Janusz Korczak Communication - Center
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Alle sind gleich

    Korczak mochte zynische Witze über die Deutschen reißen, nicht aber über seine hungerleidenden Kinder. Jeden Tag schwang er sich einen Sack über die Schultern und marschierte los. Auch sein Sack war bodenlos wie der des alten Mannes vom Krippenspiel seiner Kindheit: "Wenig, wenig, gib uns noch mehr, junger Mann." Er hatte keine andere Wahl als ebenso unnachgiebig zu betteln, wie der alte Mann es bei ihm getan hatte. Und er war genauso unersättlich. "Zu wenig", sagte er, ganz gleich, was man ihm anbot. "Zu wenig!" Leute, denen es gelungen war, ihr Geld zusammenzuhalten, fürchteten seine Besuche. "Moralische Erpressung" nannte es einer von ihnen. Selbst seine Freunde in den Büros der sozialen Hilfsdienste des Judenrats oder bei CENTOS empfanden ihn als schwierig. "Seine Forderungen gingen über unsere Möglichkeiten hinaus und brachten uns in Verlegenheit", schrieb Abraham Berman später. "Ehrlich gesagt, es war einfacher, mit seiner Partnerin, Stefa Wilczynska, zu arbeiten."

    Die einst so furchtbare Stefa schien jetzt die Stimme der Vernunft zu verkörpern. Trotz der Entbehrungen des vergangenen Jahres nahmen Freunde kaum Veränderungen an ihr wahr, während Korczak zu schrumpfen schien und immer mehr einer "Dörrpflaume" glich. Er war schon immer etwas zerknittert gewesen, aber seit seiner Haft hatten sich in seinen Augenwinkeln und um seinen Mund tiefe Furchen eingegraben; seine Haut und seine Zähne waren gelblich geworden, seit seine Ernährung hauptsächlich aus Kaffee, Zigaretten und dem bißchen Wodka, das er auftreiben konnte, bestand.

    Es gehörte zu seiner Routine, täglich bei der Post vorbeizuschauen, wo er sich Pakete abholte, die beschädigt waren und deren Anschrift man nicht mehr lesen konnte, oder andere, deren Empfänger es nicht mehr gab. Bis zum Dezember 1941 gestatteten die Nazis Lebensmittelpakete, doch war die Zustellung unzuverlässig, und deutsche Soldaten begutachteten sehr häufig ihren Inhalt. In jenen Paketen, die tatsächlich bis zum Postamt kamen, fanden sich möglicherweise Brot, Mehl, Margarine und Getreide von Verwandten, die bei Ausbruch des Krieges sich auf sowjetisches Territorium geflüchtet hatten, oder Kaffee, Schokolade, Reis, Sardinen und Dosenmilch von Verwandten oder Freunden, die in neutrale Länder wie Spanien oder Portugal ausgewandert waren. Häufig aber war der Inhalt durch einen überlangen Transport bereits verdorben. Korczak hatte den Judenrat dazu gebracht, diese Pakete solchen Institutionen zur Verfügung zu stellen, die Kinder versorgten, und ging nun regelmäßig zum Postamt. Es gab kein Paket, ganz gleich wie beschädigt, das er nicht mitgenommen und nach noch Verwendbarem untersucht hätte. Er und Stefa schrieben Karten an alle, die sie im Ausland kannten. Im November 1941 erhielt Leon Gluzman, der in den zwanziger Jahren als Waisenkind im Heim gelebt hatte, bevor er nach Kanada auswanderte, eine maschinengeschriebene Postkarte, die von Korczak und Stefa unterzeichnet war: "Bitte, wenn möglich, schickt uns Lebensmittelpakete für unsere kranken Kinder (und für die, die sich gerade von einer Krankheit erholen) in unser Waisenhaus Chlodnastraße 33. Und bitte sagt auch anderen Bescheid, daß wir ihre Hilfe brauchen, besonders denen, die sich an ihre Kindheit erinnern." Die Karte war an Gluzman, Ottawa, Ont., U.S.A./America adressiert und von den Nazizensoren mit dem deutschen Adler abgestempelt.

