die Direktoren stets rechtzeitig über ihre Ankunft. Sie war klug. Sie blieb in jedem Haus für einige Tage und sah sich nicht nur an, was die Kinder aßen, sondern auch, wie sie mit ihrem Essen umgingen. Wenn sie es verschlangen, wußte sie, daß sie am Tag zuvor hungrig gewesen waren. Sobald sie auf dem Weg zur Schule waren, ging sie durch die Schlafsäle und untersuchte die Laken, um festzustellen, wie oft sie gewaschen wurden. Der Zustand der Badezimmer sagte auch einiges über die Qualität eines Waisenhauses aus.

    Als Stefa nach Warschau zurückkam, erzählte sie Geschichten, die ihren Sinn für das Absurde erkennen ließen. In einem der Häuser hatte einer der Gönner den Mädchen Broschen geschenkt, die ein anderer als frivol verwarf. Jeden Tag mußte also jetzt eine Wache am Fenster postiert werden, um Ausschau zu halten, welcher Gönner sich dem Heim näherte und ob die Mädchen die Broschen anstecken konnten oder nicht.

    Wenn es möglich war, verteidigte Stefa stets das Personal. Sie sah, daß ihre Zimmer ebenso kalt waren wie die der Kinder und daß sie genauso hungrig waren. Doch dienten diese Erfahrungen dazu, ihre Desillusionierung über Kinderheime nur noch weiter zu verstärken, die sie seit ihrem Aufenthalt in Ein Harod empfunden hatte. Mitzuerleben, wie ein Kind im Kinderhaus aufwuchs und gleichzeitig sein Leben mit seiner Familie und der Gemeinschaft teilte, hatte ihre Ansichten verändert.Jetzt war sie überzeugt, daß Polens Waisenhäuser zu Heimen gemacht werden sollten, in denen Kinder einen stärkeren Kontakt zu ihren Verwandten hatten. Wo das nicht möglich war, sollte man die Kinder in kleinen, familienähnlichen Einheiten betreuen.

    In ihrem Aufnahmeantrag für den Kibbuz hatte Stefa geschrieben: "Ich bin ein unehrlicher Mensch. Seit sechs Jahren bin ich eindeutig gegen Kinderheime wie unseres, aber dem Gesetz der Trägheit folgend, bin ich geblieben." Häufig sagte sie im Scherz zu Warschauer Freunden: "Bevor ich sterbe, möchte ich ein Buch schreiben: Schafft das Kinderheim ab."

    Stefa war außer sich vor Freude, als sie hörte, daß Feiga im August einen kleinen Buben geboren hatte. (Jahre zuvor hatte sie ihr zu einem Kind geraten, selbst wenn sie niemals heiraten sollte.) Da sie noch kein Visum hatte, konnte sie nicht nach Ein Harod eilen, um bei Mutter und Kind zu sein. In den nächsten Monaten schrieb sie daher ständig an Feiga, die an einer Postpartum-Depression litt. "Man denkt immer, diese Erfahrung sei ganz problemlos", schrieb sie ihr, als der Kleine zwei Monate alt war. "Es wundert mich nicht, daß deine Nerven versagt haben.Nur in den Büchern wird immer so poetisch von den >Segnungen< und >heiligen Gefühlen< der Mutterschaft gesprochen. Ich kenne zufällig eine ganze Reihe von sehr vernünftigen Frauen, die mit dem Schock des ersten Kindes überhaupt nicht zurechtkamen - besonders wenn sie fünf bis zehn Jahre verheiratet waren." Aber Stefa brauchte auch Bestätigung: "Und ich bin ganz sicher, mein Liebling, daß du dich weniger einsam fühlen und mich immer weniger brauchen wirst."

