Janusz Korczak Communication - Center
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September 1939

Ich kann das Buch des Krieges sehr gut Lesen.

Aufruf: An die Juden!

    Die Ambivalenz und Depression, mit denen Korczak in den späten dreißiger Jahren zu kämpfen hatte, besserten sich mit der deutschen Invasion: "Die Vorkriegszeit - lügnerisch, verlogen, verdammt. . . . Schlamm. Stinkender Sumpf." Er kam wieder in Schwung - jetzt gab es wenigstens etwas zu tun. Er holte die alte, verstaubte polnische Uniform aus dem Schrank, die er im polnisch-sowjetischen Krieg von 1920 getragen hatte, und meldete sich freiwillig. Er wurde aus Altersgründen abgelehnt, zog aus der Wohnung seiner Schwester aus und wieder in seine alte Mansarde im Waisenhaus auf der Krochmalna - wie ein Kapitän, der das Kommando seines Schiffes wieder übernahm.

    Als Jan Piotrowski, sein Freund vom polnischen Rundfunk, ihm bei der neu gegründeten Radio-Nachrichtenagentur Warschau II einen Posten anbot, sagte er ohne Zögern sofort zu. Bald war die beruhigende Stimme des "alten Doktors" wieder zu hören, die der Bevölkerung Mut zusprach, sich nicht unterkriegen zu lassen. "Gestern noch war ich ein alter Mann", sagte er seinen Zuhörern. " Heute bin ich zehn Jahre jünger, vielleicht sogar zwanzig." Es war so befriedigend, als polnischer Patriot zu den Ätherwellen zurückzukehren, von denen man ihn als Jude fortgeschickt hatte. Damals hatte man vielleicht "keine Lust zu leben" gehabt. Doch "dann kam ein Sturm auf. Die Luft wurde rein. Der Atem tiefer. Es gab wieder Sauerstoff."

    In den ersten paar Tagen, als die Deutschen die Außenbezirke Warschaus bombardierten, konnte man noch glauben, alles würde möglicherweise seinen gewohnten Gang weitergehen, wenn die Bevölkerung die notwendigen Vorkehrungen traf, Gräben aushob und Barrikaden errichtete. Am 2. September, einem Samstag, erlaubte Korczak den Kindern, ihre Familien zu besuchen. Er nahm sich sogar die Zeit, einem Burschen zu antworten, der sich in der Rundschau darüber beschwerte, daß Erwachsene die jungen Leute in dieser Krise wie ein Ärgernis behandelten. "Laß keine schlechten Gefühle aufkommen", riet er ihm. "sondern ziehe Kraft aus dem Vorteil deiner Jugend."

    Im Radio ermunterte der "alte Doktor" die jungen Leute, sich nützlich zu machen. "Bleibt nicht im Haus versteckt und weint über das, was geschehen mag. Geht auf die Straße und helft dabei, Feuergräben auszuheben. Geht zum Grab des Unbekannten Soldaten, der für Polen gestorben ist, und legt Blumen nieder." Seinen Waisenkindern sagte er, sie könnten weiterhin spielen, dürften aber keinen Lärm dabei machen. "In jedem Augenblick sterben Soldaten, die Warschau verteidigen. Für ihre Mütter und Väter, die in unserer Nähe leben, ist es schwer, euch lachen und singen zu hören, wenn sie gerade ihr eigenes Kind verloren haben. Respektiert bitte ihr Leid."

    Aufgrund der Verträge mit Frankreich und England warteten die Polen darauf, daß ihre Verbündeten ihnen zu Hilfe eilten. Als England am 3. September in den Krieg eintrat, war Korczak in der begeisterten Menge vor der britischen Botschaft zu finden. Er wußte nicht, was ihn glücklicher machte: die Hoffnung, daß England Polen helfen würde, die Deutschen zurückzuschlagen, oder das Bild von Polen und Juden, die wieder "wie Brüder Schulter an Schulter" standen - wie damals während der Aufstände gegen das zaristische Rußland und im Ersten Weltkrieg. Die Tränen traten ihm in die Augen, als die polnische Nationalhymne "Noch ist Polen nicht verloren" gesungen wurde und dann das zionistische Lied "Hatikvah*".

    * Hatikvah - heutige israelische Nationalhymne (Anm. d. Übers.).

    Zwei Tage später verließ die Regierung die Stadt, nachdem alle jungen Männer zur Mobilisierung nach Osten beordert worden waren. Die wenigen Mitglieder, die die Gesellschaft für Waisenhilfe noch hatte, drängten Korczak, die Kinder zu ihren Familien zurückzuschicken, weil es schwierig wurde, sie zu versorgen; er allerdings dachte nicht daran, das Heim aufzulösen.

    Er vertrat die Meinung, daß die Kinder sicherer seien, wenn sie mit ihm und Stefan zusammenblieben. Es würde ihm schon irgendwie gelingen, alles Notwendige aufzutreiben.

