Janusz Korczak Communication - Center
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Der letzte Marsch :
6. August 1942

Das Wichtigste ist - daß es das alles schon einmal gab.

Tugebuch im Ghetto

    Am 6. August wachte Korczak wie üblich früh am Morgen auf. Als er sich über die Fensterbank beugte, um "die armen Pflanzen des Waisenhauses, eines jüdischen Waisenhauses" zu gießen, stellte er fest, daß ihm ein Posten zusah, der auf der von der Mauer geteilten Siennastraße Wache schob. Er fragte sich, ob der Posten über diese häusliche Tätigkeit verärgert sei, oder vielleicht rührte sie ihn auch? Oder vielleicht war Korczaks Glatze am Fenster ein gutes Ziel für ihn? Der Soldat hatte einen Karabiner. Warum stand er da, die Beine weit gespreizt, und betrachtete ihn so friedlich? Zwar hatte er wohl keinen Befehl, aber das hatte noch nie einen SS-Mann davon abgehalten, seine Munition nach Lust und Laune in irgend jemanden hineinzuschießen.

    Korczak fragte sich in der letzten Eintragung seines Tagebuches : "Vielleicht war er im bürgerlichen Leben Dorfschullehrer, vielleicht Notar, Straßenkehrer in Leipzig oder Kellner in Köln? Was würde er tun, wenn ich ihm zunickte? Freundlich winken? Vielleicht weiß er gar nicht, daß es so ist, wie es ist? Vielleicht ist er erst gestern von weither gekommen . . ."

    In einem anderen Teil des Gebäudes machten sich Misha Wroblewski und drei weitere der älteren Buben fertig, um zur Arbeit am Eisenbahndepot zu gehen, die Korczak ihnen auf der anderen Seite der Mauer verschafft hatte. Jeden Morgen wurden sie gezählt und verließen unter Bewachung das Ghetto, jeden Abend wurden sie auf die gleiche Weise zurückgebracht. Die Arbeit war hart, aber sie hatten die Möglichkeit, ihre wenigen Habseligkeiten gegen Lebensmittel einzutauschen. Sie verließen leise das Haus, ohne mit jemandem zu sprechen. Es schien ein Tag wie jeder andere zu sein, den sie irgendwie überstehen mußten.

    Um Punkt sieben gesellte sich Korczak zu Stefa, dem Personal und den Kindern, um an den hölzernen Tischen das Frühstück einzunehmen. Die Tische wurden aufgestellt, nachdem die Nachtlager fortgeräumt worden waren. Vielleicht hatten sie ein paar Kartoffelschalen oder Brotkrusten, vielleicht gab es sogar einen Schluck genau abgemessenen Ersatzkaffee in jedem Becher. Korczak wollte gerade aufstehen, um die Tische abzuräumen, als zwei grelle Pfiffe und der schreckliche Ruf "Alle Juden raus! " durch das Haus schrillten.

    Es war Teil der deutschen Strategie, keine Vorankündigungen zu machen, sondern völlig überraschend aufzutauchen. An jenem Morgen lautete der Plan, die Kindereinrichtungen im Kleinen Ghetto zu evakuieren. Das untere Ende der Sliskastraße war bereits von der SS, ukrainischer Miliz und der jüdischen Polizei abgesperrt.

    Korczak und Stefa erhoben sich sofort, um die Kinder zu beruhigen. Wie in all den Jahren vorher arbeiteten sie auch jetzt intuitiv zusammen und wußten, was jeder von ihnen zu tun hatte. Sie beauftragte die Erzieher, den Kindern zu helfen, ihre Sachen zu packen. Er ging in den Hof, um einen der jüdischen Polizisten zu bitten, den Kindern Zeit zum Packen zu lassen, danach würden sich dann alle ordentlich aufstellen. Man gewährte ihm eine Viertelstunde.

