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Das Postamt

    Der l. Juli 1942 sollte als die Nacht des Abschlachtens in die Geschichte eingehen, obwohl sie eigentlich kaum furchtbarer war als die darauffolgenden Nächte, in denen die Schmuggler an den Hauswänden, auf den Straßen, in den Höfen und Wohnhäusern erschossen wurden. Das Schlachten dauerte die erste Julihälfte an, bis es aussah, als ob kein einziger Schmuggler mehr übrig sein könnte. Die akute Not in der Lebensmittelversorgung, insbesondere der Mangel an Brot, ließen darauf schließen. Die Schmuggler waren die Lebensader des Ghettos gewesen, hatten die Menschen mit dem Notwendigsten versorgt, und diese Ader war jetzt abgetrennt worden.

    Einige Tage nach dieser Nacht beschrieb Korczak zum letzten Mal ein "Traumbild". Er widmete eine seiner Erzählungen aus dem Zyklus Sonderbare Dinge dem kleinen Szymonek Jakubowicz. Wenn er jemals übermenschliche Kräfte benötigt hatte, Szymonek und die anderen Kinder zu retten, dann war es jetzt. Also schuf er den Planeten Rho als Zuflucht. Der Astronom, der dort lebte, Professor Zi, tat das, wovon der "alte Doktor" nur träumen konnte: mit Hilfe seines " Astropsychomikrometers . . . seelische Energien zu regulieren und Wärmestrahlen in geistige oder, genauer gesagt, in moralische Strahlen umzuwandeln". Der Apparat war eine Art Kreuzung aus einem Teleskop und einem Radio, "der nicht Musik, Gesang oder Berichte von Kriegsschauplätzen sendet, sondern Strahlen seelischen Gleichgewichts". Er war so fortschrittlich, daß er sogar " Bilder auf eine Leinwand projizieren" oder Schwingungen registrieren konnte "wie ein Seismograph".

    Professor Zi konnte überall für "Harmonie und Heiterkeit" sorgen, außer - und das war sein großer Kummer - auf dem "unruhigen Fünkchen Erde". Und er fragte sich: " Sollte man dieses unvernünftige Spiel nicht unterbrechen? Dieses blutige Vergnügen? Die Lebewesen auf der Erde haben doch Blut in den Adern. Und sie kennen Tränen und klagen, wenn sie Schmerzen haben. Ob sie nicht glücklich sein wollen? Oder irren sie? Können sie das Glück nicht finden? . .. Was soll ich tun? Einhalt gebieten - das bedeutet, ihnen einen Weg zu weisen, den sie noch nicht gehen können, ihnen eine Anstrengung aufzubürden, der sie nicht gewachsen sind, ihnen ein Ziel zu setzen, das weit über das hinausreicht, was sie heute schon verstehen können. Aber so macht man es nun einmal. Unfreiheit, Zwang, Gewalt. All das verwirrt, reizt und kränkt."

    Seufzend schloß Professor Zi die Augen. Er sah, was die Erdenbewohner nicht sahen - über dem Planeten Rho "war der freie Raum von hellem Blau, dem Duft von Maiglöckchen und süßem Wein erfüllt. Wie Schneeflocken schwebten die geflügelten Empfindungen umher und stimmten ein Lied nach dem anderen an, sanft und rein." Doch: "Unsere Erde ist noch jung. Und jeder Anfang ist eine schmerzhafte Anstrengung."

    Das Leben im Waisenhaus ging seinen gewohnten Gang. Am ersten Montag im Juli hielt Korczak abends von acht bis neun wie üblich sein Seminar und sagte zu Freunden, die gerne teilnehmen wollten, daß jeder kommen konnte, der Lust hatte. "Nur stören darf er nicht." Dann zählte er auf:

    Themen, die mir gestellt werden:

      l. Die Emanzipation der Frauen
      2. Vererbungslehre
      3. Einsamkeit
      4. Napoleon
      5. Was ist Pflicht?
      6. Über den Beruf des Arztes
      7. Amiels Tagebuch
      8. Aus den Erinnerungen des Herrn Doktor
      9. Jack London
      10. Über Mendel
      11. Leonardo da Vinci
      12. Über Fabre
      13. Die Sinne und der Verstand
      14. Das Genie und seine Umgebung
      (wechselseitige Einwirkungen)
      15. Die Enzyklopädisten
      16. Die unterschiedliche Schaffensweise verschiedener Schriftsteller
      17. Nationalität - Volk. Kosmopolitismus
      18. Symbiose
      19. Das Böse und die Bosheit
      20. Freiheit. Vorbestimmung und freier Wille