    Korczak nahm es sogar auf sich, Nahrungsmittel zu Maryna Falska und ihren Waisen in Bielany zu bringen, die vorübergehend evakuiert worden waren, weil "Unser Haus" in den vordersten Linien stand. Sobald die Kinder ihn in seiner Uniform im Flur erblickten, riefen sie "Oh, da ist Pan Doktor! ", rannten auf ihn zu, faßten ihn an, baten um Süßigkeiten und überhäuften ihn mit Küssen. Antoni Chojdynski, ein ehemaliger Praktikant, erinnerte sich, wie glücklich er aussah, als die Kinder ihn von allen Seiten umklammerten. "Er nannte sie beim Namen und fragte: >Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung? Was ist los? "< Er holte Heringe aus seinem Rucksack und entschuldigte sich, daß er kein Brot mitgebracht hatte: statt dessen gäbe es aber Essiggurken. Einige Tage später kam er mit einem Sack Linsen, einem beliebten jüdischen Gericht, das diesen Kindern aber völlig unbekannt war. "Wir haben es einfach als biblische Nahrung angesehen", erinnerte sich Chojdynski. "Pan Doktor erzählte uns, er habe den Ladenbesitzer gebeten, die Linsen hungrigen polnischen Waisenkindern zu spendieren, weil die Deutschen sie vermutlich sowieso konfiszieren würden."

    Am achten Tag der Invasion waren die Deutschen vor den Toren Warschaus. Die Stadt war wie eine belagerte Festung. Viele Straßen bestanden nur noch aus Schutt; überall brannte es, viele Häuser waren völlig ausgebrannt; tote Pferde lagen herum. Es gab kein Brot, kein Gas, keinen Strom und auch kein Wasser für ihre Bewohner und die Tausende von Flüchtlingen und demoralisierten Soldaten, die aus anderen Teilen des Landes hereingeströmt waren, wo die polnische Kavallerie und Infanterie gerade von den deutschen Panzern und Flugzeugen vernichtet wurde.

    Korczak hetzte durch die brennende Stadt, befreite verängstigte Kinder, half den Verletzten und tröstete die Sterbenden. Mehrmals täglich ging er zum Sender und berichtete im Radio Neuigkeiten oder ermutigte die besorgte Bevölkerung. Ein Mitarbeiter erinnerte sich an ihn: "Leicht vornübergebeugt, brachte er mit seinem Humor Heiterkeit in das zerbombte Viertel."

    In den folgenden drei Wochen wurde das Waisenhaus von sieben Granaten getroffen, doch die Moral war nicht zu erschüttern. Wenn die Sirenen Fliegeralarm gaben, eilten die Kinder inzwischen war ihre Zahl auf einhundertfünfzig angewachsen nach unten in den Keller, wo Sandsäcke gegen die Wände gestellt worden waren. Selbst ein verletzter Bub, dessen Vater vermißt war und dessen Mutter und Schwester vor seinen Augen durch eine Granate umgekommen waren, eilte die Treppe hinunter, obwohl sein Bein noch nicht verheilt war, er ein Auge verloren hatte und auf dem anderen noch nicht wieder richtig sehen konnte. "Es wird uns noch gelingen, ein Lächeln auf sein geschundenes Gesicht zu zaubern", sagte der "alte Doktor" zu seinen Hörern.

    Die älteren Kinder hielten abwechselnd Wache am Dach, wenn Brandbomben fielen. Sie hatten nicht viel mehr als eine Sekunde Zeit, Wasser oder Sand über eine Bombe zu schütten, bevor sie explodierte. Es gab einen schrecklichen Moment, als vor dem Speisesaal eine Granate einschlug und alle Fensterscheiben zu Bruch gingen. Kaum war Korczak nach draußen gegangen, um den Schaden zu inspizieren, als eine zweite Explosion das Haus erschütterte. Die Kinder und die Helfer tauchten unter die Tische und wagten es nicht einmal, in den Keller zu laufen. Sie waren überzeugt, daß ihr geliebter Pan Doktor umgekommen war. Doch einige Minuten später kam er schüchtern und verlegen ohne seinen Hut hereingekrochen und erklärte, die Explosion habe ihm diesen vom Kopf gerissen. "lch mußte ganz schnell den Rückzug antreten", grinste er. "Meine Glatze wäre ein perfektes Ziel für die Flugzeuge."

    Aber es ging nicht alles glatt. Romcias Vater, Jozef Sztokman, starb an Lungenversagen, nachdem er ein Feuer auf dem Dach gelöscht hatte. Das ganze Waisenhaus ging zu seiner Beerdigung. An seinem Grab schworen sie auf Polnisch und Hebräisch, daß sie " die Wahrheit, die Arbeit und den Frieden" hochhalten würden.

    Korczak war stets um gute Laune in Gegenwart der Kinder und des Personals bemüht, aber Ida Merzan erinnerte sich an einen Abend, als er seine tatsächlichen Gefühle zeigte. Sie hatte bei einem Bombenangriff außerhalb Warschaus eine Kopfwunde davongetragen und wurde jetzt im Waisenhaus gepflegt. Bei einem Fliegeralarm stand sie auf und folgte den Kindern in den Keller, als ihr Korczak auf der Treppe begegnete.

    "Warum sind Sie nicht im Bett?" wollte er wissen.

    "Ich will nicht allein sein", antwortete sie. "Ich bin so traurig."

    "Mein Gott, wer ist nicht traurig", sagte er leise. "Die ganze Welt ist eine große Traurigkeit."

