Janusz Korczak Communication - Center
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Verhaftung

    In Polen hatte es im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern auch im Mittelalter keine von Mauern abgegrenzten Ghettos gegeben, aber jetzt hielten sich seit den ersten Tagen der deutschen Besetzung die Gerüchte, daß es in Warschau ein Ghetto geben würde.

    Mit ihren willkürlichen und ständig wechselnden Anordnungen hielten die Nazis Czerniakow in ständiger Verwirrung. Zunächst war dem Judenrat befohlen worden, einen Teil des Judenviertels durch Stacheldraht abzugrenzen und unter "Quarantäne" zu stellen, dann kam die Order, das Ganze mit einer Mauer zu umgeben. Czerniakow hatte auf die Unmöglichkeit hingewiesen, eine Mauer zu errichten - sämtliche Versorgungseinrichtungen für Wasser, Strom und Telefon würden dadurch beschädigt werden -, aber er unterlag in der Auseinandersetzung. Der Judenrat hatte den Bau der Mauer zu finanzieren und die Arbeitskräfte beizubringen. Im Juli 1940, als zwanzig Abschnitte der Mauer errichtet waren, kam es Czerniakow zu Ohren, daß die Deutschen sich gegen ein Ghetto entschieden hätten; als er Korczak im September traf, war er wiederum überzeugt davon, daß doch eines errichtet würde - zu diesem Zeitpunkt gab es kleinere in den Provinzen und ein großes, mit Stacheldraht abgegrenztes Ghetto in Lodz.

    Die deutsche Taktik bei diesen Ghettoerrichtungen bestand im Überraschungseffekt der Anordnungen und machte es möglich, hastig zurückgelassenen jüdischen Besitz zu konfiszieren).An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag - es war der 12. Oktober 1940 -, gaben sie die Errichtung eines "jüdischen Wohnbezirks" bekannt. Trotz der Gerüchte, die es schon lange gegeben hatte, wurde Korczak wie alle anderen von der Nachricht überrascht. Bei einem Blick auf die überall aushängenden Ghettokarten stellte er fest, daß die geplante westliche Grenze über die Krochmalnastraße verlief: der obere Teil der Straße, in dem das Waisenhaus stand, gehörte nicht mehr dazu, sondern war auf der arischen Seite - wie das nichtjüdische Warschau jetzt bezeichnet wurde. Um die Verwirrung komplett zu machen, gab es überall in der Stadt Karten mit unterschiedlichen Eintragungen über die zukünftigen Grenzverläufe.

    Es erschien Korczak unmöglich, daß man von ihm und seinen Kindern erwarten könne, aus ihrem berühmten Haus in ein anderes Gebäude innerhalb der Ghettomauern zu übersiedeln. Die Deutschen kannten seine Arbeit - ihre Erzieher hatten ihn besucht und über seine Methoden geschrieben. Die Nazis konnten den Juden Henryk Goldszmit hassen, aber den Erzieher Janusz Korczak würden sie respektieren müssen. Korczak erkannte, daß er keine Zeit zu verlieren hatte, und eilte auf sein Zimmer, um der Kommandantur in Krakau zu schreiben, der Judenrat würde sein Papier mit anderen Eingaben dort übergeben. "Petition" schrieb er als Überschrift und versuchte, die Deutschen mit dem effizienten Funktionieren des Waisenhauses dort, wo es war, zu beeindrucken."

