Janusz Korczak Communication - Center
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Das Ghetto

    "Es gab damals in den dreißiger Jahren keine natürliche Entwicklung in unserem Leben, die zum Ghetto geführt hätte", sagte Misha Wroblewski, der einzige Erzieher aus Korczaks Waisenhaus im Ghetto, der überlebt hat. "Das waren zwei völlig unterschiedliche Welten - vor dem Ghetto und dann das Ghetto. Ein totaler, ganz plötzlicher Bruch. Man kann nicht eine halbe Million Menschen in einer kleinen, abgegrenzten Region ohne ausreichende Nahrung, genügend Wohnraum und ohne Heizungsmöglichkeiten zusammenpferchen und davon ausgehen, daß sie ein normales Leben führen. Am Anfang hat man sich vielleicht noch normal gefühlt, aber mit der Zeit verlor man den Verstand. Das Ghetto war eine Welt des Wahnsinns, und wir haben uns wie Wahnsinnige benommen."

    In den ersten Wochen nach seinem Gefängnisaufenthalt wollte Korczak kaum jemanden sehen. Wenn ab und zu ein Soldat der deutschen Miliz mit einem verlorenen Kind an die Tür kam, bat er jemand anders, sich darum zu kümmern. Der einzige neue Freund, mit dem er sich damals öfter traf, war Michael Zylberberg, ein Lehrer, der mit seiner Frau Henrietta in einem der Häuser wohnte, die an den Hof des Waisenhauses grenzten. Vor dem Krieg hatte Zylberberg jüdische Literatur und Geschichte an einem hebräischen Gymnasium unterrichtet und den Doktor in Erzieherkreisen kennengelernt. In jenen ersten Wochen, in denen Korczak sich noch erholte, schaute Zylberberg öfter einmal herein. Die beiden Männer studierten die Karte der elf Quadratmeilen Ghetto, die Zylberberg - arbeitslos, weil die Schulen geschlossen waren - sich genau angesehen hatte.

    Die abgeschlossene Region war in zwei Zonen eingeteilt, das Große und das Kleine Ghetto. Chlodnastraße, wo sie sich befanden, war im Kleinen Ghetto. Einst eine bessere Wohngegend, hatte das Kleine Ghetto wohlhabendere Juden von der anderen Seite der Mauer angezogen. Es war weniger vollgepfropft als das Große Ghetto weiter nördlich, wo die meisten Menschen bis zu neun Personen in einem Raum in völlig unzulänglichen, unbeheizten Quartieren zubrachten.

    Als Korczak wieder stark genug war, um auf die Straße zu gehen, führte ihn Zylberberg zuerst ins Große Ghetto. Sie konnten sich kaum ihren Weg durch die bienenschwarmähnliche Masse von Menschen bahnen, die die Straßen in einen makabren Bazar verwandelt hatten: Bettler standen Seite an Seite mit verzweifelten Menschen, die ihre Besitztümer zu verkaufen oder einzutauschen versuchten: alte Kleidung und Unterwäsche, teigiges Brot, noch nicht fertig gebacken, Saccharin, alles Erdenkliche - selbst Armbinden mit dem Davidstern, deren Preis sich nach der Qualität des Materials richtete. Die beiden Männer mußten über verarmte Flüchtlingsfamilien aus der Provinz hinwegsteigen, die sich, eingehüllt in zerrissene Decken, gegen die Kälte aneinandergedrängt hatten. (Bevor der bitterkalte Winter vorüber war, lagen ihre nackten Körper, zugedeckt mit Zeitungspapier, in denselben Straßen und warteten darauf, ins Massengrab gekarrt zu werden, während die nächste Ladung Flüchtlinge und Bettler, denen das gleiche Schicksal bevorstand, schon längst eingetroffen war.)

