Janusz Korczak Communication - Center
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Die Religion des Kindes

Das Kind schläft.
Die Augen schlafen, die Lippen schlafen.
Und auch die Nase schläft.
Jetzt sind die kleinen Augen müde.
Augen sagen gute Nacht, Lippen sagen gute Nacht, auch ich sage gute Nacht; schlaf, mein Kleines, schlaf.

Wiegenlied

    Anfang des Jahres 1939, als rechte Gruppen damit beschäftigt waren, gegen die Juden zu hetzen, war Korczak "mit der Krochmalna beschäftigt". Außerdem versuchte er - erfolglos -, Wiegenlieder zu komponieren, aber "man braucht Ruhe, um für Kinder zu schreiben, und innere Ausgeglichenheit"; von beidem gab es damals in Polen recht wenig. Auf Sabina Damms Erkundigung, wann sie ihn in Palästina sehen würde, antwortete er mit seinem üblichen "Wer weiß? Wer weiß?". Aber er versicherte ihr, daß er nach wie vor kommen wolle. "Dort wird wenigstens der übelste nicht dem Besten ins Gesicht spucken, weil er Jude ist." Für die Schlaflosigkeit, an der sie immer in der Nacht vor einer Vorlesung litt, gab er ihr einen ermutigenden Rat, der Licht auf seine eigene Philosophie der Kreativität wirft: "Was leicht erreicht ist, hat wenig Wert. Angst, mangelndes Selbstvertrauen, Leiden - all das ist notwendig, bis du irgend etwas Wertvolles sagst oder schreibst."

    Im März 1939, ein Jahr nachdem Stefa in Ein Harod eingetroffen war, marschierten die Deutschen in Prag ein, und der Staat Tschechoslowakei hörte auf zu existieren. Viele, die aus Europa in den Kibbuz zurückkehrten, brachten Gerüchte eines bevorstehenden Krieges mit, und Stefa sorgte sich um Korczak. Als sie sich entschlossen hatte auszuwandern, war sie überzeugt, daß er nachkommen würde. Da das aber nicht der Fallwar, entschied sie, daß es besser war, zurückzufahren und seine Abreise zu organisieren. Feiga riet ihr davon ab, doch wenn Stefa sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, verfolgte sie ihr Ziel wie ein vom Bogen abgeschossener Pfeil. Sie wollte nach Warschau zurückkehren und Korczak bei allen Problemen beistehen, die ihm im Wege standen.

    Für Stefa war das Leben im Kibbuz nicht ohne Probleme verlaufen. Sie hatte gelernt, daß es nicht dasselbe war, ob man Gast in Ein Harod war oder dort lebte. Nachdem sie erst einmal Mitglied der Gemeinde war, erlebte sie häufig den gleichen Mangel an Rücksicht, wie er Verwandten zuteil wird. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte sie sich "wie ein Schiff, das den Ozean überquert", durch das Waisenhaus bewegt und mußte jetzt feststellen, daß sie hier über keine Autorität verfügte. Alles mußte in turbulenten Zusammenkünften, die ebenso ergebnislos wie endlos waren, beschlossen werden. "Um in einem Kibbuz irgend etwas zu ändern, braucht man dreihundert Jahre", beschwerte sie sich.

    Es gab nicht wenige Siedler, die es schon fast als unverschämt empfanden, daß "diese reizlose Neusiedlerin mit ihrem schlechten Hebräisch und ihrem starken polnischen Akzent" den Ablauf der Dinge bestimmen wollte. Nicht nur, daß sie bestimmt auftrat, zuverlässig und pünktlich war und mit Korczak gearbeitet hatte - ihre Zeiteinteilung und ihr gesamter Stil waren einfach anders. Manchmal hatten die Kibbuzniks das Gefühl, daß Stefa und Feiga sich gegen sie verschworen hatten. Feiga lächelte selten, und ihre ernsthafte Art schien genausoviel Reibungsfläche zu bieten wie die Stefas, als ob die beiden Frauen tatsächlich und nicht nur durch eine gemeinsame pädagogische Theorie miteinander verwandt wären. " Gebt mir ein fünf- oder sechsjähriges Kind", sagte Feiga, "und ich habe ihm ganz schnell beigebracht, sich allein anzuziehen."