    Jedesmal wenn sie in der Zeitung von arabischen Angriffen auf jüdische Siedlungen las, sorgte Stefa sich um Ein Harod."Ich fürchte, du verbirgst etwas vor mir" oder. "Ich habe das Gefühl, du hast Geheimnisse, weil du mich nicht ängstigen willst", ist dauernd in ihren Briefen zu lesen. "Um Gottes willen, schreib mir, und wenn es bloß eine Postkarte ist." Feiga reagierte wie eine rebellische Tochter, hielt manchmal Briefe zurück und beschuldigte Stefa, herrisch zu sein. Viele von Stefas Briefen begannen mit "Nun sei mir bloß nicht böse!" oder:"Vielleicht bist du mir böse, aber . . .", bevor sie von irgend etwas berichtete, was sie eingefädelt hatte, oder von Geschenken, die sie gesandt hatte. In einem Paket mit drei Blusen fand Feiga einen ihrer typischen Zettel: "Ich bin sicher, sie werden dir nicht gefallen: die erste wegen der Farbe, die zweite wegen des Schnitts und die dritte wegen der Knöpfe."

    Korczak gegenüber hatte Stefa kein anderes Thema als Feigas Neugeborenes, obwohl Korczak ihre Zuneigung zu Feiga nicht teilte. Feiga äußerte nämlich deutlich ihren Unwillen darüber, daß Stefas Verdienst am Gelingen des Waisenhauses viel zuwenig gewürdigt wurde. Während Stefa auf ihr Visum wartete, paßte sie häufig auf Romcia auf, die kleine Tochter von Roza und Jozef Sztokman, zwei Mitgliedern der Bursa. Romcia war im selben Monat geboren wie Feigas Sohn und bewohnte mit ihren Eltern jetzt Korczaks ehemalige Mansarde. Ihre Mutter Roza war im Waisenhaus aufgewachsen und inzwischen für die Küche verantwortlich. Als Romcia geboren wurde, hatten sich die Praktikanten zugerufen: "Wir haben ein Kind!" Korczak war von der Kleinen völlig fasziniert und nahm sich an den Tagen, die er im Waisenhaus verbrachte, immer Zeit, mit ihr zu spielen. Wie vernarrte Großeltern tauschten er und Stefa ihre Erfahrungen aus bei jedem ihrer Zusammentreffen, das der Vorbereitung eines Projektes galt, von dem sie beide im Grunde wußten, wie unwahrscheinlich seine Verwirklichung war. "Lach nicht, aber ich bringe dem Doktor Hebräisch bei", berichtete Stefa an Feiga. "lch schreibe dieWörter auf, wie sie auf Polnisch klingen würden, er wiederholt den Klang und schreibt sie nach seiner eigenen Methode phonetisch auf."

    Als sie schon die Hoffnung aufgeben wollte, erhielt Stefa im März 1938 ihr Einwanderungsvisum. Es sei die höchste jüdische Auszeichnung, die sie jemals erhalten habe, meinte sie. Sie schrieb sofort an Feiga und fragte sie, ob sie ihre Wäsche kennzeichnen sollte und wenn ja, wie. Sie konnte nicht länger Hebräisch lernen, weil ihr Kopf mit zu vielen Dingen "vollgestopft" war.

    Und Feiga "sollte nicht böse sein" - sie hatte kein eigenes Zimmer beantragt, sondern lediglich um eine Ecke bei irgend jemandem gebeten.Und dennoch - nun hatte sie endlich ihre Papiere, aber wohl war ihr nicht dabei. "Es ist so schwer, den Doktor hier zu lassen", schrieb sie Feiga. Sie versuchte ihn zu bewegen, ihr zu folgen. "Wenn er einen anderen Charakter hätte, könnte er vom Jüdischen Nationalfonds in einem Moschaw ein Stück Land bekommen, denn er ist doch jetzt Beauftragter dort. Aber jetzt ist er wieder deprimiert und uninteressiert."

    Korczaks Depression hatte wahrscheinlich etwas mit Stefas bevorstehender Abreise zu tun. Er warnte sie vor der gnadenlosen Hitze in Palästina, an die sie nicht gewöhnt sei, und meinte, daß sie mit zweiundfünfzig für die ganze Anstrengung vielleicht doch schon zu alt sei. Stefas Entschluß kam ins Wanken. Sie schrieb an Feiga: "Ich bin nicht wie eine der alten Frauen, die in das Land Israel kommen, um zu sterben, aber ich mache mir doch Gedanken darüber, wie mir das Wetter und die Lebensbedingungen bekommen werden."

