Janusz Korczak Communication - Center
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Unsere Kinder müssen leben

    Und wiederum entwickelten die Deutschen während der hohen Feiertage einen bösartigen Plan - als ob "die Schufte mit dem herannahenden Winter unruhig würden" -, wie Emmanuel Ringelblum in sein Tagebuch schrieb. Im letzten Jahr hatten sie das Ghetto eingerichtet; in diesem Jahr verkündeten sie ihre Absicht, es zu verkleinern, wobei sie gleichzeitig eine wachsende Zahl von Juden aus anderen Ländern hereinbrachten.

    Mitte Oktober 1941 erfuhren Korczak und Stefa, daß die Bewohner der Chlodna 33 und der angrenzenden Straßen sich innerhalb von vier Tagen eine neue Unterkunft suchen mußten, weil dieses Stück aus dem Ghetto herausgenommen wurde. Es war fast genauso schlimm, dieses Haus zu verlassen, wie es gewesen war, aus ihrem Haus in der Krochmalna hierher zu kommen. Von Hunger und Erschöpfung geschwächt, hatten sie für diese Übersiedlung viel weniger Kraft. Aber, wie immer, stürzten sie sich auf die Aufgabe. Korczak fand ein ehemaliges Innungshaus in der Siennastraße 16 im Kleinen Ghetto. Früher war das mal eine vornehme Adresse gewesen, heute sah das Haus auf eine kürzlich errichtete Mauer, die in der Mitte der Straße entlang lief und die südliche Grenze des Ghettos bildete. Das neue Haus war noch kleiner als das vorherige, aber Korczak hatte Glück: Es gelang ihm, auch noch ein kleines Haus dahinter, in der Sliskastraße Nummer 7, zu bekommen, in dem das Personal wohnen konnte.

    Stefa teilte den knappen Raum für die Bedürfnisse der Kinder ein. Mit Schreibtischen und Schränken teilte sie den großen Saal im ersten Stock in Speiseraum, Aufgabenzimmer und Spielzimmer für den Tag und Schlafsaal für die Nacht auf. Die Routine des Hauses wurde sofort wiederaufgenommen. Der Unterricht wurde in Schichten erteilt, die Mahlzeiten in Schichten eingenommen. Jedes Kind hatte seine eigene persönliche Aufgabe in der Küche oder beim Saubermachen, für deren Erfüllung es Punkte gab. Es gab einen Chor, eine Theatergruppe, einen Nähzirkel, eine Puppenecke und eine Marionettenwerkstatt.

    Gerade als der Umzug in das neue Quartier stattfinden sollte, erkrankte Michael Zylberbergs Frau Henrietta an Typhus. Seit sie im Ghetto war, hatte sie immer wieder zu Stefa gesagt, daß alle Hungers sterben würden, und hatte fast ihre gesamte Zeit damit verbracht, ihre Besitztümer gegen Lebensmittel einzutauschen. Jetzt sah es so aus, als ob sie eher an Typhus statt an Hunger sterben sollte.

    In den zehn Tagen, als seine Frau halb bewußtlos in ihrer Wohnung lag, hielt sich Zylberberg vom Waisenhaus fern, um die Kinder nicht anzustecken. Es gelang ihm, ein paar Ärzte zu rufen und sie auch zu bezahlen, aber sie hatten kaum Medikamente, und Henriettas Zustand verschlechterte sich. An einem Spätnachmittag, als Zylberberg sicher war, daß sie sterben würde, erschien Korczak mit seiner Medizintasche. Er untersuchte sie und injizierte ihr ein kostbares Serum, das er mitgebracht hatte. Am nächsten Tag kam er noch mehrmals wieder und gab ihr immer wieder eine Spritze. Sie lag da und kämpfte um ihr Leben und hörte seine Stimme, die ihr Bewußtsein erprobte. "Wissen Sie Ihren Namen? " und sie ermutigte: "Geben Sie nicht auf. Hitler soll nicht noch einen Sieg erringen." Eines Abends, nachdem er stundenlang an ihrem Bett gesessen hatte, sagte er zu ihrem Mann: "Das Fieber scheint zu fallen. Es sieht so aus, als ob sie es überleben wird." Er sollte recht behalten.

