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Erinnerungen -
Tagebuch im Ghetto

Sind denn die redlichen Leute der oberen
Schichten schon wie das Amen für den
Kalvarienberg bestimmt?

Tagebuch im Ghetto

    Einige Wochen nach dem Blutigen Freitag saß Korczak im Bett und schrieb in sein Tagebuch. Er hatte mit den Aufzeichnungen seiner Erinnerungen kurz nach der deutschen Besetzung Warschaus begonnen und das Buch dann erst einmal wieder weggelegt.

    "Es ist Mai. Ein kühler Mai in diesem Jahr. Auch diese Nacht heute, die stillste der stillen. Fünf Uhr früh. Die Kinder schlafen. Es sind wirklich zweihundert. Im rechten Flügel wohnt Fräulein Stefa, im linken Flügel ich, im sogenannten Isolierraum.

    Mein Bett steht mitten im Zimmer. Darunter steht eine Flasche Schnaps. Auf dem Nachttisch ein Stück Vollkornbrot und ein Krug Wasser." Um ihn herum die Betten der kranken Kinder: der kleine Monius (es gab vier, die so hießen), Albert und Jerzyk auf einer Seite und auf der anderen Seite an der Wand: Felunia, Gienia und Haneczka. Dann war da noch der alte Schneider, Romcias Großvater Azrylewicz, der an einer Herzkrankheit litt und Korczak mit seinem Stöhnen wachhielt.

    Korczak hat in diesen letzten drei Monaten seines Lebens fast jede Nacht, wenn die Kinder schliefen, in dieses Buch geschrieben. Häufig waren seine Notizen nicht mehr als knappe Kürzel. Sein Körper, von Hunger und Erschöpfung ausgezehrt, sagte ihm, daß der Tod nicht mehr weit sei, aber er ahnte nicht, wie dieser Tod aussehen würde. Als jüdischer Arzt in einem katholischen Land hatte er stets die "heilende Kraft der geflüsterten Beichte" geschätzt und sehnte sich jetzt "nach einem Beichtvater, einem Ratgeber - einem geneigten Ohr für seine Leines Menschen] Klage".

    Das Tagebuch seiner Erinnerungen sollte diese Rollen übernehmen und dazu noch die des Richters. Es würde keine Chronik des Lebens im Warschauer Ghetto sein - wie die Tagebücher Emmanuel Ringelblums, Chaim Kaplans und Adam Czerniakows , sondern die subjektive Erinnerung an seine Reise nach innen, die er zwei Jahre zuvor unterbrochen hatte. Er fühlte sich nicht der jüdischen Geschichte verpflichtet, sondern seiner eigenen als polnischer Jude.

    In diesen verlassenen Nächten, in denen der Irrwitz seines persönlichen Lebens sich mit dem wirklichen Wahnsinn vor seiner Tür vermischte, schrieb er von dem Entsetzen über des Vaters Geisteskrankheit, von seiner eigenen Angst davor und daß er sich schuldig fühle, das Krankenhaus um des Waisenhauses willen verlassen zu haben. "Eine häßliche Fahnenflucht." Nur gelegentlich verweilte er bei der Beschreibung einer Szene aus dem Ghetto, die diese schreckliche Welt kurz mit einem grellen Schein erhellte, der ebenso rasch wieder im Bewußtseinsstrom seiner Erinnerungen verblaßte. Einmal lautet sein trockener Kommentar: "lch vergaß zu erwähnen, daß auch jetzt Krieg herrscht."

    Die Waisenkinder beherrschten einige der Seiten, so wie sie sein Leben beherrscht hatten, hier und da begegnet man ihrem Husten, ihren eigenen Tagebüchern, ihrem Bedürfnis nach Bäumen und Blumen. Erst wenn die Karbidlampe erlosch, die Tinte aus war oder er einfach nicht mehr konnte, hörte er auf zu schreiben. Am Morgen kam Henryk, Praktikant und Sohn des alten Schneiders, und tippte die Seiten auf der Maschine ab, geradeso, wie es einst Walenty in jenem anderen Krieg getan hatte.

    Eine frühe Eintragung lautet:

      Sechs Uhr dreißig.
      Im Schlafsaal hat jemand gerufen:
      "Aufstehen, Buben, zum Baden!"
      lch lege die Feder weg. Soll ich aufstehen oder nicht?
      lch habe schon lange nicht mehr gebadet. Gestern habe ich eine Laus gefangen und sie ohne Skrupel mit einer einzigen schnellen Bewegung der Fingernägel zerquetscht. Wenn ich dazu komme, schreibe ich eine Apologie der Laus; denn unser Verhältnis zu diesem schönen Insekt ist ungerecht und unwürdig.