    John Auerbach war damals achtzehn Jahre alt und hatte durch die Beziehungen seines Vaters das Glück gehabt, bei der Post eine Arbeit zu finden. An einem grauen Aprilmorgen des Jahres 1941 saß er mit anderen Postlern auf einer Bank und wartete darauf, die Post zu sortieren, als Korczak mit seinem Sack eintrat.

    "Setzen Sie sich, Doktor, ruhen Sie ein wenig aus, die haben noch nicht angefangen", sagte einer der Männer und bot Korczak seinen Platz auf der Bank an.

    "Ich kann stehen", protestierte Korczak, "Ihre Beine sind müder als meine."

    Als der Mann darauf bestand, ließ Korczak sich auf der Bank nieder, stützte sein Kinn in die Hand und die Hand auf den Stock, und seine Augen prüften die Gesichter der Leute, die in Schneewasser auf den durchgetretenen Holzplanken des Fußbodens herumschlurften und den Geruch ungewaschener Körper verbreiteten. Auerbach, der selbst Schriftsteller werden wollte und Korczaks Arbeit bewunderte, sah, wie alt und zusammengefallen dieser war, aber seine Augen mit den geschwollenen Tränensäcken waren immer noch lebendig und durchdringend.

    "Sind Sie Student?" fragte Korczak, indem er sich plötzlich an ihn wandte.

    Auerbach zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich wäre ich einer geworden, aber jetzt bin ich Postler. Sonst nichts." Korczak sah Auerbach weiterhin an, schien aber mit sich selbst zu sprechen und fragte ihn: "Es gibt drei wunderbare Berufe. Was wären Sie am liebsten - Arzt, Lehrer oder Richter?" Auerbach, der darauf achten mußte, ob seine Nummer aufgerufen wurde, antwortete: "lch weiß nicht, ob ich Sie verstehe. lch sehe ein, daß Arzt und Lehrer wichtige Berufe sind, aber ein Richter?"

    "Mein lieber junger Mann", sagte Korczak geduldig, "der Arzt kümmert sich um den Körper des Menschen, der Lehrer um seinen Geist. Und der Richter - ist nicht er für das Gewissen des Menschen zuständig? "

    Auerbach dachte darüber nach, wußte aber immer noch nichts Rechtes damit anzufangen. "Braucht der Mensch den Richter genauso, wie er den Arzt und den Lehrer braucht?" Korczak nickte langsam. als wäre er von seiner Antwort sowohl überrascht als auch enttäuscht.

    "Sie sind noch sehr jung", meinte er leise. "Ja, ein jeder braucht einen Richter, es sei denn, er ist sein eigener Richter. Und auch das ist ein sehr schwieriger und sehr schöner Beruf." In dem Moment hörte Auerbach seine Nummer und eilte zum Schalter. Später sah er den "merkwürdigen Mann mit Bart", den er so sehr bewunderte, noch einmal, als er mit seinem Sack voll faulender Pakete die Post verließ.

    Im darauffolgenden Monat erhielt Auerbach von seinem Vorgesetzten den Auftrag, ein herrenloses Paket in Korczaks Waisenhaus abzugeben. Es war eine Erfahrung, über die er bis zum heutigen Tag kein Urteil fällen möchte: "Ein Bub von sechs oder sieben Jahren mit kahlgeschorenem Kopf und in einem viel zu großen Kittel öffnete die Tür, sah mich mit großen, brennenden Augen an, rannte davon und rief: "Die Post ist da!" lch nahm den Rucksack von der Schulter und suchte nach dem Paket, als ich im dunklen Flur Korczaks Schritte hörte. Er schien mich nicht mehr zu erkennen. lch gab ihm das Buch zum Unterschreiben, und als er es mit zitternder Hand nahm, war ich erstaunt, daß er eine starke Wodkafahne hatte. Er muß meine Reaktion gespürt haben, denn er wurde ganz steif, und wir sahen einander eine Weile ganz ruhig an, ich weiß bis heute nicht, wie lange, Dann tat er einen Schritt auf mich zu, machte mit beiden Armen eine umfangende Geste, eine Bewegung, die die Welt, die Zeit, das Leben zu umfassen schien und seine hungrigen Kinder, denen er Arzt, Lehrer und Richter war. >Man . . . man muß immer versuchen weiterzuleben . . . irgendwie<, sagte er und legte mir eine Hand auf die Schulter. Und dann drehte er sich um und verschwand mit seinem zerrissenen Paket in der Dunkelheit."

