Janusz Korczak Communication - Center
» Homepage «


 

 

Der letzte Seder

    Am 7. Januar 1942 druckte die Jüdische Gazette, die einzige erlaubte Polnisch sprachige Zeitung im Ghetto, einen Leserbrief als Reaktion auf einen Artikel, der sich lobend über das Waisenhaus des Dr. Janusz Korczak geäußert hatte: "(. . .) Das Waisenhaus war, ist und wird nicht das Waisenhaus Korczaks sein. Er ist zu klein, zu schwach, zu arm und zu dumm, um zweihundert Kinder auszuwählen, zu kleiden, zusammenzuhalten, zu ernähren, zu wärmen, zu umsorgen und in das Leben einzuführen.. . . Dieses große Stück Arbeit hat die gemeinsame Anstrengung Hunderter von Menschen guten Willens bewirkt, die das Problem des Kindes - des Waisenkindes - richtig verstehen. . . .Wilczynska, Pozowna und Korczak (wenn schon Namen genannt werden sollen) sind Angestellte und Verwalter dieses beträchtlichen Vermögens." Der Brief trug die Unterschrift: "J. Korczak".

    Nachdem er die Aufmerksamkeit des Lesers einmal gewonnen hatte, legte Korczak seine eigentliche Botschaft in sein Postscriptum: "P. S. Auf einem Friedhof in Paris steht ein schönes Denkmal mit der Inschrift >Im Gedenken an alle Toten, die von uns gegangen sind<. Demnächst wird auf Betreiben unserer Schirmherren eine Gedenkfeier für die verstorbenen Waisen, Freunde und Erzieher des Waisenhauses stattfinden. Außerdem laden wir Sie zu einem Puppenspiel mit schönen, vergnüglichen Märchen ein, die Herr Dr. Janusz Korczak am Sonnabend, dem 10. Januar dieses Jahres, um 12 Uhr im Waisenhaus in der Sliskastraße 9 erzählen wird. Eintrittskarten für Kinder und Erwachsene zu 2 Zloty."

    Im Monat darauf stellte Korczak im gleichen ironischen Stil einen Antrag an den Judenrat und bat um den Posten des Direktors vom Findelhaus in der Dzielnastraße 39, in dem sich tausend Kinder befanden. Zu Czerniakow hatte er im Scherz gesagt, daß er über sich selbst das Gerücht verbreite, er sei ein Dieb, damit er den Posten auch bekomme, den derzeit Halunken inne hatten, die aus dem Findelhaus ein "Schlachthaus" und ein "Leichenhaus" gemacht hätten. In seinem Antrag beschrieb er sich als einen unausgeglichenen, leicht reizbaren Schussel, der nur mittels mühsam erarbeiteter Selbstkontrolle zu Arbeit in einem Team fähig war. Seine Qualifikationen er folgendermaßen:

      Ich bin vierundsechzig, Was meine Gesundheit betrifft, so habe ich den Gefängnistest im letzten Jahr bestanden. Trotz hoher Anforderungen dort habe ich mich nicht ein einziges Mal krank gemeldet, bin nie zum Doktor gegangen, habe die Turnübungen im Hof niemals versäumt, die selbst bei meinen jungen Kollegen gefürchtet waren, Ich esse wie ein Scheunendrescher, schlafe gut; kürzlich ging ich nach dem Genuß von zehn Gläschen Wodka von der Rymarskastraße strammen Schrittes nach Hause in die Sienna mitten in der Nacht, Ich stehe zwei Mal pro Nacht auf und entleere zehn große Bettpfannen.
      Ich rauche, trinke nicht übermäßig; für den alltäglichen Gebrauch sind meine geistigen Gaben - ausreichend,
      Die Erfahrung hat mich mit der beachtlichen Fähigkeit ausgestattet, selbst mit Kriminellen und Schwachsinnigen zu arbeiten und zu existieren, Ehrgeizige, halsstarrige Narren haben mich von ihrer Besucherliste gestrichen obwohl ich ihnen den gleichen Gefallen nicht tue. Ich gehe davon aus, daß die kriminellen Typen unter dem Personal im Findelhaus in der Dzielnastraße freiwillig die verhaßte Arbeit niederlegen werden, an die sie nur Feigheit und Trägheit binden.

    Der Antragsteller schlug eine Probezeit von vier Wochen vor, die wegen der Dringlichkeit in derselben Woche beginnen sollte, und bat um eine Dienstwohnung und zwei Mahlzeiten pro Tag. "Unter einer Wohnung verstehe ich eine Ecke; die Mahlzeiten mit allen zusammen; übrigens kann ich darauf auch verzichten," Er unterschrieb den Antrag mit "Goldszmit-Korczak, 9, Februar 1942".

    Natürlich war der Antrag als Witz gedacht. Wer im Judenrat würde Korczak die undankbare Aufgabe verweigern wollen, tausend sieche Kinder zu retten, die in ihren eigenen Exkrementen lagen, um die sich niemand kümmerte und von denen täglich zehn bis zwölf starben? Er erhielt den Posten, aber nur tausend von den zwanzigtausend Zloty, die er gefordert hatte.