    Henrietta begleitete ihren Mann nicht in das neue Waisenhaus, weil sie fürchtete, die Straßen seien inzwischen zu gefährlich geworden. Zylberberg fand eine belastete Atmosphäre vor und Einrichtungen, die nicht so gut waren wie in der Chlodna. Die Küche war winzig, und es gab für hundertfünfzig Kinder nebst Personal nur ein Badezimmer Trotzdem begrüßte ihn Korczak mit seinem üblichen Lächeln, und die Kinder waren so begeistert, ihn zu sehen, daß sie spontan ihre Hymne sangen:

      Weiß und Braun,
      Schwarz und Gelb,
      mischt die Farben miteinander.
      Alle sind wir Schwestern und Brüder
      eines Vaters und einer Mutter!

    Während sich das Ghetto immer enger um die Juden schloß, wurde die Abwesenheit ihrer polnischen "Brüder und Schwestern" auf der anderen Seite der Mauer zu einer beinah physischen Entbehrung. Selbst der Hebraist Chaim Kaplan klagte in seinem Tagebuch: "Unsere Seelen verzehren sich nach einem nicht-jüdischen Gesicht." Es gab nur fünf Nicht-Juden, denen man begegnen konnte: den Steuereintreiber, den Gasmann und den Stromkassierer sowie Schaffner und Fahrer der jüdischen Straßenbahn. Und wenn man Pech hatte und vor Gericht mußte, sah man den sechsten - den Richter.

    Korczaks christliche Freunde empfanden den Verlust ebenso sehr und suchten nach Wegen, ihn zu besuchen. An einem dieser düsteren Novembertage, als der Himmel grau und die Erde mit schmutzigem Schnee bedeckt war, gelang es Maria Czapska, sich einen Passierschein auszuleihen und ins Ghetto zu kommen. Da die Straßenbahnen, die durchs Ghetto hindurch fuhren, dort nicht hielten, stieg sie eine Station vor dem Tor aus und zeigte ihren Passierschein den deutschen und polnischen Wachtposten draußen am Kontrollpunkt und den jüdischen Wachtposten drinnen. Obwohl es erst Nachmittag war, setzte die Dunkelheit bereits ein, als sie sich ihren Weg durch die verstopften Straßen bahnte, vorbei an Händlern, die Zigaretten und Sonnenblumenkerne feilboten, vorbei an Bettlern, die erfrorene Gliedmaßen zur Schau stellten, und an halbnackten Kindern, die völlig ignoriert wurden, als seien sie "Lumpen der Menschheit".

    Als Korczak sie an der Tür des Waisenhauses begrüßte, war Maria entsetzt, wie sehr er im Ghetto gealtert war. In den frühen zwanziger Jahren hatte sie ihn als begeisterte Studentin seiner Theorien aufgesucht und war durch seinen Einfluß Sozialarbeiterin geworden. Keiner von beiden sagte ein Wort, als sie durch den dunklen Flur zu seinem Büro gingen, an einer ganzen Reihe von Kindern vorbei, die dort standen und darauf warteten, ihre Bücher in der Bücherei umzutauschen. Maria war überrascht von ihrem ernsten und erwachsenen Gesichtsausdruck.