    In dieser Zeit kamen viele der ehemaligen Praktikanten und Waisenkinder zu Korczak und fragten ihn, ob sie in den russischen Teil fliehen sollten oder nicht. "Keiner weiß, was wird", sagte er dann in seiner üblichen Art, niemals einen direkten Ratschlag zu erteilen, aber er riet ihnen auch nicht ab.

    Am 23. September, nach einer Nacht ungewöhnlich heftiger Bombardierungen, als ganz Warschau erzitterte, als ob die Erde sich öffnen und die Stadt noch vor den Deutschen verschlingen würde, hielt Bürgermeister Stefan Starzynski seine inzwischen berühmt gewordene Radioansprache. "Warschau mag in Flammen stehen, aber wir sind stolz darauf, tapfer zu sterben! " Rachmaninoffs Zweites Klavierkonzert, das anschließend zu hören war, wurde unterbrochen, als eine deutsche Bombe ein Kraftwerk traf und der Sender verstummte. Es war vier Uhr nachmittags. Von dem Moment an beherrschte das gutturale Deutsch den Äther.

    Fünf Tage später fiel Polen an die Nazis. Drei Wochen lang hatte seine Bevölkerung einen ebenso tapferen wie aussichtslosen Kampf gekämpft, und jetzt war es vorbei. Am Tag nach dem Ende der Belagerung traf Irena, Stefas Schwägerin, Korczak, als er durch die Ruinen der einst sehr belebten Marszalkowskastraße eilte, einen kleinen Buben auf den Armen.

      "Was machen Sie denn hier?" fragte sie.

      "Ich suche ein Schuhgeschäft", lautete die Antwort.

      "Aber alle Geschäfte sind zerstört oder geschlossen", erinnerte sie ihn und wies auf die Verwüstung um sie herum.

      "Dann muß ich einen Schuster finden", meinte er. "Dieser Bub kann nicht ohne Schuhe über all diese Glasscherben laufen." "Wer ist dieses Kind?" wollte sie wissen."

      Ich weiß es nicht. Ich fand ihn weinend auf der Straße. Ich muß ihn tragen, bis ich irgendwas für seine Füße finde."

    Er ging weiter die Straße hinunter in die Altstadt, wo er bei Hanna Olczak läutete, der Tochter seines Verlegers Mortkowicz. Er kam häufig unangemeldet bei ihr auf eine Tasse süßen, heißen Tee vorbei, tauschte Erinnerungen über ihren Vater aus und sah ihrer kleinen Tochter Joanna zu, die zu ihren Füßen mit dem braunen Spaniel spielte. "Wie schön", sagte er dann meistens, bevor er sich wieder aus dem Sessel erhob und zwang, seine Runde wiederaufzunehmen. Hanna war nicht überrascht, ihn an jenem Tag mit einem barfüßigen Kind an ihrer Tür zu finden. Sie gab ihnen beiden Tee und kümmerte sich um den Buben, während Korczak sich wieder auf die Suche nach Schuhen machte.

    Die Nazis verhielten sich sehr ordentlich, als sie in die Stadt kamen: sie richteten Suppenküchen ein und verteilten Brot. Eine Zeitlang war es schon eine Erleichterung, daß keine Bomben mehr fielen. Es war zwar alles schrecklich, aber die Leute hofften, daß das Schlimmste vorbei sei und diese deutsche Besatzung so enden würde wie die letzte - mit dem Abzug der geschlagenen Armee.

    Korczak wanderte durch das "aufgezwungene Elend" Warschaus und bewunderte die Unverwüstlichkeit der Jungen, wenn er aus den rauchenden Trümmern lautes, mutwilliges Kinderlachen vernahm. "Trotz des Gemetzels, trotz der zerstörerischen Macht des Menschen brechen sich die Kräfte des Lebens ihre Bahn", schrieb er. "Nach diesem Krieg wird es keiner mehr wagen, ein Kind zu schlagen, weil es eine Fensterscheibe zerbrochen hat. Die Erwachsenen werden vor den Kindern in Scham ihr Haupt beugen."

    Diese kurze Zeit der Ruhe war vorbei, als eine neue Art von deutschem Terror über Polen und Juden hereinbrach: sadistische Überfälle auf der Straße, Verhaftungen, Hinrichtungen. Die Juden wurden für Zwangsarbeit zusammengetrieben und die Polen als Zwangsarbeiter nach Deutschland verladen. Jüdische Geschäfte und Fabriken wurden beschlagnahmt, jüdische Schulen geschlossen. Als am 17. September völlig unerwartet die Russen einfielen, war Polen wiederum geteilt - die Sowjets nahmen den Osten, die Deutschen den Westen -, wie es im geheimen Nichtangriffspakt zwischen Molotow und Ribbentrop vereinbart worden war.

