Janusz Korczak Communication - Center
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Kleines Spital

Kinder sind klein und schwach und
haben nur einen geringen Marktwert.

Das Recht des Kindes auf Achtung

    Als er im Frühjahr 1906 nach Warschau zurückkehrte, stellte der verblüffte Leutnant Henryk Goldszmit fest, daß er während seiner Abwesenheit als Janusz Korczak, Autor des Buches Das Salonkind, berühmt geworden war. Kritiker nannten ihn eine neue Stimme in der polnischen Literatur, die "die Farbe der Armut, ihren Gestank, ihren Aufschrei und ihren Hunger" gefunden habe. Die Öffentlichkeit brannte darauf, den jungen, kühnen Autor kennenzulernen, der gerade in dem Moment zum Militär eingezogen worden war, als sein Stern aufzugehen begann, und der jetzt zurückkam, um ihre Salons erstrahlen zu lassen.

    Der berühmte Janusz Korczak jedoch war genausowenig zugänglich, wie es der unbekannte Henryk Goldszmit gewesen war. In Warschau gärte es immer noch, und er wollte unbedingt wissen, was während seiner Abwesenheit geschehen war. Die Zeitschrift Stimme war drei Monate vorher verboten worden, und Jan Dawid befand sich mit vielen anderen Intellektuellen in Krakau im Exil. Doch es hatte auch Siege gegeben: Der Schulboykott, der immer noch anhielt, hatte die demoralisierte russische Regierung zumindest dazu gebracht, Privatschulen zu gestatten, die, wenn auch nicht offiziell, in polnischer Sprache unterrichten durften. Die " Fliegende Universität" arbeitete jetzt offen als Gesellschaft für wissenschaftliche Kurse (und wurde später zur Freien Polnischen Universität) und hatte ebenso wie einige Abteilungen der Warschauer Universität die Erlaubnis erhalten, Polnischkurse zu geben.

    Korczak folgte nur den Einladungen seiner engsten Freunde und ging auf seinen alten Posten ("Tretmühle") als Stationsarzt am Kinderkrankenhaus in der Sliskastraße zurück. Dieses baumbeschattete, einstöckige, stuckverzierte Spital, erbaut von den reichen Familien Bersohn und Bauman, war der Stolz der jüdischen Gemeinde und verfügte über sieben Krankenstationen, dreiundvierzig Betten, einen Operationssaal, ein Labor und eine Ambulanz, die Kindern aller Glaubensrichtungen kostenlos zur Verfügung stand.

    Er nahm seine Arbeitsroutine auf, die alles umfaßte - vom Kampf gegen Scharlach, Typhus, Durchfall und Tuberkulose bis zur Katalogisierung der 1400 Bände der Spitalsbibliothek. "Als Stationsarzt bekam ich eine Wohnung und zusätzlich zweihundert Rubel jährlich in vier Raten. Ein braves Mütterchen führte mir den Haushalt für fünfzehn Rubel. Aus meiner Praxis kamen einhundert Rubel im Monat, und mit Artikelschreiben verdiente ich auch noch ein paar Groschen. Für Droschkenfahrten gab ich viel Geld aus. "Bis zur Zlotastraße nehmen Sie eine Droschke? Für zwanzig Kopeken? Verschwender! "

    Obwohl üblicherweise nur die reichsten jüdischen Ärzte auch nichtjüdische Patienten hatten, war Korczaks Privatpraxis bald mit Patienten aus den besten Warschauer Familien überlaufen. Viele Damen der polnischen Gesellschaft begriffen, daß man Korczak nur durch ein krankes Kind in ihr Haus bringen konnte. Er versuchte, Zeit für die gewünschten Hausbesuche zu erübrigen. Wenn er allerdings den Verdacht hatte, daß es Korczak der Autor war, den man gerufen hatte, und nicht Goldszmit der Arzt, konnte er sehr unhöflich werden. Einmal, als er zu zwei kleinen Brüdern gerufen worden war, fand er die Mutter in Gesellschaftskleidung vor:

    "Einen Augenblick bitte, Herr Doktor. Ich lasse die Buben holen." "Sind sie denn nicht da?"

    "Ganz in der Nähe, sie spielen im Park. Wir trinken inzwischen einen Tee."

    "lch habe keine Zeit zum Warten."

    "Aber Doktor, Julian hat immer . . . Was schreiben Sie jetzt gerade, Herr Doktor?"

    "Leider nur Rezepte."

    Am nächsten Tag: "Um Gotteswillen, Herr Kollege! Empörung, Feinde."