    Trotz ihrer widerstreitenden Gefühle traf Stefa sämtliche Vorbereitungen für ihre Abreise. Sie kündigte ihren Posten bei CENTOS, versprach den Kindern im Waisenhaus, ihnen allen zu schreiben, und erklärte sich bereit, Berichte über ihr Leben in Palästina an die Kleine Rundschau zu schicken, die sie nach Korczaks Rücktritt für eine kurze Zeit gemeinsam mit Newerly herausgegeben hatte. Der Abschied von der kleinen Romcia fiel ihr besonders schwer, aber Feigas kleiner Bub wartete ja auf sie. Am meisten fürchtete sie den tatsächlichen Moment der Abfahrt. "lch habe Angst vor Abschieden, und die Begrüßungen, die mich erwarten, machen mich verlegen", gestand sie Feiga.

    Stefa war fort, und Korczak blieb immer noch in Warschau. Die politische Situation mochte traurig sein, aber Korczak hielt an seinem Glauben fest, daß die liberale Schicht in der polnischen Gesellschaft das wahre Gesicht Polens repräsentierte. Sein Glaube wurde durch die vielen Polen bestärkt, die ihn immer noch schätzten und Antisemitismus verabscheuten. Enge Freunde beim Rundfunk hatten dafür gesorgt, daß Sendezeit zur Verfügung stand, falls er den "alten Doktor" wiederaufleben lassen wollte. Zunächst hatte er gezögert, weil er fürchtete, "die Dinge könnten wieder in Mißtönen enden", aber schließlich ließ er sich überreden. Für seine ersten drei Radioplaudereien wählte er das Thema Einsamkeit: "Die Einsamkeit des Kindes", "Die Einsamkeit der Jugend" und "Die Einsamkeit des alten Mannes."

    Wie Henry James hätte Korczak sagen können, daß seine Einsamkeit "das Tiefstgehende" an ihm war. der Hafen, aus dem er auslief, und auch der Hafen, zu dem sich sein Kurs schließlich wieder hinlenken würde. In seinem ganzen Erwachsenenleben hatte er die Einsamkeit des Kindes in einer fremden erwachsenen Welt aufgezeigt und gelegentlich die "ungeduldige, merkwürdige Einsamkeit" des Heranwachsenden; nun aber befaßte er sich leidenschaftlich mit der Einsamkeit des alten Mannes, denn das war seine Einsamkeit. Sich als den " alten Doktor" zu bezeichnen, war eine Sache, mit dem herannahenden Alter fertigzuwerden, eine andere.

    "Wann beginnt die Einsamkeit des Alters?" fragte der "alte Doktor" einen uralten Lindenbaum, den er als sein Ebenbild erkannte. "Mit dem ersten grauen Haar? Mit dem ersten gezogenen Zahn, der nicht mehr nachwächst? Mit dem ersten Enkelkind?" Diese Unterhaltung mit dem Baum war "Tagebuch, Beichte, Bilanz, Testament". Er stellte jene Frage, die er sich selbst sein ganzes Leben lang gestellt hatte:

      Wer bist du? Pilger, Wanderer, Verworfener, Deserteur, Bankrotteur, Ausgestoßener? . . . Wie hast du gelebt?

      Wieviel Land hast du bestellt? Wie viele Laibe Brot hast du für andere gebacken? Wieviel hast du gesät? Wie viele Bäume hast du gepflanzt? Wie viele Steine hast du vermauert, bevor du deinen Abschied nimmst? Wie viele Knöpfe hast du angenäht? Wie viele Kleider hast du geflickt? Wie viele Socken hast du gestopft? . . . Und während du lebtest, hast du da nur gleichgültig zugeschaut, wie dein Leben vorbeifloß? Hast du den Kurs bestimmt, oder wurdest du mitgezogen?

    Die einsamen Menschen der Nation fanden sich in Tausenden von Briefen an den "alten Doktor", die beim Rundfunk eingingen. Doch wenn auch der "alte Doktor" wie ein Baum sprach, der fest in Polens Erde verwurzelt war, forschte er doch nach den Möglichkeiten einer Verpflanzung. "Seit Frau Stefas Abreise gibt es nichts Neues hier", schrieb er einem ehemaligen Praktikanten nach Tel Aviv und fragte ihn dann, ob er nicht eine Pension wisse, wo er für einige Monate ein Zimmer mieten könne.