    Ein erbitterter russischer Bauer hat einmal gesagt: "Die Laus ist kein Mensch - sie saugt nicht alles Blut aus." Für ein paar Minuten saß er noch auf seinem Bett:" Unvergeßlich die Bilder aus dem Schlafsaal, wenn die Kinder erwachen." Es faszinierte ihn immer noch: "Die Blicke und Bewegungen noch ganz schwer, oder aber ein plötzliches Herausspringen aus den Betten. Eines reibt sich die Augen, ein anderes wischt sich mit dem Ärmel seines Nachthemds die Mundwinkel, ein drittes zupft sich am Ohr, reckt sich und hält, ganz verloren vor sich hinstarrend, ein Kleidungsstück in der Hand." Der alte Doktor erkannte immer noch sogleich, "wer - und warum er sich immer so und gerade heute so verhält".

    Bevor der "Bienenstock zu summen begann", teilte er seinen Tag strategisch ein wie ein Armeekommandant: Besuche, die zu absolvieren waren, Briefe, die geschrieben werden mußten, Besorgungen, die zu erledigen waren. Oder er ließ den vorangegangenen Tag mit seinen Siegen und Niederlagen an sich vorbeiziehen.

    Nehmen wir Samstag, den 23. Mai 1942.

    Der Tag begann mit großer Aufregung, weil die Kinder sich zum Wiegen aufstellten. Zwar habe der Mai einen großen Rückschlag gebracht, aber es sei "noch nicht beunruhigend", notierte er. Das Frühstück war eingenommen worden, doch: "Das Frühstück selbst ist auch schon eine Arbeit. Wir hatten nach meinem unanständigen Brief an einen Würdenträger eine verhältnismäßig gute Zuteilung erhalten: Würste und sogar Schinken und auch hundert Kuchen." Es hatte zwar nicht viel für jeden gegeben, aber immerhin etwas. Später gab es sogar eine Überraschung in Form von zweihundert Kilo Kartoffeln. Aber: "Ein flüchtiger diplomatischer Sieg, ein leicht errungenes Zugeständnis sollten keine optimistischen Hoffnungen wecken oder die Wachsamkeit einschläfern." Die Kinder wußten nichts von der Beschaffungsgeschichte eines jeden Bissens, den sie sich in den Mund schoben, während er dasaß und sich die quälende Frage stellte: >Habe ich es gut oder schlecht gemacht?<"

    Nach dem Frühstück hatte es eine Versammlung gegeben, es wurden die Urlaubspläne für die Lehrer und der Einsatz ihrer Vertretungen festgelegt. Man hätte es eigentlich genauso machen sollen wie im letzten Jahr, aber zu viel war seither geschehen - zu viele waren hinzugekommen, und zu viele waren nicht mehr da. "Was soll ich viel reden - es ist anders."

    Es war Samstag, und wie eh und je versammelte man sich dann für die Kinderzeitung und die Gerichtsurteile. Er war sich darüber klar, daß die Zeitung ihre Faszination für die Kinder verloren hatte, nur die Neuen interessierten sich noch wirklich dafür. "Nicht jeder möchte eine geschlagene Stunde lang hören, wer gut und wer schlecht gewirtschaftet hat." (Es war jetzt leichter, einige Probleme einfach zu übersehen - zum Beispiel, daß es viele Diebstähle und viel Unruhe im Haus gab.) Und die Alteingesessenen wußten, daß sie doch nicht erfahren würden, was sie einzig und allein interessierte: was aus ihnen werden sollte. Sie hörten auf das, was er nicht sagte. Er wollte sie nicht beunruhigen - oder zugeben, daß nicht einmal er wußte, was die Zukunft für sie bereithielt.

    Er brütete noch über seinem Nachmittagsprogramm, als der Gong zum Mittagessen ertönte. Drei Besuche waren zu machen. Der erste galt einem "sympathischen Herrn" und Gönner, der krank gewesen war und den er nicht antraf. ">lch bitte, ihm meine verspäteten guten Wünsche auszurichten. lch wollte früher kommen, aber ich konnte nicht."< Die zweite Verpflichtung war " ein einstündiger Vortrag über Hefesorten". Er hörte seine eigene Leier über Bierhefe und Backhefe, lebende oder abgetötete, wie lange man sie rasten lassen sollte, wieviel man nahm und wie oft, sowie über die Bedeutung von Vitamin B. Und die ganze Zeit dachte er: "Wir brauchten fünf Liter in der Woche. Wie? Durch wen? Von wem?"