    Natürlich merkte Stefa sehr genau, daß sie abgelehnt wurde, zumal einige Siedler es betont vermieden, mit ihr im Speisesaal zusammenzutreffen. Acht Monate nach ihrer Ankunft versuchte sie, die Situation zu entschärfen, und bat bei einer Kibbuz-Zusammenkunft ums Wort. "Ich glaube, daß ich hier nicht gebraucht werde", sagte sie auf ihre ehrliche Art. Sie habe das Gefühl, daß sie die Kinder auf eine Weise erziehen würde, die Kibbuzniks auf eine andere; daß sie die Kinder überhaupt nicht wahrnahmen, es sei denn, sie beschwerten sich, weil sie Lärm machten und ihre Nachmittagsruhe störten. "Ich habe Europa verlassen, weil ich glaubte, hier wirklich etwas beitragen zu können", sagte sie. "Aber ohne eure Unterstützung kann ich hier nicht effektiv arbeiten." Stefas von Herzen kommende Bitte klärte die Situation. Offene Konfrontationen waren im Kibbuz, wo jeder starken Spannungen ausgesetzt war, nichts Ungewöhnliches. Das Leben ging weiter, und die persönlichen Probleme mußten sich denen des Überlebens unterordnen.

    Aus ihren Briefen an das Waisenhaus in Warschau und an die Kleine Rundschau erfahren wir von den Neuerungen, die Stefa eingeführt hatte. In die nordöstliche Ecke des Speisesaales kam eine Schachtel für Fundgegenstände; für Kinder, die sie nachts benötigten, wurden in gut erreichbaren und gut beleuchteten Ecken Nachttöpfe aufgestellt; für jene. die nachts von Bauchweh oder Alpträumen aufwachten, wurden Lampen installiert; es wurde ein System eingeführt, das es der aufsichtführenden Schicht möglich machte, der nächsten Schicht Nachrichten und Informationen zukommen zu lassen. Stefa kämpfte mit den Baufirmen, die Lichtschalter und die Ketten für die WC-Spülungen nicht so hoch anzubringen, weil die Kinder beim Versuch, sie zu erreichen, ständig etwas kaputtmachten. "Es ist viel schwieriger, diesen Erwachsenen etwas zu erklären als den Kindern", schrieb sie. "Ich habe dem Baumeister gesagt, daß in unserem Haus in der Krochmalna in fünfundzwanzig Jahren lediglich einer von hundertundzehn Stühlen zu Bruch gegangen ist. Und selbst der tut jetzt ohne Beine noch seinen Dienst im Nähzimmer."

    Erst als Stefa am 22. April 1939 nach Polen abgereist war, lernten die Siedler ihre Arbeit in den Kinderhäusern zu schätzen. Sie hinterließ einen Brief, in dem sie dem Kibbuz für seine Gastfreundschaft dankte und für alles, was sie dort gelernt hatte. "Vielleicht sehe ich euch einmal wieder", formulierte sie vorsichtig und ließ ihre Zukunftspläne offen. Sie reiste mit Bedauern, aber ohne Illusionen ab. "Die Kibbuzniks wollen niemanden, der sie lehrt, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen", sagte sie zu Zerubavel Gilead, der als Kind aus Rußland in den Kibbuz gekommen war."

    Der Kibbuz war noch nicht reif für Stefa", sagte Gilead Jahre später.