    Die meisten der Philanthropen von der Gesellschaft für Waisenhilfe waren entweder aus Polen geflohen oder hatten ihre Geschäfte verloren, und ihre Bankkonten waren eingefroren. Trotz der zunehmend schlimmer werdenden Atmosphäre in der Stadt und der Sorge um seine Sicherheit trug Korczak nach wie vor die polnische Uniform, und zwar ohne Rangabzeichen, wenn er auf seine tägliche Suche nach Nahrungsmitteln und anderen Dingen ging, die das Haus benötigte. Er wurde zu einer bekannten Figur im Büro des Judenrates, den die Deutschen als eine Art Vermittlungsbehörde für die jüdische Bevölkerung eingesetzt hatten. Außerdem ging er regelmäßig zum American Joint Distribution Committee und zu CENTOS, der jüdischen Wohlfahrtsorganisation für Kinder, bei der Stefa gearbeitet hatte. In einer Situation, in der jeder versuchte, so unauffällig wie möglich zu sein, war Korczak in seiner Uniform eine gehörige Belastung der Nerven. Abraham Berman, der Direktor von CENTOS, erinnerte sich: "Wir waren so verblüfft über seine Erscheinung, daß wir nicht anders konnten, als ihn zu fragen, was er sich eigentlich dabei gedacht hätte. >Für mich gibt es keine deutsche Besatzung<, antwortete er. >Ich bin stolz darauf, polnischer Offizier zu sein, und ich werde umherlaufen, wie es mir paßt.< Wir konnten ihn nicht überzeugen, daß dies nichts mit unseren persönlichen Gefühlen zu tun hätte, wir aber eine soziale Einrichtung seien, die gefährdet wäre, wenn man ihn in diesem Aufzug bei uns findet."

    Als Newerly sich überrascht zeigte, ihn in Uniform zu sehen, sagte Korczak, er sei jetzt genausowenig auf Uniformen versessen wie früher, daß er sich aber entschieden habe, sie als Symbol seines Protestes zu tragen. Mit der gleichen Sturheit weigerte er sich, die weiße Armbinde mit dem blauen Davidstern zu tragen, die seit dem l. Dezember 1939 allen Juden ab elf Jahren vorgeschrieben war. Er empfand es nicht nur als erniedrigend, den Davidstern als Abzeichen der Scham tragen zu sollen, er wollte es auch nicht zulassen, daß die Deutschen das Polnische in ihm dadurch auslöschten, daß sie ihn nur als Juden brandmarkten. "Als Lehrer schätze ich die ewigen Gesetze höher als die vergänglichen der Menschheit", hatte er einmal geschrieben, und das galt für ihn nach wie vor.

    Korczak liebte es, seine Freunde mit Geschichten über seine Begegnungen mit deutschen Offizieren zu unterhalten, die ihn auf der Straße mißtrauisch musterten: "lch fing lauthals zu singen an, wankte hin und her, als ob ich den Verstand verloren hätte, woraufhin sie mich verächtlich ansahen und weitergingen." Wenn sie ihn im Kaffeehaus anstarrten, "murmelte er zusammenhangloses Zeug vor sich hin", bis sie sich wieder von ihm abwandten. Gleichzeitig beobachtete er sie aufs schärfste mit den Augen des Klinikers und versuchte, eine Diagnose für ihr abnormes Verhalten zu finden. Er hielt nichts davon, Menschen zu Stereotypen zu ordnen (während seines Berlinaufenthaltes hatte es ihn amüsiert, daß der einzige deutsche Seminarteilnehmer stets zu spät kam und die Slawen immer pünktlich waren), doch schienen die Deutschen mit ihrer effizienten, distanziert-bürokratischen Art, die Stadt zu behandeln, und in ihrer Sorge um Ordnung und Korrektheit in allen Kleinigkeiten ihrem Ruf zu entsprechen. Und doch waren es nicht die Deutschen, die er von früher her kannte. Es war jetzt eine Brutalität in ihrem Verhalten, die ihre Besetzung Warschaus im Ersten Weltkrieg fast harmlos erscheinen ließ.

    In einer kalten Nacht im Januar 1940 - aufgezehrt von "Verwachsungen, Schmerzen, Leistenbrüche(n) und Narben. . ..aber ich lebe. Und wie ich lebe! " - begann Korczak mit der Aufzeichnung seiner Erinnerungen, eine Absicht, die er bereits seit Jahren vor sich herschob. "Düster und niederdrückend ist die Lektüre von Erinnerungen", schrieb er und wußte, daß er, genau wie andere ehrgeizige Künstler, Wissenschaftler und Staatsmänner vor ihm, feststellen würde, daß das Leben nicht das geworden war, was man sich vorgestellt hatte, und daß alles, was man erreicht hatte, graues Haar, Falten, nachlassende Sehkraft und ein langsamerer Blutkreislauf waren - mit anderen Worten: das Alter. Doch wollte er als Schriftsteller aus der Geschichte seines Lebens eine andere, ungewöhnliche Lektüre machen, so wie sein gelebtes Leben auch kein gewöhnliches gewesen war. Seine Memoiren sollten dem Ausheben eines Brunnens gleichen, bei dem man "mit der Arbeit auch nicht in der Tiefe" beginnt, sondern "zunächst die obere Bodenschicht . .. Schaufel um Schaufel" bewegt, "ohne zu wissen, was darunter liegt", bis man schließlich die " unterirdischen Quellen" findet.