    Der dritte Besuch galt einer kleinen Begrüßungsfeier für Leute, die gerade aus dem Osten zurückgekommen waren. An der Haustür nahm ihn der Hausmeister voller Angst, die Gestapo könnte kommen und sie verhören, zur Seite: "Hilf uns, Allmächtiger! Daß sie uns nichts fragen." Nachdem er im Haus war, stellte Korczak trocken fest, daß die Gäste ganz offensichtlich erleichtert waren, "aus der Hölle in das Warschauer Paradies" zurückgekehrt zu sein.

    Auf seinem Heimweg wurde er Zeuge einer Szene, die er mehrfach in seinem Tagebuch erwähnen wird:

      Neben dem Gehsteig liegt ein halbwüchsiger Bub, vielleicht lebt er noch, vielleicht ist er auch schon tot. Und gleich daneben sind drei Buben beim Pferdchenspielen die Zügel durcheinandergeraten. Sie halten Rat, probieren, werden ungeduldig und stoßen dabei mit den Füßen an den Daliegenden. Endlich meint einer. "Laßt uns hier weggehen, der ist uns im Weg."

      Sie gehen ein paar Schritte weiter und machen sich wieder über ihre Leine her.

    Am Sonntagmorgen in der Dämmerung lag er im Bett und dachte an die Briefe, die er zu schreiben hatte, und die sieben Besuche, die zu machen waren. Aber er rührte sich nicht. Sein Wille hatte ihn bis jetzt angetrieben, doch nun gehorchte sein Körper ihm nicht länger. Er versuchte, die Gerüche im Raum nicht wahrzunehmen: Es roch nach Ammoniak vom Urin im Nachttopf, den er nicht mehr jeden Tag ausleerte; nach dem Knoblauch, den er verzehrt hatte, und nach dem Karbid seiner Lampe. Und "von Zeit zu Zeit" roch es nach seinen "sieben Zimmergenossen". Es gab Wanzen und Motten, die ihn plagten.

    Er lag da und dachte: "Aufstehen, das bedeutet, sich im Bett aufrichten, nach der Unterhose greifen, sie zuknöpfen, wenn auch nicht alle, so doch wenigstens einen Knopf; sie am Hemd befestigen; zum Socken-Anziehen muß man sich bücken; die Hosenträger . . ."

    Mit großer Anstrengung kleidete er sich an, machte sich auf seinen Weg. Er ignorierte den Dauerhusten, den Zahn, der ihm in die Zunge schnitt. "Ich huste. Das ist eine schwere Arbeit. Vom Gehsteig auf die Fahrbahn hinuntersteigen, von dort wieder auf den Gehsteig klettern: Ein Passant stieß mich: ich schwankte und lehnte mich an eine Hauswand." Es war nicht mehr sein Körper, der ihm den Dienst verweigerte, sondern "die Willensstärke" fehlte ihm. Er fühlte sich wie ein "Schlafwandler" oder ein "Morphinist". Manchmal erinnerte er sich nicht mehr, was sein Vorhaben gewesen war. "Auf der Treppe bleibe ich stehen:>Weswegen will ich eigentlich zu ihm?<"

    In letzter Zeit geschah das immer öfter. Er nahm die Dinge nur wie durch einen Nebel wahr, hörte und sah all das Schreckliche um ihn herum nur noch undeutlich: Er hätte diese Zusammenkünfte ohne weiteres verschieben oder auch ganz absagen können:

      Seicht, grau, gewohnheitsmäßig, beruflich . . . verschwommene Gefühle ohne Maß. Sie sind neben mir, nicht in mir. Ich kann mühelos auf sie verzichten, sie vertagen, auslöschen, einstellen, auswechseln. Die scharfe Zahnkante verletzt mir die Zunge. lch werde Zeuge einer empörenden Szene: ich höre die Worte, die mich in Zorn versetzen sollten. Aber ich kann mich nicht aushusten, ich würge und ersticke fast.

      Ich zucke die Achseln, es ist mir gleichgültig.