    Nachdem sie sich in Korczaks kleinem Büro im ersten Stock niedergesetzt hatten, sprach Korczak über das Programm, das die Kinder für Chanukka vorbereiteten. Er hatte vor, für diesen Anlaß wie auch für eine christliche Feier einige Gebete zu verfassen. Er wollte einen Bittgesang für zwei Chöre komponieren und bat sie, ihm eine Litanei an die Jungfrau Maria zukommen zu lassen. Korczak sah traurig aus, als er von den früheren Jahren erzählte, in denen er für seine jüdischen Kinder ein Stück für Chanukka geschrieben hatte und mit seinen christlichen Kindern um den Weihnachtsbaum herum getanzt war. Mit der Dunkelheit des nahenden Abends nahm auch ihr Schweigen zu. Maria Czapska hörte eine Straßenbahn, die auf ihrer Fahrt von der einen zur anderen arischen Seite ohne Halt und mit großer Geschwindigkeit das Ghetto durchquerte; sie hörte hastige Schritte im Schnee und gedämpfte Stimmen vor der Tür, die Jiddisch sprachen.

    Als Czapska ging, blieb sie noch einmal in der Tür stehen, weil sie ahnte, daß sie ihren Freund vielleicht nicht mehr sehen würde. "Wie fühlen Sie sich wirklich?" fragte sie ihn. "Wie ein Schmetterling", sagte er. "Ein Schmetterling, der bald in eine bessere Welt fliegen wird." Nach einer Pause zeigte er sein halb zynisches Lächeln, das sie so gut kannte, und meinte: "Das ist entweder eine Vision - oder Hirnverkalkung."

    Auch Kazimierz Debnicki gelang es, mit einem geliehenen Passierschein ins Ghetto zu kommen. Niemals im Leben vergaß er den Schock, der ihn traf, als er, aus einem noch grünen Stadtteil mit guter Luft kommend, in dieser halberfrorenen Welt eintraf, in der Menschentrauben über herumliegende Leichen stiegen, als ob es Schneehaufen wären. Nachdem er das Waisenhaus in der Sienna/Ecke S1iska endlich gefunden hatte, war er froh, daß es wenigstens dort noch ordentlich zuging, aber seine Wut auf die Deutschen konnte er nicht zurückhalten, als er und Korczak schließlich zusammensaßen.

    "Dieses Ghetto ist wie ein Gefängnis", platzte er heraus.

    "Es gibt zwei Gefängnisse", sagte Korczak ruhig. "Eines ist größer als das andere. Das eine hat vielleicht mehr Bäume und Blumen, aber jeden erwartet überall das gleiche Schicksal." Und dann fügte er mit schiefem Lächeln hinzu: "Wenn ein zum Tode Verurteilter seine Zelle verläßt, ist es gleichgültig, ob diese Zelle groß oder klein war." Debnicki sah, wie ausgemergelt Korczak war. Seine wilden, rotgeränderten, fast irrsinnigen Augen straften seine Worte Lügen. Indem er vernünftig über eine völlig wahnsinnige Situation sprach, versuchte er, bei Verstand zu bleiben. Er sei ein alter Militärarzt, erinnerte er Debnicki, und trotz aller Gefahren des Ghettos wisse er doch ganz genau, daß es an der Front immer noch viel gefährlicher sei.

    Korczak klang wie der "alte Doktor", wenn er das Gespräch auf eine philosophische Ebene brachte, die die Gegenwart transzendierte. Wiederum fand er sich in der Position, jene trösten zu müssen, die eigentlich gekommen waren, ihn zu trösten, und er versuchte, optimistisch in die Zukunft zu sehen: "Hitlers Bewegung wird sich nicht halten können, weil die Mehrheit der Deutschen sich diese Ungeheuerlichkeiten nicht bieten lassen wird", sagte er. Als Debnicki seinen Zorn über das Verhalten einiger Polen zum Ausdruck brachte - die Juden an die Gestapo zu verraten -, entgegnete Korczak: "Weißt du, für jeden, der sich so verhält, gibt es einen anderen, der anständig ist. Im Grunde sind die Menschen nämlich gut."