    Er schrieb, und draußen patrouillierten die Nazis durch Warschau. Sie mochten seine Bewegungsfreiheit einschränken, aber seinen freien Geist konnten sie nicht fesseln und seinen Glauben an eine höhere Ordnung als die ihre nicht zerstören: "Denn in der Stunde der Abrechnung bin ich nicht in der einsamen Zelle des traurigsten aller Krankenhäuser - um mich sind Schmetterlinge, Heupferdchen und Johanniskäfer, das Konzert der Grillen und die Solistin der blauen Höhen - die Lerche. Guter Gott!"

    Korczak kämpfte um die Unverletzlichkeit und den Bestand dieses Teils seines innersten Wesens, wie er um Nahrungsmittel für die Kinder kämpfte, doch setzte er seine Memoiren erst zwei Jahre später fort. Er mußte seine ganze Kraft für die Sicherung der Versorgung seiner Kinder einsetzen und schrieb nur noch Hilfsappelle an die Öffentlichkeit - ein Genre, das er, von der Not getrieben, mit der Zeit immer mehr verfeinerte. Acht Monate vor dem Krieg provozierte er die jüdische Gemeinde absichtlich mit einer rassisch gefärbten Anzeige in Unsere Rundschau:

      Es ist schlimm, ein alter Mann zu sein, aber noch viel schlimmer, ein alter Jude zu sein.

      Kann es überhaupt etwas übleres geben?

      Oy, oy, oy - und wenn dieser alte Jude keinen Pfennig in der Tasche hat? Und was, wenn er außerdem noch mittellos ist?

      Ist das nicht das Schlimmste von allem?

      Nein. Was ist, wenn dieser alte mittellose Jude das Joch einer großen Familie zu tragen hat, wenn ihm sein Herz weh tut, seine Beine und seine Hüften nicht mehr recht mitmachen und seine Augen immer schwächer werden?

    Wie erwartet, fanden einige seinen neuen Schreibstil alles andere als amüsant, aber er erhielt Spenden. Nachdem die Deutschen Warschau besetzt hatten, ließ er wiederum den Schriftsteller - worum ihn jeder, der eine Spendenaktion leitete, beneiden mochte - zu Wort kommen, um auch die verstocktesten Herzen zu bewegen. Der Bittsteller wandte sich "An die Juden!" und erklärte: "Wer vor der Geschichte flieht, wird von der Geschichte eingeholt. Außergewöhnliche Bedingungen erfordern außergewöhnliche Anstrengungen des Denkens, des Fühlens, des Willens und der Tat." Er dankte Gott für die Rettung des Waisenhauses und forderte "ein Darlehen von 2000 Zloty. Wir geben es früher zurück, als ihr denkt." (Das erinnert an König Hänschen, der von den drei geschlagenen Königen einen Kredit verlangte und meinte: "Seid nicht so gierig.") Nicht nur die Zukunft seines Waisenhauses war gefährdet, sondern "die Tradition, dem Kind zu helfen . . . Niederträchtig sind wir, wenn wir sie verleugnen, armselig, wenn wir uns abwenden, verkommen, wenn wir sie besudeln - die Tradition von 2000 Jahren." Es war eine jüdische "Ehre", die er hier hochhielt, und wer wollte die Schande auf sich nehmen, sich ihr zu entziehen?

    Seine Strategie muß erfolgreich gewesen sein, denn einige Monate später veröffentlichte er ein Postscriptum: " Erfreut stelle ich fest, daß der Mensch mit geringen Ausnahmen ein vernünftiges, gutes Wesen ist. Schon nicht mehr hundert, sondern einhundertfünfzig Kinder beherbergt das Waisenhaus."

    In seinem nächsten Aufruf empfahl Korczak den Leuten, doch besser ihm etwas zu geben, bevor die Deutschen sich alles holten. Er kam nicht nur um finanzielle Unterstützung, sondern wollte stets auch die Adressen von wohlhabenden Bekannten, wenn er seine Besuche machte. Seine beiden Appelle waren unterzeichnet mit "Dr. Henryk Goldszmit / Janusz Korczak / der >alte Doktor< aus dem Radio".

    Korczak machte seine versprochenen Besuche, klapperte die Straßen ab und trug nach wie vor seine polnische Uniform, nach wie vor ohne den Davidstern, spielte nach wie vor " den Clown", weil er wußte, daß " die Menschen keine trübsinnigen Gesichter mögen". Manchmal stand er vor einem Kaffeehaus, in dem sich seine Freunde trafen, und schrie wie ein Bettler. "Ist hier jemand mit einem Sack Kartoffeln, damit ich meine Kinder durch den Winter bringen kann? " In der Schlange, die um Kascha (Grütze) anstand, erzählte er der Frau hinter der Theke, daß sie ihn an seine älteste Enkelin erinnere, um sie dazu zu bringen, noch ein wenig mehr aufzulegen. Und einmal, als er zwischen zwei Haltestellen aussteigen wollte, flüsterte er dem Trambahnfahrer zu: "Wenn ich ein junges Mädchen wäre, würde ich Sie umarmen, wenn Sie an der nächsten Ecke so langsam fahren, daß ich abspringen kann." Zu seinem größten Vergnügen zischte der verdatterte Fahrer ihn an: "Sie brauchen mich nicht zu küssen, mein Herr! " und verlangsamte die Fahrt, um ihn loszuwerden. Und selbst wenn es nur dazu diente, seine eigene trübe Stimmung zu heben, bevor er abends Stefa und den Kindern gegenübertrat - jedenfalls ging er durch die Straßen und sang aus voller Kehle zotige Soldatenlieder.