      Indolenz. Gefühlsarmut, voller grenzenloser jüdischer Resignation: "Also, was ist. Und was weiter?" "Was soll's also, daß meine Zunge weh tut, was soll's, daß man Menschen erschossen hat?" "Er weiß schon, daß er sterben muß. Und was weiter?" "Man stirbt ja doch nicht öfter als einmal . . ."

    Er war nicht der einzige, dem der Realitätssinn langsam abhanden kam, wie er bei einer Szene feststellen konnte, deren Zeuge er war: "Eine Kaufmannsfrau antwortete auf die Beanstandungen einer Kundin:
    >Das ist weder eine Ware, noch ist das ein Geschäft, Sie sind weder eine Kundin, noch bin ich eine Kaufmannsfrau. lch verkaufe Ihnen nichts, und Sie bezahlen mir nichts, denn diese Papierchen sind doch kein Geld. Sie verlieren nichts, und ich verdiene nichts. Wer betrügt denn heute schon, und wozu? Aber man muß eben etwas tun. Ist es nicht so?<"

    Bei einer anderen Begebenheit bemerkte die Verkäuferin in einer Metzgerei Korczaks schwarzen Humor schon gar nicht mehr. ">Mein liebes Fräulein, ist diese Wurst nicht womöglich aus Menschenfleisch, denn für Pferdefleisch ist sie zu billig.< Und sie antwortete darauf:

    Das weiß ich nicht, ich war nicht dabei, als sie gemacht wurde."

    Wenn es manchmal vorkam, daß ihn doch noch etwas anrührte, wie zum Beispiel die Begegnung mit jemandem, den er seit Jahren nicht gesehen hatte, war er erleichtert festzustellen, daß er noch fühlen konnte. Doch an den veränderten Zügen dieses Menschen konnte er ablesen, "was sich gewandelt hat und was wir einmal gewesen sind".

    Er war völlig erschöpft, wenn er von seinem " Rundgang" ins Waisenhaus zurückkehrte. " Ergebnis: Fünfzig Zloty und eine Verpflichtung über fünf Zloty monatlich. Können davon zweihundert Menschen leben?" Er legte sich angekleidet aufs Bett. Er genehmigte sich vielleicht "fünf Gläschen Spiritus, halb und halb mit heißem Wasser", die ihn "in Stimmung" brachten und ihm ein Gefühl der Entspannung gaben. Er fühlte die Schmerzen in den Beinen, in den Augen und "das Brennen des Hodens" nicht mehr. Er fühlte sich "wohl, ruhig und sicher". Allerdings bestand immer noch die Möglichkeit, daß irgend jemand ins Zimmer platzte, ihn auf dem Bett ausgestreckt sah und sich gleich wieder zurückzog. Oder Stefa konnte ihn stören "mit irgendeiner Neuigkeit, mit Überlegungen oder desperaten Entschlüssen".

    Als Arzt wußte Korczak natürlich genau, daß seine Erschöpfung und Apathie Symptome der Mangelernährung mit achthundert Kalorien am Tag waren. Doch auch der Arzt, der sich zum Schlafen niederlegte, kannte den Hunger wie jeder andere. Früher war ihm das Essen nie sehr wichtig gewesen, und nun lag er da und dachte darüber nach, was er "freiwillig, und vielleicht sogar ohne Abscheu, jetzt essen" würde. Vor einem halben Jahr hatte er noch gar nicht genau gewußt, was ihm schmeckte, eventuell das, womit er eine Erinnerung verband: Himbeeren aus Tante Magdas Garten, die Buchweizengrütze, die sein Vater so gemocht hatte, die Kutteln, die ihm in Kiew so ,gut geschmeckt hatten, Nieren, wie er sie in Paris gegessen hatte, und die essiggetränkten Gerichte, die er aus Palästina kannte. Zur Beruhigung und um einzuschlafen, stellte er sich jetzt Champagner vor (den er dreimal in seinem Leben getrunken hatte) und die Biskuits, die es gegeben hatte, wenn er als Kind krank gewesen war. Und dann das Eis, das ihm seine Mutter verboten hatte, und Rotwein. Manchmal dachte er sich ein Menü aus:

      Vielleicht Fisch mit Sauce à la tatare?
      Wiener Schnitzel?
      Pastete, Hasenbraten mit Rotkohl, Malaga?
      Nein! Kategorisch nein.
      Warum?
      Eine merkwürdige Erklärung:
      Essen ist Arbeit, und ich bin müde.