    Doch war Korczak tief betroffen, daß die Brücke, die er und seine Familie zwischen Juden und Polen zu bauen versucht hatten, von den Deutschen so erfolgreich sabotiert werden konnte: "Wie leicht fällt es doch zwei Schurken, sich zu einem gemeinsamen Verrat, einem Verbrechen oder einem Betrug zu verabreden; wie unmöglich aber ist eine harmonische Zusammenarbeit, wenn zwei Menschen auf dieselbe Weise lieben, auf ganz andere Art jedoch verstehen, weil ihre Erfahrungen ganz andere sind", schrieb er in seinen Erinnerungen.

    Der Typhus reduzierte die Bevölkerung so drastisch, daß die Friedhöfe nicht mehr aufnahmefähig waren. Die Toten wurden nackt, noch nicht einmal mit einer Zeitung bedeckt, in Massengräber geworfen.

    Korczak fühlte seine Hilflosigkeit von Tag zu Tag mehr, wenn er an ausgezehrten, barfüßigen Kindern mit nackten Armen vorbeikam, die in den winterlichen Straßen bettelten und am nächsten Tag erfroren im Rinnstein lagen. Es waren hauptsächlich Kinder von Flüchtlingen, die bereits dem Hunger oder dem Typhus erlegen waren, oder ihre Eltern hatten sie unmittelbar vor ihrem Tod auf die Straße gelegt, weil sie den Leichenwagen nicht bezahlen konnten. Häufig hatte jemand ihre kleinen starren Körper mit einem Plakat bedeckt: UNSERE KINDER, UNSERE KINDER MÜSSEN LEBEN.

    Manchmal kniete sich Korczak neben die sterbenden Kinder und versuchte, ihren ausgemergelten Körpern von seiner Hand ein wenig Wärme zukommen zu lassen, oder er flüsterte ein paar Worte der Ermutigung, aber die meisten reagierten bereits nicht mehr. Im fortgeschrittenen Stadium des Hungers konnten sie nicht mehr aufstehen, sondern lagen zusammengerollt wie ein Fötus da, als ob sie mit offenen Augen schliefen. Eines der Rechte des Kindes, die er proklamiert hatte, war das Recht auf einen würdigen Tod, aber in der Art, wie diese Kinder lebten und starben, gab es keine Würde.

    Eine Zeitlang hatte Korczak die Leute von CENTOS bedrängt, mehr Platz zu beschaffen, so daß die Kinder der Straße zumindest die Andeutung einer Chance hätten, leben zu können. Als nichts geschah und auch ein Hilfsplan der jüdischen Polizei nicht in die Tat umgesetzt wurde, entschloß er sich, einen Platz zu finden, an dem die sterbenden Kinder ein wenig Zuneigung spüren sollten.

    Nachdem alle anderen Kanäle nicht zugänglich waren, dachte Korczak daran, sich der Hilfe Oberst Mieczyslaw Kowalskis zu versichern, eines Mitglieds der Gesundheitsabteilung des Judenrats. Der Oberst, ehemaliger Stabsarzt der polnischen Armee, hatte Korczak immer wieder einmal mit Seife, Bettwäsche, Brennstoffen und selbst Lebensmitteln versorgt. Da sie außer dem Austausch von Formalitäten kaum je miteinander gesprochen hatten, wunderte sich der Oberst, als Korczak völlig beseelt von seinem Plan erzählte, den Kindern auf der Straße zu einem würdigen Tod zu verhelfen. "Die Spitäler sind zu voll, die können sie nicht aufnehmen, selbst wenn sie noch eine Chance hätten, wieder gesund zu werden. Was mir vorschwebt, braucht weder viel Geld noch viel Platz. Ein leerer Laden, vielleicht ein ehemaliges Tuchgeschäft mit Regalen, auf die man die Kinder legen kann. Wir brauchen kaum Personal, eine Person mit einer Sanitäterausbildung würde reichen."