    "Ich pfeif drauf! "

    Ebenso ungeduldig war er mit den gutsituierten jüdischen Müttern, die ihn vermutlich an seine eigene erinnerten. Zu einer Mutter, die ihrem Kind unbedingt Tee geben wollte, sagte er: "Wenn das Kind Tee brauchte, dann hätte Gott Ihnen in die eine Brust Milch und in die andere Tee gegeben." Und zu einer anderen, deren kleiner Liebling eindeutig zu dick war, meinte er: "Selbst Baron Rothschild füttert sein Kind nur fünfmal täglich."

    Nur mit den Armen hatte er immer Mitleid und machte bis spät in die Nacht Visiten im Souterrain der Sliskastraße 52 oder in der Dachwohnung des Hauses Panskastraße 17. Er war ein Robin Hood der Medizin, der von den Reichen hohe Honorare nahm, um den Armen Medizin kaufen zu können. Doch " Ich nahm immer zwanzig Kopeken, denn "Im Talmud steht geschrieben, ein Arzt, der keinen Lohn nimmt, wird einem Kranken nicht helfen" . . . Die Kinder von Sozialisten, Lehrern, Journalisten, jungen Rechtsanwälten, sogar von Ärzten - alles fortschrittliche Menschen - behandelte ich kostenlos." Dieser idealistische junge Arzt mit seinen nächtlichen Visiten, seinen geringen Honoraren und seiner Gratisverteilung von Medikamenten war für viele Drogisten und Apotheker ein "gefährlicher Verrückter".

    Die Kinder jedoch mochten seine Scherze und zweifelten auch nie an seinem Verstand. Eine Mutter, die das Krankenzimmer ihres Kindes betrat, fand weder das Kind noch den Doktor vor; als sie entsetzt aufschrie, lugten beide unter dem Bett hervor. Eine andere Mutter wußte, daß ihr Kind erst dann einschlafen würde, wenn Dr. Goldszmit kam. Wie ein Zauberer wischte er jeden mit einer Handbewegung aus dem Zimmer, setzte sich ans Bett des kleinen Mädchens, streichelte seine Hände, blies auf jeden Finger, um ihn müde zu machen, und erzählte eine Geschichte dazu. Wenn er beim zehnten angelangt war, schlief das Kind.

    Henryk Grynberg, einer seiner ehemaligen Patienten, der selber Arzt wurde, erzählte, daß Korczaks Hände bei Krankenvisiten immer kalt waren, was der heißen Stirn guttat. Wenn man kein Fieber hatte, wärmte sich der Doktor die Hände, bevor er ins Krankenzimmer kam. In diesem koscheren Haushalt hatte er immer einen entsprechenden Scherz parat: " Siehst du, du hast heimlich eine Wurst verdrückt, und dafür hat dich Gott bestraft. Und deswegen muß deine Mutter jetzt einen Tee kochen und als zusätzliche Strafe ein Löffelchen Kognak in den Tee geben."

    Korczak machte sich vielleicht bei seinen Patienten beliebt, die russische Krankenhausverwaltung brachte er jedenfalls nur in Wut mit seinen empörten Zeitungsartikeln, in denen er nach grundsätzlichen Reformen rief, die darin gipfelten, daß er eine polnische Verwaltung verlangte. Er kritisierte die Ärzte ("unmoralische Halsabschneider"), die reiche und arme Patienten unterschiedlich behandelten und ihre Patienten nach Krankheiten einordneten, statt sie im Zusammenhang mit ihren individuellen Lebensproblemen zu sehen. Die einzigen, die er lobte, waren die Hebammen, die seiner Ansicht nach viel zuwenig Anerkennung für ihre wichtige Arbeit erhielten. In einer Zeit der Ammen propagierte er das Stillen. denn: "Die Brust gehört nicht der Mutter, sondern dem Kind."