    Mehr auf sich zu nehmen, als eigentlich menschenmöglich war, war Korczaks Form des geistigen Widerstands. Er war nach wie vor überzeugt, letztlich erfolgreich zu sein, wenn er die Ordnung seines Hauses und sein Tagesritual aufrechterhielt. Vielleicht würde der Krieg zu Ende gehen und die Deutschen würden geschlagen werden. Bis dahin bedeutete die Tatsache, daß seine Kinder gesund und aktiv waren, daß sie sich nicht mit Tuberkulose oder Typhus angesteckt hatten und daß das Waisenhaus den Kammerjäger nicht brauchte, einen Sieg des Lebens gegenüber dem Tod, einen Sieg des Guten über das Böse.

    Wenn es keine Helfer gab, die den Antrag eines Kindes auf Aufnahme ins Waisenhaus überprüfen konnten, übernahm Korczak eine solche Aufgabe auch manchmal selbst. In der Smoczastraße 57 fand er die Mutter auf einem Sofa, mit einem Darmgeschwür im Sterben liegend. Der Bub war nicht zu Hause. Er war beim "Organisieren". . . . "Ein gutes Kind", sagte ein Nachbar zu Korczak, "solange die Mutter nicht gestorben ist, wird ihm das Fortgehen schwerfallen." Die Mutter sagte ihm: "Ich kann nicht sterben, solange er nicht versorgt ist. Er ist so ein gutes Kind: Am Tage sagt er, ich solle nicht schlafen, dann könne ich in der Nacht besser schlafen. Und in der Nacht sagt er: >Warum stöhnst du? Was hast du davon? Schlaf doch lieber."

    Donnerstags wurden die Anträge für Neuaufnahmen bearbeitet, und es fiel Korczak irgendwann auf, daß auch die anderen die Dinge nur noch wie durch einen Nebel wahrzunehmen schienen - selbst Stefa, die immer noch ihre Sorge zum Ausdruck brachte, daß die Ablehnung eines Antrags den sicheren Tod des betreffenden Kindes bedeutete. Häufig verlor sich die Diskussion, weil man den Faden verloren hatte. Irgend jemand unterbrach das Gespräch mit einer Bemerkung, und plötzlich fragten sich alle: "Worüber sprechen wir eigentlich?

      "Manchmal sagt jemand: "Erstens . . ."
      Auf das "Zweitens" wartest du vergebens.
      Freilich - ein guter Teil dabei ist reine Geschwätzigkeit.
      Der Antrag: Ein Kind soll aufgenommen werden.
      Es wird notiert: "Der Antrag ist angenommen." Jetzt sollte eigentlich über das nächste Gesuch befunden werden. Aber nein. Nicht nur eine, gleich drei Personen begründen nun den Antrag. Manchmal muß mehrmals unterbrochen werden.
      Die Diskussion kommt ins "Schleudern" wie ein schlecht gelenktes Auto.
      Das quält und strengt an.
      Nun aber genug!

    Viele der Kinder, die aufgenommen wurden, waren Vollwaisen wie die neunjährige Giena. Doch selbst Giena, die nur ihren siebzehnjährigen Bruder Samuel hatte, wäre vermutlich nicht aufgenommen worden, hätte ihr Bruder nicht das Glück gehabt, jemanden zu kennen, der Stefa kannte.

    Vor dem Krieg war Giena ein blitzgescheites, fröhliches Kind gewesen. Sie hing sehr an ihrer Mutter, deren langes, schmales Gesicht mit den großen Augen sie geerbt hatte. Ihr Vater hatte als Chemiker in einer Fabrik gearbeitet, die von den Deutschen nach der Besetzung Warschaus geschlossen worden war, und er war kurz darauf an Tuberkulose gestorben. Im folgenden Jahr starben auch ihre ältere Schwester und ihre Mutter an Typhus.

    Bevor sie starb, hatte ihre Mutter sie Samuel anvertraut, und der tat für sie, was er konnte. Tagsüber arbeitete er in einer Möbelfabrik und überließ sie der Obhut einer Tante, deren Familie ihre Wohnung mit ihnen teilte. Aber ziemlich bald klagte die Tante, daß ohnehin genug Mäuler zu stopfen seien und daß er eine andere Versorgung für Giena finden müsse. Zufällig hatte Samuel sich mit der Frau von Abraham Gepner angefreundet - einem einflußreichen Mitglied des Judenrats und ehemaligen Förderer des Waisenhauses -, als er einmal mit Hashomer-Hatzair-

    Unterlagen in ihre Wohnung kam. Sie lud ihn einmal wöchentlich zum Mittagessen ein. Als sie von dem Problem mit der Fürsorge für seine Schwester hörte, versprach sie ihm, mit Stefa zu reden.