    Als Stefa nach Warschau zurückkehrte, brachte sie ein Photoalbum von Ein Harod mit, um es Korczak zu zeigen. Er hatte immer noch die Absicht, nach Jerusalem zu gehen, sie beharrte darauf, daß es im Kibbuz weniger gefährlich für ihn sei. Das Ganze wurde zu einer solch hitzigen Debatte zwischen den beiden, daß jedes Mal, wenn Korczak bei der Abreise eines Freundes nach Palästina diesem den Auftrag gab, ihm in der Altstadt von Jerusalem ein Zimmer zu suchen, Stefa den Freund beiseite nahm und sagte: "Bemüh dich nicht zu sehr. Es ist dort zu gefährlich für ihn."

    Moshe Zertal, der mit seiner Familie zu einem kurzen Besuch in Warschau eingetroffen war, erinnerte sich daran, daß er den Doktor nicht stören wollte, weil er wußte, daß er sich in seinem Leben an einem "Kreuzweg" und in einer Periode intensiven Nachdenkens befand. Als aber Korczak zu Ohren kam, daß Zertals kleiner Sohn erkrankt war, telephonierte er sofort und kündigte seinen Besuch für den Nachmittag an.

    "Er kam wie angekündigt", erinnerte sich Zertal. "Er war müde, weil er an dem Morgen mit den Kindern einen Ausflug gemacht hatte, aber er war in guter Stimmung. Er ging sofort zum Bett meines Sohnes, untersuchte ihn flüchtig und begann, mit ihm zu spielen. Es war nicht ganz klar, in welcher Sprache sich die beiden verständigten - der eine verfügte über gar kein Vokabular, der andere sprach nur Pidgin-Hebräisch - aber es war eindeutig, daß sie sich miteinander unterhielten. Als er ging, sagte Korczak: >Keine Sorge, das geht vorbei. Laßt ihn im Bett und stellt einen großen Topf mit kochendem Wasser ins Zimmer, damit die Luft feucht bleibt.< Dann sah er meine Mutter, bei der wir zu Besuch waren, und meinte mit einem Lächeln: >Ahja, die Oma wird nicht zufrieden sein ohne Rezept. Sobald ich zur Tür hinaus bin, wird sie einen anderen Arzt rufen.< "
    Zertal stellte fest, daß Korczak recht gehabt hatte. Am nächsten Tag kam ein Arzt "wie alle Ärzte" und hinterließ zwei Rezepte, wie es alle Ärzte taten.

    Als Zerubavel Gilead in jenem Frühling auf der Suche nach neuen Geschichten, die er in Palästina veröffentlichen könnte, nach Warschau kam, galt einer seiner ersten Besuche Korczak. Er war erstaunt, daß Korczaks Schwester Anna, eine magere Frau in steifem, schwarzem Kleid, ihm die Tür öffnete. Bei einem so wichtigen Mann wie Korczak hatte er mit einem Dienstboten gerechnet.

    "Willkommen, willkommen", begrüßte sie ihn herzlich und rief dann den langen Flur hinunter: "Doktor, ein Gast aus Palästina."

    Anna, die als beeidigte Übersetzerin zu Hause arbeitete, zog sich sofort zurück, als Korczak in seinem langen, grünen Kittel, eine Wollmütze auf dem Kopf, munter den Korridor heruntereilte, um Gilead in sein Zimmer zu geleiten.

    Gilead betrachtete Korczaks schlichtes Zimmer: die Stöße von Büchern und Papieren auf dem Schreibtisch, die Büste von Pilsudski, die Korczak anläßlich einer Auszeichnung erhalten hatte, der hohe Schrank, die eiserne Bettstelle, auf der eine grobe Armeedecke lag, das Gesicht seiner Mutter, das von der Photographie an der Wand auf alles herabblickte.

