Janusz Korczak Communication - Center
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Sonderbare Dinge

    Es war der Anfang von dem, was Zylberberg später "diesen schrecklichen Sommer" genannt hat. Es gab Kinder im Ghetto, die sich nicht daran erinnern konnten, jemals einen Baum oder eine Blume gesehen zu haben. Wenn es Korczaks christlichen Freunden - was selten genug vorkam - einmal gelang, einen Boten zu ihm zu senden und zu fragen, was er brauche, bat er stets um Pflanzen. "Die Kinder brauchen etwas, um sich zu beschäftigen" , erklärte er. "Sich um Geranien oder Petunienpflänzchen kümmern zu müssen, lenkt sie von ihren Sorgen ab."

    Für Korczak war die Natur geistige und physische Regenerierung. Als die Kinder von ihrer Sehnsucht nach der Sommerkolonie sprachen, dachte er an den kleinen Grünstreifen, der ihm im Garten der Allerheiligenkirche aufgefallen war, als er mit Szulc auf der Treppe gesessen hatte. Der Priester würde vielleicht einer Bitte der Kinder nachkommen, dort einmal spielen zu dürfen, also half er Semi mit einem Brief - ein ergreifendes Dokument, das auch von König Hänschen hätte stammen können:

      "In diesem Augenblick brachte mir Semi seinen Brief ans Bett: ob es so recht sei?

      An den hochwürdigen Herrn Pfarrer von der Gemeinde Aller-Heiligen.
      Wir bitten den sehr verehrten Herrn Pfarrer höflichst, uns in seiner Güte zu erlauben, ein paarmal samstags in den Morgenstunden (sechs Uhr dreißig bis zehn Uhr) in den Kirchgarten zu gehen.
      Wir sehnen uns nach ein bißchen Luft und Grün. Bei uns ist es eng und dumpf. Wir möchten die Natur kennen- und lieben lernen. Die Anpflanzungen werden wir nicht beschädigen.
      Wir bitten inständig darum, unsere Bitte nicht abzuschlagen.

        Zygmus Semi Abrasza Hanka Aronek"

    Der Priester Marceli Godlewski, ein erklärter Antisemit vor dem Krieg, hatte einmal zu Korczak gesagt: "Wir sind zu schwach. Für einen Schnaps verkaufen wir uns als Sklaven an die Juden." Nach der deutschen Besetzung änderte sich seine Einstellung: er half den Konvertiten, die zu seiner Kirche gehörten - die sich direkt hinter der Ghettomauer befand -, und tat, was er konnte, den Juden zu helfen. Ob er auf den Brief der Kinder reagiert hat, ist nicht bekannt.

    Zwar erwähnt es weder Korczak noch Czerniakow in seinem Tagebuch, aber sicherlich haben diese beiden Männer, deren Freundschaft vor dem Krieg aus ihrer beider Arbeit für die Kinder erwachsen war, darüber gesprochen, wie notwendig es sei, daß die Kinder einen Platz erhielten, wo sie ihren Gefühlen freien Laufen lassen konnten. Und was eignete sich besser dafür als Spielplätze? Im Mai 1942 gab der Vorsitzende offiziell bekannt - als ob es ein weiteres Programm zur Überlebenshilfe wäre -, daß der Judenrat einige kleine Spielplätze einrichten würde, wo die Kinder eine Rutschbahn und eine Schaukel hatten und sich austoben konnten, wie sie wollten. Der erste Spielplatz wurde bei einem ausgebombten Haus in der Grzybowskastraße gebaut, gegenüber von Czerniakows Bürofenster. Die Ausführenden waren Lehrer, Fabrikbesitzer, Viehhändler und Kaufleute - alle erst kürzlich aus Deutschland deportiert. Sie säten Gras und bauten mit Sorgfalt und Begeisterung Schaukeln und Rutschen. Manchmal ließ Czerniakow in den Arbeitspausen Zigaretten verteilen; zu seinen Kollegen im Judenrat meinte er, er würde sich wünschen, daß auch die polnischen Juden so gründlich arbeiteten.