    Korczak hätte nie daran gedacht, jetzt noch Kinder zu verstecken. In den vergangenen Wochen hatte er es erlebt, daß Menschen in Schränken, hinter falschen Wänden, unter Betten gefunden und aus dem Fenster geworfen worden waren, oder man hatte sie, mit dem Gewehr im Anschlag, die Straßen hinuntergetrieben. Es gab nichts anderes, als die Kinder und das Personal geradewegs in das Unbekannte zu führen - und mit etwas Glück auch wieder hinaus. Wer konnte denn wissen, ob - wenn überhaupt jemand eine Chance hatte, da draußen im Osten zu überleben - nicht sie es sein würden?

    Als er die Kinder ermutigte, sich ruhig in Viererreihen aufzustellen, muß Korczak gehofft haben, daß, ganz gleich wie schrecklich die Situation war, in der sie sich befanden, es ihm gelingen würde, seinen Charme und seine Überredungskunst einzusetzen, um etwas Brot, ein paar Kartoffeln, vielleicht sogar einige Medikamente für seine jungen Schutzbefohlenen zu erschmeicheln. Aber vor allem würde er dasein, um ihnen Mut zu machen - um sie durch all das zu führen, was vor ihnen liegen mochte.

    Er mußte die Kinder beruhigen, die sich ängstlich aufstellten, ihre Wasserflaschen umklammert hielten, ihre Lieblingsbücher, Tagebücher und Spielsachen. Aber was konnte er ihnen sagen, er, der verfocht, daß man einem Kind keine Überraschungen zumuten sollte, um die es nicht gebeten hat, und daß " eine lange, gefährliche Reise" einer sorgfältigen Vorbereitung bedarf? Was konnte er sagen, ohne ihnen und sich selbst die Hoffnung zu nehmen? Einige vermuten, er habe ihnen gesagt, es ginge jetzt in die Sommerkolonie Rozyczka, aber es ist kaum anzunehmen, daß Korczak seine Kinder belogen hat. Vielleicht hat er ihnen erzählt, daß es dort, wo sie hinfuhren, möglicherweise Kiefern und Birken gab, genau wie in der Sommerkolonie ; und wo es Bäume gab, waren natürlich auch Kaninchen und Eichkätzchen.

    Doch selbst ein Mann wie Korczak mit seiner ausgeprägten Phantasie konnte sich nicht vorstellen, was vor ihnen lag. Niemand war bisher aus Treblinka entkommen, um die Wahrheit zu berichten: Sie gingen nicht nach Osten, sondern kamen ungefähr neunzig Kilometer nordöstlich von Warschau zur sofortigen Auslöschung in die Gaskammer. Treblinka bedeutete noch nicht einmal eine einzige Übernachtung.

    Die Deutschen hatten durchgezählt: einhundertzweiundneunzig Kinder und zehn Erwachsene. Korczak marschierte an der Spitze dieser kleinen Armee, den zerlumpten Überresten aus den Generationen ehrlicher Soldaten, die er in seiner Kinderrepublik erzogen hatte. Er hatte die fünfjährige Romcia auf dem Arm und vielleicht Szymonek Jakubowicz, dem er die Geschichte des Planeten Rho gewidmet hatte, an der Hand.

    Stefa kam ein kurzes Stück nach ihm mit den Neun- bis Zwölfjährigen. Da war Giena mit den dunklen, traurigen Augen, die so sehr denen ihrer Mutter glichen; Eva Mandelblatt, deren Bruder vor ihr auch schon im Waisenhaus gewesen war. Halinka Pinchonson, die es vorzog, mit Korczak zu gehen, statt bei ihrer Mutter zu bleiben. Da waren Jakub, der das Gedicht über Moses geschrieben hatte; Leon mit seinem polierten Kästchen; Mietek mit dem Gebetbuch seines toten Bruders; und Abus, der immer zu lange auf der Toilette blieb.