    Als Korczak bemerkte, daß sein Blick auf die offen daliegende polnische Bibel fiel, die an den Rändern mit Notizen vollgeschrieben war, erklärte er: "Dies ist das Buch, das ich täglich wie einen Fortsetzungsroman lese. Ich arbeite an einer Serie über Kinder in der Bibel, und ich entdecke ständig etwas Neues. Aber warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch. Bedienen Sie sich." Einige Apfelsinen, Datteln und Mandeln waren für den Gast auf einen kleinen Tisch gestellt worden. "Damit Sie kein Heimweh bekommen", meinte Korczak, "und damit Sie guter Stimmung bleiben."

    Korczak bot Gilead seine Kurzgeschichten über jüdische Kinder an, die der Hashomer Hatzair noch nicht für seine eigene Zeitschrift ins Hebräische übersetzt hatte. Der junge Dichter gewöhnte sich rasch daran, immer wieder beim Doktor vorbeizuschauen, ob er nicht eine neue Geschichte für ihn hätte. Ihre Unterhaltung drehte sich um viele Themen, und einmal fragte Gilead den Doktor schüchtern, was seiner Ansicht nach Liebe sei. In einem seiner Bücher hatte Korczak über die Liebe aus der Sicht eines Kindes geschrieben: "Was ist Liebe? Hängt sie immer von irgend etwas anderem ab? Werden stets jene geliebt, die die Liebe verdienen? Was ist der Unterschied zwischen sehr gern haben und Liebe? Woher wissen wir, wen wir mehr lieben? " Aber natürlich wußte er, daß Gilead sich nach der Liebe des Erwachsenen erkundigte."

    Mein lieber Freund, ich bin jetzt über sechzig, aber bei Ihrer Frage nach der Liebe muß ich passen", antwortete er. "Ich weiß es nicht. Sie ist ein Geheimnis. Ich kenne gewisse Aspekte, aber nicht den Kern der Liebe. Allerdings weiß ich, was Mutterliebe und Vaterliebe sind."

    Er erzählte Gilead von einem fast traumhaften Erlebnis, das er als Stabsarzt während des Krieges auf dem Balkan hatte: "Unsere Einheit war in einem Bergdorf stationiert. Eines Nachts arbeitete ich noch sehr spät in meiner Hütte und hatte Durst. Ich ging nach draußen ans Wasserfaß und war vom Mondlicht wie geblendet. Die Berge über mir waren dunkel, aber das Dorf vor mir war wie von einem traumhaften Schleier angeleuchtet. Und da sah ich in der Hütte gegenüber eine junge Frau in der Tür lehnen, ihr Kleid spannte sich über ihrem Körper, und ihr Kopf mit den schweren Haarflechten lag auf ihrem bloßen Arm. Und wie ich so dastand, sagte mir mein Herz: >Das ist sie! Die Mutter deines Kindes. Konnte es eine bessere Verbindung geben als die zwischen dem Mann aus der Ebene und der Frau aus den Bergen?< All das geschah innerhalb einer Sekunde. Die Frau verschwand in die Dunkelheit ihrer Hütte, aber ich habe sie bis heute nicht vergessen. Ich weiß nicht, ob das Liebe war, aber es war eine bestimmte Art von Liebe - der Wunsch, Vater zu sein."

    Korczak erzählte Gilead nichts davon, wie nahe er einer Vaterschaft einmal gekommen war, wie sich aus einer verblüffenden Anspielung in seinen Erinnerungen schließen läßt. In einem imaginären Dialog zwischen zwei " alten Männern" , die ihr Leben Revue passieren lassen, läßt er den einen - eindeutig sich selbst - zum anderen sagen: ". . . Nur für Mädchen hatte ich keine Zeit. Wenn diese Bestien nicht so gierig wären und erpicht auf Liebesnächte, ja und dann die kleinen Kinder, die sie bekommen . . . Eine dumme Sitte. Einmal ist es mir passiert. Ein schlechter Nachgeschmack ist mir geblieben, für das ganze Leben. Ich hatte genug davon, auch von den Drohungen und Tränen." Die Unterhaltung zwischen den beiden alten Männern zeigt Korczaks zynischste Seite, doch wirkt das stammtischartige Gespräch über Frauen und Schwangerschaft auf merkwürdige Weise untypisch. Man fühlt die Angst vor Frauen und eine Aversion gegen sie unter der männlichen Tapferkeit dieses Mannes, der immer Zeit für Kinder hatte - und man hört ein lange gehütetes und endlich eingestandenes Geheimnis. (Ob ein Kind gezeugt, geboren oder abgetrieben wurde, ist nicht bekannt; der Hintergrund dieser Tagebucheintragung bleibt im Dunkeln.)