    Im laufenden Jahr haben uns die deutschen Behörden weder geschadet noch belästigt", begann er. "Dennoch haben wir unter vielen Entbehrungen und Härten zu leiden gehabt. Wir haben von Spenden gelebt, und es ist uns unter größten Anstrengungen gelungen, auch in diesem 28sten Jahr unserer Gemeinschaft die notwendigste Versorgung zu gewährleisten." Korczak verwies darauf, daß sein fleißiges Personal - eine Köchin, eine Hilfsköchin, ein Spüler und zwei Lehrer - im Waisenhaus erzogen worden war. Ein Mitarbeiter hatte sogar sein Leben verloren, als er während der Belagerung versuchte, ein Feuer auf dem Dach zu löschen. Die Kinder hatten geholfen, die geborstenen Fenster und zersplitterten Türen nach den Bombardierungen wieder herzurichten, hatten die Duschräume getüncht und das Waisenhaus so saubergehalten, daß es keine ansteckenden Krankheiten gab, für die es nötig gewesen wäre, sie unter Quarantäne zu stellen. Er legte Abrechnungen und andere Informationen bei und schloß seine Petition mit: "In vollem Vertrauen auf Ihr Verständnis bitten wir um Ihre Unterstützung, daß die Kinder in diesem Gebäude verbleiben, von dem wir uns nur sehr schwer trennen könnten," Er unterzeichnete mit: "Hochachtungsvoll, Direktor des Waisenhauses und der Bursa, Dr. H. Goldszmit, Janusz Korczak."

    Die Petition war den Versuch wert, aber während Korczak auf eine Antwort wartete, begann er innerhalb der Ghettogrenzen nach einer möglichen Bleibe für seine Kinder zu suchen. Er verhandelte über einen Gebäudetausch mit dem Direktor der Handelsschule in der nahe liegenden Chlodnastraße 33, und als Korczaks Gesuch von Krakau abgelehnt wurde, einigte man sich, gegenseitig auf die Gebäude zu achten, bis man selbst sie wieder beziehen konnte.

    Trotzdem verlor Korczak seinen Humor nicht. Als Czerniakows Gesuch, in seiner Wohnung auf der arischen Seite bleiben zu dürfen, ebenfalls abgelehnt wurde, meinte Korczak, er kenne jemanden im Judenrat, der dem Vorsitzenden gegen Bestechung eine gute Wohnung im Ghetto besorgen würde.

    In dieser chaotischen Zeit, als Polen und Juden hin- und hereilten, um auf "ihrer" Seite der Ghettomauer Wohnungen zu finden oder zu tauschen, kamen viele von Korczaks nichtjüdischen Freunden ins Waisenhaus, um ihn zu bewegen, sich zu verstecken. Igor Newerly war einer der ersten, der erschien. Trotz ihrer engen Freundschaft war Newerly nicht sicher, daß er seinen eigensinnigen Mentor dazu bringen könne, etwas zu tun, zu dem er nicht bereit war. Als sie in die Mansarde hinaufstiegen, bemerkte Newerly, wie schwer Korczak atmete, und sah, daß dieser einst so jugendliche Mann, der in der Vergangenheit so flink und gewandt gewesen war, an zunehmender Schwäche litt. Er wartete, bis Korczak an die Tür geklopft hatte, um die Spatzen vor ihrem Kommen zu warnen, und mußte wie üblich im tiefen Lehnsessel Platz nehmen, während sein Gastgeber sich mit dem unbequemeren Stuhl begnügte.

    Während Newerly nervös im Sessel Platz nahm und sich überlegte, wie er anfangen solle, zündete Korczak sich eine Zigarette an und erkundigte sich nach Frau und Kind und allen gemeinsamen Freunden, als ob deren Wohlbefinden das einzige sei, was ihn interessierte.

    "Jeder macht sich Sorgen darüber, daß Sie mit den Kindern ins Ghetto gehen", sagte Newerly. "Ein Wort, und wir besorgen Ihnen falsche Papiere, dann können Sie auf unserer Seite wohnen."

    "Und die Kinder?" "Wir werden versuchen, so viele wie möglich in Klöstern und Privatwohnungen zu verstecken."

    Korczak legte seine Zigarette fort, nahm seine Brille mit dem billigen Metallrahmen ab und putzte die Gläser mit dem Taschentuch, wie er es immer tat, wenn er Zeit gewinnen wollte. Schließlich fragte er: "Wissen Sie, wie schwer es ist, einhundertsiebzig jüdische Kinder zu verstecken - denn so viele haben wir jetzt."

    "Wir werden es versuchen", sagte Newerly.

    "Aber können Sie mir für die Sicherheit eines jeden Kindes garantieren? "

    Newerly schüttelte traurig den Kopf "Das wird unmöglich sein. Wir können nichts garantieren - noch nicht einmal für uns selbst."