    Nach Ende der Sendungen über die Einsamkeit machte der Doktor ein anderes Programm mit dem Titel "Meine Ferien". Im Juni 1938 war er jeden Montag und Donnerstag um 15.45 Uhr zu hören: Er erzählte von seinen Erfahrungen mit Kindern, die ihm überall in seinem Leben auf seinen Reisen in die Berge und aufs Land begegnet waren.

    In einer der Sendungen brachte er einen lyrischen Bericht über einen Bootsausflug mit einigen seiner kleinen Freunde, der sehr viel vom Zauber jener unsterblichen Reise hatte, die Lewis Carrol Alice und ihre beiden Schwestern fünfzig Jahre früher ins Wunderland unternehmen ließ. "Wenn ich mit Kindern zusammen bin, dann begleite ich sie", begann der "alte Doktor"."Und sie mich. Wir reden oder auch nicht. Keiner ist der Anführer. Es ist meine und ihre Stunde am Dock, in der wir zusammen sind - unsere gemeinsame schöne Stunde. Sie wird nicht wiederkehren."

    Die Kinder im Alter von fünf bis vierzehn kamen von nervösen Müttern begleitet zur Anlegestelle

    "Nehmen Sie auch ein Kind, das noch nicht zur Schule geht?"

    "lch nicht, das Boot schon."

    Das Boot wirkte stabil und gut ausbalanciert, der Skipper vertrauenerweckend und erfahren. . . . Also nur noch die Fragen nach Wetter, überzieher, Käse, Seekrankheit, ob Sonnenhüte oder nicht, ob man einen Fußball, ein Taschenmesser und einen Hund mitnehmen durfte und rechtzeitig zum Abendbrot wieder zurück sein werde, weil Mütter sich ängstigen.

    Ein Pfiff. Das Boot setzt sich in Bewegung. Sie winken. Stille.

    "Aussichten, Landschaften ändern sich. Platsch. Das Wasser funkelt blau."

    Dieser Geschichtenerzähler ist kein Phantast, der die Kinder in den Kaninchenbau hinabführt, sondern eher ein Wissenschaftler, der sich skeptisch mit den Dingen der wirklichen Welt auseinandersetzt:

    "Gibt es so was wie Drachen?"

    "lch glaube nicht."

    "Hat es die je gegeben?"

    "In der Geschichtsschreibung werden sie nicht erwähnt. Es gab prähistorische Tiere . . ." Nachdem Fragen gestellt wurden wie "Kann einem Frosch die Nase laufen? " und "Gibt es giftige Bäume?", beschlossen sie, bei Ankunft im Gasthof eine wissenschaftliche Gesellschaft zu bilden. "Die Teilnahme ist nicht Vorschrift. Das Treffen kann nach dem Mittagessen oder abends stattfinden. Vorausgesetzt, die Mutter erlaubt's. Man hat das Recht einzuschlafen, auch während dieser Planungsphase. (Ich selbst bin bei wissenschaftlichen Zusammenkünften oft eingeschlafen.)"

    Und so kehrten sie dann zurück, keiner war beim Landaufenthalt verlorengegangen, und es hatte sich nichts Ungewöhnliches ereignet, außer daß ein Mädchen entdeckt hatte, wie schön Blätter in einem Blumenstrauß aussahen, und ein Bub gelernt hatte, daß man Ameisen nicht mit Erde zudecken darf."Und wer weiß, vielleicht ist die Ameise jetzt daheim und erzählt all ihren Freunden, wie sie noch einmal davongekommen ist", beendete der "alte Doktor" seine Radioplauderei.

    Der " alte Doktor" war, so sein Freund Jan Piotrowski, der bedeutendste Humanist und Intellektuelle, der im polnischen Rundfunk zu hören war. Der Herausgeber des Radiomagazins Antenne meinte:

      "Er sprach zu den Kindern wie zu Erwachsenen und zu den Erwachsenen wie zu Kindern. . . . Er hatte Verständnis für uns, plazierte aber immer noch ein Stethoskop über jedes Herz und jede Seele. Sorgfältig gelangte er zu seiner Diagnose, und bevor man sich umsah, war der gütige >alte Doktor< verschwunden. Aber auf deinem Tisch hatte er ein Rezept und eine Münze liegen lassen, denn er wußte, daß du, sein Patient, ärmer warst als er."