    Adam Czerniakow Vorsitzender des Judenrates, hielt in seinem Tagebuch einige der närrischen Heldentaten fest, von denen sein alter Freund Korczak ihm berichtet hatte. Zwar war Czerniakow Ingenieur von Beruf, hatte aber zeitlebens ein leidenschaftliches Interesse am Wohlergehen der Kinder gezeigt. Korczaks Besuche waren für ihn ganz offensichtlich eine willkommene Ablenkung von seiner harten Aufgabe.

    Nicht alle von seinen Freunden fühlten sich mit dem Hanswurst Korczak wohl. Leon Rygier erinnerte sich, wie er eines Abends aufschreckte, als in seiner halbzerbombten Wohnung die Türglocke unmittelbar vor der Sperrstunde läutete, und wie erleichtert er war, Korczak zu sehen.

    "Es ist so gut, hier bei dir zu sein", meinte Korczak, warf sich in einen Sessel und versuchte, fröhlich von seinen Schwierigkeiten zu berichten, an jenem Tag Geld aufzutreiben. "Manche Leute sind großzügig, aber beileibe nicht alle. Wenn sie Schwierigkeiten machen, knöpfe ich einfach meinen Mantel auf und zeige meine polnische Uniform. Es macht sie so nervös, jemanden in Uniform in ihrer Wohnung zu haben, daß sie mir schon etwas geben, damit ich nur schnell wieder gehe."

    Rygier hörte mit gequältem Schweigen zu. Er wußte, wie zurückhaltend Korczak gegenüber Fremden war und wie sehr diese Art des Bettelns seiner Natur widersprach. Ihre Blicke trafen sich, und er war überzeugt, daß Korczak wußte, was er dachte.

    "Es ist schwierig", gab Korczak zu. "Aber man kann bei diesen Sachen nicht zimperlich sein. Ich bin so müde." Und dann eilte er davon, damit er noch vor der Sperrstunde um neun Uhr das Waisenhaus erreichte.

    Dieser erste Winter unter deutscher Besatzung war bitterkalt, an manchen Tagen waren es bis zu dreißig Grad unter Null. Korczak hatte Kohlen, aber er konnte sie erst dann sinnvoll einsetzen, wenn die zerborstenen Fensterscheiben wieder ersetzt waren. Glücklicherweise bestand Igor Newerly seine Glaserprüfung und richtete das Haus mit Hilfe der älteren Buben wieder her. Auch andere Ehemalige kamen zu Hilfe, stellten ihre Zeit zur Verfügung, spendeten Matratzen, Jacken und Unterwäsche, halfen bei Zahnproblemen oder Reparaturen.

    Die Kinder ausreichend einzukleiden, war ein ständiges Problem für Stefa, weil die Kosten für neue Textilien oder Schneiderarbeiten nicht aufzubringen waren. Praktisch wie immer, richtete sie eine Nähschule ein, die vom ORT unterstützt wurde, einer von Stella Eliasberg mitgetragenen Hilfsorganisation. Die zwanzig Schüler, ehemalige Waisenkinder aus der Krochmalna oder von anderen Institutionen, kamen an sechs Tagen in der Woche von neun bis zwei Uhr. ORT hatte die Lehrerin, zwei Nähmaschinen, ein elektrisches Bügeleisen und dreißig Stühle zur Verfügung gestellt. Stefa konnte stolz berichten, daß in einem Monat achtundsiebzig Kleider, zwanzig lange Hosen für die Mädchen und dreißig Hosen für die Buben sowie dreizehn Hemden genäht worden waren.

    April 1940 war der letzte Termin, zu dem jemand mit einem ausländischen Paß oder einem Ausreisevisum Polen verlassen konnte. Als Stefa vom Internationalen Roten Kreuz die Nachricht erhielt, daß der Kibbuz Ein Harod die notwendigen Papiere für ihre Rückkehr nach Palästina besorgt hatte, schickte sie über das Genfer Büro des Roten Kreuzes ein Telegramm: "Meine Lieben, uns geht es gut. Ich arbeite ein wenig, Korczak sehr viel. Ich kann nicht ohne die Kinder weggehen. Seid geduldig. Ich segne euch alle. Stefa."

    In jenem Frühling klammerte sich Korczak mit vielen anderen an die Hoffnung, daß die Alliierten die Deutschen schnell besiegen würden. Es traf alle wie ein Schlag, als die Nazis im April in Norwegen und Dänemark einfielen, einen Monat später in Holland und Belgien, im Juni in Frankreich, und daß die Engländer Dünkirchen aufgeben mußten.