    In Warschau war das Hauptgesprächsthema in jenem Frühling der drohende Krieg. Polen hatte mit der Teilmobilisierung begonnen. In den Cafés hieß es, Hitler würde Polen wegen seiner Verträge mit Frankreich und England nicht angreifen, und wenn er es doch wagen sollte, würde die polnische Armee ihn so lange zurückhalten, bis die Verbündeten Polen zu Hilfe kämen. Trotz der politischen Unsicherheiten ging in Warschau alles seinen gewohnten Gang. Es fiel Gilead auf, daß Korczak niemals von der Angst sprach, die er wie alle anderen empfand.

    " Sie sind so gedankenverloren", stellte Korczak bei einem seiner Besuche fest. "Was ist los? Haben Sie Heimweh?"

    Gilead, der eigentlich noch weitere sechs Monate in Polen bleiben wollte, versuchte, seine Nervosität nicht zu zeigen. "Ach, ich glaube, ich sollte bald in den Kibbuz zurückkehren. Falls es Krieg gibt, lebe ich vielleicht nicht mehr lange."

    Korczak überraschte ihn mit seiner vehementen Antwort: "Reden Sie keinen Unsinn, junger Mann. Für dumme Witze ist jetzt keine Zeit. Man stirbt nur, wenn man will. Ich war in drei Kriegen und lebe, Gott sei Dank, immer noch." Er erzählte Gilead von einem furchtlosen Offizier, der mit ihm an der Ostfront gewesen war. Als es Granaten in die Schützengräben regnete, hatte er nachlässig den Kragen seiner Uniformjacke hochgestellt. Aber eines Abends war er von einem Heimaturlaub sehr deprimiert zurückgekehrt, weil er herausfand, daß seine Frau ihn betrogen hatte. Am nächsten Tag fiel er.

    "Also gehen Sie jetzt in Ihre Wohnung, junger Mann, nehmen Sie ein Aspirin und legen Sie sich ins Bett", ordnete Korczak an. "Sie werden schön ins Schwitzen geraten, und der ganze Unsinn wird aus Ihnen herauskommen. Wenn Sie sich danach immer noch schlecht fühlen, kehren Sie nach Palästina zurück. Aber gehen Sie nicht als Geschlagener."

    Es hätte mehr als Aspirin gebraucht, um Gilead in Polen zu halten. In der folgenden Woche kam er, um sich zu verabschieden. Korczaks Schwester Anna öffnete erneut die Tür - aber diesmal fauchte sie ihn an, bevor sie sich zurückzog: "Warum reden Sie niemals mit mir?" Glücklicherweise kam Korczak in dem Moment gutgelaunt den Gang herunter und schob ihn in sein Zimmer. Zum ersten Mal zog er eine Flasche Wein vom Berg Karmel hervor.