    Es fiel Zylberberg auf, daß Korczak, wie er so auf seinen Stock gelehnt dastand, genauso aussah wie die armen Leute im Ghetto. Niemand hätte auch nur ahnen können, daß dies der berühmte "alte Doktor" war. Allerdings war es ohnehin unmöglich, den Status eines Menschen zu erkennen: ohne Arbeit und sinnvolle Beschäftigung, ohne gesetzlichen Schutz waren die Juden des Ghettos zu dem geworden, was der Historiker Emmanuel Ringelblum "überflüssige Menschen" genannt hat. Jene mit musikalischen oder schauspielerischen Begabungen feilschten genauso mit ihnen wie alle anderen.

    Zylberberg brachte Korczak zur Lesznostraße, wo der blinde Akkordeonspieler saß, der in den zwanziger Jahren wegen seiner herzzerreißenden Lieder über die Pogrome in den Tagen des Zaren und die; polnischen Angriffe auf die Juden in den Anfangszeiten der Unabhängigkeit berühmt gewesen war. Jetzt wurde er durch seine auf das Ghetto zugeschnittenen Lieder berühmt. Eine große Menschenmenge hatte sich um den blinden Musiker versammelt, dem eine hübsche blonde Frau assistierte, die ins Publikum lief und Text und Musik des Liedes verkaufte, das er gerade sang:

      Wo soll ich hin? Wo soll ich hin?
      Schmach und Schmerz sind viel zu groß.
      Jede Straße ist geschlossen und versperrt.
      Groß ist mein Leid und groß mein Kummer, es weint mein Herz, und meine Tränen fließen.
      Wo soll ich hin, Juden?
      Wo soll ich hin?

    Sie gingen weiter und sahen eine völlig entkräftete junge Frau mit dunklen, blitzenden Augen, die auf allen Vieren durch den Straßenmatsch kroch. Mit ihrer mächtigen Stimme, die die Bewohner jeden Morgen mit einem jiddischen Lied weckte, kreischte sie gerade den Vers von den " Drei Näherinnen" des berühmten Dichters l. L. Peretz:

      Ihre Augen sind rot und ihre Lippen blau,
      Auf ihren blassen Gesichtern liegen Perlen von Schweiß.
      Ihr Atem ist heiß und ihre Zunge trocken.
      Drei Mädchen sitzen und nähen.

    An der Ecke sprang ein halbverrückter Mann auf sie zu, schwang seine Arme wie Dreschflegel und schrie: " Freut euch, Juden, wir sind ohne Scham! Sind alle gleich, reich oder arm!" "

    Das ist Rubinstein, der selbsternannte Ghettonarr", erklärte Zylberberg. "Kein Mensch weiß etwas von ihm, außer daß er aus irgendeiner Provinz hierher kam. Er rennt den ganzen Tag durch die Straßen und brüllt irgendwelche selbstgedichteten Verse."

    Ins Kleine Ghetto zurückzukommen, war genauso schwer, wie ins Große Ghetto hereinzukommen. Sie mußten sich nicht nur erneut durch Tausende von Bettlern und Hausierern hindurchdrängen, sondern auch über die bewegungslosen Flüchtlingsfamilien hinwegsteigen. Als sie um eine Ecke kamen, begegnete ihnen wiederum Rubinstein, der sie diesmal mit einer Drohung ansprang: "Gebt mir einen Groschen, und ihr könnt weitergehen! Wenn nicht, fange ich an zu schreien!"

    "Es ist eine Art Erpressung", erklärte Zylberberg. "Alle wissen, daß er, wenn er seine Münze nicht kriegt, zu schreien anfängt: >Nieder mit dem Führer! Nieder mit Hitler!< Und die Deutschen schießen dann auf alles, was sich bewegt."

    Korczak gab Rubinstein eine Münze.

    Einige Tage später gingen sie durch das Kleine Ghetto, was zwar nicht ganz so anstrengend, aber ebenso bedrückend war. In diesem etwas exklusiveren Teil gab es weniger Flüchtlinge aus den Provinzen, aber auch hier waren die Straßen angefüllt mit Hunderten von Kindern, die in Bauchläden alles anboten, was nicht niet- und nagelfest war, und mit Hunderten von Musikanten, die ihr Revier abgesteckt hatten.