    Als eine amerikanische Delegation, die die Aufgabe hatte, mit den deutschen Besatzungsbehörden über Erleichterungen für die Bevölkerung zu verhandeln, darum ansuchte, gemeinsam mit Nazivertretern das Waisenhaus zu besuchen, lehnte Korczak zunächst ab. Weil Stefa und jüdische Wohlfahrtsbeamte ihn bedrängten, nannte er schließlich seinen Grund: er trug stets die polnische Offiziersuniform unter seinem Kittel, und er würde sie nicht ablegen. Erst als Stefa auf die Idee kam, ihm einen Schal um den Hals zu legen und damit den Uniformkragen zu verstecken, erklärte Korczak sich einverstanden, die Delegation zu empfangen. Er tat es mit seinem üblichen ironischen Charme, richtete sich an die Amerikaner und ignorierte die Deutschen. Sie sagten ihm, wie sehr das Waisenhaus sie beeindruckt habe, aber er konnte nicht umhin zu bemerken, "daß sie enttäuscht waren: es war gar nicht so furchtbar. Sie suchten Leichen in Waisenhäusern und Skelette." Die Kinder, denen man den Besuch nicht angekündigt hatte, spielten gerade "Soldaten mit Papierhelmen und Stöcken". Einer der Amerikaner meinte ironisch: "Offensichtlich hat der Krieg ihnen nichts ausgemacht." Und Korczak erinnerte sich an einen Satz, den er einmal gelesen hatte: "An nichts gewöhnt sich der Mensch leichter als an fremdes Unglück."

    Die mit vielen Strapazen verbundene Versorgung der Kinder, deren guter Zustand die Amerikaner so beeindruckt hatte, machte Korczak immer mehr zu schaffen. An seinem Hals bildeten sich schmerzhafte Furunkel. Ida Merzan traf ihn auf der Straße mit einem Sack Kartoffeln über der Schulter und sah erstaunt, wie er sich wand, als sie ihn umarmte. "Meine Liebe, würdest du bitte meinen Hosenträger auf die Seite ziehen? " bat er sie. Als sie vorsichtig unter seine Jacke griff und den Träger zurechtrückte, seufzte er vor Erleichterung. "Ah ja, so ist es viel besser." Obwohl er dann mit schnellen Schritten davoneilte, ging er vornübergebeugt wie ein alter Mann.

    Als die Furunkel zu eitern begannen und er hohes Fieber bekam, bestand Stefa darauf, einen Arzt zu konsultieren. Korczak wischte ihre Argumente wie üblich vom Tisch. Stefa fürchtete eine Blutvergiftung und ließ einen Arzt kommen, der die sofortige Einweisung ins Krankenhaus verfügte, um die Geschwüre zu öffnen. Korczak weigerte sich: "Wenn ich operiert werde, dann nur hier und nirgendwo sonst." Man sandte nach einem bekannten Chirurgen, der Stefa allerdings vor den Gefahren einer Blutung warnte, da er sehr tief schneiden müsse. Bei den ersten Anzeichen müsse Korczak sofort ins Hospital gebracht werden. Nach zwanzig Minuten traten Blutungen auf, und Stefa packte Korczak in die Kutsche, die der Chirurg für alle Fälle vor dem Haus hatte warten lassen.

    In den vergangenen elf Jahren hatte Korczak an jedem l. Juni, dem Todestag lzaak Eliasbergs, seine Witwe Stella und ihre Töchter zum jüdischen Friedhof begleitet, wo er am Grab seines Freundes ein Kaddisch sprach. In diesem Jahr mußte Korczak wegen seines Gesundheitszustandes den Besuch auf den 10. Juni verschieben. Er kam mit bandagiertem Hals und dem Arm in der Schlinge, begleitet von einer Gruppe der älteren Waisenkinder, die in Zweierformation marschierten und König Hänschens große grüne Fahne trugen - der blaue Davidstern war auf weißem Feld in einer Ecke aufgenäht. Korczak führte die Kinder den Hauptweg entlang, an seines Vaters Grab vorbei, zu einer kleinen Böschung auf der linken Seite, wo Eliasberg unter einem unauffälligen Stein begraben lag.

    Die vielen Sterbefälle füllten den Friedhof mit Trauernden, von denen viele, gemeinsam mit den Totengräbern, dem Gesang der Kinder lauschten. Korczak lud die Kinder, die es wünschten, ein, ihre Hand auf die mitgebrachte Bibel zu legen und zu schwören, daß sie wie Dr. Eliasberg im Geist der Liebe für alle Menschen leben wollten, in Hingabe an Gerechtigkeit, Wahrheit und Schaffensfreude. Alle Kinder schworen den Eid. Die Akazien blühten, und ihre Zweige, in denen die Vogel zwitscherten, schienen die Tragödie Lügen zu strafen, die sich vor den Friedhofsmauern anbahnte. Einige Vögel setzten sich auf Korczaks Schulter, während er das Kaddisch sprach. Helena Eliasberg dachte bei sich, daß er wie der heilige Franziskus aussah.

    Trotz aller Widrigkeiten brachte es Korczak fertig, daß die Kinder den Sommer in der Sommerkolonie Rozyczka verbringen konnten. Nach der deutschen Besetzung hatte er sich sehr viele Gedanken um das Sommerlager gemacht und war gleich nach dem ersten Schneefall hingefahren, um es zu inspizieren. Da es den Juden verboten war, die Züge zu benutzen, war er mit zwei der älteren Buben in Eiseskälte die dreißig Kilometer zu Fuß gelaufen. Als sie ankamen, fanden sie außer den Gebäuden selbst nichts mehr vor. Deutsche Soldaten hatten die Kolonie geplündert, und die Nachbarn hatten viele Bäume gefällt, um sie zu verheizen.