    Ein solch geistiges Fest mag für den Geschmack der Erwachsenen gerade richtig gewesen sein, doch wurde es von Tag zu Tag schwieriger, die Kinder für irgend etwas zu interessieren. Unter ihrem verhältnismäßig normalen Aussehen lagen "Erschöpfung, Unlust, Zorn, Aufruhr, Mißtrauen, Traurigkeit und Sehnsucht verborgen". Das Waisenhaus war zu einem "Altersheim" geworden, "ein Sanatorium für launische, in ihre Krankheit verliebte, wohlhabende Pensionäre". Morgens beschäftigten sie sich hauptsächlich mit ihren Temperaturmessungen: "Wieviel Fieber habe ich, wieviel du. Wer fühlt sich schlechter, wie hat jeder die Nacht verbracht." Als Leon zum ersten Mal in seinem Leben ohnmächtig wurde, interessierte ihn nur noch herauszufinden, was der Grund dafür gewesen sein mochte.

    Korczak ermunterte die Kinder, es ihm gleichzutun und ein Tagebuch zu führen, weil er hoffte, es würde ihnen helfen, mit ihren Gefühlen besser fertigzuwerden. " Schmerzlich ist der Ernst ihrer Tagebuchnotizen. Wenn ich auf ihre vertraulichen Mitteilungen eingehe, dann spreche ich zu ihnen als Gleicher zu Gleichen. Wir haben gemeinsame Erlebnisse - sie und ich. Die meinen sind etwas verdünnter, verwässerter - aber sonst die gleichen." Marceli gelobte, fünfzehn Groschen für die Armen zu spenden als Dank für das Taschenmesser, das er gefunden hatte. Szlama schrieb über eine Witwe, die zu Hause saß und weinte und hoffte, daß ihr Sohn von der anderen Seite der Mauer etwas hereinschmuggeln könnte. Sie wußte noch nicht, daß "ein Gendarm ihren Sohn erschossen hat". Und Szymonek:

    "Mein Vater war ein Kämpfer um das tägliche Stück Brot. Obwohl er den ganzen Tag arbeiten mußte, liebte er mich doch." Mietek wollte eine Borte für das Gebetbuch, das sein toter Bruder als Geschenk zu seiner Bar-Mizwa*

    * Bar-Mizwa - Einführung in die jüdische Glaubensgemeinschaft (Anm. d. Übers.).

    aus Palästina erhalten hatte. Szmulek: "Ich habe mir für zwanzig Groschen kleine Nägel gekauft. Morgen werde ich große Ausgaben haben." Und Abus: "Wenn ich etwas länger auf der Toilette sitze, heißt es gleich, ich sei ein Egoist. Und ich möchte doch, daß man mich gern hat." Korczak hatte Verständnis für ihn, denn er kannte diese Schwierigkeit aus seiner Gefängniszeit im Pawiak. Doch dieses Problem konnte er zu lösen versuchen und gleichzeitig die Fliegenplage in Angriff nehmen: Er legte einen Toilettentarif fest:

      l. Für ein kleines Geschäft muß man fünf Fliegen fangen.
      2. Für ein großes - zweiter Klasse
      (Kübelhocker mit ausgesägter Öffnung) - zehn Fliegen.
      3. Erster Klasse - mit Sitz - fünfzehn Fliegen.

    Als einer der Buben fragte: "Kann ich nicht später bezahlen (mit Fliegen), ich muß so nötig?", meinte ein anderer: "Mach nur, mach . . . ich fange sie für dich." Ein anderer wollte wissen: "Zählt das auch, wenn eine schon getroffene Fliege wieder fortfliegt? " Auf diese Weise wurden nicht nur die Fliegen weggefangen (eine im Isolierraum gefangene Fliege zählte für zwei), sondern die Kinder bewiesen: "Die Gutwilligkeit einer solchen Schar - das ist eine Macht."