    Als Stefa das dünne Kind sah, die dunklen, gequälten Augen tief in ihren Höhlen, eine Hand an die des Bruders geklammert, nahm sie Giena spontan in den Arm. Sie versicherte Samuel, daß seine Schwester im Heim aufblühen würde, wo Spielkameraden und ein geregeltes Leben auf sie warteten. Giena klammerte sich an ihren Bruder, als er fortging, weinte und hatte wochenlang Alpträume. Doch dann gewöhnte sie sich an ihr neues Heim und gewann Freunde. Sie hatte eine enge Beziehung zu Stefa, sah allerdings Korczak selten, weil der meistens außer Haus war.

    Samuel kam jeden Samstag zu Besuch und brachte ihr ein kleines Geschenk oder etwas zum Essen mit. Manchmal machten sie einen Spaziergang und gingen durch das Ghetto zu dem Haus, in dem er ein Zimmer hatte, einmal hatte sie sogar ein anderes Mädchen dazu eingeladen. Er bemerkte, daß sie sich in jenem Jahr physisch und psychisch weiterentwickelt hatte, daß sie vernünftiger wirkte und besser gekleidet war als die anderen Ghettokinder. Sie erzählte ihm von den anderen Kindern, von ihren gemeinsamen Spielen. Und sie wollte wissen, wie es ihm ging - sie sorgte sich, weil er so dünn war. Wie ging es mit seiner Arbeit? Manchmal sprachen sie darüber, wie es nach dem Krieg sein würde. Sie verstand die Gefahr nicht, aber sie spürte, daß die Menschen nicht zuviel Hoffnung hatten. "Wenn wir dann noch leben", sagte sie häufig als Einleitung zu einer Bemerkung, als ob es völlig normal wäre, daß ein Kind seine Zukunftspläne davon abhängig machte.

    Wie alles im Ghetto, spielte auch die Zeit verrückt. Die Vergangenheit drang in die Gegenwart ein. Es gab nur noch ein öffentliches Verkehrsmittel, und zwar Pferdestraßenbahnen, wie Korczak sie aus seiner Jugend kannte. Droschken und Taxis waren durch eine Art Rikscha ersetzt worden - Fahrräder mit kleinen Beifahrerwägelchen.

    Zuerst hatte Korczak es vermieden, ein solches Gefährt zu benutzen, weil es ihn an die Rikschas von Charbin im russischjapanischen Krieg erinnerte. Damals hatte er ein einziges Mal eine Rikscha bestiegen. "Ein Rikschamann lebt nicht länger als drei Jahre. Ein besonders kräftiger fünf." Aber als es für ihn immer schwieriger wurde, sich auf seinen geschwollenen Beinen zu bewegen, sagte er sich: "Man muß sie etwas verdienen lassen. Besser ich steige ein als zwei dicke Schwarzhändler, womöglich noch mit Warenbündeln. Ein peinlicher Augenblick, wenn ich gesündere, kräftige auswähle (falls ich es eilig habe), und ich gebe ihnen fünfzig Groschen mehr, als sie verlangen." Und anders als die "zänkischen, lauten und boshaften" Droschkenkutscher aus den Vorkriegstagen waren die Rikschamänner "sanft und still - wie Pferde, wie Ochsen".

    Vier Monate nachdem Korczak die Leitung des jüdischen Findelhauses in der Dzielnastraße übernommen hatte, kämpfte er immer noch den gleichen Kampf mit dem Personal. Er zog sich die Wut aller zu, wenn er einer Putzfrau, die gerade die Treppe wischte, ganz bewußt die Hand schüttelte und häufig "vergaß", das gleiche bei den andern zu tun. Und ganz gleich, wie übelgesonnen sie sich untereinander sein mochten, gegen ihn hielten sie zusammen: "Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten. Du bist fremd, ein Feind. Selbst wenn es für uns vorteilhaft sein sollte, das scheint nur so, und letzten Endes schadet es uns bloß." Sie erwiesen sich als furchtbare Gegner, informierten die Gestapo, daß Korczak einen Typhusfall nicht gemeldet habe worauf die Todesstrafe stand. Er mußte alle Hebel seiner Verbindungen in Bewegung setzen, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Als Fräulein Wittlin, eine aufopferungsvolle Pflegerin des Hauses starb, meinte er: "Das >Salz der Erde< löst sich auf - übrig bleibt der Mist."