    Erschöpft und frierend saß Korczak mit den Buben auf einigen Baumstümpfen im Hof und starrte auf die Verwüstung. Solcher Anstrengungen kaum mehr fähig, schloß er für eine Weile die Augen. Die Buben wollten ihn nicht stören, aber sie hatten Angst. Sie wußten, daß er vor Einbruch der Dunkelheit in Warschau zurück sein wollte.

    "Pan Doktor", sagten sie leise.

    Korczak öffnete die Augen und sprang auf. "Wir werden ins deutsche Hauptquartier gehen und uns beschweren", sagte er.

    Als erstes gingen sie zum Kreisverwalter, der sie freundlich begrüßte. Gemeinsam mit ihm gingen sie zum deutschen Kommandanten Hauptmann Steffens, der, wie sich herausstellte, ein Ingenieur schwedischer Abstammung war. Er sprach Deutsch mit Korczak und sagte ihm nicht nur zu, daß Rozyczka im Juli und August bewohnt werden könne, sondern auch, daß ein Teil der Einrichtung ersetzt und es gestattet werden würde, Versorgungsmittel anzuliefern.

    In jenem Sommer des Jahres 1940 konnten die Kinder für eine Weile die Welt außerhalb der Sommerkolonie vergessen, Korczak hingegen fand kaum Ruhe. Er mußte mehrmals in der Woche nach Warschau und sich um den Lebensmittelnachschub kümmern, und seine Laune richtete sich danach, was er in der Stadt erlebt und erreicht hatte. Witold Kaczanowski, Sohn des Direktors von Tworki, erinnerte sich, gemeinsam mit seinem Vater mit einem Pferdewagen voller Getreide, das die Insassen der Irrenanstalt angebaut und geerntet hatten, in Korczaks Sommerkolonie vorgefahren zu sein. Sein Vater begrüßte Korczak wie einen Bekannten, doch Witold war zu jung, um zu wissen, ob das Getreide eine Spende oder gekauft worden war.

    Nachts nahm Korczak immer einige der kleineren Kinder, die sich nicht wohl fühlten, mit auf sein Zimmer, falls sie etwas trinken oder auf den Topf wollten; er fürchtete, daß die jungen Helfer, die ja auch ihren Schlaf brauchten, die rufenden Kinder überhören könnten. Als Ida Merzan das Sommerlager einmal besuchte, stand Korczak bei den Kindern, aber er sprach wie mit sich selbst. Oder betete er? Sie war sich nicht sicher.

    Als Korczak im September mit den Kindern nach Warschau zurückkehrte, war der Sachsenplatz in Adolf-Hitler-Platz umbenannt worden, und den Juden war der Zutritt zu allen öffentlichen Parks verboten. Jüdischen Ärzten war es offiziell untersagt, arische Patienten zu behandeln, und sie hatten sich bei der Gestapo zu melden. Korczak füllte das Formular freimütig aus: Wohnanschrift: Zlotastraße 8, Wohnung 4; Berufsanschrift: Krochmalna 92; Rang im Weltkrieg: Hauptmann; Rang in der polnischen Armee: Major. Religion: mosaischen Glaubens; berufliche Fachrichtung: Kinderarzt/Pädagoge; akademische Arbeit: Kinderstudien. Doch zeigte sich seine Nervosität bei den Angaben seines ohnehin unklaren Geburtsdatums, das er um ein Jahrhundert vorverlegte: 22 VII 1978 (l979?). Er unterschrieb das Formular mit "Dr. H. Goldszmit".

    In Warschau schöpfte man wieder Hoffnung, als die Briten ihre Luftangriffe auf Berlin begannen. Viele glaubten, der Krieg würde in zwei bis drei Monaten vorüber sein. Mitte September schaute Korczak bei Adam Czerniakow herein, dessen Autorität als Vorsitzender des Judenrates für jeden Aspekt jüdischen Lebens im besetzten Warschau galt. Zu einer Zeit, als die Eintragungen des Vorsitzenden hauptsächlich von Juden handelten, die aus ihren Wohnungen geworfen wurden, von den wachsenden Selbstmordraten, von Müttern, die über ihre Söhne weinten, die man in Arbeitslager verschleppt hatte, und von Klagen über die Brotsteuer, nahm er sich doch die Zeit zu notieren, wie amüsiert er über Korczaks Handel mit Wedel gewesen war, dem Schokoladenfabrikanten. Als Wedel sich beschwert hatte, er könne ihm keine 120 Pfund Getreide verkaufen, weil Verkäufe an Juden verboten waren, hatte Korczak ihm entgegnet: "Dann schenk sie uns eben."

    Einige Wochen später notierte der Vorsitzende Korczaks verrückten Plan zur Geldbeschaffung: Der Judenrat solle von jedem, der auf dem Grab eines Tzaddik - d. h. eines Heiligen eine Bittschrift niederlegte, eine Steuer einfordern und das Geld für die Armen verwenden.

 

 


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