    Nun war es an Korczak, Newerly zu trösten. "Mein Freund", sagte er, "es ist fast unmöglich, etwas so gut zu verstecken, daß der, der es sucht, es nicht findet." Diese Auffassung hatte er schon früher vertreten in seiner Geschichte über den im Schilf versteckten Moses. Er wußte, daß die Nazis genauso nach jüdischen Kindern suchen würden, wie die Ägypter nach den Säuglingen gesucht hatten, die von den hebräischen Sklaven versteckt worden waren. "Es ist schwer zu lügen, wenn man gefragt wird", hatte er geschrieben. "Die Hände zittern, die Augen sind voller Angst, man wird rot oder blaß." Und er hatte hinzugefügt: "Ich habe niemals ein Kind vor einem feindlichen Soldaten versteckt."

    Newerly verstand Korczaks Zögern, das Wohlergehen irgendeines seiner Waisenkinder aufs Spiel zu setzen. So wie er den Gedanken nicht ertrug, ein Kind in einem dunklen Raum oder Keller zu bestrafen, so ertrug er jetzt die Idee nicht, sie an dunklen Plätzen vor den Nazis zu verstecken. Ihre Herzen würden wild schlagen vor Angst, entdeckt zu werden. Er war ein Vater, der seine Kinder nicht verließ. "Mein Freund, es wird das beste sein, die Kinder bei mir zu behalten", sagte er und streckte seine Hand aus zu einem dieser festen Händedrücke, die in den vergangenen Jahren so viele Vereinbarungen besiegelt hatten und mit dem er jetzt um Newerlys Verständnis bat.

    Zu dem Zeitpunkt hätte niemand sagen können, ob das Ghetto nicht der sicherste Ort für die Kinder war. Was als "Endlösung" bekannt werden sollte, lag noch in der Zukunft und war auch für den ärgsten Pessimisten gänzlich unvorstellbar. "Machen Sie sich keine Sorgen, die Deutschen werden uns nichts tun", versuchte Korczak ihn zu beruhigen. "Sie würden es nicht wagen. lch bin im In- und Ausland viel zu bekannt."

    Bis zum 30. November mußte die jüdische Bevölkerung ins Ghetto übersiedelt sein. Je näher dieser Tag rückte, desto chaotischer wurden die Zustände in der Stadt: 138 000 Juden, ihre Habseligkeiten im Handkarren oder auf dem Rücken. strömten durch die acht Tore des Ghettos in die Wohnungen von 113 000 Polen. die in gleich verrückter Weise ihre Behausungen verließen. Viele aus beiden Gruppen verloren ihre Geschäfte und die darüberliegenden Wohnungen und damit ihre Existenzgrundlage.

    Korczak dachte lange darüber nach, wie er das Waisenhaus übersiedeln würde. Er wollte nicht, daß die Kinder sich vor dem neuen Leben im Ghetto fürchteten, sondern daß sie es als eine Art neuer Herausforderung für alle betrachten sollten.

    Jona Bocian. die in jenem Jahr ein Lehrerpraktikum absolvierte, erinnerte sich an die Sorgfalt, mit der Korczak und Stefa alles bis ins kleinste Detail organisierten. In täglichen Zusammenkünften wurde besprochen, wer für was zuständig sein würde. Christenfreunde, die etwas beitragen wollten, wurden gebeten, bunte Bilder oder Teppiche für die Räume der Kinder beizusteuern oder rote Geranien für die Blumenkästen vor den Fenstern. Als Hanna Olczak vorbeischaute, erzählte Korczak ihr. daß er den Haushalt "wie eine große Theatertruppe" übersiedeln wolle. Die Prozession solle wie die Reklame für eine Vorstellung aussehen, "eine Art Parade, in der die Kinder Lampen und Bilder tragen, Bettzeug und Käfige mit zahmen Vögeln und kleinen Tieren."