    In dem kleinen Bändchen, das Piotrowski nach dem Krieg über Korczak veröffentlichte, berichtet er davon, daß der Freund ihm gestattet hatte, seine "wunderbare Serie über die Einsamkeit" in der Antenne abzudrucken. Auf die letzte Druckfahne hatte er geschrieben: " Hier endet die dritte Plauderei des >alten Doktors<, um dann zu fragen: "Wann werden wir den >alten Doktor< wieder hören?" Es war ein Appell sowohl an Korczak wie auch an den Programmdirektor des polnischen Rundfunks, zu einer Einigung über zukünftige Sendungen zu kommen. Er hoffte, daß die Rundfunkgewaltigen von den Gesprächen über die Einsamkeit so berührt sein würden, daß sie sich dem Druck von rechtsgerichteten Kreisen nicht beugten, die "einem so bedeutenden Mann seine nicht-arischen Wurzeln nicht verzeihen konnten". Piotrowskis Appell ging ins Leere.Der Sender wurde von Antisemiten erneut unter B eschuß genommen, und wiederum verschwand der "alte Doktor" aus den Ätherwellen. Einige Monate später erhielt Piotrowski eine "offizielle und definitive Verfügung" vom Programmdirektor, kein Material des "alten Doktors" im Radiomagazin mehr abzudrucken und den Plan, die Radioplaudereien als Buch herauszubringen, fallenzulassen.

    Während die polnische Welt fortfuhr, Janusz Korczak auszuschließen, nahm die jüdische Welt ihn immer mehr auf. Aus ganz Polen erreichten ihn die Einladungen der jüdischen Gemeindezentren, denen er gern folgte, weil sie ihn, wie er einem Freund schrieb, an die kleinen Ansiedlungen in Palästina erinnerten. Vielleicht würde er etwas lernen; vielleicht könnte er auch die Stimmung dieser armen, ehrlichen Leute dadurch heben, daß er ihnen erzählte, was im Land geschah.

    Rachel Bustan, die 1938 zehn Jahre alt war, erinnerte sich an die Aufregung, als der "alte Doktor" in ihrer kleinen Stadt in der Nähe von Oswiecim (das später als Auschwitz in die Geschichte eingehen sollte) eintraf, um im jüdischen Gemeindezentrum zu sprechen. Er sah überhaupt nicht bedeutsam aus, wie er da still am Pult saß, die Hände auf dem Schoß gefaltet hatte und die Geschichte vom Gestiefelten Kater erzählte.

    In Warschau hielt Korczak Vorträge vor den Jungen Pionieren, die auf ihre Visa nach Palästina warteten. Es beschäftigte ihn weniger, sie auf das Leben in diesem Land vorzubereiten, als sie anzuregen, niemals ihre Neugierde auf die Welt zu verlieren. "Wir müssen uns um Antworten bemühen, die man nicht in den Büchern findet, denn wir suchen nach den größeren Wahrheiten über den Menschen und das Universum", sagte er in einem Vortrag mit demTitel "Wir wissen nicht". Er erinnerte sie daran, daß die großen Wissenschaftler sich nicht scheuen, ihr Unwissen über die Geheimnisse der Erde einzugestehen, und zitierte einen Talmud-Schüler: "lch habe von meinen Lehrern und Kollegen sehr viel gelernt, am meisten jedoch von meinen Schülern."

    Nach den Vorträgen begleiteten ihn die Jungen Pioniere häufig nach Hause, nahmen ihn in ihre Mitte, um ihn vor möglichen Angriffen auf der Straße zu schützen. Es kam immer häufiger vor, daß jüdische Fußgänger von polnischen Schlägern belästigt oder bespuckt wurden, aber Korczak hätte nie zugegeben, daß er sich in Gefahr befand, oder sich auf irgendeine Weise einschüchtern lassen. Als er einmal mit einem seiner Buben in einer vollen Straßenbahn fuhr, deutete ein Mitfahrer, nachdem er die jüdischen Züge des Kindes gesehen hatte, auf einen freien Platz und sagte: "Will der alte Jude sich nicht hinsetzen? . " "Der Armeemajor kann sich leider nicht setzen, weil er eine Beule am Arsch hat", entgegnete Korczak eisig. Erstarrt vor Schreck, daß er einen polnischen Offizier beleidigt hatte, stieg der Fahrgast bei der nächsten Haltestelle aus.