    ***
    In jenem Frühling suchte Korczak jeden auf, der ihm helfen konnte, seine hungrigen Kinder zu füttern, auch den als Nazikollaborateur verschrienen Abraham Gancwajch, der dafür gesorgt hatte, daß er gegen eine Lösegeldzahlung aus dem Pawiak herauskam.

    Gancwajch und sein berüchtigtes Netzwerk - bekannt unter dem Namen "Die Dreizehn", weil es sich in der Lesznostraße 13 befand - operierten im Ghetto (zur größten Bestürzung des Vorsitzenden Czerniakow) wie ein weiterer Judenrat, und es wurde angenommen, daß sie einer Naziabteilung Bericht erstatteten, Es war im Dezember 1940 zunächst als Büro gegen Wucher und Schieberei im jüdischen Viertel Warschaus eingerichtet worden und verfügte über eine eigene Polizei sowie eine Krankenstation mit Rettungswagen; dem Netzwerk gehörten zwischen dreihundert und vierhundert Männer an.

    "Was für eine jämmerliche, widerwärtige Kreatur", hatte Czerniakow über Gancwajch in sein Tagebuch geschrieben. Es ist wenig über ihn bekannt, außer daß er eines Tages von irgendwo außerhalb Warschaus auf der Bildfläche erschien. Als begabter Redner, der sowohl Jiddisch wie auch Hebräisch und Polnisch beherrschte, predigte er die Zusammenarbeit mit den deutschen Eroberern - eine pragmatische Haltung, die einige mit der des Judenrats verglichen. Was immer sie von ihm dachten - Opportunist oder Menschenfreund -, viele der führenden Männer im Ghetto akzeptierten entweder aus Angst oder aus Not seine Einladungen zu den Besprechungen über Projekte der sozialen Wohlfahrt. Eine dieser Besprechungen hatte weit über die Sperrstunde hinaus gedauert und zwang daher die Teilnehmer, in Nummer Dreizehn zu übernachten. In seinem Tagebuch notierte Czerniakow einige Teilnehmer an dieser "Teeparty" und setzte mehrere Ausrufezeichen hinter den Namen Korczaks. Ringelblum zufolge hatte Korczak sich bereit erklärt, einer Kommission für Kinderhilfe vorzustehen, was das aber genau hätte sein sollen, beziehungsweise inwieweit es je realisiert wurde, ist nicht bekannt.

    Anfang Juni 1941 verbrachten Korczak und Stefa mit den Zylberbergs und anderen Bewohnern ihres Gebäudekomplexes fast die ganze Nacht am Fenster des Waisenhauses und spähten durch die geschlossenen Fensterläden: Deutsche Truppen marschierten durch die verlassenen Straßen des Ghettos, durch die Chlodna, die Elektoralna und Senatorska über die Weichselbrücke auf ihrem Weg zur russischen Front. Stalin, wir kommen stand quer über die Panzer geschrieben.

    Der bevorstehende deutsche Angriff auf Rußland machte Korczak Mut. Wie viele andere, zweifelte er keinen Augenblick daran, daß die Russen Hitlers Truppen zurückschlagen würden und daß seinen Armeen ein ähnliches Schicksal bevorstand wie denen Napoleons. Es sei nur eine Frage der Zeit, und Polen würde wieder frei sein. Aber die folgenden Monate brachten bedrückende Nachrichten von deutschen Siegen und niedergemetzelten jüdischen Dorfbewohnern in den eroberten Gebieten. Und im Ghetto kam es zu einer neuerlichen Typhusepidemie, der wieder Tausende vom Hunger geschwächte Menschen zum Opfer fielen. Die Juden klammerten sich an ihren zynischen Humor als Überlebenshilfe. Nichts, was sich vor oder hinter den Ghettomauern zutrug, war so unwesentlich, daß es nicht mit bitterem Galgenhumor kommentiert worden wäre. Auf der Straße begrüßten sich die Leute: "Wissen Sie, warum die Deutschen London bombardieren und die Engländer Berlin? Die ganze Hin- und Herfliegerei kostet doch nur Benzin. Die Deutschen sollten . "Horo Berlin bombardieren und die Engländer London." Oder: Hororwitz (Hitler) kommt ins Jenseits und sieht Jesus im Paradies. >He, was macht denn der Jude da ohne Armbinde?< >Laß ihn in Ruhe<, sagt Petrus. >Er ist der Sohn vom Boß."< Rubinstein, der verrückte Ghettonarr, lief noch immer mit absurden Verkündigungen durch die Straßen: "Die Reichen lösen sich auf!" "Bald werden wir Fett haben!" Die Leute amüsierten sich derart über sein "Alle sind gleich! Im Ghetto sind alle gleich!" - eine Parodie auf den Slogan des Judenrates, der die Bevölkerung überzeugen sollte, daß jeder anständig behandelt würde -, daß eine Revue mit dem Titel "Alle sind gleich" im Melodie-Palast aufgeführt wurde, der zu den populären Revuetheatern gehörte.