    In der Nähe des Judenratgebäudes auf der Grzybowska wurde Korczak auf einen jungen Geiger aus Jerusalem aufmerksam, der bei einem Verwandtenbesuch in Polen in die Falle geraten war. Er lehnte sich auf seinen Spazierstock, betrachtete diesen zarten, blondschöpfigen Jugendlichen aus jener Stadt, von der er geglaubt hatte, daß er einmal in ihr leben würde, und bemerkte, daß dieser seine blauen Augen geschlossen hielt, während er Blochs " Ba' al Shem Tov" und andere hebräische Melodien spielte, und sie nur öffnete, um nach den Münzen zu schauen.

    Korczak und Zylberberg wanderten die Panska zur Sliska hinunter und trafen überall auf Musikantengruppen - unter ihnen Mitglieder der Warschauer Philharmonie -, die stets große Menschenmengen anzogen. Opernstars waren bei ihnen, die Arien nach Wunsch vortrugen. Korczak nahm seine Brille ab, um ihre Gesichter zu studieren und dann die der Menschen, die ihnen entrückt zuhörten.

    Eine Weile später begegneten ihnen berühmte Kantoren aus ganz Polen, auch sie jetzt ohne Arbeit, weil die Synagogen wie die Schulen geschlossen waren. Die bittere Realität des Ghettos hatte sie zu wütenden Konkurrenten herabgewürdigt: einer, der gezwungen war, seine gelähmte Frau im Kinderwagen hinter sich herzuziehen, während er sang, wurde von den anderen gemieden, weil er versuche, das Mitleid des Publikums zu erringen. Die Zuschauer hier, ebenso begierig wie die Freunde der Oper, hatten ihren zynischen Humor noch nicht verloren. Als ein Mann murmelte, daß Kantor Rosenblatt die Verse viel besser gesungen habe, stichelte ein anderer. "Wenn dir diese Interpretation nicht gefällt, dann buch dir doch eine Reise nach New York und hör dir dort Kantor Rosenblatt an."

    Auf ihren Wegen trafen die beiden Lehrer viele Leute, die sie von früher kannten, aus einer Zeit, die heute wie ein anderes Leben zu sein schien. Ein assimilierter Philanthrop, weit über achtzig, erinnerte Zylberberg an ihre Zusammenkünfte in früheren Jahren. Er sei jetzt allein, erklärte er, denn seine beiden Töchter hätten konvertiert und lebten mit ihren nichtjüdischen Ehemännern auf der arischen Seite.

    "Warum sind Sie dann ins Ghetto gekommen? " fragte Korczak neugierig. "Was mich betrifft, so habe ich keine Familie, und meine Kinder sind alle hier, aber bei Ihnen ist das doch was anderes. Können Ihre Töchter Sie hier nicht rausholen?" "Ich hätte schon zu ihnen gehen können, wenn ich das gewollt hätte. Aber ich wollte hier im Ghetto bei meinem leidenden Volk sein."

    Zylberberg sah, daß Korczak die Antwort gefiel, er empfände ebenso, sagte er. Sie sprachen über den jiddischen Dichter Peretz, einen Verwandten des Philanthropen, den Korczak vor dem Ersten Weltkrieg auf literarischen Versammlungen kennengelernt hatte.

    Ihre Unterhaltung über Peretz wurde von Rubinstein unterbrochen, der vorbeigeeilt kam:

      Gib mir einen Groschen - das ist gar nichts!
      Zwei Groschen sind auch nicht viel mehr!
      Drei Groschen - nein danke! Doch vier-
      vier Groschen - sonst kommst du nach Gesia!

    Dann, als er einen Beerdigungszug entdeckte, der sich gerade auf dem Weg zu dem besagten Friedhof auf der Gesiastraße befand, sauste Rubinstein los, schloß sich dem Zug an und schrie: "Arm und reich sind alle gleich!"

    "Die Juden sind ein merkwürdiges Volk", sagte Korczak und schüttelte den Kopf.