    An einem Tag gegen Ende Mai ging Korczak wegen einer Spende zum Grzybow-Platz Nr. l, dem letzten Gebäude vor der Ghettomauer. Erst am Tag zuvor war dort ein jüdischer Polizist von den Deutschen erschossen worden, weil er den Schmugglern Zeichen gegeben hatte. ">Das ist kein Ort für einen Großhandel<, erklärt der Nachbar. Der Laden ist geschlossen. Die Menschen haben Angst.

    " Gerade als Korczak das Gebäude betreten wollte, hielt ihn der Gehilfe des Hausmeisters auf."

    >Erkennen Sie mich nicht, Herr Doktor? <
    >Moment . . . ich weiß schon! (Bula) Szulc!<
    >Haben Sie mich erkannt? <
    >Aber! Ich erinnere mich nur allzugut an dich. Komm, erzähl!<"

    Sie setzten sich auf die Stufen vor der Allerheiligenkirche, die den Konvertiten des Ghettos diente.

    "Bula ist nun schon vierzig Jahre alt. Vor kurzem war er erst zehn." Wie so viele in dieser Straße, schmuggelte er."
    >Ich habe ein Kind"<, sagte Bula stolz. "
    >Kommen Sie doch auf einen Teller Kohlsuppe zu mir. Dann sehen Sie den Jungen.<
    >Ich bin müde. Ich will heim.<"

    Sie saßen dort für eine viertel oder eine halbe Stunde und schwatzten miteinander. Korczak bemerkte, daß " entrüstete Katholiken" ihn erkannt hatten und sie "verstohlen" musterten. Obwohl auch die Konvertiten dazu gezwungen waren, Armbinden zu tragen, galten sie als antisemitisch, und Korczak stellte sich vor, was die gestrengen Kritiker der Juden jetzt dachten: "Am hellichten Tage, auf den Kirchenstufen - Korczak mit einem Schmuggler. Da muß es wohl schon sehr schlecht um die Kinder stehen. Aber warum so in aller Öffentlichkeit, so demonstrativ und, wie man es auch nimmt, schamlos. Eine Provokation. Was wird der Deutsche denken, wenn er das sieht. Es läßt sich nicht leugnen: die Juden sind unverschämt, aufdringlich."

    Szulc prahlte inzwischen, wie gut er sein Kind ernähre.

    ">Am Morgen trinkt er einen viertel Liter Milch, ißt eine Semmel und zwei Deka Butter. Das kostet schon etwas.<
    >Warum das alles? <
    >Er soll wissen, daß er einen Vater hat.<
    >Er ist wohl ein rechter Lausbub? <
    >Da fehlt nichts. Er ist ja mein Sohn.<
    >Und deine Frau? <
    >Eine großartige Frau.<
    >Schlagt ihr euch? <
    >Wir leben schon fünf Jahre zusammen, aber ich habe sie noch kein einziges Mal angebrüllt.<
    >Und erinnerst du dich noch? < Ein Anflug eines Lächelns.
    >Oft denke ich an das Haus der Waisen. Manchmal träume ich von Ihnen oder von Frau Stefa.<
    >Warum hast du dich all die Jahre nicht sehen lassen? <
    >Wenn es mir gutging, hatte ich keine Zeit. Wenn es mir schlecht ging, warum sollte ich da abgerissen und dreckig kommen?< . . .

    Er half mir aufstehen. Wir küßten uns aufrichtig und herzlich. Er ist zu ehrlich für einen Lumpen. Aber vielleicht hat auch das Haus der Waisen etwas in ihm geweckt und etwas zurechtgeschnitten?"

    Am darauffolgenden Tag wurden die meisten Mitglieder der Gruppe der " Dreizehn" liquidiert. Warum, wurde nie ganz geklärt. Es hieß, ein Gestapokommando sei dabei, die Rivalen auszulöschen; irgendwie gelang es Gancwajch zu entkommen. Schmuggler wie Szulc wurden im folgenden Monat ausgehoben.

 

 


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