    Selbst in seinem eigenen Krankenhaus hatte Korczak um eine "intelligente" Behandlung der jungen Patienten zu kämpfen, setzte er sich über Schwestern und Kollegen hinweg, die den Eltern verboten, Spielsachen mitzubringen, da diese ja Bazillenträger sein könnten. Die Kinder, die die Stadt ihm "wie Muscheln" zuspülte, hatten so wenig, was ihnen Freude machte, und seine eigene Mittellosigkeit war ihm so quälend bewußt. Kleines Spital. Es war Winter, kalt, Pferd und Wagen halten an. Vorsichtig tragen sie ein Bündel mit einem kranken Kind darin. Die Glocke schlägt an. Ruf nach dem Doktor, er soll herunterkommen. Ich komme. Eine Decke gehört der Familie, eine dem Nachbarn, manchmal drei Decken von zwei Nachbarn, Kleider, Lappen, Unterröcke, nach Infektion riechendes Bündel. Schließlich der Patient. Scharlach. Die Station für Infektionskrankheiten ist voll. Nutzloses Betteln. Bitte, auf den Fußboden, in den Korridor - irgendwohin. Doktor, ich gebe Ihnen einen Rubel. Manchmal- in der Falle. Ich lasse das Kind hier. Sie müssen es nehmen. Manchmal eine Verwünschung." Er mußte hart sein, seinen Kummer über die Kinder verbergen, für die nirgendwo Platz war, und über jene, die sicherlich sterben würden. Doch war er beeindruckt, wie "würdevoll, reif und vernünftig ein sterbendes Kind sein konnte". Das Recht des Kindes auf seinen Tod sollte an erster Stelle in seiner Magna Charta der Rechte des Kindes genannt werden. Wie sehr eine Mutter ihr Kind auch lieben mochte, so hatte sie ihm doch das Recht auf einen vorzeitigen Tod zuzugestehen. Es könnte sein, schrieb er, daß einem Kind ein anderes Schicksal beschieden sei als jenes, das Kind seiner Mutter zu sein. "Der Naturwissenschaftler weiß, daß nicht jedes Korn zur Ähre wird, nicht jedes stark genug zum überleben ist und nicht jeder Stämmling zum Baum heranwächst."

    Und, unverbesserlicher Schauspieler, der er war, fiel es ihm schwer, die harte Wirklichkeit eines Spitalsaufenthaltes zuzugeben. Als die Tochter eines Kollegen ausrief, wie schrecklich es sein müsse, in einem fremden Spital ohne Papa und Mama aufzuwachen, meinte er. "Oh, damit können wir umgehen. Jedes Kind hat ein Kissen aus Schokolade und Schlagrahm. Wenn es aufwacht und traurig ist, bricht es sich ein Stück ab und fühlt sich gleich viel besser."

    Tatsache war, daß das geängstigte Kind aufwachte und den Doktor sah, der ihm zublinzelte und es beruhigte. Jeder im Hause, vom Direktor bis zum Hausmeister, wußte, daß es nicht so sehr an der Medizin als an Dr. Goldszmits Zauberkraft im Umgang mit Kindern lag, wenn sie gesund wurden. Als ein kleines Mädchen namens Zofia, bereits geschwächt durch Nahrungsverweigerung, auch seine Tasse Brühe nicht trinken wollte, erzählte er ihr, wie traurig die Tasse sei, von ihr abgelehnt zu werden. Und wenn sie die Brühe nicht trinke, werde die Tasse schnurstracks aus dem Spital auf die Straße rollen und von der Tram überfahren werden. Zofia umklammerte die Tasse und trank sie in einem Zug leer.

    Henryk Goldszmit, der Arzt, blieb sieben Jahre am Kinderkrankenhaus, doch Janusz Korczak, der Schriftsteller und künftige Erzieher, war ruhelos. Der Arzt begleitete ein fieberkrankes Kind durch die schlimmsten Stadien seiner Krankheit, doch der Erzieher wußte, daß dieses Kind nach seiner Entlassung aus dem Spital in eine dunkle, sonnenarme Welt zurückkehren würde, in die der Doktor weder eindringen noch sie verändern konnte. "Wann zum Teufel werden wir aufhören, gegen Armut, Ausbeutung, Gesetzlosigkeit und Kriminalität Aspirin zu verschreiben?" beschwerte er sich bei seinen Kollegen. Doch was sollte er verschreiben, um das Leben seiner Patienten zu ändern?

    Es war die gleiche Frustration, die der fünfjährige Reformer erlebt hatte: Wie kann ich die Welt so erneuern, daß es keine hungrigen oder schmutzigen Kinder mehr gibt? Es genügte nicht, die Ungerechtigkeit zu beklagen. Als Schulbub hatte ihn einmal ein Tramlenker zurechtgewiesen, den er kritisierte, weil er die Pferde mit der Peitsche dazu bringen wollte, die Tram schneller zu ziehen: "Wenn sie dir so leid tun, junger Mann, dann zieh den Wagen selbst. Das wäre für die Pferde sicher schöner." Die Lektion hatte er sich gemerkt: "Halt den Mund, wenn du selbst nicht hilfst. Kritisier nicht, wenn du selbst keine bessere Lösung weißt."

    Er dachte an diese Begebenheit und mußte sich eingestehen, daß er bei all seiner Unzufriedenheit mit sozialen Ungerechtigkeiten noch keinen Weg gefunden hatte, benachteiligten Kindern ein besseres Leben anbieten zu können.

 

 


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