    "Gönnen wir uns etwas", meinte er und ging mit keiner Silbe auf ihre letzte Unterhaltung ein. "Wir trennen uns jetzt, vielleicht nicht für lange, aber es wird doch eine große Entfernung zwischen uns sein. Wissen Sie, obwohl ich es ja schon gewöhnt bin, mit dem Schiff zu reisen, wird mir jedesmal zunächst übel. lch brauche eine Weile, bis ich meine Seebeine bekomme. Vielleicht weil ich der Sohn eines Landes weit weg vom großen Wasser bin. Ich weiß es nicht, aber lassen Sie uns anstoßen l'chaim, mein Freund, l'chaim!" Mitten in ihrer Unterhaltung über ihre Zukunftspläne stand Korczak auf, ging zur Kredenz hinüber und holte eine Holzkiste, angefüllt mit schmalen, langen Notizbüchern, die vollgeschrieben waren mit seiner kleinen, gestochenen Handschrift. "Hier ist mein Lebenswerk", sagte er mit bebender Stimme. "Zehn Jahre Material über meine Erfahrungen mit Kindern, meine Forschungen, Konflikte, Fehler und Erfolge. Ich werde es Die Religion des Kindes nennen." Bei seiner Abreise brachte Korczak Gilead zum Bahnhof und überreichte ihm einen Umschlag. "Hier ist ein kleines Andenken für Sie", sagte er. "Fragmente des Vorworts zu dem Buch, das ich schreiben werde. Das letzte Kapitel werde ich im Lande Israel fertigschreiben. Gute Reise. Ich komme bald nach." Und er umarmte und küßte Gilead.

    Im Zug las Gilead die Seiten, die Korczak ihm gegeben hatte: Das Vorwort sollte eine philosophische Unterhaltung zwischen einem alten Doktor und seinem Sohn während einer Reise mit dem Zelt am Fuße des Berges Gilboa in Palästina werden. Bis zu dem Zeitpunkt haben die beiden nie miteinander reden können. Die kleine Tochter des Sohnes (deren Mutter, eine Frau aus den Bergen, gerade gestorben ist) spielt in ihrer Nähe. Als der Sohn dem Vater von der Liebe erzählt, die er als Bub für ihn hatte, und auch von seiner Wut, kommt die Tochter auf sie zugelaufen. Sie nimmt ihren Vater und ihren Großvater bei der Hand. Sie sagt nichts, aber Vater und Sohn wissen, was sie meint: sie müssen aufeinander zugehen.

    In diese nicht vollendete Geschichte scheint Korczak den Dialog einzubringen, den er mit seinem Vater nie geführt hat. Die von ihm gesuchte Versöhnung kann nur in einem Moment gegenseitiger Vergebung erfolgen, die durch die heilende Kraft eines Kindes möglich wird. Wir erkennen das Phantasiekind, das sich der Stabsarzt mit der Frau aus den Bergen des Balkans vorgestellt hatte - das Kind, das hätte sein können.

    Bevor er zu Stefa und den Kindern in die Sommerkolonie fuhr, folgte Korczak ihrem Rat und verbrachte den Juni in einem nahe gelegenen Kurort, nahm Bäder und schrieb an seinem Buch. Aus seinem Fenster im Landgasthof konnte er die neuen Rekruten beobachten, die auf ihren Einsatz an der deutsch-polnischen Grenze vorbereitet wurden.

    Die Sommerkolonie Rozyczka erwies sich als ein stärkeres Heilmittel als die Bäder. "Der Juli war zauberhaft", schrieb Korczak an Joseph Arnon. "Zwanzig neue Kinder, die du wie zwanzig neue Bücher lernen mußtest, deren Sprache du kaum kennst, die alle irgendwo mitgenommen sind, es fehlen Seiten, ein Rätsel, ein Puzzle. Es war wie in alten Zeiten - alles, was zählte, waren verlorene Sandalen, ein Dorn im Fuß, ein Zank bei der Schaukel, eine zerbrochene Bank. Ich schlief im Isolierzimmer bei den Kindern, die die Masern bekamen. Wenn ich mich dabei erwischte, daß ich döste, dachte ich mir: Schlaf jetzt nicht ein, lausche noch zehn Minuten auf ihr Atmen, Husten, Seufzen. Welche Weisheit ist doch in ihrem Husten, wenn sie schlafen - ein ständiger Kampf gegen die Infektion, das Fieber, das Kratzen und die Flöhe."