    Wie Korczak es erwartet hatte, machte ihm das korrupte Personal in der Dzielnastaße das Leben schwer, wenn er an den paar Tagen der Woche, die er dort verbrachte, zu verhindern versuchte, daß die für die Kinder bestimmten Lebensmittel verschwanden. Er kam sich "beschmiert, blutbefleckt, stinkend" vor. "Und schlau, denn ich lebe - ich schlafe, esse, manchmal mache ich sogar einen Witz." Aber das wurde immer unmöglicher, je mehr er erkannte, daß er die meisten Kinder nicht würde retten können. Trotz seiner Anstrengungen, dafür zu sorgen, daß sie ihre Rationen auch tatsächlich erhielten, lag ihre Sterblichkeitsrate bei sechzig Prozent. Es gab einfach nicht genügend Nahrungsmittel und Medikamente. Er fühlte sich schuldig, wenn er dort überhaupt etwas aß, ganz gleich, wie schwach er sich fühlen mochte. "Lang nach dem Krieg werden die Leute sich gegenseitig nicht in die Augen schauen können, ohne sich zu fragen: Wie hast du überlebt? Wie hast du das angestellt?". schrieb er.

    Er suchte überall Hilfe.

    Dem Waisenhaus gegenüber, auf der anderen Straßenseite, war eine kleine Hilfsstation mit dem Namen "Ein Tropfen Milch", wo hungernde Mütter ihre Säuglinge hinbrachten. Häufig ging er allein oder mit Stefa dorthin, um sich mit der Direktorin, Anna Margolis, zu unterhalten und um zu sehen, wie kleine Kinder sich ohne ausreichende Versorgung mit Milch und Nahrungsmitteln entwickelten. Seine Beobachtungen teilte er einer Gruppe von Ärzten mit, die die Auswirkungen des Hungers auf die Entwicklung kleiner Kinder untersuchten. Aus dem Gedanken, daß all das Elend vielleicht zu medizinischen Erkenntnissen beitragen könnte, zog er so etwas wie eine gewisse schmerzliche Befriedigung. Frau Margolis war außerdem Chefin der Tuberkulosestation im Kinderkrankenhaus, und Korczak bat sie, wenn möglich dafür zu sorgen, daß einige der Kinder aus der Dzielnastraße Aufnahme fänden, Es gelang ihr, fünf Betten zu bekommen, in die er die schlimmsten Fälle von Ruhr, Lungenentzündung und Angina legte - alle drei Hungerkrankheiten. Ein Bub klammerte sich an seine Mandoline, als man ihn auf die Station brachte; man legte sie auf ein Brett über seinem Bett, aber er starb, bevor er sie noch einmal spielen konnte.

    Jedes Detail in der Dzielnastraße wurde von Korczak selbst unter die Lupe genommen. Er stellte fest, daß die Unterwäsche der Kinder nie sauber aussah, ganz gleich, wie oft sie geschrubbt worden war. Also wandte er sich an Witold Gora, einen polnischen Bekannten, der als Installateur und Heizer in einer deutschen Wäscherei in der Pawiastraße arbeitete, und bat ihn, dort in der Nacht die Wäsche für ihn zu waschen. Jede Woche lieferte Korczak einen schweren Sack mit Unterwäsche in Goras Wohnung ab, und jede Woche trug Gora den Sack heimlich in die Wäscherei und brachte die saubere Wäsche zurück in seine Wohnung. Gora bot an, den Sack selbst im Findelhaus abzuholen, damit der Doktor davon entlastet wäre. Aber Korczak wollte nichts davon hören: "Sie gehen ohnehin ein schweres Risiko für uns ein", meinte er. "Außerdem ist es gut für meine Gesundheit, die Säcke zu tragen."

    Der "lange, grüne polnische Frühling", der für Korczak immer ein Zeichen der Erneuerung gewesen war, fand irgendwo außerhalb der Ghettomauern statt. Innerhalb der Mauern verkümmerte alles, was grün war, und starb binnen kürzester Zeit ab, als ob selbst das Gras und die Bäume unter diesen Bedingungen nicht überleben könnten. Es hieß, daß die Vogel nicht über das Ghetto flogen. Rubinstein, der selbsternannte Ghettonarr, war still geworden. Er hatte sich vom Typhus erholt und starrte immer noch jeden auf der Straße mit seinen wilden Augen an, doch er sang seine dummen Liedchen nicht mehr, als ob er geahnt hätte, daß sein eigener Wahnsinn mit dem Wahnsinn um ihn herum nicht länger Schritt halten konnte.

    Gleichzeitig verkleinerten die Nazis wie verrückt gewordene Stadtplaner das Ghetto, nahmen hier eine Straße heraus, teilten dort eine in der Mitte. Wenn der Judenrat die Ziegelmauern nicht schnell genug errichten konnte, wurden hölzerne Zäune mit Stacheldraht oben drauf errichtet.