    Er wußte, daß er den Kindern mehr bieten mußte als Tagebücher und Fliegenklatschen, um sie über ihren Kummer und ihr Leid hinwegzubringen - etwas, womit sie sich identifizieren konnten und was ihnen Trost gab. Er fand die Lösung in einem Theaterstück mit dem Titel Das Postamt von dem indischen Dichter und Philosophen Rabindranath Tagore. Es handelt von einem sterbenden Kind mit Namen Amal, einem Waisenjungen solch reinen Herzens, daß er das Leben aller, die ihm begegneten, bereicherte. Das Stück war Korczaks Ideen und seinen Gefühlen für Kinder so ähnlich, daß es durchaus von ihm hätte sein können.

    Esterka Winogron, ehemals Studentin der Naturwissenschaften an der Universität Warschau und jetzt Mitglied der Bursa, erbot sich, das Stück einzustudieren. Sie half ihm bei seinen medizinischen Aufgaben im Waisenhaus, war besonders zuverlässig und tüchtig und gehörte zu seinen Lieblingen. Man begann mit den Proben. Die Hauptrolle des Amal erhielt Abrasha, ein sehr beliebter Bub, der auch Violine spielen konnte. Drei Wochen lang wurde geprobt und die Aufführung auf den 18. Juli festgelegt.

    Eines Nachmittags, als die Kinder gerade aus allem nur Verfügbaren ihre Kostüme und die Bühnenausstattung bastelten, kam Nina Krzywicka, eine christliche Freundin von Stefas Bruder, im Waisenhaus vorbei; sie war mit Lebensmitteln auf dem Weg zu ihrem jüdischen Mann, der sich dafür entschieden hatte, im Ghetto zu leben. Sie brachte auch eine Kleinigkeit für Stefa mit, obwohl sie wußte, wie ungern Stefa Geschenke annahm. Sie versuchte, mit Stefa eine Unterhaltung zu führen, und erinnerte sich daran, wie schwierig das früher immer gewesen war: Stefa hatte immer knapp und direkt geantwortet, ihre Fragen waren stets konkret gewesen; nur wenn sie über ihren Bruder Stach sprach, wurde sie lebhaft. Sie berichtete Nina von ihrer Sorge, lange Zeit nichts von ihm gehört zu haben. Während ihrer Plauderei rannte Korczak nach draußen und brüllte die Angestellten eines benachbarten Restaurants an, weil sie Abfalle vor der Tür des Waisenhauses deponierten. Sein Gesicht war krebsrot, seine Sprache ordinär. Nina, peinlich berührt, ihn in einem solchen Zustand zu erleben, verließ hastig das Haus.

    Als sie eine Woche später wieder vorbeikam, freute sie sich, eine lächelnde Stefa vorzufinden, die den Kindern bei den letzten Vorbereitungen half. Allerdings fiel ihr auch auf, wie grau und faltig sie geworden war. Korczak marschierte freundlich auf sie zu und lud sie zur Vorstellung ein. Auch er sah alt und müde aus - nur seine Augen blitzten lebendig. Sobald er außer Hörweite war, sagte Stefa: "Der Doktor fühlt sich nicht wohl. Ich sorge mich um ihn." Am Ton ihrer Stimme erkannte Nina plötzlich, wieviel ihr Korczak bedeutete.

    In der Nacht vor der Theateraufführung schlug das Unglück in Form einer Lebensmittelvergiftung zu, an der alle Kinder erkrankten. "Die Hilfsaktion für diese sich erbrechenden, vor Schmerzen stöhnenden Kinder ging fast im Dunkeln vor sich." Korczak und Stefa stolperten mit Kopfwehpulver und Krügen voll Kalkwasser durch die Dunkelheit, um die Kinder zu versorgen. Das Personal erhielt "in geringen Mengen - Morphium".