    Am Tag, als das Ganze stattfinden sollte, am 29. November, stellten sich die Kinder wie bei den Proben im Hof auf, während Korczak noch einmal die Wagen voll Kohlen und Kartoffeln inspizierte, die er auf seinen täglichen Runden so mühselig beschafft hatte. Die Kinder winkten dem polnischen Hausmeister traurig zum Abschied zu. Piotr Zalewski blieb zurück und kümmerte sich um das Haus. Sein Gesicht war fast zur Unkenntlichkeit geschwollen von den Schlägen, die er am Tag zuvor von den Nazis bekommen hatte, als er und die Wäscherin bei der Nazipolizei um Erlaubnis nachgesucht hatten, mit ins Ghetto zu gehen. Die Wäscherin hatten sie hinausgeworfen, ihn aber zur stundenlangen Befragung zurückbehalten. Wußte er nicht, daß Arier nicht mehr länger für Juden arbeiten durften? Als der Hausmeister meinte, nach zwanzig Jahren Dienst dort sei ihm das Waisenhaus zur Heimat geworden, wurde er mit Peitschen und Gewehrkolben traktiert.

    Zalewski, ein großer, bartloser Mann mit aufrechtem Gang, war Grenadier in der Armee des Zaren gewesen, bevor er seinen Posten im Waisenhaus antrat. Jedes Jahr zu seinem Namenstag besuchte ihn Korczak im Torhaus auf ein paar Gläschen Wodka, bei welcher Gelegenheit die beiden Männer stets obszöne Kriegsgeschichten austauschten und prüften, wer die meisten Flüche beherrschte (Korczak stand dem Hausmeister in beiden Disziplinen um nichts nach). Die Kinder hatten es geliebt, in Zalewskis Tischlerwerkstatt im Keller zu arbeiten, wo sie so schmutzig werden durften, wie sie wollten. Oft hatten sie gehämmert und gesägt und ihm dabei ihr Herz ausgeschüttet oder waren ihm auf den Fersen geblieben, wenn er Kohlen schaufelte oder den Hof fegte. Sollte er einmal im Scherz ihre Nasen mit seinen starken Fingern zu heftig gezwickt haben, so wurde ihm das stets verziehen.

    Die Kinder marschierten aus dem Hof auf die Straße, preßten ihre wenigen Besitztümer an sich und versuchten zu singen. Die grüne Fahne König Hänschens mit dem Davidstern auf der einen Seite wehte über der kleinen Parade, die durch die von Menschen wimmelnden Straßen ihren Weg zur Chlodnastraße 33 machte. Als sie dort zur Ghettomauer kamen, fanden sie polnische und deutsche Polizei am Tor, die nach Pässen verlangten, als ob sie eine Grenze überschreiten würden.

    Als sie durch das Tor marschierten, konfiszierte ein deutscher Polizist ihren letzten Lastwagen, der mit Kartoffeln beladen war. Korczak schrie ihn an, die Kartoffeln freizugeben, oder er würde sich bei seinen Vorgesetzten beschweren. Der Wachtposten ließ sich nicht einschüchtern, und es blieb Korczak nichts anderes übrig, als mit Stefa und den Kindern zu ihrem neuen Haus weiterzumarschieren. An jenem Abend, als die Kinder durchs Haus sausten und sich über die Fenster, Türen und Schlafräume wunderten, die so anders waren als das, was sie kannten, entschloß sich Korczak, als erstes am nächsten Morgen bei der Gestapo zu protestieren.

    Als er am folgenden Tag im Gestapo-Hauptquartier ankam, reagierte der diensthabende Offizier zunächst etwas verwirrt auf diesen hochgradig erregten, in die Reste einer polnischen Uniform gekleideten Mann, der sich in fehlerfreiem Deutsch als Dr. Janusz Korczak vorstellte. Er bot seinem Besucher einen Stuhl an. Aber als er dann Korczaks Tirade über die Beschlagnahmung von Kartoffeln am Tor hörte, wunderte er sich, warum denn dieser Pole sich solche Sorgen um die Juden machte.

    Er wurde mißtrauisch und fragte: "Sind Sie etwa Jude?"

    "Jawohl", sagte Korczak.