    Eines Nachts gegen elf Uhr, als sie gerade zu Bett gehen wollten, hörten Zylberberg und seine Frau schwere Stiefeltritte auf der Holztreppe, ein äußerst beängstigendes Geräusch, weil nach der Sperrstunde um sieben Uhr niemand mehr die Häuser verdrehten sie das Licht ab, als ob die Dunkelheit sie schützen könne. Doch die Schritte kamen immer näher und hielten schließlich vor ihrer Tür an. Die Glocke läutete.

    "Wer ist da? " rief Zylberberg.

    "Dr. Korczak. Bitte machen Sie auf", sagte die bekannte Stimme.

    Erleichtert sah Zylberberg seine Frau an und öffnete die Tür. Da stand sein berühmter Wanderfreund in seinen alten Armeestiefeln, die seine Füße niemals zu verlassen schienen.

    Korczak entschuldigte sich, daß er ihnen einen Schrecken eingejagt habe, aber er habe warten wollen, bis es im Waisenhaus ruhig geworden war. Nach einem Blick auf die Bücher auf Zylberbergs Tisch erklärte er den Grund für seinen späten Besuch. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte er begriffen, daß sie in einer bizarren Gesellschaft lebten, in der jeder sich auf irgendeine Weise anpassen mußte, um zu überleben. Weil es für die Kinder zu gefährlich war fortzugehen, wollte er Leute einladen, die jede Woche einen Vortrag über das hielten, womit sie sich beschäftigten. Er hatte bereits Zusagen von einigen Mitgliedern des Judenrats, Vertretern von Suppenküchen und anderen Einrichtungen, wie auch vom Historiker Emmanuel Ringelblum und einem Philosophen. Außerdem hoffte er, einen Rechtsanwalt zu gewinnen, der jetzt als Polizist arbeitete, und einen Wissenschaftler, der jetzt Hausmeister war. Ob Zylberberg, wenn ihm das Projekt gefiele, als Nachbar und Lehrer dazu bereit sei, ihm bei der Organisation der Vorträge zu helfen und den Eröffnungsvortrag zu übernehmen?

    Zylberberg war mit beidem einverstanden, erbat sich aber Zeit, um über sein Thema nachzudenken. Korczak drängte ihn, sich hier und jetzt zu entscheiden, und Zylberberg schlug vor, daß er den Kindern von Peretz erzählen würde, der Lehrer gewesen war und sogar Waisenhäuser gegründet hatte, bevor er ein berühmter Dichter wurde. Korczak war erfreut. "Peretz ist jetzt genau das richtige Thema. Er gehört zu Warschau."

    Das Waisenhaus "summte wie ein Bienenstock", als Zylberberg in der folgenden Woche kam. Die Kinder hatten gerade zu Mittag gegessen und marschierten aus dem Speisezimmer in die große Halle, die der Schule früher als Aula gedient hatte. Stefa und die Erzieher wiesen jedem einen Platz zu, Korczak saß mitten unter den Kindern.

    "Der Mann, von dem ich euch erzählen werde, der immer jugendliche Peretz, lebte nicht weit von hier", begann Zylberberg. "Am Anfang seiner Karriere hat er auf Polnisch geschrieben. Obwohl er viel Zeit damit verbrachte, armen jüdischen Kindern etwas beizubringen, suchte er nach einem Weg, allen Juden zu helfen, die unter Armut litten und vor russischen Pogromen fliehen mußten. Als er den warmen, fröhlichen Glauben der Chassidim entdeckte, der seinen Leuten Selbstachtung gab und jeden Mann am Sabbat zum König im eigenen Haus machte, begann er, auf Jiddisch zu schreiben, damit ihn jeder verstehen konnte."

    Zylberberg sprach Polnisch mit seinem jungen Publikum, aber nachdem er das Gedicht "Brüder" vorgetragen hatte - das in den Grabstein des Dichters eingemeißelt ist -, wiederholte er es in der Originalfassung auf Jiddisch. Korczak nickte zustimmend mit dem Kopf, denn das Gedicht war inzwischen zu einem bekannten Lied geworden, dessen Philosophie seiner eigenen glich.