    Der Bub, dessen Mutter nicht sterben wollte, bis er sich bereit erklärt hatte, ins Waisenhaus zu gehen, wurde so hysterisch, daß Korczak ihm eine Koffeinspritze geben mußte. Die Mutter war "getreu ihrem Vorsatz" gestorben, aber das Kind zeigte nun ein eigenartiges Verhalten, das Korczak als "Gewissensbisse" interpretierte: "In der Krankheit ahmt es die Mutter nach: es stöhnt (schreit), daß es Schmerzen habe, dann wieder, daß es ersticke, dann, daß es zu heiß sei, endlich, daß es vor Durst sterbe."

    Korczak ging durch den Schlafsaal und befürchtete, daß dieser Bub mit seiner Hysterie alle anderen anstecken könnte. Er wußte, daß er eigentlich die Ruhe bewahren sollte, aber er schrie den Buben an und drohte ihm, ihn in den Flur zu befördern, wenn er sich nicht beruhigte. Denn das bewies den anderen Kindern, daß "der Steuermann sich seiner Sache sicher war: er schimpft, also ist alles in Ordnung", wie Korczak zynisch kommentierte.

    Er notierte sämtliche Magenverstimmungen genau. In dieser einen Nacht hatten "die Buben zusammen achtzig Kilo verloren . . . die Mädchen sechzig Kilo (etwas weniger)". Als Ursache hatte er die Impfung gegen die Ruhr im Verdacht, die vor fünf Tagen verabreicht worden war, oder auch den gemahlenen Pfeffer, " der nach einem französischen Rezept den nicht mehr ganz frischen Eiern der Freitags->Pastete< beigegeben worden war". Allerdings brauche es auch nicht viel, "um eine Katastrophe hervorzurufen".

    Irgendwie gelang es den Kindern dann doch, sich soweit zu erholen oder zusammenzureißen, daß sie die Vorstellung am nächsten Tag um vier Uhr dreißig geben konnten. Der große Saal im ersten Stock des Waisenhauses war angefüllt mit Freunden und Kollegen, die Korczak mit einer Einladung in dem ihm eigenen Stil verblüfft hatte:

      Für gewöhnlich versprechen wir nichts, was wir nicht halten können. Wir glauben, daß die einstündige Vorstellung eines bezaubernden Stückes von einem, der zugleich Philosoph und Dichter ist, eine Erfahrung von höchster Sensibilität vermitteln wird.

    Als Anhang zu der Einladung, die gleichzeitig auch die kostenlose Eintrittskarte war, standen einige Worte von Korczaks Freund Wladyslaw Szlengel, dem jungen Dichter, der nach seinem Tod im Ghettoaufstand zu posthumen Ehren gelangen sollte :

      Etwas mehr als Text - nämlich Stimmung
      Etwas mehr als Erregung - nämlich Erleben
      Etwas mehr als Schauspieler - nämlich Kinder.

    Das Publikum war vom Stück völlig gefesselt. Amal, ein sanfter, phantasiebegabter Bub, der von einem armen Ehepaar adoptiert wurde, ist durch eine ernste Krankheit ans Zimmer gebunden. Der Dorfarzt verbietet ihm, das Haus zu verlassen, und er ist von der Natur da draußen völlig abgeschlossen, so wie die Kinder aus der Siennastraße, auf die eine ungewisse Zukunft wartete. Er sehnt sich danach, mit der Zeit in das Land zu fliegen, das niemand kennt - ein Land, so erzählt ihm der Nachtwächter, in das ihn ein Doktor an seiner Hand führen wird, der viel größer ist als der, den er jetzt hat.

    Amal glaubt dem Dorfältesten, als der so tut, als läse er einen Brief vom König, in dem dieser seine baldige Ankunft mitsamt dem größten Doktor des Landes verspricht. Niemand ist überraschter als der Dorfälteste und Amals Adoptivvater, als der Doktor des Königs plötzlich in dem verdunkelten Zimmer auftritt, "Was ist denn hier los? Wie stickig es hier ist!" ruft der Doktor aus. "öffnet alle Türen und Fenster so weit es geht! "