    Indem er erkannte, daß sterbende Kinder einen Platz brauchen, wo sie getröstet werden und ihre letzten Stunden in Frieden verbringen können, war Korczak ein Vordenker der Hospiz-Bewegung. Doch im Ghetto, wo die Lebenden ebensoviel Trost nötig hatten wie die Sterbenden, hatte der Oberst wichtigere Aufgaben zu erfüllen. Das Projekt kam nie zustande.

    Trotzdem konnte Oberst Kowalski Korczak auf eine Weise zu Hilfe kommen, an die beide niemals gedacht hätten. Eines Tages erfuhr Kowalski, daß die Polizei Janusz Korczak verhaftet habe, weil er seine Armbinde nicht trug, und daß er bereits wieder auf dem Weg in den Pawiak sei. Der Oberst wandte sich sofort an Dr. Wilhelm Hagen, den Chefarzt der deutschen Gesundheitsdivision, der bekannt war als ein "guter Deutscher" und ihm einen Gefallen schuldete. Kowalski hatte erst kürzlich das Bein eines jüdischen Kollegen gerichtet, mit dem Hagen seit seinem Medizinstudium befreundet war; jetzt bat er Hagen um einen Gefallen: eine medizinische Bescheinigung, die Korczak vor dem Pawiak bewahren würde. Hagen erklärte sich damit einverstanden, aber erst, nachdem er Korczak untersucht hätte. Fast wäre dann der Schuß nach hinten losgegangen. Als die Polizei Korczak in Kowalskis Büro brachte, weigerte er sich, sich von Hagen untersuchen zu lassen. Er gab vor, kein Deutsch zu verstehen, behauptete, gesund zu sein und sich nicht freimachen zu wollen. Kowalksi brauchte eine ganze Weile, ihn dazu zu bringen, seine Kleider abzulegen. "lch war entsetzt von seinem Zustand", sagte Kowalski. "Er hatte einen Blutstau in der Lunge, einen Leistenbruch und schrecklich geschwollene Beine, um nur einiges zu erwähnen. was mit ihm nicht in Ordnung war." Nachdem er die Bescheinigung ausgestellt hatte, sagte Hagen zu Korczak: "Ich hoffe, daß Sie in Zukunft Ihre Armbinde tragen werden, denn noch einmal kann ich Ihnen nicht helfen." Diesmal antwortete Korczak ihm direkt auf Deutsch: "Ich kann Ihnen versprechen, daß ich sie niemals tragen werde."

    Am l. November, an Allerheiligen, wenn die Polen Blumen und Kerzen auf die Gräber ihrer Toten legen, gelang es Korczak, einen Wachtposten zu bestechen und das Ghetto zu verlassen. Er war auf dem Weg nach Bielany, um zu sehen, wie es Maryna Falska und den Kindern dort ging. Er kam gegen Mittag an, frierend und erschöpft von dem langen Fußmarsch. Maryna und ihre Helfer waren von seinem Aussehen entsetzt und eilten umher, um es ihm ein wenig bequem zu machen. Die Kinder liefen herbei, als sie hörten, Pan Doktor sei da. Ein Bub öffnete den Mund, um zu zeigen, daß er einen Zahn verloren hatte, und wollte einige Münzen haben. "Keine Bezahlung ohne den Zahn", sagte Korczak fröhlich.

    Nachdem er die Kinder angeschaut und sich eine Weile mit ihnen beschäftigt hatte, schlug Maryna vor, er solle sich doch jetzt ein wenig ausruhen, und bat ihn in ihr Zimmer zum Tee. Nachdem sie allein waren, eröffnete sie ihm, daß sie drei jüdische Kinder versteckt halte. Da sie perfekt Polnisch sprachen, war es ihr gelungen, sie unterzubringen, allerdings wußten die anderen Kinder nichts davon, damit sie sie nicht unfreiwillig verrieten.