      Weiß und Braun. Schwarz und Gelb,
      mischt die Farben miteinander.
      Alle sind wir Schwestern und Brüder
      eines Vaters und einer Mutter.
      Gott hat uns alle erschaffen.
      Die Welt ist unser Vaterland.
      Alle sind wir Schwestern und Brüder,
      und das müssen wir begreifen.

    Als Zylberberg mit dem Monolog aus Peretz' berühmtem Stück Die goldene Kette fortfuhr, der auch bereits als Lied gesungen wurde, klatschten die Kinder mit den Händen, schlugen mit den Füßen den Takt und sangen mit ihm:

      Und so
      gehen wir singend und tanzend,
      wir großen. großen Juden.
      Die Seelen in Flammen!
      Für uns teilen sich die Wolken!
      Der Himmel öffnet seine Tore!
      Wir steigen zu den Wolken des Ruhmes empor
      und zum Throne der Ehre!
      Wir betteln nicht.
      und wir flehen nicht.
      Wir sind stolze und große Juden
      aus dem Samen Abrahams, Isaaks und Jakobs!
      Wir können nicht länger warten!
      Wir singen das Lied der Lieder!
      Und gehen singend und tanzend!

    Sobald dieses Lied zu Ende war, begannen die Kinder von neuem, "Brüder" zu singen. Sie sangen es immer und immer wieder, faßten sich an den Händen wie Brüder und Schwestern und wiegten sich hin und her, bis Stefa sie ermahnte, daß sie ihren Gast nun lange genug aufgehalten hätten. In seinen Schlußworten schlug Korczak vor, "Brüder" zur Hymne des Waisenhauses zu erklären, die Kinder bekundeten ihr Einverständnis dadurch, daß sie es erneut mit Begeisterung anstimmten, als sie die Halle verließen.

    Als wieder Ruhe eingekehrt war, hörte man die deutschen Patrouillen an der Mauer auf und ab marschieren, die nur wenige Häuser weiter die Chlodnastraße durchquerte.

    Besuchern des Waisenhauses kam es wie eine Oase inmitten der Hölle vor. Die tägliche Routine half Korczak, sein Gleichgewicht wiederzufinden. An jedem Vormittag und Nachmittag wurde heimlich Unterricht erteilt; eines der Hauptfächer war Hebräisch, um alle auf ein mögliches neues Leben in Palästina nach dem Krieg vorzubereiten. Ebenso wie in der Krochmalna bestand auch hier die Seele des Mauses aus den Selbstverwaltungsorganen der Kinder, die das Ganze zusammenhielten. Noch immer las Korczak an jedem Samstagmorgen seine Kolumne vor, die er für die Waisenhauszeitung geschrieben hatte, doch schienen die Gefahren, vor denen er die Kinder in der Vergangenheit auf witzige Weise gewarnt hatte - " Steckt eure Finger nicht in die Bügelmaschine! " -, gemessen an denen der Gegenwart, sehr gering. "Eine Maschine begreift nichts, sie ist interesselos", hatte er in jenen Vorkriegstagen geschrieben. "Ihr haltet euren Finger hinein, und der ist ab. Steckt euren Kopf hinein, und der ist auch ab. Das Leben ist eine Maschine, es warnt nicht und hält auch mit Strafe nicht zurück."

    Jetzt waren die Deutschen die Maschine, das wußten die Kinder, besonders die Neulinge, deren Eltern vor ihren Augen getötet worden oder verhungert waren. Niemand, der am Samstagnachmittag Verwandte besuchte oder einfach einmal das Haus verlassen wollte, konnte es vermeiden, Zeuge der brutalen Straßenszenen zu werden. Nichts, was Korczak schrieb, würde sie oder ihn selbst vor irgend etwas bewahren können. Er mußte akzeptieren, daß er den Kindern dieses Leben in ständiger Angst und Unsicherheit nicht ersparen konnte. Er konnte nur fortfahren in seinem Bemühen, sie, so gut es ging, mit allem zu versorgen und ihnen Hoffnung für die Zukunft geben - mehr konnte er nicht tun.