    Da waren Zygmus, Semi, Hanka und Aronek, die den Brief geschrieben hatten, ob sie im Kirchgarten spielen dürften; die stets unruhige Hella; die große Hanna, die Asthma hatte; die kleine Hanna mit ihrem bleichen, kranken Lächeln; Mendelek, der schlecht geträumt hatte, und jener Bub, der seine sterbende Mutter nicht hatte verlassen wollen. Da war Abrasha, der den Amal gespielt hatte, mit seiner Geige; Jerzyk der Fakir. Chaimek der Doktor; Adek der Bürgermeister und all die andern, die im Postamt mitgespielt hatten; und alle folgten sie ihrem Pan Doktor auf ihrem Weg zum Messias.

    Einer der älteren Buben trug die grüne Fahne König Hänschens, auf einer Seite zeigte sie den blauen Davidstern auf weißem Grund. Die älteren Kinder wechselten sich auf dem drei Kilometer langen Weg im Fahnetragen ab, und vielleicht erinnerten sie sich daran, wie König Hänschen hocherhobenen Hauptes durch die Straßen seiner Stadt zu seiner vermeintlichen Hinrichtung geschritten war.

    Unter den Erziehern befanden sich viele, die selbst in Korczaks Waisenhaus aufgewachsen waren: Roza Sztokman, Romcias Mutter, die ebenso wie ihre kleine Tochter lange, dicke blonde Zöpfe hatte; Rozas Bruder Henryk, der das Tagebuch abgetippt hatte, ebenso blond, sportlich und bei den Mädels sehr beliebt. (Vor dem Fall Warschaus hatte er Gelegenheit, nach Rußland zu fliehen; er blieb wegen ihres Vaters, dem alten Schneider.) Da war Balbina Grzyb, deren Mann Feliks (er arbeitete auf der anderen Seite der Mauer) als Bub zum König des Waisenhauses gewählt worden war; Henryk Asterblum, der seit dreißig Jahren die Buchhaltung machte; Dora Solnicka, die Finanzverwalterin; Sabina Lejzerowicz, die beliebte Näh- und Turnlehrerin; Roza Lipiec-

    Jakubowska, die im Waisenhaus aufgewachsen war; und Natalia Poz, die seit zwanzig Jahren im Büro arbeitete; als Kind, bevor sie zu Korczak kam, hatte sie Kinderlähmung gehabt und humpelte immer noch.

    Die Gehsteige waren voll mit Menschen aus den Nachbarhäusern, die gezwungen wurden, sich während einer Aktion vor ihren Häusern aufzustellen. Als die Kinder Korczak die Straße hinunter folgten, stimmte einer der Erzieher ein Marschlied an, und alle sangen mit: "Wenn der Sturm uns auch umtost, halten wir uns dennoch aufrecht."

    Sie kamen am Kinderspital vorbei, ein Stück weiter unten in der Sliskastraße, in dem Korczak als junger Arzt sieben Jahre lang tätig gewesen war, an der Panska und der Twarda, wo er nachts seine armen jüdischen Patienten aufgesucht hatte. Hier waren die Straßen leer, aber die Leute standen hinter den geschlossenen Vorhängen und spähten hinaus. Als Jozef Balcerak, der ein Jahr vorher mit seinen Eltern ins Ghetto gezogen war, die kleine Prozession unter seinem Fenster sah, blieb ihm das Herz stehen: "Mein Gott, sie haben Korczak!"

    Die Kinder gingen einige hundert Meter zur Allerheiligen-Kirche am Grzybowska-Platz (wo sie einmal gebeten hatten, im Garten spielen zu dürfen) und trafen dort auf Tausende anderer Menschen, viele von ihnen Kinder, die am selben Morgen aus ihren Institutionen geholt worden waren. Alle gingen nun weiter durch das Kleine Ghetto zur Brücke an der Chlodnastraße, die ins Große Ghetto führte. Zeugen berichten, daß die Kleinen über das Kopfsteinpflaster stolperten und über die Stufen zur Brücke hinaufgeschoben wurden, manche fielen oder wurden auf die andere Seite gedrückt. Unter der Brücke standen einige Polen und schrien: "Auf Nimmerwiedersehen, Juden!"