    Korczak befand sich unter den fünfhundert Gästen, die am 7. Juni um neun Uhr dreißig zur Eröffnung eingeladen waren. Die Mitglieder des Judenrates saßen in einer separaten Loge.

    Korczak saß mit Zylberberg und den anderen Gästen in der warmen Sonne und lauschte den Klängen der jüdischen Polizeikapelle, während sie auf den Beginn der Zeremonie warteten. Plötzlich hörte die Kapelle auf, es wurde still. Alle Augen wandten sich dem Eingang des Spielplatzes zu, wo Adam Czerniakow in einem weißen Tropenanzug und mit prägnantem, weißem Helm erschien; alle erhoben sich, als die Kapelle "Hatikvah" anstimmte und die Polizei den Vorsitzenden und seine Frau zu ihren Plätzen geleitete. "Wie finden Sie unseren König?" flüsterte Korczak Zylberberg zu. "Keine schlechte Vorstellung."

    In seiner leidenschaftlichen Ansprache, die von Simultandolmetschern vom Polnischen ins Jiddische und Hebräische übersetzt wurde, bat Czerniakow alle, darum zu kämpfen, daß die Kinder diese tragischen Zeiten überlebten. Das Leben sei sicher hart, sagte er, aber sie dürften nicht aufgeben - sie müßten weiter planen und weiterarbeiten. Dies hier sei erst ein Anfang. Er würde im ganzen Ghetto Spielplätze errichten lassen. Und nicht nur das, er würde ein Institut für Lehrerausbildung und eine Ballettschule für Mädchen einrichten.

    Als er geendet hatte, spielte die Kapelle einen Marsch, und Gruppen von Schulkindern mit ihren Lehrern defilierten an der Tribüne vorbei. Nachdem sie ihre Vorstellung aus Singen, Tanzen und gymnastischen Übungen gegeben hatten, erhielten die Kinder alle einen kleinen Beutel mit Bonbons aus Melasse*,

    * Melasse - eine Art Zuckersirup (Anm. d. Übers.).

    die im Ghetto hergestellt worden waren. "Die Zeremonie machte auf die Anwesenden einen großen Eindruck", schrieb der Vorsitzende in sein Tagebuch. "Balsam auf die Wunden. Die Straße lächelt! "

    Czerniakow bemühte sich außerdem, die schreckliche Situation Tausender jugendlicher Schmuggler zu erleichtern, die von den Deutschen erwischt und in das völlig überfüllte Jugendstrafgefängnis gesteckt worden waren. Als es ihm gelang, daß einige von ihnen zum Spielplatz kommen durften, war er entsetzt, daß diese sogenannten Verbrecher "lebende Skelette aus den Reihen der Straßenbettler" waren. Er bat einige in sein Büro und war sehr bewegt, als " achtjährige Bürger" sich mit ihm wie Erwachsene unterhielten. Er gab jedem eine Tafel Schokolade und einen Teller Suppe. Nachdem sie gegangen waren, weinte er wie schon lange nicht mehr. Doch "man kann seine Uhr nicht mit Tränen aufziehen", sagte er häufig, Dickens zitierend. Er nahm sich zusammen und ging wieder an seine Arbeit.

    Es störte Czerniakow nicht, daß man ihn kritisierte, in solchen Zeiten soviel Energie auf Spielplätze zu verwenden. Er konnte sogar Witze über den jüdischen Optimismus machen: "Zwei Juden standen im Schatten des Galgens. >Die Situation ist nicht hoffnungslos<, sagte der eine zum anderen. >Sie haben keine Kugeln."< Doch wenn er auch den Glauben brauchte, die Situation sei nicht völlig hoffnungslos, konnte er sich andererseits nicht vormachen, sie sei gut. Er identifizierte sich mit dem Schiffskapitän, den er in einem Film gesehen hatte: "Während das Schiff untergeht, ordnet der Kapitän an, daß das Orchester Jazz spielt, weil er die Stimmung seiner Passagiere hochhalten möchte. Ich habe mich entschlossen, diesem Kapitän nachzueifern."