    Jeder Gebäudekomplex im Ghetto hatte ein Hauskomitee, das für das Geld für Hausreparaturen zu sorgen hatte, die Steuern abführen mußte und Beiträge zur Versorgung Tausender Menschen von Transporten aus anderen Ländern. Korczak gehörte zum Komitee des Hauses Chlodna 33 (eines der saubersten und bestverwalteten Gebäude im gesamten Ghetto). Er schlug vor, zur Geldbeschaffung zwischen Purim- und Passahfest im Waisenhaus ein Konzert zu veranstalten. Zur weiteren Besprechung verabredete man sich für einen bestimmten Abend um neun Uhr im Waisenhaus.

    Die Mitglieder dieser eklektischen Gruppe waren Juden aller möglichen Überzeugungen, die hauptsächlich durch ihr gemeinsames Schicksal und weniger durch ihre Religion miteinander verbunden waren. Da gab es ein sozialistisches Parteimitglied, einen Talmudgelehrten, einen assimilierten Industriellen, einen Kinderarzt und Agnostiker, einige ihre Religion ausübende Ingenieure und einen Konvertiten. Nach langer Diskussion entschloß man sich, daß das Konzert sowohl von professionellen Musikern als auch von Straßenmusikanten bestritten werden sollte. Zu einer hitzigen Debatte kam es über die Frage, in welcher Sprache die Veranstaltung abgehalten werden sollte. Die assimilierten Juden bestanden auf Polnisch, die Zionisten auf Hebräisch, wogegen natürlich die Bündischen und die orthodoxen Juden mit gleicher Vehemenz auf Jiddisch beharrten.

    Korczak saß da wie bei allen Zusammenkünften des Hauskomitees: vorgeneigt, auf seinen Stock gestützt, die Augen geschlossen, als ob er schliefe. Aber man wußte bereits, daß er alles hörte, was gesagt wurde, und lediglich den passenden Moment für seinen Kommentar abwartete. Als die Diskussion an einem toten Punkt angelangt war, gab einer der assimilierten Juden Zylberberg, der zufällig dabeisaß, einen Zettel mit der Bitte, Korczak um seine Meinung zu fragen. Er nahm an, daß Korczak sich für Polnisch entscheiden würde.

    Um seine Meinung gebeten, nahm Korczak erst einmal langsam seine Brille ab, wie immer, wenn er sich zu konzentrieren wünschte, sah jeden in der Runde ernst an und sagte dann sanft, er sei überrascht, daß es überhaupt eine Auseinandersetzung gebe, daß intelligente Menschen ihre Zeit mit einem solch eindeutigen Problem verschwendeten.

    "Und was wäre das?" wollten die anderen wissen.

    "Ganz einfach", sagte Korczak. "Wenn man gegen die Benutzung einer bestimmten Sprache argumentiert, wendet man sich auch gegen jene, die diese Sprache sprechen. Können Sie abstreiten, daß die Mehrheit der Menschen im Ghetto Jiddisch spricht und denkt, mit dieser Sprache auf den Lippen stirbt?"

    Die größten Gegner des Jiddischen sagten nichts mehr.

    "Also muß Jiddisch die Sprache des Konzerts sein, sonst hat es keine Seele."

    Korczaks Worte hatten eine unmittelbare Wirkung auf die Gruppe. Jemand schlug Jiddisch als Sprache vor, die anderen schlossen sich dem Vorschlag an, das Konzert wurde für zwei Wochen darauf geplant. Wieder einmal war Zylberberg betroffen von der "faszinierenden und rätselhaften Weise", in der Korczak sich als Jude erwies.

    Die dreihundert Gäste des Konzertes, die meisten von ihnen prominent und wohlhabend, hatten keinen Eintritt zu bezahlen brauchen. Es war Korczak gelungen, das Komitee zu überzeugen, daß die Leute mehr geben würden, wenn ihr Beitrag eine freiwillige Entscheidung ihres Gewissens war. Einige der Schauspieler und Musiker hatten sich bereit erklärt, ohne Gage aufzutreten, allerdings erhielt der junge blauäugige Geigenspieler aus Jerusalem ebenso ein kleines Honorar wie einige der Straßenmusikanten, mit denen Korczak sich angefreundet hatte. "

    Musik ist die Religion der Zukunft, und ihr seid ihre Priester", sagte Korczak den Künstlern bei Eröffnung des Programms. "Künstler wie ihr sind die Wegbereiter."