    Korczak führte seine Kinder durch die Karmelickastraße, an der Nowolipki vorbei, wo die Kleine Rundschau beheimatet gewesen war, und an der Wurstbraterei vorbei, wo er mit seinen Redakteuren jeden Donnerstagabend gesessen hatte. Michael Zylberberg und seine Frau Henrietta wohnten im Keller eines Hauses Ecke Nowolipki und Smocza; sie sahen zufällig aus dem Fenster, als die Waisenkinder vorbeizogen. Zylberberg war erleichtert, daß die Polizei sie nicht schlug und herumstieß, wie sie es sonst taten.

    Die kleine Prozession ging an der Dzielnastraße vorbei, am Pawiak, die Zamenhofa hinauf zur nördlichsten Ecke der Ghettomauer. In der großen Hitze wurden die Kleinen immer schlaffer, sie stolperten übers Pflaster und klagten, daß sie sich ausruhen wollten, daß sie durstig seien, daß es ihnen viel zu heiß sei und sie aufs Klo müßten. Doch die jüdische Polizei, die sie eskortierte, trieb sie weiter an.

    Joanna Swadosh war Krankenschwester. Sie sah die Kinder, als sie sich ihrem Ziel näherten. Sie unterstützte ihre Mutter dabei, in dem evakuierten Hospital neben dem Umschlagplatz eine kleine Krankenstube einzurichten. Es war sinnlos zu fragen, warum die Deutschen, die doch so aufs Töten versessen waren, eine solche Einrichtung haben wollten. Bei allem, was sie taten, gab es keine ersichtliche Logik. Sie stellte sich schon längst nicht mehr solche Fragen, sondern ging dumpf ihrer Routine nach. Erst später hat sie begriffen, daß die Krankenstube nur als Deckmantel diente, um das Mißtrauen hinsichtlich der Umsiedlungen zu zerstreuen.

    Sie packte gerade eine Kiste aus, als jemand aus dem Fenster sah und rief: "Dr. Korczak kommt!" Das konnte nur eins bedeuten, dachte sie - sie hatten Korczak. Wenn Korczak fort mußte, dann galt das für sie alle.

    Die jüdische Polizei ging auf beiden Seiten des Zuges, grenzte ihn vom Rest der Straße ab. Sie sah, daß Korczak ein Kind auf dem Arm trug und ein anderes an der Hand hielt. Er schien ganz ruhig mit ihnen zu reden, wobei er manchmal den Kopf nach hinten wandte, um auch die anderen Kinder zu ermutigen.

    Die Nachricht, daß Korczaks Waisenhaus geräumt worden war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Ghetto. Als Gienas Bruder Samuel davon hörte, rannte er aus der Möbelfabrik, zwei Freunde gleich hinter ihm her, um ihn davon abzuhalten, mit seiner Schwester zu gehen. Er eilte zum Büro des Judenrats, um Abraham Gepner zu fragen, ob es wirklich wahr sei. Gepner, der immer so kraftvoll gewesen war, saß zusammengesunken an seinem Schreibtisch und sagte, ja, es sei wahr.

    "Können Sie mir helfen, Giena vom Umschlagplatz wegzubekommen?" bat Samuel.

    "Das ist unmöglich", sagte Gepner fast unhörbar. "Gestern haben sie die beste Freundin meiner Tochter mitgenommen erinnerst du dich, ich nannte sie meine Adoptivtochter. lch konnte sie nicht retten."

    Als Samuel sich zum Gehen wandte, erhob sich Gepner." Selbst wenn ich einen Weg wüßte, Giena da rauszubekommen, würde sie sich vielleicht weigern. Es könnte ja sein, daß es bei Korczak, Stefa und den anderen Kindern besser für sie ist."