    "Und wo ist deine Armbinde?" fragte er, mittlerweile wütend geworden. "Weißt du denn nicht, daß du gegen das Gesetz verstößt? "

    Korczak stand auf und erklärte, wie schon so oft in seinem Leben: " Es gibt menschliche Gesetze, die vergänglich sind, und höhere Gesetze, die ewig gelten . . ." - aber weiter kam er nicht. Höchst aufgebracht von der Impertinenz dieses Juden, befahl der Offizier die Wache herbei und ließ Korczak abführen. Er wurde verprügelt und kam in eine Zelle.

    Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Ghetto das Gerücht, daß Janusz Korczak etwas zugestoßen sei: man habe ihn bei Verhören im Gestapo-Hauptquartier gefoltert und getötet, hieß es; er sei in einen Wald gebracht und erschossen worden; er liege sterbend in einem Lager in Lublin. Für die Freunde und für Stefa war es kaum ein Trost. als sie schließlich erfuhren, daß er ganz in der Nähe im Pawiak war. Das massive Backsteingebäude, zur Zarenzeit für politische Häftlinge errichtet, war jetzt das am meisten berüchtigte Gefängnis der Deutschen. Im Herzen des Ghettos gelegen, war es wie eine Festung innerhalb der Stadtmauern. Dorthin gebracht zu werden, kam einem Todesurteil gleich.

    Tagsüber bewahrte Stefa ihre Ruhe: ihre Untergebenen hatten sie nicht umsonst Innenministerin getauft. Als sie sich im neuen Haus in der Chlodna 33 plötzlich ohne Korczak wiederfand, tat sie genau das, was sie im Ersten Weltkrieg getan hatte, als er vier Jahre fort gewesen war: sie krempelte die Ärmel hoch und schaffte Ordnung mit Hilfe der Erzieher und der älteren Kinder. Sie hatte bereits entschieden, daß die Klassenzimmer dieser ehemaligen Schule tagsüber als Aufenthaltsräume dienen und nachts zu Schlafräumen umfunktioniert werden sollten. In der Welt da draußen mochte die Ungerechtigkeit herrschen, doch ihre auf Gerechtigkeit aufbauende Gemeinschaft sollte weiterbestehen. Der Keller wurde zur Isolierstation für die Kranken, weil sie das Risiko nicht eingehen wollte, daß sich die Kinder in einem Ghettokrankenhaus mit Typhus oder Cholera infizierten. Sie verfügte lediglich über eine Spritze und ein Röhrchen Morphium, aber sie war Krankenschwester für Generationen von Waisenkindern gewesen und hatte ihre eigenen Behandlungsmethoden - bei Halsweh wurde mit Salzwasser gegurgelt, bei Schmerzen eine mit heißem Sand gefüllte Socke aufgelegt, und wenn nichts half, nahm man die eigene große warme Hand und legte sie auf die schmerzende Stelle. Nur nachts, wenn alles schlief, gestattete sich Stefa das Privileg zu weinen.

    Es war immer noch möglich, durch Bestechung aus dem Pawiak herauszukommen. Stefa stand in ständiger Verbindung mit Korzcaks Freunden, wobei das Problem weniger beim Geld lag, sondern eher darin, wie man mit der Gestapo in Kontakt kommen konnte. "Harry" Kaliszer, ein findiger junger Mann, der zu Korczaks Lieblingen im Waisenhaus gehört hatte, arrangierte schließlich einen Freikauf über den berüchtigten Nazikollaborateur Abraham Gancwajch - eine mysteriöse Gestalt, die im Ghetto über großen Einfluß verfügte. Die Summe wurde auf dreißigtausend Zloty festgesetzt, ein Teil war sofort zu bezahlen, der Rest in Raten.

    Vermutlich hat Korczak seine vier Wochen im Pawiak nur deshalb überlebt, weil er bei den gewöhnlichen und nicht bei den politischen Häftlingen war, die meistens sofort hingerichtet wurden. Bleich und schwach kam er Ende Dezember im Waisenhaus an, die Kinder hatten sich zu seiner Begrüßung aufgestellt so wie damals, als er aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war. Er hörte sich noch die kurze Begrüßungsrede eines kleinen Mädchens an und ging dann auf sein Zimmer, allerdings nicht ohne den Kindern vorher versprochen zu haben, ihnen bei der Versammlung am Samstagmorgen von seinen Erlebnissen zu berichten.