    Nazitaktik war unberechenbar. Im Spätsommer jenes Jahres erhielt der Judenrat plötzlich die Genehmigung, zwanzig jüdische Schulen einzurichten, in denen Polnisch, Jiddisch oder Hebräisch unterrichtet werden durfte. Während die Juden ganz aufgeregt nach Klassenräumen suchten - die meisten geeigneten öffentlichen Räumlichkeiten waren inzwischen zu Suppenküchen geworden -, hatte Hitler bereits Reinhard Heydrich, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, beauftragt, die "Endlösung" vorzubereiten, und in Auschwitz wurden die ersten Versuche mit Zyanidgas als zuverlässiger Methode der Exterminierung durchgeführt.

    Korczak behielt seine Kinder im Haus und ließ sie dort unterrichten, weil er die Ansteckungsgefahr fürchtete. Aber er hielt pädagogische Seminare für die Lehrer und Direktoren der neuen Schulen ab, die sechstausend der fünfzigtausend Ghettokinder im Grundschulalter versorgten. Man entschloß sich, das Schuljahr mit einem Theaterwettbewerb zu eröffnen, bei dem alle drei Sprachgruppen gegeneinander antreten sollten. Die Hebräisch sprechenden Schulen planten Sketche jüdischen Lebens in Palästina von der Antike bis heute, die jiddischen Schulen beschäftigten sich mit sozialer Gerechtigkeit und Arbeiterfragen und die polnischen mit Szenen aus der polnischen Literatur, in denen Polen und Juden friedlich miteinander lebten.

    Als Korczak Michael Zylberbergs hebräische Schule besuchte, fand er dreihundert Schüler, die Hebräisch sprachen, sangen und spielten, als ob sie in Palästina wären. Er versuchte, bei den Proben für ihr Stück dabeizusein, dem sie den Titel Masada gegeben hatten (der dann umgeändert wurde in Glühwürmchen, weil das unverfänglicher klang). Es handelte von der dreijährigen römischen Belagerung der Bergfestung Masada - die damit endete, daß die Juden sich lieber vom Felsen stürzten als sich zu ergeben - und sollte das Publikum daran erinnern, daß Juden nicht passiv untergehen. Zylberberg bemerkte, daß Korczak an dem Gedicht, mit dem das Stück endete, besonderen Gefallen fand:

      Die Kette wurde nicht zerrissen,
      die Kette dauert an.
      Von den Eltern auf die Kinder
      und vom Vater auf den Sohn.

      So tanzten einst unsere Eltern,
      eine Hand auf der Schulter des Nächsten,
      in der andern die Sepher Thora,
      um Licht ins Dunkel zu bringen.

      Auch wir werden weiter tanzen,
      unsere Sinne wach und klar,
      wir werden tanzen und tanzen,
      und die Kette wird niemals zerreißen.

    Von der Genehmigung zur Einrichtung der Schulen ermutigt, rief Adam Czerniakow am Mittag des 20. September, einen Tag vor Rosh Hashanah, dem jüdischen Neujahrsfest, im Femina Theater einen offiziellen Monat des Kindes aus.