    Samuel stürzte aus dem Büro des Judenrats und rannte Richtung Umschlagplatz, seine Freunde weiter hinter ihm her. Aber als er sich der Ladezone näherte, stellte er fest, daß die Mitastraße, Niska und Teile der Zamenhofa abgesperrt waren. Er versuchte, durch die große Menge verzweifelter Menschen zu schlüpfen, die auch versuchten, einen anderen noch zu retten, aber seine Freunde hielten ihn fest und zerrten ihn in die Fabrik zurück.

    Samuel lag die ganze Nacht im Bett und starrte an die Decke, an nichts anderes denkend als an Giena. Wie war das für sie auf dem Umschlagplatz? Was dachte sie? Fürchtete sie sich? Weinte sie, verlangte sie nach ihm? Im darauffolgenden Jahr war er aktiv beim Warschauer Ghettoaufstand dabei, er sollte Majdanek und Auschwitz überleben, doch es wird ihn sein Leben lang verfolgen, daß er seine Schwester nicht hat retten können.

    Trotz des Infernos im Ghetto war es immer noch möglich, nach draußen zu telephonieren.

    Harry Kaliszer, der zwei Jahre vorher die Geldmittel für Korczaks Entlassung aus dem Gefängnis organisiert hatte, rief Igor Newerly an und überbrachte ihm die schreckliche Nachricht, daß alle fortgeführt worden seien. Newerly rief sofort Maryna Falska an, die in seine Wohnung eilte, um bei ihm, seiner Frau und ihrem neunjährigen Sohn zu sein. Sie ging eine Zeitlang auf und ab, setzte sich dann, ohne etwas zu sagen. Als das Telephon schließlich läutete, sprang Newerly auf.

    "Sie sind am Umschlagplatz", sagte Harry zu ihm. "Es sieht so aus, als wäre das das Ende." "Ruf uns an, wenn es noch irgendeine Hoffnung gibt", sagte Newerly.

    "Wir werden nichts mehr von ihm hören", sagte Maryna heiser. Sie sollte recht behalten.

    Am Tor, wo das Ghetto endete, warteten frisch eingesetzte Bataillone aus SS und Ukrainern mit ihren Peitschen, Gewehren und Hunden. Die Kinder wurden durch das Tor gedrängt und gestoßen, über die Straßenbahnschienen auf der arischen Seite und durch ein weiteres Tor auf das große Feld neben der Eisenbahn, das als Umschlagplatz diente. Tausende von weinenden, schreienden und betenden Menschen warteten bereits dort in der brütenden Hitze. Familien klammerten sich aneinander, ihre kärglichen Besitztümer in Säcken oder Kissenhüllen zusammengeschnürt; Mütter hielten ihre Kinder fest, die Alten saßen völlig versteinert da. Kein Wasser, keine Nahrung, keine Möglichkeit, sich zu erleichtern, kein Schutz vor den deutschen Peitschen und Flüchen.

    Nahum Remba, ein Mitglied des Judenrates, hatte am Umschlagplatz eine Erste-Hilfe-Station eingerichtet, durch die es ihm gelang, einige aus den Schleppnetzen zu retten. Er hatte gerade erfahren, daß Korczak und die Kinder auf dem Weg waren, als sie eintrafen. Er brachte sie zum anderen Ende des Feldes zu einer kleinen Mauer. dahinter war der Hof des geräumten Spitals, in dem jetzt noch weitere Juden auf ihren Abtransport warteten.