    Nachdem die Läden geöffnet sind und die Nachtluft hereinströmt, erklärt Amal, daß all seine Schmerzen verschwunden sind und daß er die Sterne auf der anderen Seite der Dunkelheit blinken sehen kann. Während er auf die Ankunft des Königs wartet, schläft er ein, und der Doktor sitzt im Sternenlicht an seinem Bett. Seiner Freundin Sudah, dem Blumenmädchen, das vorbeikommt und fragt, wann er aufwachen wird, sagt der Doktor: "Sobald der König kommt und ihn ruft." Nach dem ende der Vorstellung blieb alles sehr still im Saal, und es war offensichtlich, daß es Korczak gelungen war, erwachsenen und Kindern ein Gefühl der Befreiung aus ihrem gegenwärtigen Leben zu geben. Ob man glaubte, daß der König, auf den Amal wartete, der Tod oder der Messias war, oder daß der Tod der Messias war (wie lsaac Bashevis Singer in einem seiner Bücher schreibt), jeder fühlte sich für einen Augenblick in ein Reich versetzt, das nicht nur jenseits der Ghettomauern lag, sondern jenseits des Lebens selbst.

    Danach gefragt, warum er dieses Stück ausgewählt habe, soll Korczak geantwortet haben, daß er den Kindern helfen wollte, den Tod zu akzeptieren. In seinem Tagebuch findet sich nur eine kurze Eintragung über diesen Nachmittag: "Publikumserfolg, Händedrücke, Lächeln, Versuche, ein herzliches Gespräch anzuknüpfen. (Nach der Vorstellung hat die Frau Vorsitzende das Haus besucht und gemeint, es sei zwar recht eng hier, aber der geniale Korczak habe augenscheinlich bewiesen, daß er selbst in einem Mauseloch wahre Wunder vollbringen könne.)" Und dann fügt er hinzu: "Darum also wurden den anderen Paläste zugewiesen."

    Die Kinder hatten ihre Rollen so natürlich gespielt, daß er sich fragte: "Was wäre, wenn die Schauspieler von gestern ihre Rolle heute weiterspielen würden. Jerzyk glaubte, er sei ein Fakir. Chaimek, er sei wirklich Arzt. Adek, er sei königlicher Bürgermeister. (Vielleicht wäre das ein Thema für das Mittwochsgespräch der Jugendgruppe - >Illusionen<, Täuschungen; ihre Rolle im Leben der Menschheit . . .)" Doch bald schon hatte die Realität ihn wieder: "Ich gehe jetzt in die Dzielnastraße."

    Einige Stunden bevor an jenem Samstag, dem 18. Juli, Das Postamt in Korczaks Waisenhaus aufgeführt wurde, hatte der Vorsitzende Czerniakow in sein Tagebuch geschrieben: "Ein Tag voll böser Ahnungen. Gerüchte, daß die Deportationen am Montagabend beginnen." Czerniakow hatte pflichtgetreu die Abschiebungen in Güterwaggons aus anderen Ghettos notiert, aber er stellte keine Vermutungen darüber an, wohin die Züge gefahren waren. (Es gab kein organisiertes Netz eines jüdischen Nachrichtendienstes, der Gerüchte hätte bestätigen können, daß alte Leute und Kinder erschossen wurden. oder daß Tausende in Lagern mit den Namen Belzec und Sobibor in der Nähe von Lublin vergast wurden.) Als er notierte. er habe den Befehl erhalten. Arbeiter zum Bau eines "Arbeitslagers" in der Nähe des Dorfes Treblinka. ungefähr neunzig Kilometer nördlich von Warschau, zu entsenden, war das für ihn ein Routineauftrag. Er wollte glauben, daß er das Ghetto vor der Katastrophe bewahren könne, wenn er tat, wie ihm befohlen wurde. und er arbeitete so gut es ging mit den Deutschen zusammen. Gleichzeitig schuf er mit jeder Neueröffnung eines Spielplatzes ein kleines Stück Zukunft.

    Korczak fand inzwischen auch in seinen "Traumbildern" keinen Trost mehr. Er erwachte täglich im "Kreis der Verdammten". Seit einigen Wochen hatte er sich mit einem neuen Thema beschäftigt, mit der Euthanasie. "Derjenige hat das Recht, aus Mitleid zu töten, der liebt und leidet - der selbst bereit ist, sein Leben aufzugeben", schrieb er. " So wird es in ein paar Jahren sein."