    Man brauchte es Korczak nicht erst zu sagen, daß das Leben auch auf dieser Seite der Mauer gefährlich war - die Polen hatten weder genug zu essen noch ausreichend Brennmaterial, und jeden Monat wurden Zehntausende von ihnen zusammengetrieben und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verladen. Viele waren von den Deutschen schon getötet worden, unter ihnen auch Jan Piecinski, früher Mitglied der Bursa, den Maryna so herangezogen hatte, daß er einmal Direktor ihres Waisenhauses werden sollte.

    Einige Stunden später stand Korczak auf, um vor der Sperrstunde zurück im Ghetto zu sein; Maryna ließ ihn durch den Hausmeister Wladyslaw Cichosz begleiten. Auf dem Weg bat ihn Korczak, Maryna und die Kinder im Krieg nicht im Stich zu lassen - eine Bitte, der Cichosz nachkam -, und küßte ihn auf die Stirn, als sie sich den Ghettomauern näherten. Cichosz sah von weitem zu, wie Korczak durch das Tor verschwand.

    Zehn Tage nach Korczaks Besuch in Bielany hingen überall Plakate, auf denen die Gestapo mitteilte, daß jeder Jude, der ohne offiziellen Passierschein das Ghetto verließ, ins jüdische Gefängnis gebracht und erschossen würde. Eine Woche später wurden acht Leute, die erwischt worden waren, als sie Lebensmittel von der arischen Seite ins Ghetto hinein schmuggeln wollten, zum Tode verurteilt. Der Judenrat bat um Gnade für die Häftlinge und um ein "ordentliches Gerichtsverfahren". Aber am Morgen des 17. November, um sieben Uhr dreißig, befahlen die Deutschen den Polen, das Todesurteil im Gefängnishof zu vollstrecken. Sechs der "Verbrecher" waren Frauen - eine Sechzehnjährige bat Gott, ihren Tod als Opfer ihres Volkes anzunehmen, damit niemand sonst zu sterben brauche. Tausende von Menschen vor den Mauern weinten, und es wird berichtet, daß die polnischen Polizisten, die die Schüsse abzugeben hatten, ebenfalls weinten.

    Trotz allem, was sich im Ghetto abspielte, klammerten sich die Menschen an die Hoffnung, daß mit einer deutschen Niederlage der Krieg bald vorbei sein würde. Chaim Kaplan schrieb in sein Tagebuch, daß die Juden diesen Tag mit einer solchen Erwartung herbeisehnten, daß sie sogar auf einen Selbstmord verzichteten, um ihn nicht zu verpassen. Mitte Dezember schien die Hoffnung begründet zu sein: nachdem sie drei Monate lang durch Rußland gestürmt waren, trafen die Deutschen vor den Toren Moskaus schließlich auf Widerstand; und nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor vom 7. Dezember war Amerika gegen Deutschland und Japan in den Krieg eingetreten. Noch nicht bekannt war die Tatsache, daß die Deutschen inzwischen ihr erstes Vernichtungslager in Chelmno eingerichtet hatten, das den Gebrauch von Gewehren überflüssig machen sollte, die während dieser Zeit bei dem Massaker an 34000 Juden in Kiew, 28000 in Riga und 25000 in Wi1na noch zum Einsatz gekommen waren.

    Chanukka, das Fest des Lichts, das auf den 15. Dezember fiel, fand die Menschen besonders bedrückt vor, nachdem erneut siebzehn "Schmuggler" erschossen worden waren. Wegen der russischen Luftangriffe war Dunkelheit im Ghetto angeordnet; doch selbst im anderen Falle hätte kaum jemand Geld für Chanukka-Kerzen oder Kerosin gehabt. Da Korczak das letzte Chanukkafest im Pawiak in der Haft verbracht hatte, wollte er, daß es dieses Mal für die Kinder festlich würde. Das Haus summte, als die Kinder Menoras*

    * Menora - siebenarmiger Leuchter. zu Chanukka achtarmig mit einem neunten Arm für das Anzündelicht (Anm. d. Übers.).

    für die Tische bastelten, an kleinen Geschenken arbeiteten und ein Stück probten, das Korczak vor Jahren für diesen Anlaß geschrieben hatte.