    Korczak ermunterte seine Freunde, wenn sie aus Palästina zu Besuch waren, sich mit ihm die Stadt anzuschauen. Eines Tages ging er mit Moshe Zertal spazieren, der gerade mit Frau und Kind in Warschau eingetroffen war, um eine Angelegenheit des Hashomer Hatzair zu regeln. "Wir haben einen wundervollen Herbst in Polen. Du wirst nirgendwo eine solche Färbung des Laubes finden wie hier, noch nicht einmal in Palästina." Doch seine gute Stimmung verflog, als sie an einem großen Schild vorbeikamen: KAUFT NICHT BEl JUDEN! Er hielt einen Moment inne, um zu begreifen, und murmelte dann beim Weggehen: "Diese Idioten! Sie wissen ja nicht, was sie da tun. Sie ruinieren unser Land! " Nach diesem Ausbruch schwieg er eine Weile und meinte dann: "Das ist nicht gut, meine Freunde. Gar nicht gut. Menschliche Werte werden zerstört. Die Welt bebt."

    Die Ausläufer der Schockwellen des "Dritten Reiches" wurden immer stärker spürbar. Am 29. September 1938 annektierte Deutschland das Sudetenland. Und dann, in Reaktion auf Polens Aberkennung der polnischen Staatsbürgerschaft für Polen. die mehr als fünf Jahre im Ausland zugebracht hatten, trieben die Nazis achtzehntausend polnische Juden zusammen, die in Deutschland zum Teil zu Familien gehörten, die seit Generationen dort lebten, und transportierten sie an die polnische Grenze. Da sie keinen Stempel für die Wiedereinreise erhielten, siechten die Juden unter fürchterlichen Bedingungen im Niemandsland zwischen den beiden Staaten dahin. Als Hershl Grynszpan, polnisch-jüdischer Student in Paris, herausfand, daß seine Eltern gerade aus Deutschland ausgewiesen worden waren, erschoß er den dritten Sekretär der deutschen Botschaft in Paris. Die Nazis zerstörten daraufhin in ganz Deutschland Synagogen und jüdische Geschäfte in einem Ausbruch der Gewalt, dem einundneunzig Juden zum Opfer fielen. Die Nacht, in der das geschah, sollte als die Reichskristallnacht in die Geschichte eingehen.

    Hilflos diesem Beben der Erde gegenüber, begann Korczak, Geschichten über heldenhafte jüdische Buben zu schreiben, die über grenzenlose Macht verfügten. In einer dieser Geschichten mit dem Titel Träumereien träumt ein namenloser Bub davon, die Juden von der Verfolgung zu erretten. Er schmuggelt sich in ein Flugzeug nach England, und es gelingt ihm, vom König die Erlaubnis zu erhalten, daß alle Juden nach Palästina einwandern dürfen. Als er einen großen Goldschatz findet und weltberühmt wird, tut es Hitler leid, die Juden vertrieben zu haben, und er lädt sie ein, wieder zurückzukommen. Doch der Bub erklärt ihm, die Juden seien es leid, ständig irgendwohin eingeladen und dann doch wieder entwurzelt zu werden, und sie würden lieber in ihrem Heimatland bleiben. Und ganz im Geist König Hänschens ignoriert der Bub Hitlers Bitte, ihm Geld zu leihen, und kauft statt dessen Milch und Butter für die hungernden deutschen Kinder.

    Dieser beherzte Bub war nicht das erste jüdische Kind, das Korczak erschaffen hatte. In den frühen zwanziger Jahren hatte er eine Geschichte über einen Buben namens Hershkele angefangen, ein vierjähriges Waisenkind, das davon träumte, der Messias zu werden. Doch Hershkele wurde von König Hänschen verdrängt, dem großen König der Kinder, und mußte die späten dreißiger Jahre abwarten, bis er in Die drei Reisen des Hershkele wieder zum Vorschein kam.