    Wie jeden Sommer endeten die Wochen in der Kolonie mit olympischen Spielen und Wettkämpfen im Laufen, Springen, Werfen und anderen Sportarten sowie in Musik und Gesang. Aber in jenem letzten Sommer wollten die Kinder ihre olympischen durch Kriegsspiele ersetzen - Polen gegen Deutschland. Ein großer Sandplatz wurde als Schlachtfeld vorbereitet, Festungen gebaut, Bunker gegraben. Gewehre wurden aus Holz geschnitzt, und Kastanien waren die Munition. Jeder Bub, der von einer Kastanie getroffen wurde, fiel tot um und war aus dem Spiel. Die Mädchen agierten als Krankenschwestern und halfen den Verwundeten.

    Es verdarb niemandem die Laune, daß die Polen den Krieg verloren - es war ja bloß ein Spiel, aber die Stimmung der Kinder verdüsterte sich. als sie auf ihrem Weg in den Wald zu ihrem letzten Lagerfeuer an einer Ziegelfabrik vorbeikamen. Korczak wußte, daß er so wie sie an die beiden Betrunkenen dachte, die ihnen am ersten Tag dort begegnet waren und die gerufen hatten: "Gebt mir ein Gewehr! Holt Hitler her!" Aber alle beruhigten sich wieder, als sie ums Lagerfeuer herum saßen und bis lange nach Mitternacht Lieder sangen und Geschichten erzählten. Er konnte Joseph Arnon mitteilen, daß er "sehr aufgeregt und jubelnd" nach Warschau zurückkehrte - "wenn es denn proper ist, sich im Alter von einundsechzig Jahren noch so zu beschreiben".

    Ende August 1939 war Korczak damit beschäftigt, für die Kinder von Ein Harod Eichhörnchen aufzutreiben. Während seines letzten Aufenthaltes in Palästina hatte er beim polnischen Konsul darum gebettelt, daß er ihm ein Dutzend rote Eichhörnchen aus Polen herbeischaffen lassen möge, aber der Konsul hatte nicht verstanden, daß es sich hierbei um eine Sache von größter Bedeutung handelte ~ daß nämlich "ohne Eichhörnchen die Bäume traurig und bewegungslos sind". Nach seinem neuen Plan sollten die Kinder von Ein Harod sich direkt an die britische Verwaltung wenden und darum bitten, daß man ihnen aus Indien graue Eichhörnchen schicken möchte. Er sei deshalb optimistisch, schrieb er an Gilead, weil er nach dem Weltkrieg den britischen Konsul um Servietten für das Waisenhaus gebeten und acht Monate später, als er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, eine Kiste mit Servietten für zehn Jahre eingetroffen war.

    Eichhörnchen waren deshalb im Moment so wichtig für ihn, weil Korczak sich schließlich dazu durchgerungen hatte, im Oktober für vier Monate nach Palästina zu fahren, um Material für das "letzte Kapitel" von Die Religion des Kindes zu sammeln. Mit seiner üblichen Zurückhaltung - "Falls ich genug Geld habe" - schrieb er an Arnon: "Ich habe vor, zwei Monate im Alten Jerusalem zu verbringen (in einem interessanten Cheder*,

    *Cheder traditionelle jüdische Grundschule für Buben ab vier Jahren (Anm.d. Übers.)

    den ich dort gefunden habe) und zwei in einem Seminar in Tiberias. Ich habe Angst vor dem Rheumatismus, den Insekten und auch ein bißchen vor den Arabern, in dieser Reihenfolge." Am l. September 1939 marschierten die Deutschen in Polen ein. Am 2. September kam der Brief, den Sabina Damm als Antwort auf Korczaks Nachfrage nach einem Zimmer in Jerusalem an ihn abgeschickt hatte, mit dem Vermerk zurück: "Dieses Stück geht an den Absender zurück, da alle Verbindungen zwischen Palästina und Polen aufgehoben sind."

 

 


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