    Dieser Feiertag hatte für Korczak eine besondere Bedeutung: "Alter Mann mit grauem Bart" nannte er ihn. Er bewunderte Judas Makkabäus wegen seiner Härte, seine Söhne mit der schweren Aufgabe zu betrauen, den Tempel von den Syrern zurückzuerobern, und dabei noch die Fähigkeit zu besitzen, den Sieg vorauszusehen. Auch Korczak konnte ein Wunder gebrauchen: Sein dürftiger Vorrat an Kerzen mußte für acht Tage reichen.

    In Korczaks Stück Die Zeit wird kommen rät die Kerze einem Geschwisterpaar, sich nicht zu streiten, denn es gebe schon genug Konflikte auf der Welt: "Der Pfad zum Frieden muß im eigenen Haus beginnen. Danach wird die Zeit kommen, wo der Frieden überall in der Welt die Oberhand gewinnt." Jede Generation von Korczaks Kindern hatte an das Versprechen der Kerze geglaubt: "Wenn wir auch noch einen weiten Weg vor uns haben, im nächsten Jahr werde ich zu euch zurückkommen." Einige Tage vor dem Festtag waren die Kinder überrascht, als von der arischen Seite ein Müllwagen vor ihrem Waisenhaus vorfuhr, der unter dem Abfall Geschenke für sie verborgen hatte. Die drei polnischen Müllmänner, vom polnischen Untergrund in Bewegung gesetzt, lieferten Lebensmittel und Spielsachen von Korczaks Freunden ab. Auf ihrem Weg ins Ghetto hatten sie unterwegs sogar noch einmal angehalten und als persönliches Geschenk einen kleinen Christbaum gefällt und mitgebracht.

    Einer von ihnen hat diesen Tag beschrieben: "Korczak bat die Kinder, sich um den Baum zu versammeln, den er mitten im Raum auf einen Tisch gestellt hatte. Unsere Päckchen lagen darunter. Die Kinder standen ganz still, starrten alles nur an. Ich war erstaunt, daß sie eigentlich gar nicht wie Kinder aussahen, sondern wie lächelnde alte Leute. Ihre Augen waren voll Trauer, obwohl sie sich riesig freuten. Ich fing an zu weinen, als wir ihnen ein Weihnachtslied sangen: "Und Gott gebe den Menschen Frieden, die guten Willens sind."

    Die Polen erklärten Korczak, daß sie an den beiden Wochentagen ihrer Müllroute durchs Ghetto immer Briefe und Lebensmittel herein schmuggelten. Manchmal schmuggelten sie sogar Menschen hinaus. Als sie sich zum Abschied die Hände schüttelten, gab Korczak ihnen eine Postkarte. Sie lasen sie, als sie wieder auf der arischen Seite waren: "Die Juden werden ihre Brüder und Schwestern auf der anderen Seite der Mauer niemals vergessen."

    Der strenge Winter von 1941 brachte dem Ghetto einen weiteren Schlag. Am Tag nach Weihnachten hing überall die Bekanntmachung, daß die Juden jedes Fetzchen Pelz innerhalb von drei Tagen beim Judenrat abzuliefern hätten; Zuwiderhandeln würde mit dem Tode bestraft.

    "Ich möchte nicht ein zweites Mal geboren werden", hatte Czerniakow an seinem Geburtstag im Vormonat seinem Tagebuch anvertraut. Als er von seinem Bürofenster auf die endlose Reihe Tausender von Menschen sah, die in der Eiseskälte darauf warteten, das einzige abzugeben, was ihnen noch ein bißchen Wärme gespendet hatte, fragte er sich vielleicht, ob er überhaupt hätte geboren werden sollen.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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