    Korczaks Kinder waren nicht die einzigen, um die sich Remba an jenem Tag sorgen mußte: viertausend Kinder und ihre Betreuer waren aus anderen Institutionen eingetroffen. Doch Korczaks Kinder waren - eben Korczaks Kinder. Die Züge wurden täglich mit sechs- bis zehntausend Menschen beladen, Remba hoffte jedoch, falls es ihm gelingen könnte, Korczaks Begleitung bis zum Mittag zurückzuhalten, sie bis zum folgenden Tag zu retten. In einer wahnsinnigen Welt wie dieser zählte jeder Tag, jede Stunde.

    Remba nahm Korczak auf die Seite und flehte ihn an, mit ihm zum Judenrat zu gehen, damit der sich einschalte. Aber Korczak dachte nicht daran. Wenn er die Kinder an diesem schrecklichen Platz auch nur für einen Moment allein ließe, könnten sie in Panik ausbrechen. Das konnte er nicht riskieren. Und dann war da noch die Gefahr, daß man sie in seiner Abwesenheit verladen würde.

    "In dem Moment begann die Beladung der Waggons", schrieb Remba in seinen Memoiren. "Ich stand neben einer Kolonne der Ghettopolizei, die die Opfer zu den Zügen brachte. Ich beobachtete das Spektakel mit klopfendem Herzen und hoffte, daß mein Verzögerungsplan gelingen möge."

    Die Deutschen und die Ukrainer prügelten und traten die Menschen in die gechlorten Waggons, und es gab immer noch wieder Platz für mehr. Ein hochaufgeschossener junger Mann mit einer Geige bat einen SS-Offizier in perfektem Deutsch, in den Waggon zu seiner Mutter zu dürfen. Der Offizier lachte spöttisch und meinte: "Es kommt darauf an, wie gut du spielst." Der junge Mann nahm die Geige hervor und spielte ein Requiem von Mendelssohn. Die Musik flutete über den Platz des Wahnsinns. Doch der Offizier, des Spielchens müde, signalisierte dem Geiger, sich in den Waggon zu seiner Mutter zu begeben, und verplombte hinter ihm die Tür.

    Dann ordnete Schmerling, der sadistische Chef der Ghettopolizei, der auch für den Umschlagplatz zuständig war, zu Rembas Entsetzen an, daß die Kinder aus den Waisenhäusern verladen würden. Korczak bedeutete seinen Kindern, sich zu erheben.

    Es gibt einige, die sagen, daß in dem Moment ein deutscher Offizier sich durch die Menge drängte und Korczak ein Stück Papier überreichte. Ein einflußreiches Mitglied des CENTOS hatte sich an jenem Morgen bei der Gestapo für ihn eingesetzt, und es heißt, Korczak habe die Erlaubnis gehabt zurückzukehren, nicht aber die Kinder. Korczak habe nur den Kopf geschüttelt und den Deutschen fortgewinkt.

    In seinen Memoiren schreibt Remba, daß Korczak den ersten Teil der Kinder anführte und Stefa den zweiten. Anders als die ansonsten chaotischen und hysterisch kreischenden Menschenmassen, die mit Peitschen vorangestoßen wurden, gingen die Kinder in Viererreihen mit ruhiger Würde. "lch werde diese Szene in meinem ganzen Leben nicht vergessen", schrieb Remba. "Das war kein Marsch zu den Waggons, sondern ein stummer Protest gegen dieses mörderische Regime . . . eine Prozession, die kein menschliches Auge je zuvor erblickt hat."

    Als Korczak seine Kinder ruhig zu den Viehwaggons führte, machte die jüdische Polizei einen Weg für sie frei und salutierte instinktiv. Remba brach in Tränen aus, als die Deutschen fragten, wer dieser Mann sei. Ein einziger Klageschrei löste sich von denen, die noch auf dem Platz warteten. Korczak ging mit hocherhobenem Kopf, an jeder Hand ein Kind haltend, und seine Augen hatten diesen ihm eigenen Ausdruck, als ob sie auf ein Ziel in weiter Ferne gerichtet wären.

 

 


©  by M. Parciak   - Korczak Communication Center -  Munich, Germany
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