    "Wie haben Sie sich bloß getraut, die Deutschen anzuschreien? Hatten Sie keine Angst?"

    "Im Gegenteil. Die hatten Angst vor mir. Die Deutschen haben vor jedem Angst, der lauter brüllt als sie." "Wie war es im Gefängnis?" "Großartig." Und dann machte er wieder seinen Hüpfer, den sie alle so gut kannten.

    Trotz Überfüllung der Zelle - wogegen ihr neues Heim wirklich wie König Hänschens Palast war - war es ihm gelungen, wie ein Scheunendrescher zu essen, tief und fest zu schlafen und im Gefängnishof intensiv Gymnastik zu betreiben. Nicht ein einziges Mal, so prahlte er, habe er sich krankmelden müssen.

    Mit großer Begeisterung hörten die Kinder seine Geschichten über die Mithäftlinge. Einer, er saß wegen Mord, war der Ansicht, Doktor bedeute Chirurg, und schlug vor, daß sie beide sich mit Mackie Messer anreden lassen sollten. Als sie herausfanden, daß er der "alte Doktor" aus der berühmten Radiosendung war, machten sie Platz auf dem schmutzigen Strohhaufen, der als Bett diente, und baten ihn, Geschichten zu erzählen. Er erzählte ihnen von dem Kater mit den weißen Stiefeln und einer Feder am Hut, dem es gelang, seinem Herrn feine Kleider und einen Palast zu verschaffen, ohne sie zu stehlen, und von dem Buben mit der Wunderlampe, die einen Geist herbeirief, der ihm alle Wünsche erfüllte. Und die hartgesottenen Verbrecher weinten und dachten an die Geschichten, die die Mutter ihnen erzählt hatte, als sie noch klein waren und davon träumten, daß vielleicht ein Kater oder ein guter Geist ihr Schicksal ändern würde.

    Vielleicht gelang es Korczak, die Kinder zu überzeugen, daß er im Gefängnis seinen Humor nicht verloren hatte - sie kugelten sich vor Lachen darüber, wie er seinen Zellengenossen beigebracht hatte, ihre lästigen Flöhe zu fangen. Doch Stefa und die Erwachsenen sahen, wie ausgezehrt er war. Er hatte sie mit den Einzelheiten seiner Qualen verschont, hatte auch nicht von den Schreien, dem Stöhnen und den Schüssen der Erschießungskommandos erzählt, die Tag und Nacht zu hören gewesen waren, doch konnte er seine Angst und seine Niedergeschlagenheit nicht verbergen.

    Als erstes nach seiner Rückkehr ließ er die Eingangstür zur Straße verbarrikadieren, so daß das Waisenhaus nur durch den Hof zu betreten war. Sobald es dunkel war, versicherte er sich jeden Abend, daß auch kein einziger Lichtschimmer nach außen drang, um nicht die Aufmerksamkeit der in der Nähe stationierten deutschen Patrouille zu erregen.

    Stefa wußte nicht, was ihr mehr Sorgen bereitete, Korczaks psychischer oder physischer Verfall: er konnte kaum atmen, und seine Beine waren geschwollen. Sie ignorierte seinen Protest und brachte ihn ins Krankenhaus für eine gründliche Untersuchung. Der aufnehmende Arzt stellte fest, daß Korczaks Augen und Wangen vom Fieber brannten, er aber in seiner Uniformjacke und den hohen Stiefeln mit der Aura eines "aristokratischen Polen" das Untersuchungszimmer betrat. Der Arzt hatte Mühe, ihn vor das Röntgengerät zu bekommen. Als Korczak hörte, daß er Wasser in der Lunge habe - ein Anzeichen für Herzversagen -, fragte er ruhig: Wieviel? Als man ihm sagte, daß es unterhalb der vierten Rippe sei, erklärte er, das reiche nicht aus, ihn davon abzuhalten, Nahrungsmittel und Heizmaterial für seine Kinder zu besorgen. Trotz aller Tapferkeit sollte es noch eine Weile dauern, bis er soweit war, wieder allein auf die Straße zu gehen - und von da an ging er mit einem Stock.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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