    Als Vorsitzender des mächtigen Judenrates wußte er natürlich, daß er heftigen Angriffen seiner Kritiker ausgesetzt war, die ihm und den anderen Ratsmitgliedern Korruption und Schiebung vorwarfen. Ein Gassenhauer lautete: "Czerniakows Bauch ist dick und rund, frißt sich an Suppe und Fleisch gesund!") Wie fragwürdig seine ethische Haltung auch immer gewesen sein mag, sein Interesse am Wohlergehen der Kinder war echt. Mit den täglich zunehmenden Schwierigkeiten seiner Aufgabe - er notierte in seinem Tagebuch, daß er auf einem kürzlich angefertigten Porträt "sehr alt und müde und bitter" aussah - kümmerte er sich mehr und mehr um spezielle Projekte für die Kinder. Er versuchte außerdem, mit seiner Einsamkeit und seiner Sorge um seinen einzigen Sohn Jas fertigzuwerden, von dem man nichts mehr gehört hatte, seit die Deutschen im Juni Lwow eingenommen hatten, in das der Sohn nach der polnischen Invasion geflohen war.

    An jenem Tag im Femina-Theater bat Czerniakow gemeinsam mit seiner Frau und anderen Rednern das Publikum, ihre Herzen und Börsen zu öffnen, um den hungrigen und heimatlosen Kindern zu helfen. Es gelang ihnen, einhunderttausend Zlotys zusammenzubringen, mit denen unter anderem zwei Plakate finanziert wurden, auf denen stand: UNSERE KINDER UNSERE KINDER MÜSSEN LEBEN und EIN KIND IST DAS HEILIGSTE ALLER WESEN.

    Korczak entschloß sich, sowohl zu Rosh Hashanah als auch zu Jom Kippur im Waisenhaus Gottesdienste abzuhalten. "Wundern Sie sich nicht", sagte er zu Zylberberg, den er gebeten hatte, ihm bei den Vorbereitungen zu helfen. "In schweren Zeiten sind Gebete sehr wichtig. Das wird den Kindern Kraft geben und uns auch. Niemand ist zur Teilnahme verpflichtet, aber alle sollen die Möglichkeit dazu haben. Außerdem wird es uns Geld für das Hauskomitee bringen."

    Ob es ihr Bedürfnis nach Gebeten oder die Aufregung über einen Feiertag war, jedenfalls stürzten sich die Kinder in die Aufgabe, die Aula des Waisenhauses in eine Synagoge zu verwandeln. Sie legten Teppiche auf den Boden und arrangierten die Blumen, die von Korczaks nicht-jüdischen Freunden ins Ghetto geschmuggelt worden waren. Ein Schrein mit zwei Thorarollen in reich bestickten Hüllen wurde am Ende der Halle, flankiert von zwei Silberleuchtern, aufgestellt, davor die Bankreihen.

    Zylberberg bat einen aus einer kleinen Stadt deportierten Kantor, den Gottesdienst zu leiten. Als es dann soweit war, nahmen allerdings nur wenige außer den Bewohnern des Häuserkomplexes und den Waisenhausinsassen an der Feier teil Korczak fürchtete, daß eine große Menschenmenge ihm den Typhus ins Haus bringen würde, und hatte den Eintrittspreis entsprechend hoch angesetzt - und in letzter Minute hatten die Deutschen außerdem zum ersten Mal in zwei Jahren das öffnen der Synagogen gestattet.

    Korczak stand hinten in der Halle in seinem alten grauen Anzug und den hohen Armeestiefeln, eine seidene Jarmulke auf dem Kopf, und war völlig versunken, als ob er meditierte. Niemand bewegte sich, als der Kantor sang:

      Zu Rosh Hashanah wird es geschrieben,
      zu Jom Kippur wird es besiegelt,
      wie viele scheiden werden
      und wie viele geboren werden,
      wer leben soll und wer sterben soll.

    In der Predigt, die Korczak zehn Tage später an Jom Kippur hielt, versuchte er, die Kinder zu beruhigen, und sagte ihnen, daß sie noch glückliche Zeiten erleben würden. Doch selbst als er sie zum Schluß des Gottesdienstes mit dem uralten Ruf "Nächstes Jahr in Jerusalem!" anführte, gelang es ihm nicht, seine eigenen Ängste zu zerstreuen. Zylberberg, der eigentlich in seine eigene Wohnung zurück wollte, um sein Fasten zu beenden, blieb auf Bitten seines Freundes noch bei ihm. "

    Es ist wichtig, daß die Kinder sich nicht ängstigen", sagte Korczak zu ihm. "Aber ich fürchte die Zukunft. Die Deutschen sind zu allem fähig."

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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