    Mehr als einmal hatte er "in schweren Stunden das Projekt der Tötung (Einschläferung) der zur Ausrottung bestimmten Kleinkinder und Greise des Judenghettos" erwogen. Doch dann hatte er den Gedanken als "Mord an Kranken und Schwachen, Meuchelmord an Unwissenden" wieder verworfen. Es war immer noch die Aufgabe der Medizin, Leben zu bringen und nicht den Tod. Er erinnerte sich, daß ihm die Krankenschwester einer Krebsstation einmal erzählt hatte, sie habe den Kranken stets die tödliche Dosis ihrer Medizin ans Bett gestellt und ihnen mitgeteilt, daß mehr als ein Löffel voll davon tödlich sei. Nicht ein einziger Patient habe jemals diese Dosis eingenommen.

    Und doch, von den Menschen im Ghetto nahmen sich täglich viele das Leben, sie sprangen aus den Fenstern oder schnitten sich die Pulsadern auf. Die Witwe, die in der Küche der Zylberbergs in der Chlodnastraße lebte, hatte Tabletten genommen, und er wußte von Ehepaaren, die ihren Eltern Gift gaben, um ihre Leiden zu beenden.

    Ein akzeptables System wurde gebraucht, das einem die Kontrolle über das eigene Schicksal gab, wenn das Leben seinen Sinn verloren hatte: ein Plan, der jedem das Recht gab, den Antrag auf seinen Tod zu stellen.

    Endlose Details mußten für diesen Antrag ausgearbeitet werden: eine ärztliche Untersuchung, eine psychologische Beratung, vielleicht eine Beichte, vielleicht eine Psychoanalyse, dann die Wahl des Ortes, wo der Tod stattfinden sollte. Ferner benötigte man Regeln dafür, wie und wann der Tod verabreicht werden sollte: im Schlaf, mit einem Glas Wein, beim Tanzen, bei Musikbegleitung, plötzlich und unerwartet.

    Schließlich würde der Augenblick kommen, an dem es hieß:
    "Fahre dorthin - dort wirst du den erwünschten Tod empfangen." Korczak konnte sich nicht entscheiden, ob es ein Gesetz geben solle, das die Durchführung des Antrages auch dann vorsah, wenn sich der Antragsteller inzwischen anders entschieden hatte. "Das Todesurteil wird in einem Monat vollstreckt, auch gegen deinen Willen! Denn du hast die Einwilligung unterschrieben, den Kontrakt mit der Organisation, den Vertrag über dein zeitliches Leben. Um so schlimmer, wenn du es zur Unzeit bereust."

    Trotz des manchmal absurden Tones "scherzte" er nicht. Auch wenn er es im Bereich der ironischen Spekulation halten wollte, drohte das Euthanasie-Projekt außer Kontrolle zu geraten. Erinnerungen an seinen wahnsinnigen Vater, der nicht ausgeführte Selbstmordplan mit seiner Schwester und der unveröffentlichte Roman Selbstmord kehrten in seinen Gedanken immer wieder.

    "Ich - der Sohn eines Wahnsinnigen", schreibt er in dieser letzten Beichte. "Also erblich belastet. Jahrzehntelang, bis zum heutigen Tage, quält mich zuweilen der Gedanke daran. lch liebe meine Verrücktheiten zu sehr, als daß mich der Gedanke nicht erschreckte, es könnte mich jemand gegen meinen Willen davon zu heilen versuchen."

    Eine Woche lang nahm er Abstand vom Schreiben - vom Wahnsinn selbst. Doch immer wieder kehrte er zum Gedanken der Euthanasie zurück, je mehr die Ereignisse drohten, ihm den Verstand zu rauben.