    Es gab einige polnische und hebräische Stücke, aber die jiddischen Lieder begeisterten das durchweg assimilierte Publikum am meisten. Korczak war von den Straßenkünstlern aus allen Teilen Europas, die "das Schicksal in dieses Ghetto geworfen hat", so gerührt, daß er während ihrer Vorstellung ohne Scham ganz offen weinte.

    Romana Lilienstein, eine Sängerin, die mit ihrem Pianisten einige für Kinder geeignete fröhliche Lieder ausgesucht hatte, ist eine der wenigen Zeugen dieses Ereignisses, die davon noch berichten können: "Auch wenn das Haus aufgeräumt und sauber war, werde ich heute noch von der Aura der Armut verfolgt, nach der alle Gänge, Räume und der Saal rochen, in dem wir spielten. Die Kinder hatten ihre besten Kleider angelegt - wie alle andern auch - und waren offensichtlich völlig außer sich vor Freude, wie sie da so unter dem wachsamen Auge von Stefa Wilczynska saßen. Sie lauschten aufmerksam Dr. Korczaks tröstenden und humorvollen Worten in seiner Eröffnungsrede. Wir wußten, daß sie so hungrig waren wie wir, wie jeder im Publikum, aber ich werde niemals die Intensität in diesen Hunderten von Augen vergessen, die auf uns gerichtet waren. Es ist schwierig zu erklären, was solch ein Konzert damals bedeutet hat."

    Doch sollte der Abend mit einem Mißton enden. Nachdem der Applaus verebbt war und die Leute aufstanden, um zu gehen, teilte Korczak überraschend mit, daß er einige Gedichte vortragen wollte, die er in letzter Zeit geschrieben hatte. Er zog einige Karten aus der Tasche und begann mit seinem Vortrag.

    Die bitter-satirischen Verse nannten keine Namen, machten sich aber über einen Schnurrbart lustig, über einen dicken fetten Bauch, einen Klumpfuß und schließlich einen eleganten Dandy, und diese Leute hielten das Schicksal von Millionen Menschen in ihren Händen. Das Publikum wurde immer unruhiger, als klar wurde, daß Korczak sich auf Hitler, Göring, Goebbels und ihren eigenen "Henker", Hans Frank, bezog, der für die "neue Ordnung" in Polen zuständig war. Als er diese Nazis dann offen Mörder und Abschaum der Menschheit nannte, kam es zur fluchtartigen Leerung des Saales.

    Korczak las weiter, einige waren aus Hochachtung vor ihm geblieben. Zylberberg war noch da, als alle gegangen waren, und fragte ihn, warum er ein solches Risiko eingegangen sei. Ob ihm die Gefahr nicht bewußt sei, in die er alle gebracht habe, wenn die Nazis von seinen Gedichten erführen?

    Korczak grinste und meinte: "Die Leute, die weggerannt sind, sind Narren. Wovor fürchten sie sich? Juden unter sich werden wohl noch ihre Meinung sagen dürfen. Hier waren keine Spione oder irgend jemand, der mich verraten würde wir sind alle in einem Boot."

    Korczak versicherte sich seiner Autonomie auf seinem eigenen Territorium. Zylberberg begriff, daß das nervöse Verhalten seines neuen Freundes nach seiner Haftentlassung nur vorübergehend gewesen war. An diesem Abend hatte er das Gefühl, dem wirklichen Mann gegenüberzustehen, einem assimilierten luden mit Witz und Talent und großem Vertrauen in sein eigenes Volk. Dennoch war und blieb ihm dieser Korczak mit seiner merkwürdigen polnischen Aufsässigkeit und seiner jüdischen Ironie ein Rätsel.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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