    Hershkele - eine Koseform von Hirsh, dem hebräischen Namen für Henryk - träumt davon, das Gelobte Land zu sehen, und unternimmt von seinem Dorf aus dreimal den Versuch, dorthin zu gelangen. Anders als Hänschen, der einen Palast bewohnte, lebt Hershkele in einer Mansarde, wo das Fenster kein Glas hat, Statt der königlichen Lehrer hat er nur zwei Menschen, die ihm etwas beibringen: seinen großen Bruder Lieb, der standig nur vom Gelobten Land redet, wo alle Honig, Feigen und Fisch mit Nudelsuppe essen, und einen verkrüppelten Wahnsinnigen, der ihm sagt, jeder Mensch müsse sich auf seine eigene Suche nach Gott begeben.

    Hershkele möchte die Welt in Ordnung bringen, prahlt mit einem großen Stock als Schwert und sucht Sonne und Mond auf der Müllhalde. Er wird zu Moses und erklimmt die Halde, um die Zehn Gebote zu empfangen. Seine kleine Freundin Malka wird zum jüdischen Volk. Sie steht am Fuß der Müllhalde und will nicht auf Gott hören. Hershkele schlagt sie mit seinem Schwert, und sie rennt weinend nach Hause. Malkas Mutter schimpft ihn aus, aber Hershkele/Moses traumt weiter davon, arme Juden durch die Wüste in ein Land zu führen, "wo es Brot, Honig und Trauben gibt".

    Der greise Abraham sagt zu Hershkele: "Wer weiß, vielleicht wirst du im Lande Israel berühmt sein." Und meint dann: "Doch Palastina ist weit weg. Noch ist nicht die Zeit."

    Hershkele schafft es nie nach Palastina, obwohl er bei seinem ersten Versuch sogar bis zum Markt und darüber hinaus kommt:

      Er ist schon außerhalb der Stadt. Er ist schon in der Wüste. Er wandert ganz allein. Er sieht einen Fluß, eine Brücke. Er sieht ein Boot. Und da drüben ein Gehölz, kleine Hauser, kleine Kühe und kleine Pferde. Er hatte nicht gewußt, daß in Palastina alles so klein war.Er marschiert weiter, bis er nicht mehr kann.

      Gleich wird er umfallen.

      Er schlagt sein Schwert auf den Boden und erwartet, daß Wasser' sprudeln wird. Und dann wird ihm schwarz vor den Augen.Als er erwacht, findet er sich im Haus der reichen Sarah, die ihm süße, weiße Milch gibt.Esther sagt: "Er hat die Masern. Aber er wird schon gesund werden."

    Der Möchtegern-Messias unternimmt zwei weitere Versuche, aber er gelangt niemals nach Palastina.

    An einem trüben Tag ende November 1938, als Korczak "in gedrückter Stimmung" im Waisenhaus eintraf, überraschten ihn die Kinder mit einem Film, den sie mit einem gewachsten Karton und einer Glühbirne hergestellt hatten. "es war naiv, primitiv und bewegend", schrieb er an Joseph Arnon. "Ihre Begeisterung und ihre Angst, daß es vielleicht nicht klappen könnte, die Aufregung der anderen, die darauf warteten, daß die Vorführung beginnt, die Begleitung durch ein Akkordeon - alles wunderschön. eine ungeheure erfahrung für mich. Die Arbeit, die Anstrengung, das Risiko, und alles wurde zum Triumph."

    Auf Arnons Frage nach seinen Plänen schrieb er: "Ich möchte den Winter unbedingt in Palästina verbringen, weil ich den Sommer und Frühherbst bereits kenne. Lot Airline hat sich bereit erklärt, mich zum halben Preis fliegen zu lassen, aber ich bringe es immer noch nicht zusammen."

    Es gab immer irgendeinen Grund, der Korczak davon abhielt, nach Palästina zu gehen. So wie für Hershkele war es auch für ihn noch nicht Zeit. Doch die Zeit wurde immer knapper.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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