    Gerüchte, daß vierzig Waggons bereitstünden, um alle aus dem Ghetto zu deportieren, führten zu einer neuen Welle der Panik. Der Vorsitzende Czerniakow fuhr durch das gesamte Ghetto, besuchte drei Spielplätze und bemühte sich, die Bevölkerung zu beruhigen. Am 19. Juli schrieb er in sein Tagebuch: "Was es mich kostet, sehen sie nicht. Heute habe ich zwei Kopfwehpulver genommen, noch eine Schmerztablette und ein Beruhigungsmittel, aber mein Kopf dröhnt immer noch. Ich versuche, weiterhin zu lächeln." Am nächsten Morgen wurde Czerniakow in sämtlichen Abteilungen des Gestapo-Hauptquartiers vorstellig, um sich persönlich nach dem Wahrheitsgehalt der Gerüchte zu erkundigen. Wenn er auch nicht zur höchsten Befehlsebene durchdrang, sagte man ihm aber allenthalben, daß niemand davon etwas wisse. Schließlich kam er zu Oberleutnant Scherer, dem Chef der Sektion III, der, ebenso wie die anderen, sich erstaunt zeigte, insbesondere über die jüngste Mutmaßung, daß nämlich mit dem Beladen der Waggons am selben Abend begonnen werden sollte. Als Czerniakow fragte, ob er der Bevölkerung mitteilen könne, daß ihre Befürchtungen grundlos seien, versicherte ihm Scherer, daß er dies tun könne und daß die ganze Aufregung umsonst sei. Mit großer Erleichterung ordnete der Vorsitzende an, daß über die jeweiligen Polizeiposten bekanntgegeben werden sollte, der Judenrat habe Nachforschungen angestellt und herausgefunden, daß die Gerüchte über Deportationen jeder Grundlage entbehrten.

    Als die Nachricht über eine mögliche Auflösung des Ghettos auf arischer Seite durchsickerte, begannen Korczaks Freunde sofort zu handeln. Maryna Falska, die immer noch jüdische Kinder in ihrem Waisenhaus versteckt hielt, fand ein Zimmer für ihn in ihrer Nähe, das sicher genug zu sein schien. Igor Newerly war es gelungen, für Korczak einen Ausweis mit falschem Namen zu organisieren. Er verschaffte sich als vermeintlicher Wasser- und Kanalinspektor Zugang zum Ghetto und trug Papiere bei sich, die für einen "Schlosser" gedacht waren, der zur Zeit noch dort arbeitete.

    Seit Newerlys letztem Besuch im Ghetto war geraume Zeit vergangen. Und wieder war es für ihn ein Schock, dieses düstere Quartier mit "zum Tode verurteilten Menschen" zu betreten ; er empfand ein Gefühl tiefer Scham und Demütigung, ein sogenannter "Arier" zu sein. Das Leben im Waisenhaus ging seinen gewohnten Gang, wenn auch die Kinder weniger lärmten und sich langsamer bewegten. Korczak sah "krank, ausgezehrt und gebeugt" aus.

    Noch einmal saßen sich die beiden Freunde gegenüber, und noch einmal bat Newerly Korczak, seine Hilfe anzunehmen. "Ich erklärte ihm, daß dies die letzte Möglichkeit war, wenigstens einige vor dem Untergang zu bewahren", erinnerte sich Newerly. "Es durfte keinen Aufschub mehr geben. Wenn der Doktor das Waisenhaus schließen würde, hätten vielleicht einige der Kinder und Lehrer die Chance, auf die andere Seite der Mauer zu gelangen. Er brauchte nur die Anordnung zu geben und sofort mit mir zu kommen."

    Newerly wird Korczaks Reaktion niemals vergessen. "Er sah mich an, als ob ich einen Verrat oder eine Veruntreuung vorgeschlagen hätte. Ich sackte unter seinem Blick zusammen, er wandte sich ab und sagte ganz ruhig, allerdings nicht ohne Vorwurf in der Stimme. >Sie wissen doch, warum Zalewski geschlagen wurde.<"

    Newerly wußte, was Korczak meinte. Wenn Zalewski, der katholische Hausmeister vom Waisenhaus in der Krochmalna, sein Leben riskiert hatte, weil er die jüdischen Kinder ins Ghetto begleiten wollte, wie konnte Newerly dann vorschlagen, daß Korczak, ihr Vater und Beschützer, sie um seiner eigenen Sicherheit willen verließ? Undenkbar.

    Zum Abschied und als Geste der Versöhnung sagte Korczak zu ihm, daß er - sollte irgend etwas geschehen - ihm das Tagebuch, an dem er gearbeitet hatte, zur Aufbewahrung schicken würde. Die beiden Männer reichten sich noch einmal die Hand und verabschiedeten sich.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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