    "Eine schöne Stunde des Lebens" wurde jedem versprochen, der eine Einladung zum Sedermahl*

    * Sedermahl mit ihm beginnt die Feier zum Passahfest (Anm. d. Übers.).

    für den l. April 1942 ins Waisenhaus in die Sliskastraße erhielt.

    Viele der Gäste erinnerten sich an die früheren Seder in der Krochmalna, ein beliebtes Ereignis, für das sich in jedem Jahr bis zu dreihundert Interessenten um Karten bemüht hatten. Da er Hebräisch nicht konnte, bat Korczak immer einen der den Glauben praktizierenden Lehrer, den Gottesdienst abzuhalten, aber er half den Kindern, ihre Eier und Bitterkräuter in Salzwasser zu tauchen und damit an die traurige Zeit zu erinnern, als die Israeliten Sklaven in Ägypten gewesen waren. Die Kinder warteten immer ganz besonders ungeduldig auf ihre Suppe, denn zum Sedermahl hatte Stefa in einigen der Matzoh-Bällchen Nüsse versteckt. (Die Sitte, die Bällchen für die Kinder überhaupt zu verstecken, hätte in einem Waisenhaus zu einem völligen Durcheinander geführt.) Das Kind, das eine Nuß fand, erhielt einen Preis. Doch der größte Preis war die Nuß selbst, die viele Kinder als besonderen Schatz aufbewahrten.

    Wir wissen nicht, ob es beim letzten Seder Nüsse oder Matzoh-Bällchen oder auch nur Suppe gab, aber wir haben einen Bericht über seinen "Charme", den Herman Czerwinski, der daran teilgenommen hatte, in der Jüdischen Gazette veröffentlichte.

    Die langen Tische mit blitzsauberen Tischtüchern wurden von den "leuchtenden" Gesichtern von einhundertachtzig Waisen erhellt, die vom "Geist ihrer Mütter und Väter nicht verlassen, sondern begleitet wurden". Korczak saß am Haupttisch mit sechzehn der älteren Chormitglieder, die jedesmal ein zionistisches Lied anstimmten, wenn in der Haggadah**

    ** Haggadah Erzählungen mit biblischen Stoffen (Anm. d. Übers.).

    Palästina erwähnt wurde. Die Gäste des Sedermahls saßen hinten. Als das jüngste Kind fragte. "Und durch was unterscheidet sich dieser Abend von allen anderen Abenden?", antwortete Korczak mit einigen Worten, die jeden "rührten". Nach dem Gottesdienst waren die Klänge von "Tellern, Bechern und Schüsseln zu hören. Die Frauen kamen aus allen Richtungen mit dem Essen. Die Freude regierte diese Passahfeier."

    Vermutlich hat Czerwinski Korczaks bewegende Worte, warum dieser Abend sich von allen anderen Abenden unterschied, nicht in seinen Bericht mit aufgenommen, weil die Nazis sie nicht lesen sollten. Aus dem gleichen Grund wird er nicht berichtet haben, daß Korczak während der Lesung aus der Haggadah zum Fenster ging und die erhobene Faust schüttelte, als ob er in Wut und Verzweiflung Gott um Rechenschaft für das Leiden seiner Kinder anriefe.

    Kurz vor Mitternacht des 17. April, der als Blutiger Freitag in die Geschichte eingehen sollte, klopften kleine SS-Einheiten, von deutschsprechenden jüdischen Polizisten geführt, überall im Ghetto an Wohnungstüren. Jeder Wohnungsinhaber wurde höflich mit "Guten Abend" begrüßt und gebeten, doch einmal kurz nach draußen zu kommen. Dort wurde er an die Wand gestellt und erschossen. Sein Leichnam blieb liegen, wo er lag, und das höfliche Todeskommando zog weiter zur nächsten Adresse auf der Liste. Falls eine Ehefrau schrie oder ihrem Mann auf den Hof folgte, fand man ihren Leichnam in einer Blutlache neben seinem.

    Die Opfer - Rechtsanwälte, Bäcker, Händler, Metzger, Kaufleute, frühere Beamte - schienen auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun zu haben. Wie war es zu dieser Liste gekommen? fragte jeder voller Angst. Wer würde der nächste sein? Erst später erfuhr man, daß die ermordeten Männer die illegale politische Zeitung Das "Blettl" herausgegeben hatten, das einmal das Organ des sozialistischen jüdischen Arbeiterbundes gewesen war.

    Obwohl die Gestapo dem Vorsitzenden Czerniakow versicherte, daß, wer nicht im Untergrund agierte, auch nichts zu befürchten habe, wurden zwei Tage später am hellichten Tag sieben weitere Männer auf der Straße erschossen. Danach waren im Ghetto Tag und Nacht Schüsse zu hören. Wieder gab es Gerüchte, daß es zu Deportationen aus Warschau kommen würde. In Lublin - so hieß es - seien vierzigtausend Menschen mit unbekanntem Ziel in Güterzüge verfrachtet worden. Die Menschen wagten nicht, ihre Wohnungen zu verlassen. Sie sprachen flüsternd und zuckten bei jedem Geräusch an der Tür zusammen.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
» Homepage «