    Es gab Zeiten - wie jene ersten beiden Wochen im Juni -, in denen Korczak nichts in sein Buch schrieb. Als Grund nannte er sich selbst: "weil Henryk krank geworden ist und angeblich niemand da war, der meine nächtlichen Ergüsse auf der Maschine hätte abschreiben können. Merkwürdig, daß ich das geglaubt habe, wo ich doch genau wußte, daß einige andere Buben hätten einspringen können." In den Nächten, in denen er die Energie zum Schreiben aufbrachte, vergingen die Stunden wie im Fluge. In einem Moment war es Mitternacht, im nächsten bereits drei Uhr morgens. Manchmal unterbrach ihn der Ruf eines Kindes. Als Mendelek einen Alptraum hatte, trug Korczak ihn in sein Bett und tröstete ihn, bis er wieder einschlief. Nach den Gepflogenheiten des Hauses war der Bub, Sohn eines seiner Waisenkinder, sein "Enkel".

    Korczak hatte seine eigenen "unerträglichen Träume! In der vergangenen Nacht: mitten unter Deutschen, ich, ohne Armbinde, zu verbotener Stunde in Praga (Stadtteil am rechten Weichselufer). Ich wache auf. Wieder ein Traum. Im Zug schleppt man mich - Meter für Meter - in ein Abteil, in dem schon mehrere Juden sind. Heute nacht sind wieder Menschen gestorben. Kinder-Leichen. Ein totes Kind in einem Zuber. Ein anderes, mit abgezogener Haut, auf einer Pritsche in der Leichenhalle, atmet noch deutlich."

    Der zweite Traum hatte sicherlich damit zu tun, daß die Gerüchte nicht verstummen wollten, die von Lublin in Eisenbahnzügen deportierten Juden seien niedergemetzelt worden. Dieses gehäutete Kind muß ihm vorgekommen sein wie seine eigenen Kinder - man hatte ihnen praktisch alles genommen, und doch lebten und atmeten sie noch. Wie groß muß seine unausgesprochene Angst gewesen sein, daß auch seine Kinder einem solchen Schicksal entgegensahen.

    In derselben Nacht hatte er noch einen weiteren Traum:

      "lch stehe ganz hoch oben auf einer schwankenden Leiter, und der Vater stopft sich immer wieder Kuchen in den Mund, ein großes Stück, mit Zuckerguß und Rosinen, und was im Mund keinen Platz mehr findet, steckt er zerkrümelt in die Tasche." Schweißgebadet wacht er im "gefährlichsten Augenblick" auf und fragte sich, ob "der Tod ein solches Erwachen in einem Augenblick ist, in dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt"? Und dann, mit bitterem Humor: ">Jeder kann doch fünf Minuten Zeit finden, um zu sterben< - habe ich irgendwo gelesen."

    Wenn er auch nicht versuchte, diese Träume zu interpretieren, in denen er weder sich noch die Kinder retten konnte, so ließ er sich ebensowenig von ihnen abhalten, seinen täglichen Kampf gegen die Deutschen weiterzuführen und seine Kinder durchzubringen. Und immer noch benutzte er "Traumbilder" für Vorstellungen von Allmacht und Kraft - einer Kraft, die ihm helfen würde, die Wirklichkeit zu überwinden und über die Mauern des Ghettos davonzuschweben. Diese Traumbilder, die er zu einer Sammlung mit dem Namen "Sonderbare Dinge" verarbeitet hatte, füllten sich nun mit wahnsinnigen Phantasien über die Unterdrückung eines wahnsinnigen Widersachers:

    Ich habe eine Maschine erfunden (einen sehr genauen komplizierten Mechanismus erarbeitet). Eine Art Mikroskop. Die Skala Hundert. Wenn ich das Mikrometer auf neunundneunzig stelle, stirbt alles, was noch nicht einmal ein einziges Prozent Menschlichkeit besitzt. Es gab alle Hände voll zu tun. lch mußte feststellen, wie viele Menschen (Lebewesen) jedesmal ausfallen, wer an ihre Stelle tritt und wie diese Säuberung aussehen werde; ein provisorisches, neues Leben. Nach einem Jahr voller Überlegungen (natürlich in der Nacht) hatte ich diese Destillation bis zur Hälfte vorangetrieben. Die Menschen waren nur noch Halb-Vieh, die übrigen sind umgekommen. Wie genau meine Voraussagen waren, beweist, daß ich mich selbst aus diesem eigenwilligen Organismus vollkommen eliminiert hatte. lch konnte doch, wenn ich eine Schraube meines "Mikroskopes" überdrehte, mir selbst das Leben nehmen. Und was dann?

    Ende Juni endet der erste Teil seiner Erinnerungen: "lch habe alles noch einmal durchgelesen." Ihm war klar: "Wenn wir uns erinnern, lügen wir unbewußt". Und er mußte sich sagen: "Nur mit Mühe habe ich es verstanden. Und der Leser? Kein Wunder, daß ein Tagebuch für den Leser unverständlich bleibt. Kann man denn überhaupt fremde Erinnerungen, ein fremdes Leben verstehen? lch sollte ja wohl ohne Mühe erkennen, was ich schreibe. Nun freilich, aber kann man eigene Erinnerungen verstehen? "

    Er überlegte, ob er das Tagebuch nicht "in Form von Briefen an seine Schwester schreiben" solle. Aber er kam nicht weiter als "Mein Lieber" sich], weil er sich daran erinnerte, wie "kalt, fremd und hochmütig" sein erster Brief an sie, in dem er auf ihren Brief an ihn reagiert hatte, ausgefallen war. Ein "großes, schmerzliches Mißverständnis" war zwischen sie getreten, das er nicht aufzuklären vermochte.

    Anna, die immer schemenhaft bleibt, scheint zu der Zeit nicht im Ghetto gelebt zu haben. In ihrem Brief hatte sie ihm vorgeworfen, überall seine Aufwartung zu machen und die Polizei zu bestechen. Er wiederum fühlte sich mißverstanden und reagierte verletzt. "Liebe Anka. . .", schrieb er in sein Tagebuch, "1. Ich habe keine Besuche gemacht. Für Geld, Lebensmittel, Nachrichten, guten Rat und Tips gehe ich betteln. Wenn du das Besuche machen nennst, dann sind Besuche eine schwere, erniedrigende Arbeit. [. . .] 4. Ich erfülle meine Pflichten, nach meinem bescheidenen Urteil, so gut ich es kann. Ich schlage keine Bitte ab, die ich erfüllen kann. Ich habe mich aber nicht verpflichtet, die Interessen der Polizei wahrzunehmen, der Vorwurf ist also ungerechtfertigt."

    Vielleicht um ihre Freundschaft zurückzugewinnen, schrieb er außerdem: "Die Erholung, die mir einst beim Lesen zuteil wurde, finde ich nicht mehr. Ein bedrohliches Zeichen. Ich bin schon wirr geworden, und das beunruhigt mich. Ich will doch nicht verdummen."

    Wie immer waren es die Kinder, denen es gelang, ihn wiederaufzurichten. Am Tag, nach dem Korczak über die Unverständlichkeit seiner Aufzeichnungen nachgedacht hatte, saß er während der Hebräischstunde in der Schulklasse und schrieb. Er freute sich über zwei größere Gruppen der Kinder, die auf "ihre Spiele, auf leichte Lektüre und Gespräche mit ihren Altersgenossen" verzichtet hatten, um Hebräisch zu lernen.

    "Als die Gruppe der Jüngeren ihre Stunde beendet hatte, wunderte sich ein Bub: >Schon? Schon eine Stunde vorbei?< >Tak<. Auf russisch: >da<, deutsch: >ja<, französisch: >oui<, englisch: >yes<, hebräisch: >ken<. Nicht nur ein, nein, drei Leben kannst du damit ausfüllen."

 

 


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